Unsa Senf

Der Klopp ist doch bekloppt. Oder: Achten Sie mal auf die Qualität Ihrer Berichterstattung!

05.03.2013, 11:36 Uhr von:  Redaktion

Etwa eine halbe Minute hatte es gedauert, dann war der vermeintliche Eklat um Jürgen Klopps Spitze in Richtung des FC Bayern abgehandelt. Doch warum sich mit Inhalten verwirren lassen, wenn man seine Wahnvorstellungen auch vor einem noch-immer-/schon-wieder-angetrunkenen Publikum ausbreiten kann? Es scheint so, als habe sich das geflügelte Wort Udo Latteks endgültig zum Leitspruch des Sinnlosjournalimus erhoben: „Setz dich einfach hin und rede Blödsinn. Je mehr Blödsinn du redest, desto besser“ (frei zitiert nach 11Freunde).

Worüber beschweren wir uns eigentlich? Wir Fans lieben diesen Blödsinn. Wir kaufen jedes noch so schmierige Blatt und verscherbeln der Mutter kleines Häuschen, um nur ja nicht das neueste Gerücht zu verpassen. Geleitet werden unsere Handlungen von zwei Einsichten, die Fußballfans wie Verschwörungstheoretikern unauslöschlich ins Hirn gebrannt sind: Es darf nicht einfach zu erklären sein, was einfach zu erklären ist. Und: Wer sich über einen Konkurrenten äußert, führt stets Niederträchtiges im Schilde.

Da hatten Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge nach dem Sieg des FC Bayern im DFB-Pokal doch glatt von einer kleinen Tradition berichtet, die beide Vereine seit einigen Jahren miteinander verbinde: Wer immer den Platz als Sieger verlasse, präsentiere sich als guter Gewinner, und wer immer das Spiel verliere, verzichte auf unangebrachte Zwischentöne. Mit fünf Kameras und unzähligen Aufnahmegeräten ausgestattet, quetschten sich weit über 20 Journalisten ans Gitter in der Münchener Mixed Zone, nur um diese und eine Hand voll weiterer Wortfetzen aufzuschnappen. Wohl fast ein bisschen enttäuscht, dass statt der erhofften Attacken dann auch noch Komplimente zu hören waren (Hoeneß: „Es war wichtig für den FC Bayern, dass Borussia Dortmund in den letzten Jahren so ein starker Gegner war – wir haben diesen Wettbewerb gebraucht und hoffen, dass Dortmund so stark bleiben wird“), wanderten die Mitschnitte schnell in die ewigen Weiten des Datennirvana.

Gottseidank war da noch Jürgen Klopp, der in etwas geselligerer Runde seinen Frust ablassen wollte: „Die Bayern machen es wie die Chinesen in der Industrie: Schauen, was die anderen machen, um es abzukupfern und dann mit mehr Geld und anderen Spielern den gleichen Weg einzuschlagen.“ Ein unnötiger Spruch und unpassender Vergleich (Udo Lattek wäre stolz gewesen!), aber wirklich ein Skandal? Dann müsste sich der große Walerij Lobanowskyj wohl noch einige Male in seinem Grab umdrehen, hatte doch immerhin ganz Europa das überlegene System der Viererkette kopiert und mit viel mehr Geld abgekupfert, als es Dynamo Kiew je zur Verfügung stand.

Der Bedarf an Berichterstattung selbst über noch so unbedeutende Aussagen scheint jedenfalls groß genug zu sein, dass jeder noch so hanebüchene Blödsinn genüsslich seziert werden darf. Vorbei die Zeiten, in denen man montags noch gemütlich den kicker studierte und sich von Zeit zu Zeit in die abendlichen DSF-Sportnews einklinkte – in hunderten mehr oder weniger bedeutenden Blogs, Fernsehsendungen voller selbsterklärter Experten und selbst noch so schmierigen Blättern muss über die Bundesliga berichtet werden. Und da es in einer im Bedeutungsrausch versinkenden Welt mit taktischen Analysen (z.B.: Warum musste sich Ilkay Gündogan in München so gut wie jeden Ball aus der eigenen Defensive holen und konnte sich nicht wie gewohnt ins Offensivspiel einschalten?) keinen Blumentopf zu gewinnen gibt („Das interessiert den Zuschauer nicht“), müssen die Lücken eben anderweitig gefüllt werden.

Zum Beispiel mit einer Diskussion der hochbrisanten Frage, warum Klopp seine Entschuldigung nur über WDR4 („Ein hervorragender Sender, aber…“) statt über die bei Sport1 wohl erwartete Einblendung in der Tagesschau (alternativ: Eilmeldung bei Spiegel Online) übermitteln wollte. Ja warum nur sagte Klopp seine Sätze ins Mikrofon desjenigen Journalisten, der ihn darauf ansprach, statt ihm das Mikro aus der Hand zu schlagen und das Sprüchlein in die Kamera der prominenteren Konkurrenz zu hauchen? Ein großes Rätsel unserer Zeit, dem wir dringend auf die Schliche kommen müssen. Für den Hinweis, bei Sport1 möge man doch etwas mehr auf die Qualität seiner Berichterstattung achten, war man Aki Watzke da schon mehr als dankbar.

Und trotzdem wäre das alles noch gar nicht mal so schlimm gewesen, wenn am Wochenende nicht viel Wichtigeres passiert wäre. Überall im Dortmunder Westfalenstadion, von den Rollstuhlfahrern über das Stimmungszentrum der Ultragruppen in Block Drölf bis hin zu den VIPs, hielten Fans Plakate und Banner gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in die Höhe. Ein ganzes Stadion positionierte sich gegen Nazis und Rechtsradikale, sichtbar für jeden einzelnen Besucher vom Stehplatz bis hin zur Pressetribüne. Doch wer berichtete eigentlich über diese Aktion?

Bei Sky schien es wichtiger zu sein die Hannoveraner Pyrotechnik abzufilmen, um Marcel Reif eben jene Worte in den Mund legen zu können, die ihm die Welt bedeuten („Dazu sollte man am besten gar nichts mehr sagen, das wollen wir nicht sehen“). Ja verdammt noch eins, warum wurde es dann so groß gefilmt? Beim Doppelpass schämten sich die Herrschaften rund um Jörg Wontorra kein bisschen, fast eine halbe Stunde über derlei Sinnlosigkeiten zu palavern, Fanaktionen gegen Rechtsradikalismus aber völlig außer Acht zu lassen. Vielleicht war das Thema für Sport1 ja doch nicht mehr so brisant wie zu früheren Zeitpunkten der Saison, als über das Fehlverhalten einzelner Fans gerne in apokalyptischem Maße berichtet wurde?

Nein, liebe Journalisten, diese Kritik richtet sich nicht pauschal gegen euch. Ihr macht euren Job und habt es mit vielen Zwängen zu tun, die euch das Leben schwer machen und um die wir euch sicher nicht beneiden. Doch zeigen Interviews wie das mit Thilo Danielsmeyer in den Ruhr Nachrichten, dass man auch diesen Themen Raum geben kann, wenn man sich denn für sie interessiert und es einfach mal versucht. Sie sind der Maßstab, wenn ihr das nächste Mal über das Fehlverhalten von Fans berichtet.

Dabei ist es noch immer nicht zu spät. Redet mit euren Chefredakteuren, fragt uns nach Bildern und fragt Fans nach ihrer Meinung, wenn Ihr ihnen heute Abend über den Weg lauft. Macht dieses Thema zu einem großen und hievt es in eure Berichterstattung, um damit ein weithin sichtbares Zeichen zu setzen: Rechtsextreme Umtriebe sind in unserem Stadion nicht erwünscht – Nazis raus!

Wir Fans werden es euch nicht übel nehmen, wenn dafür Geschichten wie ein angeblich fehlendes Abklatschen vor Spielbeginn aus der Berichterstattung fallen müssen. Versprochen.

SSC, 05.03.2013

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