Spielbericht Profis

Sieg im Cup des Kommerzes als loser Fingerzeig in die Redaktionsstuben

28.07.2013, 21:00 Uhr von:  Redaktion

Kehl stemmt den Pokal in den HimmelFußball-Deutschland kann aufatmen - die 51. Bundesliga-Saison wird aller Voraussicht nach in 12 Tagen doch noch angepfiffen. Dabei stand die Spielzeit 2013/14 ernsthaft auf der Kippe - jedenfalls wenn man in den zurückliegenden Wochen dem Tenor der schreibenden und sendenden Reporterzunft Glauben schenkte. Es galt doch eigentlich als ausgemachte Sache, dass der FC Bayern mit 34 Siegen und nicht unter 100 Toren durch die Saison marschieren würde, wenn selbst der kicker auf seiner Titelseite schon fragte, ob denn wenigstens der BVB die Bayern stoppen könne. Vierzehn nimmermüde schwarzgelbe Arbeitsbienen haben am Samstag wohl nicht nur beim FC Bayern, sondern auch bei so manch ehrfürchtig ergebenem Journalisten einen tiefen Stachel hinterlassen.

Dank eines 4:2 (1:0)-Erfolges über den Triple-Sieger aus einem gänzlich anderen Kulturkreis sicherte sich die Borussia den ersten offiziellen Titel der Saison und darf sich fortan Supercup-Sieger 2013 nennen. Nach zuvor zwei glücklosen Anläufen 2012 in München (1:2) und 2011 in der Turnhalle der verbotenen Stadt (3:4 i.E.) wanderte die Trophäe in diesem Jahr nach Dortmund.

Lukasz Piszczek war auch im WSDas wiederum dürfte für die Mitarbeiter der BVB-Geschäftsstelle für die kommende Woche einige Sonderschichten bedeuten; am Montagfrüh ab 9 Uhr muss wohl jeder bis herunter zum Praktikanten mit anpacken, um die jetzigen Vorräte an Briefpapier zu vernichten. Zusätzlich muss umgehend neues Papier bedruckt werden, bei dem der neue Triumph sofort im Briefkopf erwähnt wird. Nein, lieber Leser, so schön ein Sieg über den FC Bayern auch ist - und meinetwegen kann es dafür auch einen (Super-)Cup geben -, letztlich sagt dieses Spiel nichts aus, außer dass der FC Bayern doch noch verlieren kann.

Erste Hälfte

Dabei müssten sich die Bajuwaren von Anfang an wie im falschen Film gefühlt haben. Das Spiel war gerade einmal etwas mehr als fünf Minuten jung, als Lewandowskis abgefälschte Hereingabe über Bender bei Reus landete, der am zweiten Pfosten nur noch den Kopf hinhalten musste, um zum 1:0 abzustauben. Und keine 120 Sekunden später spielte Gündogan einen wunderbaren Pass in die Tiefe, so dass Lewandowski frei aufs Tor zulaufen und einnetzen konnte. Doch den 80.645 Zuschauern im ausverkauften Westfalenstadion blieb der Torschrei im Halse stecken. Der souverän pfeifende Dr. Drees entschied auf Abseits (8.).

Thiago (l.) gegen Mats HummelsDer BVB, der mit seinem bekannten 4-2-3-1-System antrat, schien die Bayern in der Anfangsphase förmlich zu überrollen - manch einer fühlte sich wohl 63 Tage zurückversetzt in ein gewisses Spiel auf englischem Boden. Die Bayern traten im 4-1-4-1 an, mit Thiago auf der 6 und Mandzukic in der Spitze. Erst nach und nach fanden die Gäste ins Spiel. Shaqiri prüfte Weidenfeller mit einem Distanzschuss (10.), wenig später verpasste Mandzukic eine Lahm-Flanke nur knapp (12.). Und spätestens nach Weidenfellers Fußabwehr gegen Shaqiri war der Supercup-Titelverteidiger im Spiel angekommen (14.).

Auf der Gegenseite erkämpfte sich Großkreutz den Ball und leitete eine Kombination über Gündogan und Reus ein, an deren Ende Schlussmann Starke glänzend gegen den freistehenden Lewandowski parieren musste, um das 2:0 zu verhindern (18.).

Bayerns 25-Millionen-Einkauf Thiago ließ in der 23. Minute zum ersten Mal seine Klasse aufblitzen, doch sein tödlicher Pass in die Schnittstelle der Viererkette war letztlich zu steil für Mandzukic.
In der Folge verflachte das Spiel zusehends, zwischendrin bat Dr. Drees zu einer einminütigen Trinkpause (25.). Einer der wenigen Aufreger vor dem Pausenpfiff waren wohl noch die „Hoeneß in den Knast“-Rufe von der Südtribüne (30.). Mandzukic (34.) und Gündogan (41.) besaßen jeweils noch eine Chance für ihre Farben.

Zweite Hälfte

Auch Eigentore müssen gefeiert werdenEin Wechselbad der Gefühle bei gefühlten 40 Grad erlebten die Zuschauer nach dem Seitenwechsel. Zunächst köpfte ausgerechnet Robben eine Lahm-Flanke zum 1:1 in die Maschen (54.). Doch der Jubel der Gästefans war noch in vollem Gange, da köpfte van Buyten auf der Gegenseite eine Flanke von Gündogan unglücklich in die eigenen Maschen zum 2:1 (55.). Die Schwarzgelben erlebten nun einen wahren Rausch und plötzlich tauchte Gündogan am Strafraum auf, ließ mit einer geschickten Körpertäuschung seinen Gegenspieler ins Leere laufen und traf mit einem unhaltbaren Schlenzer links unten ins Tor zum 3:1 (56.). Das Stadion tobte, doch ein vierter Treffer wollte nicht gelingen. Stattdessen traf Robben nach Vorarbeit von Lahm wie einst Gerd Müller aus der Drehung zum 3:2 (64.). Keine zwei Minuten später verpasste Mandzukic mit seinem Seitfallzieher den Ausgleich (66.). Kurz danach bat der Unparteiische noch einmal zum gemeinsamen Umtrunk (69.), ehe Müller ein Thiago-Zuspiel aus der Luft volley nur auf die Latte setzen konnte (79.).

Beim BVB war mittlerweile Neuzugang Aubameyang für Blaszczykowski ins Spiel gekommen, der auch gleich zwei herausragende Aktionen zeigte. Zunächst konnte er ein hervorragendes Zuspiel von Lewandowski in die Spitze noch nicht verwerten (83.); doch drei Minuten später schaffte er nach dem selben Spielzug noch den Querpass auf den mitgelaufenen Reus, der mit seinem zweiten Treffer zum 4:2 für die Entscheidung sorgte (86.).

Marco Reus bejubelt den SchlusstrefferDanach begrüßte Stadionsprecher Nobby Dickel zwar noch den Neuzugang „Papa“ Sokratis, doch ansonsten war die Messe im Fußballtempel gelesen, die Südtribüne bejubelte jeden Ballkontakt der Schwarzgelben frenetisch. Wie sehr sich dieser Supercup vom Ligaalltag unterscheidet, zeigte sich übrigens gerade an dieser gelben Wand. Das „Borsti“-Banner direkt vor dem etatmäßigen Tribünenplatz von „The Unity“ wirkte doch arg innovativ. Auch Nobbys penetrant-chronischen Durchsagen bis weit nach dem Anpfiff der ersten Hälfte, dass man auf der Süd doch bitte noch etwas zusammenrücken möge, weil draußen noch zahlreiche Borussen stünden, zeigten, dass man sich im Supercup nicht im wichtigen Liga-Alltag wiederfindet, bei dem die Abläufe fest einstudiert scheinen. Vielmehr sicherte sich der BVB den Sieg im Cup des Kommerzes, der nicht mehr als ein loser Fingerzeig in Richtung München und die deutschen Redaktionsstuben ist: Schaut’s her, mia san Doatmund!

Einzelbewertungen:

Roman Weidenfeller: In den brenzligen Situationen hellwach, schuldlos an den Gegentoren. Note 2.

Kevin Großkreutz: Unermüdlicher Kämpfer, motiviert bis in die Haarspitzen. Note 2.

Gündogan zeigt den Pokal der SüdNeven Subotic: Gewohnt solider Abräumer, dürfte schon mal mehr gefordert gewesen sein. Note 2,5.

Mats Hummels: Defensiv alles weggeputzt, unnachahmliche Offensivvorstöße. Note 2.

Marcel Schmelzer: Stets zur Stellen, wenn es brennt. Dazu einige starke Akzente im Vorwärtsgang. Note 2.

Nuri Sahin: Zusammen mit Bender eine perfekte Defensivzange auf der 6, jedoch wenige Akzente nach vorne. Note 2,5.

Sven Bender: Die Kampfsau, das Herz. Hinten rustikal, nach vorne teils geniale Pässe. Note 1,5.

Jakub Blaszczykowski: Der Wirbelwind auf rechts, zurecht mit Standing Ovations verabschiedet. Note 1,5.

Ilkay Gündogan: Wer ist Messi? Note 1.

Daniel van Buyten (l.) gegen Marco ReusMarco Reus: Zwei Tore und dennoch Luft nach oben. Note 1,5.

Robert Lewandowski: Haut sich immer noch voll rein, einmal Pech im Abschluss, zwei Traumpässe auf Aubameyang. Note 2.

Sebastian Kehl: Sorgte mit seiner Erfahrung für Ruhe auf der 6. Note 2,5.

Pierre-Emerick Aubameyang: Scheint sich mit Lewandowski gut zu verstehen. Lässt sich jedoch nach den 18 Minuten nicht abschließend bewerten.

Sokratis: ...ist jetzt auch da. Kam zwei Minuten vor Schluss, daher keine Note.

So haben sie gespielt:


Robert Lewandowski mit dem SupercupBorussia Dortmund: Weidenfeller - Großkreutz, Subotic, Hummels, Schmelzer - Sahin, Bender - Blaszczykowski, Gündogan, Reus - Lewandowski.
Wechsel: Kehl für Bender (46.), Aubameyang für Blaszczykowski (72.), Sokratis für Gündogan (88.).

FC Bayern München: Starke - Lahm, van Buyten, Boateng, Alaba - Thiago - Robben, Müller, Kroos, Shaqiri - Mandzukic.
Wechsel: Schweinsteiger für Shaqiri (66.), Pizarro für Mandzukic (75.), Dante für Kroos (85.).

Tore: 1:0 Reus (6.), 1:1 Robben (54.), 2:1 van Buyten (55., Eigentor), 3:1 Gündogan (56.), 3:2 Robben (64.), 4:2 Reus (86.).

Gelbe Karte: Boateng.
Schiedsrichter: Dr. Jochen Drees (Münster-Sarmsheim).
Zuschauer: 80.645 (ausverkauft).

Stimmen zum Spiel:

Jürgen Klopp auf der anschließenden PressekonferenzPep Guardiola (Bayern): „Herzlichen Glückwunsch an den BVB. Das war ein schönes Spiel für die Zuschauer. Ich bin zwar erst einen Monat hier, aber wir haben heute ein gutes Spiel gemacht. Dennoch gibt es natürlich noch einiges zu verbessern.“

Jürgen Klopp (BVB): „Das war ein gutes Spiel, aber das war gegen diesen Gegner auch dringend notwendig. Wir waren bereit, die Räume zuzulaufen, die sich die Bayern erspielt haben. Das erforderte einen hohen Aufwand bei diesen Temperaturen. Ich glaube, hier hat heute selbst jeder geschwitzt, der nur auf der Tribüne gesessen hat. Die Bayern haben uns alles abverlangt, aber wir sind ein hohes Tempo gegangen. Ab und zu hatten wir auch etwas Glück, aber vier Tore sind auch keine Selbstverständlichkeit. Das war eine Willensleistung und die haben wir erfolgreich bestanden.“

Daniel M., 28.07.2013

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