Unsa Senf

Teuerste Borussia

18.03.2013, 10:00 Uhr von:  Redaktion

Teuerste Borussia,

ich sitze hier gerade vor einer Rechnung, die gestern eingetroffen ist. Sicher, ich freue mich auf unser Date gegen Malaga, aber trotzdem – wenn ich mir all die Rechnungen der letzten Jahre unserer Beziehung angucke, dann kommt irgendwann der Punkt, an dem ich meinen Ärger und meine Enttäuschung nicht mehr verhehlen kann. Vor einigen Monaten habe ich dir zugesichert, dass wir gemeinsam durch ein weiteres Jahr gehen. Dass wir zusammen sind, egal ob Barcelona oder Borisov. Egal wie oft, egal wo – und egal, ob ich es zeitlich einrichten kann oder nicht. Du hast auch darum gebeten, dass du auf mein Konto zugreifen kannst und dass es eventuell auch etwas teurer werden könnte. Nur für den Notfall. Ich habe dir zugestimmt. Natürlich, warum auch nicht. Schließlich vertraut man einander in einer Beziehung. Aber vielleicht haben wir einfach unterschiedliche Vorstellungen davon, was ein Notfall ist und wie teuer so ein Notfall sein sollte.

Ich weiß, dass unsere Beziehung nur sehr einseitig monogam ist und du dein großes Herz mit vielen tausend anderen Verehrern teilst. Und so waren es letzten Sommer mehr als 50.000, die dir genau das gleiche zugesichert haben wie ich. Schon da wolltest du mehr als vorher und wir haben es akzeptiert. Mir ist auch klar, dass so ein romantischer Abend unter der Woche nicht umsonst zu haben ist, aber müssen es gleich 20 % mehr sein? Extra kostet extra – in manchen Momenen frage ich mich, ob du wirklich so ein ehrbares Mädchen bist, wie ich immer glauben möchte.

Dabei gab es eine Zeit, noch gar nicht so lange her, da warst du arm. Sehr arm. Und ich habe gerne gegeben, um dir zu helfen. Ich habe ein paar Bändchen gekauft in der hoffnungslos-romantischen Gewissheit, dass du zumindest den symbolischen Wert erkennst. Mir war klar, dass es angesichts der hohen Schulden nur ein ganz kleiner Tropfen auf dem heißen Stein ist, aber ich wollte damit vor allem eins sagen: In guten und in schlechten Tagen – wir packen das. Und ich glaube, dass du es damals sehr zu schätzen wusstest.

Und heute bist du reich. Du verdienst pro Jahr mehr als 200 Millionen Euro. Du lässt die Muskeln spielen und bist sogar bereit, auf einen hohen Betrag zu verzichten, um einen deiner Angestellten nicht direkt zur Konkurrenz ziehen zu lassen. Du kündigst hohe Nettoinvestitionen an. Willst shoppen gehen. Für den Alltag mal bei H&M, für die Partys im Outlet von Boss. Vielleicht wirfst du ja auch mal ein Auge auf die Auslage von Prada. Wenn du dann an der Kasse stehst, bezahlst du mit den Geldern von Sponsoren, TV-Auftritten und Erfolgsprämien. Mein Anteil durch den Notfallgroschen taucht da vielleicht bei den Centbeträgen hinter dem Komma auf. Du brauchst es eigentlich nicht, nimmst es aber doch. Einfach weil du es kannst.

Du zeigst damit, wer in unserer Beziehung die Hosen an hat. Mir führt es vor allem meine eigene Unzulänglichkeit vor Augen. Dass ich eben nicht jederzeit damit aufhören kann. Und es ist kein schönes Gefühl, sich diese Abhängigkeit einzugestehen. Wäre es anders, hätte ich dir vermutlich schon längst all deine Topspielzuschläge, Inflationsausgleiche und Kategorieanpassungen in einen Koffer gestopft und ihn dir vor die Tür gestellt. Nicht dass es dich sonderlich getroffen hätte. Du sagst ja selbst, dass es genug Andere gibt, die nur darauf warten, dass du bei ihnen einziehst.

Selbst wenn ich nicht loslassen kann und will, etwas geht dabei doch kaputt. Eigentlich sollte ich Feuer und Flamme dafür sein, mit dir diesen Wochenendtrip nach London machen zu können. Einen Abend lang eine rauschende Party feiern, singen und tanzen. Und dich dann samt deiner Krone nehmen und der ganzen Welt zeigen, dass ich die Ballkönigin abschleppe. Aber da ist mittlerweile ein anderer Teil, der sich sorgenvoll fragt, was passiert, wenn du selber weißt, dass du das bist wofür ich dich schon immer gehalten habe: Europas Schönste.

Wenn wir dann im Juni wieder zusammenkommen, wirst du dann noch mehr und noch unverhohlener fordern? Wirst du dir noch weniger Mühe geben, deine durchschaubaren Scheinargumente hinter einem koketten Lächeln zu verstecken? Wirst du dich noch mehr anderen Verehrern zuwenden, die dir mehr bieten können als ich?

Sag mir Borussia, magst du mich wirklich noch?

Sascha, 17.03.2013

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