Spielbericht Profis

Vom Außenseiter zum Favoriten in 90 Minuten – Borussia gewinnt beim FC Arsenal

24.10.2013, 18:13 Uhr von:  Redaktion

Marsch zum StadionNach dem kläglichen 1:0 gegen Hannover 96 waren sich die Beobachter einig: ein müder BVB fliegt nach London, um sich den übermächtigen Tabellenführern der Premier League geschlagen zu geben. Die BVB-Aktie hatte vorsorglich so manchen Prozentpunkt abgegeben, das Mannschaftsflugzeug den Dienst versagt und Robert Lewandowski gleich vier neue Arbeitsverträge unterschrieben (je zwei in London und Manchester, nur um auf Nummer sicher zu gehen). Die Vorzeichen waren also noch schlechter als das Wetter und die Abschiedsgrüße aus der „Todesgruppe“ 2013/14 bereits getippt – blöd nur, dass die elf Borussen ihre Ankündigungen wahr machten und dem FC Arsenal eine Lehrstunde in Sachen effektiver Spielgestaltung erteilten.

Rund 3500 Fans (2010: 7.000) hatten sich auf den Weg nach London begeben und die Metropole wieder einmal in Verzückung versetzt. Wie so oft in England, war die „yellow army“ (wie die deutschen Gäste stets mit einer Mischung aus Respekt, Bewunderung und Ehrfurcht genannt werden) schon vor Spielbeginn das Highlight. Passanten knipsten Fotos, Kneipenwirte freuten sich über Rekordumsätze und die Zeitungen des Vertrauens berichteten über die guten Auftritte der vergangenen Jahre. Das Aufeinandertreffen zwischen Kieran Gibbs und Kuba wurde als Schlüsselduell identifiziert (Metro News), insbesondere die Antrittsschnelligkeit und Passstärke unseres Flügelflitzers als gefährlichste Waffe beim Überwinden des Mittelfeldbollwerks genannt.

Alle Zweikämpfe gewonnen - Marcel SchmelzerMit großem Selbstvertrauen ging Arsenal in das Spiel: Mesut Özil, der erste Großeinkauf seit vielen Jahren und noch dazu ein richtig guter, hatte die Londoner in dieser Saison beflügelt. Noch immer ohne Niederlage hatten sich die Gunners in der Tabelle acht Punkte vor Manchester United schieben können und mit Traumtoren europaweit für Bewunderung gesorgt – ein Sieg gegen den Champions League Finalisten hätte das Tor zum Achtelfinale ganz weit aufgestoßen und mehr als nur gut ins Konzept gepasst. Beide Mannschaften begannen im 4-2-3-1. Auf Londoner Seite hatte mit Tomas Rosicky ein alter Bekannter den Weg in die Startelf gefunden, der sich darüber sichtlich freute. Beim BVB standen der in der Bundesliga gesperrte Mats Hummels und der zuletzt angeschlagene Marcel Schmelzer auf dem Rasen, so dass man durchaus von der Bestbesetzung beider Mannschaften sprechen konnte.

Taktisch hatte Jürgen Klopp vor allem ein kompaktes Mittelfeld verordnet: Özil, Jack Wilshere und Aaron Ramsey sollten sich keinesfalls entfalten dürfen, dafür wurden Gibbs und Bacary Sagna vergleichsweise große Räume zugestanden. Das Kalkül war dabei so einfach wie riskant: So lange die Kreativposten keinen Zugriff auf das Spiel erhalten und die Flügelspieler keine Anspielstationen finden, können sie keine Gefahr für das eigene Tor ausstrahlen.

Mkhitaryan feiert sein erstes Champions League Tor für den BVBDoch wie so oft lagen Klopp und Zeljko Buvac mit ihrer Taktik goldrichtig. Eine geschlagene halbe Stunde dauerte es, bis sich Arsenal ein wenig Luft verschaffen und aus der Dortmunder Zange lösen konnte – bis dahin hatten gleich fünf Borussen (Kuba, Henrikh Mkhitaryan, Nuri Sahin, Marco Reus, Sven Bender) den Mittelkreis zugestellt und ihren Gegenspielern keinen Durchlass gewährt (wer sich für die Taktik interessiert, findet bei der UEFA eine sehr gute Darstellung). Erst als die Hausherren mitbekommen hatten, dass sich Reus aus dem Mittelkreis nicht schnell genug nach hinten bewegen konnte und Marcel Schmelzer alleine auf weiter Flur stand, entwickelte sich ein Duell auf Augenhöhe.

Glücklicherweise hatte es zu diesem Zeitpunkt bereits im richtigen Kasten geklingelt: In der 16. Minute setzte sich Reus auf der linken Seite durch und spitzelte den Ball auf Lewandowski, der den zuletzt blass gebliebenen Mkhitaryan mustergültig bediente – der Ball schlug rechts unten ein, Wojciech Szczesny blieb keine Chance zur Abwehr. Eine schöne Aktion insbesondere von Reus, der zwei Minuten vorher mit einem Distanzschuss noch etwas weniger Glück gehabt hatte. Dass dem Führungstreffer der erste echte Pressing-Versuch vorher ging, war dabei eine nicht ganz uninteressante Beobachtung.

Der Gästeblock nahm den Schwung der Spieler nur zu gerne mit und sang in allerbester Laune, eine Gegenwehr der Londoner Fans brauchte man nicht nur aufgrund des Spielstands nicht befürchten. Als alle Borussen auf einen Schlag das Hüpfen begannen, hielt es jedoch auch die Engländer nicht mehr so wirklich auf ihren Plätzen – immer wieder wurden die Blicke vom Spielfeld in Richtung Tribüne bewegt, zunächst nur für wenige Augenblicke und später gar für eine ganze Weile. Man musste kein Psychologe sein, um zu erkennen, wie beeindruckt die heimischen Fans von Borussia Dortmund auf und abseits des Platzes waren.

Rückte in die Mitte und machte dort die Räume eng - Marco ReusIn der 29. Minute kam es dann zur ersten nennenswerten Chance der Briten. Borussia musste das hohe Tempo etwas drosseln, um nicht später in Bedrängnis zu geraten, und musste zusehen, wie Wilshere seine neue Freiheit nutzte – mühelos war der durch die Innenverteidigung gehuscht, bis er Roman Weidenfeller mit der Energie eines Wasserbüffels aus dem Tor rennen sah. Im Gegensatz zum 34. Spieltag der vergangenen Saison erreichte Weidenfeller den Ball aber rechtzeitig – von Wilsheres Bein prallte der ins Aus, eine Verletzung und Behandlungspause des Engländers folgten. Nur drei Minuten später hatte Arsenal wieder eine gute Gelegenheit – Ramsey zog aus fast 30 Metern aber, schoss jedoch links am Kasten vorbei.

Özil hatte bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt keine Bindung zum Spiel gefunden, Bender ihn beeindruckend aus dem Spiel genommen. Wann immer eine gute Situation der Gunners entstand, hatte jedoch Rosicky seine Füße im Spiel. Als Olivier Giroud in der 38. Minute Hummels genarrt und Rosicky hervorragend in Szene gesetzt hatte, klingelte es dann auch fast im Kasten – glücklicherweise konnte Hummels Rosickys gut platzierten Gewaltschuss gerade noch auf der Linie klären und damit die beste Chance der Londoner in letzter Sekunde vereiteln. Drei Minuten später war es dennoch passiert: Hummels griff abermals Giroud nicht richtig an, Subotic kam zu spät und irritierte Weidenfeller, der den Ball nicht mehr richtig festhalten konnte. Das hohe Risiko, Reus in die Mitte zu ziehen, hatte sich hier bemerkbar gemacht – auf der linken Seite hatten die Gunners allen Platz der Welt und mit ihrem dritten Angriff den Führungstreffer egalisiert.

In allerbester Stimmung - der Dortmunder BlockEs ging mit einem leistungsgerechten 1:1 in die Kabine – Dortmund hatte sensationell begonnen und mit großer Effizienz agiert, Arsenal gut dagegen gehalten. Beide Mannschaften hatten gute Szenen, ohne richtig zu dominieren. Die Hausherren kamen dementsprechend motiviert aufs Spielfeld – entweder würde Borussia in der Mitte nun größere Räume lassen oder aber weiterhin das hohe Risiko eingehen müssen, die linke Seite verwaisen zu lassen. Der bis dato völlig abgemeldete Özil wurde stärker nach rechts gezogen und Borussia damit vor eine neue Aufgabe gestellt. Tatsächlich entwickelte sich nun deutlich mehr Druck in Richtung Weidenfeller, der sich nach einem Rückpass Subotics sogar genötigt sag, mit einem Schuss ins Seitenaus zu klären. Von den Rängen her stimmte es dabei immer noch – je enger es auf dem Spielfeld wurde, desto besser brillierte der Gästeblock. Supergirl donnerte in Richtung Rasen, die Spieler wirkten geradezu angestachelt und nahmen die Unterstützung nur zu gerne als Ansporn.

Lieferte eine gute Partei, ohne zu glänzen: KubaFrischer Wind kam dabei vor allem von Pierre-Emerick Aubameyang und Jonas Hofmann. Vor allem Aubameyang gab dem Dortmunder Spiel eine neue Facette: Hatte sich Kuba fast durchgehend rund um den Mittelkreis bewegt und die Räume eng gemacht, zog der Gabuner deutlich nach rechts und stieß in die Lücken, die sich in der Londoner Hintermannschaft zunehmend öffneten. Es entwickelte sich ein Schlagabtausch, der zwar kaum echte Torszenen lieferte, dafür aber haufenweise Spannung bot. Vor allem Santi Cazorla stellte den BVB dabei vor große Herausforderungen, die entweder Weidenfeller mit Bravour meisterte, Subotic abgrätschte oder der Fußballgott an das rechte obere Torgebälk lenkte.

Überragende Flanke vor dem 1:2 - Kevin GroßkreutzAls Borussia sich mit dem 1:1 durchaus abgefunden hatte und fast glücklich zu sein schien, reichte es dann doch noch zum ganz großen Wurf: Aubameyang fing den Ball im Mittelfeld ab und sah Kevin Großkreutz, der auf der rechten Seite ordentlich Fahrt aufgenommen hatte – eine meisterliche Flanke über die gesamte Abwehr hinweg fand Lewandowski, der mit all seiner Coolness zum 2:1 einschieben konnte. Der BVB hatte seinem Gegner den Zahn gezogen und entführte letzten Endes zurecht die vollen drei Punkte aus London – zwar hatte Arsenal in der zweiten Halbzeit eine überlegene Partie gezeigt, doch Borussia mit Hilfe einer mutigen Taktik und einer sagenhaften ersten Halbzeit das insgesamt bessere Spiel geboten. Klopp und seinen Spielern war die Freude ebenso anzusehen wie den vielen Fans, die (wenn sie Amsterdam verpasst hatten) zu hunderten ihren ersten Auswärtssieg in der Champions League gesehen hatten.

Die Scharte aus Neapel ist damit ausgewetzt, der BVB im Rennen um das Achtelfinale und nach diesem Auftritt in Highbury wohl wieder ein Geheimfavorit auf den Titelgewinn – bemerkenswert, wie schnell aus geschwächten Außenseitern physisch dominante Helden werden können.

Die Fotostrecke zum Auswärtssieg findet Ihr bald auf unserer BVB-Fotoseite.

So haben sie gespielt:

FC Arsenal: Szczesny – Sagna, Mertesacker, Koscielny, Gibbs – Ramsey, Arteta, Wilshere, Özil, Rosicky – Giroud

Wechsel: Cazorla für Wilshere (58.), Bendtner für Ramsey (86.), Gnabry für Rosicky (89.)

Feiern mit den FansBallspielverein Borussia: Weidenfeller – Großkreutz, Subotic, Hummels, Schmelzer – Bender, Sahin, Kuba, Mkhitaryan, Reus – Lewandowski

Wechsel: Hofmann für Mkhitaryan (67.), Aubameyang für Kuba (67.), Sokratis für Reus (87.)

Tore: 0:1 Mkhitaryan (16.), 1:1 Giroud (41.), 1:2 Lewandowski (82.)

Gelbe Karten: Rosicky, Özil – Hummels, Lewandowski, Bender


Stimmen der Trainer:

3500 BVB-Fans peitschten die Mannschaft zum SiegArsene Wenger: „Wir haben heute nicht gut genug gespielt, um gegen Dortmund gewinnen zu können. In den entscheidenden Situationen waren wir nicht schnell genug, haben vor allem Physis und Zweikampfstärke vermissen lassen. Bei allem Respekt vor den anderen Mannschaften, war Dortmund der physisch mit Abstand stärkste Gegner, gegen den wir in dieser Saison zu spielen hatten. Dortmund war uns über weite Strecken physisch überlegen und hat deshalb verdient gewonnen. Für die kommenden Spiele in der Premier League und auch das Rückspiel in Dortmund werden wir uns erheblich steigern müssen.“

Jürgen Klopp (angesprochen auf Arsene Wengers Geburtstag): „Es tut mir sehr leid für Arsene, dass er an seinem Geburtstag verloren hat. Aber wisst ihr was? Wenn ich nicht im Juni Geburtstag hätte und da Sommerpause wäre, hätte ich an meinem Geburtstag auch schon mal verloren. Vielleicht solltet ihr nicht mich darauf ansprechen, sondern die UEFA, die den Spieltermin so gelegt hat.“

Jürgen Klopp (angesprochen auf das kaum gesehene Dortmunder Pressing): „Man kann nicht gegen jeden Gegner gleich spielen, weil man immer unterschiedliche Voraussetzungen hat. Gegen manche Gegner fällt es sehr leicht ein ordentliches Pressing aufzuziehen, gegen Arsenal sieht es jedoch ganz anders aus. Diese Mannschaft hat viel zu viel Qualität, als dass man sie dauerhaft unter Druck setzen könnte. Wir haben zwar auch eine richtig gute Truppe zusammen, sind aber einfach nicht so weit, dass wir gegen eine der besten Mannschaften dieses Planeten dauerhaft pressen können.“

SSC, 24.10.2013

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