Fußball offline

No alcohol beyond this point!

05.02.2013, 10:00 Uhr von:  Redaktion

Wenn man es nicht selbst in England schon genau so erlebt hätte, es käme einem fürchterlich surreal vor: Da findet in Manchester das Derby zwischen City und United statt, und während in den Fankneipen der Stadt (streng nach Farben getrennt natürlich) die Luzzi abgeht, herrscht im Stadion eine Stimmung wie im Opernhaus: Draußen Jahrmarkt, hinter Glasscheiben drinnen das Catering, und will man dann doch irgendwann seinen Sitzplatz einnehmen, gilt: "No alcohol beyond this point or to be consumed less than 15 minutes before kick off." Willkommen im modernen Fußball!

Die größte Herausforderung einer Dokumentation über die heutige Fankultur in England ist es, dem Zuschauer wirklich Dinge zu präsentieren, von denen er bisher noch keinen Eindruck hatte. Die Premier League ist seit vielen Jahren auch in Deutschland populär, viele Geschichten wurden über Hillsborough und den Taylor-Report geschrieben, auch über den FC United of Manchester und den AFC Wimbledon, und in den letzten beiden Spielzeiten konnte man sich als BVB-Fan sogar selbst eine Meinung über die Stimmung beim FC Arsenal oder über den Scheich von Man City bilden. Keine einfachen Voraussetzungen, um einen spannenden Film über den Fußball auf der Insel zu drehen, der gleichermaßen Anklang beim Hardcore-Ultra wie beim durchschnittlichen Fußballinteressierten findet. Filmemacher Marc Quambusch hat es dennoch versucht und ist in den Wochen vor Weihnachten gemeinsam mit den Groundhoppern Janni Gruszecki und Jan Krapf nach England gereist, um den dritten Teil der Serie "Verrückt nach Fußball" zu produzieren. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch ist die Erstausstrahlung der Dokumentation bei ZDF Info zu sehen.

Der Plot ist dabei durchaus klassisch, und zwar nicht nur, was die Besetzung der Protagonisten angeht: Auf der Insel lässt sich nicht über Fankultur sprechen, ohne die Geschichte des Sports selbst im Blick zu haben. Dieser simplen Weisheit folgt die Reisegruppe und arbeitet sich durch die klassischen Stätten des Sports im Nordwesten Englands: Besucht man Sheffield, so besucht man einerseits die Wiege des Fußballs und andererseits den Ort seiner vielleicht größten Katastrophe. In Liverpool kann man in einer Dokumentation über Fankultur die legendäre Kop nicht außer Acht lassen, will andererseits aber auch die Leiden der Opfer von Hillsborough und ihrer Angehörigen im Blick haben. Und in Manchester findet eben nicht nur das Derby der momentan vielleicht besten englischen Teams statt, sondern existiert mit dem FC United of Manchester auch der wohl sichtbarste Gegenpol zur sterilen Oligarchenliga Premier League. Das liefert eindrucksvolle Bilder wie eben jene aus der United-Fankneipe, die gerade ihren Last-Minute-Sieg im Derby feiert, und man muss unweigerlich schlucken, wenn Gespräche mit Liverpudlians geführt werden, die Hillsborough und seine Folgen hautnah erlebt haben, aber man hat trotzdem das Gefühl, dass man all jene Geschichten schon woanders gelesen oder gehört hat. (Wobei sich natürlich immer auch die Frage stellt, ob man als Fußballnerd wirklich noch zur Zielgruppe des Films gehört. Der Idee, die Reportage gemeinsam mit der Dame des Herzens auf dem Sofa zu sehen, wurde leider durch den ÖPNV ein Strich durch die Rechnung gemacht. Das hätte vielleicht Licht ins Dunkel gebracht.)

Auch sonst wurde mit der Wahl der Gesprächspartner nichts falsch gemacht: Raphael Honigstein ist ein profunder Kenner des englischen Fußballs, Antonia Hagemann bewegt sich im Innern der englischen Fanszene, Steve Kelly ist das Gesicht von "Justice for the 96". Und dennoch oder gerade deshalb fehlen die wirklichen Überraschungen im Film. Was die beiden Vorgängerfilme, und für mich insbesondere die Dokumentation aus Italien so wertvoll gemacht hat, waren die vielen abseitigen Momente: Im Hinterzimmer eines schmierigen Anwalts zu sitzen, den Interisti beim Basteln der Choerographie fürs Derby zuzusehen, sich mit Ultras während des Spiels bei der Polizei melden zu müssen. Selbst für Kenner des italienischen Fußballs sind das neue Geschichten, neue Erfahrungen. Von diesen verrückten Momenten gibt es in diesem Film zu wenige, auch wenn man sicher schmunzeln muss, wenn Vario-Sitze als Revolution des Fußballs im Stadion angepriesen werden oder wenn Janni über seine Angst spricht zu sterben, ohne je ein Spiel an der Sandygate Road gesehen zu haben, dem Ort des ersten organisierten Fußballspiels. (Und natürlich freut man sich, wenn man auf halbleeren Tribünen Leute mit BVB-Mützen entdeckt!)

Das ist jedoch alles Kritik auf hohem Niveau: Eine für alle potentiellen Zuschauer gleichermaßen spannende Dokumentation zu machen ist in England saumäßig kompliziert, und auch bei diesem Film habe ich mich an keiner Stelle gelangweilt. Trotzdem freue ich mich auf hoffentlich noch mehr Reportagen aus Ländern in absehbarer Zeit, die abseits der Groundhopperszene ziemliche terra incognita sind. Auch wenn selbst dann nicht immer die Reinkarnation des Paten auf dem Bildschirm zu sehen sein wird!

"Verrückt nach Fußball: Englische Fans im Abseits" — Erstausstrahlung: Mittwoch, 6. Februar 2013, von 00:55 Uhr bis 01:40 Uhr bei ZDF Info.

Wer es nicht abwarten kann oder nachts lieber schläft, kann die Sendung auch bereits in der Mediathek des ZDF abrufen: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1835192/Verrueckt-nach-Fussball-%25283%2529?bc=sts%3Bsta#/beitrag/video/1835192/Verrueckt-nach-Fussball-%283%29

Scherben, 05.02.2013

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