Spielbericht Profis

Sensation! Stuttgarter Wutbürger spielen jetzt Fußball

31.03.2013, 15:27 Uhr von:  Redaktion

Zm Schluss dann doch noch Jubelszene vor der FankurveSo wöchentliche Auseinandersetzungen am Bahnhof machen aggressiv. Das mussten auch die Dortmunder Spieler bei ihrem hart erkämpften 2:1-Sieg bei den Wut-Spielern in Stuttgart spüren. Deniz Aytekin holte den Wasserwerfer raus und Marcel Schmelzer musste mit Nasenbeinbruch den Schlossgarten verlassen. Am Ende fuhren die drei Punkte aus dem Kopfbahnhof im ICE zurück nach Dortmund.

Es war eine merkwürdige Stimmung vor dem Anpfiff. Während für viele Borussen dieses Bundesligaspiel eher eine lästige Pflicht darzustellen schien, ehe es für manche direkt am nächsten Morgen vom Stuttgarter Flughafen aus nach Malaga ging, war die Atmosphäre auf Seiten der Schwaben merklich angespannt. Wenig Bereitschaft zum Support, sondern eher eine Fortsetzung der letztwöchigen Proteste gegen das Präsidium war vor der Partie erwartet worden. Da konnten auch die musikalischen Auftritte im Rahmenprogamm nicht helfen, um der Stimmung eine Wende zu verschaffen. „Zu Recht gibt es Applaus für Euch", meinte der Stadionsprecher formulieren zu müssen. In Stuttgart scheinen Pfiffe ein Synonym für Applaus zu sein. Ähnliches musste kurz darauf VfB-Legende Hansi Müller erleiden, dem der Anhang in der momentanen Situation wohl auch nicht so richtig über den Weg traut. Das sogenannte „Umfeld" personifiziert er wie kein Anderer in Stuttgart.

Wurfrollenaktion in Canstatter KurveDer Spielberichtsbogen wartete auf BVB-Seite mit einer doch größeren Überraschung auf. Unser Rechtsverteidiger Lukasz Piszczek erhielt eine wohlverdiente Pause, nachdem er die letzten über zwei Jahre gefühlt durchgehend seine Seite beackert hat. Auch sportlich warf der andalusische Feiertag am nächsten Mittwoch also seine Schatten voraus. Dafür standen mit Bender, Gündogan und Sahin nominell drei Sechser auf dem Platz, wobei Gündogan die offensive Spielmacherposition bekleiden sollte. Allrounder Großkreutz verteidigte dafür rechts hinten. Bei Stuttgart lief mit Antonio Rüdiger ein Ex-Borusse auf. Nebenbei bemerkt: Die Kollegen von BVBtotal wurden im Presseraum erst einmal aufgeklärt, wer denn dieser Rüdiger sei und wie dieser Transfer damals aus der BVB-Jugend überhaupt abgelaufen ist. Müsste man das als offizielles Vereinsmedium nicht eigentlich wissen? Naja, vielleicht kannte man wenigstens noch einen gewissen Tamas Hajnal auf der VfB-Bank.

Stuttgart in Personalnot

Der VfB ging als klarer Außenseiter ins Spiel, was insbesondere der personellen Situation geschuldet war. Während beim BVB „nur" Hummels und Kuba passen mussten, stellte das Stuttgarter Lazarett, angereichert mit einigen gesperrten Übeltätern, eine veritable Fleischbeschau dar: Tasci, Okazaki, Kvist, Molinaro, Torun, Didavi sowie Cacau waren nur auf der Tribüne zu entdecken. Vor dem Anpfiff die ersten Sangesduelle auf den Rängen, wobei die Stuttgarter zunächst dem Spielfeld den Rücken zuwandten. Aber wenn alle wollen, sind sie duchaus laut. Und auch Proteste gab es bei schwatzgelb, was mit dem Spruchband „ViaNOgo" im Block ersichtlich wurde.

Auch die Dortmunder Ultras bezogen Stellung zum Thema ViagogoSieben Minuten waren gespielt, als der neue schwäbisch-rumänische Eckenkünstler Maxim den Ball genau auf Niedermeier zwirbelte. Sein Kopfball war letztlich kein größeres Problem für Weidenfeller, aber ein deutliches Zeichen für das Engagement der Cannstätter in der Anfangsphase. Den Gegenschlag gab es vier Minuten später, aber Ulreich blieb lange stehen und konnte den durchgebrochenen Reus nach schöner Hackeneinlage von Lewandowski am Erfolg hindern. Nur eine Minute später wurde ein Kopfballtreffer Ibisevics zurecht aberkannt, ehe wieder nur eine weitere Zeigerumdrehung danach Weidenfeller prächtig gegen den schnellen Traore den Rückstand vereitelte. Nach einer Viertelstunde hätte es gut und gerne schon 2:1 stehen können.

Sehr lernfähig zeigte sich nach 19 Minuten schließlich Reus, als er wieder alleine auf Ulreich zulief. Diesmal spekulierte er komplett richtig, nur ging sein Lupfer um wenige Zentimeter am Kasten vorbei. Erneut war es vorher Lewandowski mit dem öffnenden Pass, der in dieser Phase des Spiels im Gegensatz zu Gündogan der eigentliche Spielgestalter war. Einen personellen Schock musste unsere Borussia dann nach 24 Minuten erleiden. Wie schon im Hinspiel Holzhauser, zeigten sich die Wutbürger aus Stuttgart rabiat. Diesmal war es Harnik, der nach einem langen Ball Schmelzer ins Gesicht trat. Der Magdeburger musste raus und das war es dann auch mit der Schonung für Piszczek. Großkreutz durfte dann wieder Verschiebebahnhof spielen und rückte nach links hinten.

Piszczek als Edel-Joker

Piszczek jubelt mit Vorlagengeber Reus und Santana„Wenn ich schon einmal auf dem Feld bin, kann ich mich auch nützlich machen", dachte sich wohl der Pole und verlängerte nur kurze Zeit nach seiner Einwechslung einen Reus-Freistoß in die Maschen. Bei solch einer Leistung läuft er natürlich Gefahr, in Zukunft wie einst Alex Zickler nur noch als Joker eingewechselt zu werden. Die Stuttgarter hingegen hatten jetzt ihre Auseinandersetzungen mit Schiedsrichter Aytekin, der ihrer Meinung nach vor dem Freistoß eine falsche Einwurfentscheidung getroffen hat. Man könnte sich natürlich auch im Zweikampf und im Luftduell geschickter anstellen, aber der gemeine schwäbische Wutbürger sucht halt lieber die Auseinandersetzungen mit der Autorität. Im weiteren Verlauf der ersten 45 Minuten sollte nichts mehr passieren, sodass es mit einer etwas glücklichen Führung für unsere Borussia in die Halbzeit ging.

Der Einlauf der Mannschaften zurück aufs Geläuf wurde anschließend begleitet von erneuten massiven Protesten der Stuttgarter Fans gegen Präsident Mäuser. Mehrere Spruchbänder kritisierten unter dem Motto „Lach- und Sachgeschichten mit dem Mäuser" die Führungspolitik der Schwaben und auch Aufsichtsratsvorsitzender Dieter Hundt wurde gefragt, wann er denn seinen Hut zu nehmen gedenke. In Stuttgarter Kitas wird wahrscheinlich seit längeren nur noch „Hundt, Katze, Mäuser" gespielt...

Ex-Borusse Rüdiger (l.) gegen GündoganDie Kalauerstunde beendete dann der „Schorsch." Wieder einmal brachte Maxim einen gefährlichen Standard vor das Tor, aber Niedermeier brachte es aus etwa fünf Metern tatsächlich fertig, den Ball nicht gefährlich aufs Tor zu bringen. Wäre der VfB bis dato nicht so absolut dilettantisch vorne gewesen, dann hätte es auch richtig Lack für unsere Borussia geben können. Vor allem über den gefährlichen Traore kamen die Rot-Weißen immer wieder gefährlich vors Tor. Aber auch Boka versuchte es zu artistisch (57.).

Eine Stunde war gespielt und die Maxim-Standards blieben die schärfste Waffe der Gastgeber. Doch nach einer Ecke rettete erst der Pfosten und dann Götze auf der Linie. Das hatte eher was von „Flipper" denn von zupackender Abwehrarbeit. Kurz darauf beendete Klopp das missglückte taktische Experiment (es war leider nicht sein erstes diese Saison) und ersetzte Gündogan durch Leitner, der sich mit einem Traumtor bei der U 20 unlängst Selbstvertrauen erworben haben sollte.

Maxim mit dem verdienten Ausgleich

„Es hatte sich angedeutet", „Ausgerechnet...", „Es musste ja so kommen." Die Phrasendrescher hatten nach 63 Minuten Hochkonjunktur, denn nach einem Einwurf (!) des Halbbruders von Sahr Senesie, Antonio Rüdiger, besorgte der überragende Maxim den Ausgleich. Ähnlich wie beispielsweise beim Pokalspiel in München fing sich der BVB im Vergleich zu den anderen hochkarätigen Chancen den Gegentreffer nach einer Szene ein, die im Ansatz recht ungefährlich schien. So trudelte denn der Ball an vielen gelben Abwehrbeinen in die lange Ecke zum inzwischen mehr als verdienten Ausgleich.

Rudelbildung um Götze und NiedermeierNun war noch mehr Feuer in der Partie. Erst reklamierten die Schwaben einen Handelfmeter, ehe Niedermeier gegen Götze die Nerven verlor und diesen mit Anlauf ummähte. Ein Wutbürger lässt das natürlich nicht auf sich sitzen und bietet noch einmal große Theatralik (presented by Staatsschauspiel Stuttgart), indem er eine Rote Karte für „Super Mario" provozieren wollte. Aytekin entschied richtig und zeigte beiden Akteuren die Gelbe Karte. Da es für Niedermeier die zweite Sanktion war, musste er – wutentbrannt – das Spielfeld verlassen. Die anschließende Unruhe konnten weder Reus noch Subotic nutzen, da Ulreich zweimal reflexartig seinen Körper richtig positionierte. Wenig später war es dann Sakai, der gerade noch vorm einschussbereiten Reus klären konnte (80.).

Polonia Dortmund entscheidet

Dann muss halt unser neuer Edeljoker wieder ran. Piszczek wurde rechts hervorragend freigespielt und seinen Pass in die Mitte netzte Lewandowski problemlos ein, der nun im neunten Spiel in Folge mindestens einmal getroffen hat (82.). Fünf Minuten später schob Schieber eine erneute Piszczek-Vorlage nur knapp neben den Pfosten. Das wäre wieder ein klassisches „Ausgerechnet" gewesen. Der VfB spielte dagegen neunzig Minuten ohne Mittelstürmer. Jedenfalls, wenn man der Analyse von Klaus (56), Ingenieur aus Eppingen, bezüglich Ibisevic Glauben schenken mag: „Der Kerle kann nich kicke."

Robert Lewandowski war mal wieder der MatchwinnerMarco Reus war es nach 92 Minuten vorbehalten, den Schlusspunkt unter ein aufregendes Spiel zu setzen. Doch das Schussglück hatte er heute in Dortmund gelassen und auch sein drölfter Torversuch in dieser Partie landete letztlich nicht im Netz. Dann prügelten sich noch ein paar Nachwuchs-Wutbürger im VfB-Stehblock untereinander, ehe der Stuttgarter „Wolfgang Stark" das Spiel nach 94 Minuten abpfiff. Mit einem schwer erkämpften 2:1 gelang die Generalprobe für das Spiel in Malaga und auch die Unentschieden-Serie gegen die Schwaben konnte endlich zerschlagen werden.

Die Fotostrecke zum Auswärtssieg beim VfB gibt es wie gewohnt auf unserer BVB-Fotoseite unter diesem Link.

Einzelbewertung

Roman Weidenfeller: Insbesondere am Anfang des Spiels stark gefordert. Stets hellwach. Note 2,5.

Neven Subotic: Ohne große Böcke, jedoch auch nicht mit der absolut sicheren Ausstrahlung. Erst als um ihn herum nach dem Ausgleich alle hektisch wurden, wurde seine Coolness zum Plus. Note 3.

Bender gegen BokaSven Bender: Gewann viele Bälle im direkten Zweikampf und machte zudem noch den Hummels in puncto Antizipation. Kaum Fehlpässe. Note 2,5.

Ilkay Gündogan: Die Zehn scheint im Moment noch nicht seine Position zu sein. Nicht so dominat wie sonst. Note 4.

Robert Lewandowski: Stand wieder einmal goldrichtig und baute seine beeindruckende Serie weiter aus. Gerade in Überzahl dann auch spielerisch überragend. Note 2.

Mario Götze: Immer anspielbar und Motor des BVB-Spiels nach dem Wechsel. Verursachte so letztlich auch den Platzverweis gegen Niedermeier. Note 2.

Marco Reus: Diese Freistoßposition vom linken Strafraumeck wird noch seine Lieblingsstelle (siehe 1:0 in Augsburg). Mit einigen guten Pässen, aber sehr schwach im Abschluss. Note 2,5.

Nuri Sahin: Konnte nicht an seine Gala gegen Freiburg anknüpfen. Ließ sich teils von der Hektik anstecken. Note 3,5.

Kevin Großkreutz: Erhält allein für seine Allround-Fähigkeiten schon einige Gummipunkte. Läuferisch präsent wie immer, durchaus aber auch in der Offensive mit Aktionen. Note 2,5.

Felipe Santana: Nicht so überzeugend im Defensivzweikampf wie er es könnte. Überließ den Spielaufbau weitgehend Subotic. Note 3.

Nasenbeinbruch bei SchmelleMarcel Schmelzer: Wurde nach Foul von Harnik in der 25. Minute ausgewechselt und bleibt deshalb ohne Bewertung.

Lukasz Piszczek: Da wollte der Gute sich etwas ausruhen, muss dann doch plötzlich kalt rein und macht dann so ein überragendes Spiel. Einfach ein geiler Typ! Note 1,5.

Moritz Leitner: Fiel in seinen dreißig Minuten durch zwei, drei tolle Pässe, aber auch durch egoistische Aktionen auf. Dementsprechend Note 3,5.

Julian Schieber: Zu kurz auf der Wiese für eine ernsthafte Bewertung.

Stimmen der Trainer

Jürgen Klopp: Das Spiel wurde so wie ich es angekündigt habe: Super intensiv. Wir brauchten zwanzig Minuten, um uns an die Art und Weise zu gewöhnen. Das haben wir hinbekommen und dann auch gute Möglichkeiten bekommen wie vorher auch der VfB über Traore. Dann machen wir das Tor und in der zweiten Halbzeit war es ähnlich. Wieder haben wir wie der VfB auch große Möglichkeiten und Stuttgart Da rastet auch JK vor Freude ausmacht dann den Ausgleich. Hinten heraus haben wir das Spiel dann gewonnen, weil wir es unbedingt wollten. Letztlich sind wir sicher kein unverdienter Sieger. Es war ein guter Tag, der durch die Verletzung von Schmelzer etwas geschmälert wurde. Insgesamt war mir das Spiel etwas zu intensiv und manche Zweikämpfe waren auch zu hart. Kevin und Manni haben beide Prellungen am Spann. Bei Manni kommt noch eine Risswunde dazu. Wenn es nicht Manni wäre, würde ich mir noch mehr Sorgen machen. Wir müssen gucken, ob und wie wir die beiden für das Spiel am Mittwoch hinbekommen.

Bruno Labbadia: Für uns ist es natürlich sehr schade. Es war klar, dass es ein intensives Spiel werden würde. Wir hatten erst viele Möglichkeiten, geraten dann unglücklich in Rückstand. Vor dem Tor gab es zudem noch eine Fehlentscheidung gegen uns, die uns sehr aufgeregt hat. Das 1:1 war dann verdient und nach dem Platzverweis wird es gegen Dortmund natürlich schwer, das Ergebnis zu halten. Wir haben uns aber dann auch nicht so gut angestellt. Schade, dass wir nicht mindestens einen Punkt geholt haben.

Alle Daten zum Spiel

Jubel in SchwatzgelbVfB Stuttgart (4-2-2-1-1): Ulreich – Rüdiger, Felipe, Niedermeier, Sakai – Boka, Gentner – Harnik, Traore – Maxim (73. Röcker) – Ibisevic

BVB (4-2-3-1): Weidenfeller – Großkreutz, Subotic, Santana, Schmelzer (25. Piszczek) – Bender, Sahin – Reus, Gündogan (60. Leitner), Götze (83. Schieber) – Lewandowski

Tore: 0:1 Piszczek (29., Kopfball, Vorarbeit Reus), 1:1 Maxim (63., Linksschuss, Gentner), 1:2 Lewandowski (82., Rechtsschuss, Piszczek)

Zuschauer: 60.000 (ausverkauft)

SR: Aytekin (Oberasbach Uralt, Winkmänner: Schiffner, Brand – Tafelhalter: Hartmann)

Chancen: 7:9

Ecken: 3:8

Gelbe Karten: Harnik (23., Schmelzer zur Auswechslung getreten) Niedermeier (33., gestrecktes Bein) Boka (81., Schwalbe) – Götze (70., Unsportlichkeit), Großkreutz (84., Foulspiel)

Gelb-Rote Karte: Niedermeier (70., wiederholte Foulspiel)

Schüsse gesamt: 11:15

Dem VfB Flogen die Ticketpreise um die OhrenSchüsse aufs Tor: 5:6

Schüsse neben das Tor: 4:5

Abgeblockte Schüsse: 2:4

Flanken: 16:19

Ballbesitz in %: 40:60

Gewonnene Zweikämpfe in %: 53:47

Pässe gelungen in %: 68:79

Pässe gelungen in gegn. Hälfte in %: 60:71

Fouls: 17:15

Abseits: 5:7

Meiste Schüsse: Boka/Traore/Niedermeier (2): Reus (3)

Meiste Torschussvorlagen: Traore/Ibisevic/Maxim (2): Lewandowski/Piszczek (3)

Meiste Ballkontakte: Sakai (80): Sahin (75)

Meiste Fouls: Niedermeier (4): Lewandowski (4)

Malte D., 31.3.2013

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