Topspiele in schwatzgelb

Deal beim Zahnarzt

22.04.2013, 11:09 Uhr von:  Redaktion

Montagnachmittag erhob ich mich nach 3 Stunden quälender Behandlung aus dem Zahnarztstuhl, um endlich nach Hause zu gehen. Im Auto ging ich dann einen Deal mit dem lieben Gott ein. Ich nehme das Zahngedöns in Kauf, wenn es dafür morgen einen gescheiten Heimsieg gibt. Ca. 28 Stunden später stand ich paralysiert auf der Süd und wünschte dem lieben Gott einen besonders fiesen Pickel an den Hintern. Vor 7 Minuten war das 2:1 für Málaga gefallen und die reguläre Spielzeit würde in wenigen Sekunden vorbei sein. Rechts neben mir die leeren Gesichter meiner Freunde, links von mir ein schimpfender Rohrspatz, der selbstredend schon längst 5 Buden gemacht hätte, würde man ihn nur lassen. Hinter mir allerdings ein ganz positiver Zeitgenosse, der mit erhobener Faust und aufmunterndem Blick mir immer wieder ein „Das schaffen wir noch“ ins Gesicht pustete. 4 Minuten später folgte ein „Hab ich doch gesagt.“ Mittlerweile saß er allerdings ermattet auf seinem Plastikstuhl und die Kampfespose war kompletter Erschöpfung gewichen.

Die 3 Minuten dazwischen kommen dem nahe, was ich beim legendären 4:4 gegen Stuttgart in der letzten Saison erlebt habe, nur mit dem besseren Ausgang. Nach dem 2:2 keimte Hoffnung in uns auf. Das Stadion glich einer brodelnden Masse, die man nur kurz anzupieksen bräuchte, um restlos zu explodieren. Ich weiß nicht, ob das jemand verstehen kann, der nicht dabei war. Man sieht die Jungs auf dem Rasen, die tickende Uhr, möchte am liebsten selbst eine Runde im Kreis laufen, um die Anspannung los zu werden. Die Hände zittern, in den Ohren rauscht es, die Wangen fühlen sich an wie bei 40 Grad Fieber und das Herz klopft einem bis zum Hals. Man möchte irgendwie helfen, aber außer „Borussia Borussia“ rufen, kann man in den letzten 2,5 Minuten nichts mehr tun. Und dann direkt vor unserer Nase gibt es ein Knäuel aus schwarz-gelben und blau-weißen Spielern. Die Hälse der Leute vor mir werden immer länger, ich sehe fast nichts mehr, aber dann ist der Ball drin und ich warte auf den Pfiff des Schiedsrichters, denn das zählt doch bestimmt nicht, war doch viel zu wuselig und bestimmt wurde der Torwart behindert. Doch es passiert nichts und alles geht unter in absolutem Irrsinn. Santana hat uns angepiekst!

Ich umarme bekannte und wildfremde Menschen gleichermaßen und bemerke nach ca. 50 Sekunden, dass ich nonstop durchgeschrien habe und mir fast die Lunge wegplatzt. Ich drehe mich um zu meiner Begleitung, sehe ihn ebenfalls rumkreischen und fange einfach wieder an. Was raus muss, muss raus! Trotz allem fühlt sich alles unwirklich an. Ich kann mich nicht mehr an die zwei Minuten bis zum Schlusspfiff erinnern. Als die Jungs auf dem Zaun sitzen, denke ich zwischendurch mich tritt ein Pferd. Was machen die da vorne eigentlich… und ich kneife mich und die sitzen da immer noch. Das 3:2 ist tatsächlich passiert!

Zuhause greife ich erst mal zum Telefon, die Begeisterung und die Euphorie muss mit dem Rest der Familie, der den Wahnsinn nur vor dem Bildschirm anschauen durfte, geteilt werden. Ahja… das 3:2 war abseits… tragisch… aber auch irgendwie scheiß egal! Mein Handy ist voller WhatsApp Nachrichten, meine Facebook-Pinnwand bereits überflutet mit Bildern und Statusmeldungen. Besonders entzückend die Gesprächsverläufe bei einigen Schalker Freunden. „Blau und Weiß liegt den schwarz gelben einfach nicht.“ …. fünf Minuten später…. „Naja… klares Abseits“ … „ist ja auch nicht königsblau.“ Bereits wenige Stunden später werden die „Dortmunder Freunde“ gebeten, doch endlich mal wieder runterzukommen. Das Leben ist schön!

Wie oft ich die letzten Minuten in den letzten Tagen bereits noch einmal geschaut habe, kann ich nicht mehr zählen. Aber immer noch bekomme ich zwischen Ausgleich und Siegtor Herzklopfen. Und wenn beim Abpfiff Schmelle in die Knie geht, Sahin wie irrsinnig durch die Gegend rennt, um irgendjemanden zu umarmen und das ganze Stadion einem Tollhaus gleicht, wenn Klopp beim Interview mit Sky vor Aufregung beschlagene Brillengläser zeigt, dann wünsche ich mir diese Sekunden zurück und das Gefühl, das ich selbst in diesem Moment hatte. Es ist mit nichts zu vergleichen und ich bedaure jeden, der kein Fan von Borussia Dortmund ist, denn so was gibt es nur hier!

Wohin uns der Weg in dieser CL-Saison noch führen wird, weiß niemand, aber den 9.4.2013 nimmt uns niemand mehr weg! Aber bitte… nächstes Mal muss es auch ohne Zahnarzt gehen! ;-)

Steffi, 19.03+1.2013

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