Eua Senf

"Borussia, wir sind immer für dich da!"

14.03.2013, 22:33 Uhr von:  Gastautor

Ein Reisebericht, der nicht nur das Sportliche betrachtet Samstag, früh am Morgen.

Samstag, früh am Morgen. Der Wecker klingelt, der erste Gedanke ist schwarzgelb. „Heute Derby, endlich!“ Die ersten wachen Synapsen teilen mir mit, dass dieser heutiger Tag ein ganz besonderer werden könnte. Immerhin haben wir dem ukrainischen Millionenclub „Schwarze Pumpe Donetzk“ ganz gehörig gezeigt wie man guten und erfolgreichen Fußball spielt. Wer mit so einer spielerischen Leichtigkeit und geradezu anmutend ins Viertelfinale einzieht, der lässt sich doch von ein paar Schlümpfen aus einer unbedeutenden Stadt des Ruhrgebiets nicht das Wochenende versauen!

Mit einem fröhlichen „Gelsenk*rchen, Stadt der Liebe […]“ leise vor mich hin pfeifend ging es ab zum Bahnhof. Ab in den Zug, Freunde einsammeln, das erste Bier trinken, es macht sich Vorfreude breit. So richtig zweifelt niemand daran, dass das Spiel heute siegreich bestritten wird.
Die Fahrt mit dem Sonderzug gestaltete sich durchaus angenehm, da auch die unserem Abteil zugeteilten Schutzkräfte der deutschen Exekutive relativ gut gelaunt und entspannt daherkamen. „Hey, Hey, Raucherabteil, Raucherabteil“

Bei zur Schönheit der Stadt passendem Wetter am Ziel angekommen und einen mit Aufklebern in die richtigen Farben getauchten Zug hinter uns lassend, wurde der Bahnhof stimmgewaltig in Beschlag genommen. Bis hierhin war alles durchaus friedlich, gut gelaunt und lief halbwegs organisiert ab, wenn man von einigen unverbesserlichen absieht, die natürlich kurz vor dem Derby noch eine Lustreise nach Polen unternahmen und dort wahrscheinlich die Hälfte der in dem Lande produzierten Böller, Blinker und dergleichen mitbrachten, um sie umgehend nach Ankunft auszuprobieren. Wie laut so ein polnisches Qualitätsprodukt der Marke „atomarer Erstschlag“ wirklich ist, durfte ich am eigenen Leibe erfahren und ganz im Ernst, das ist wirklich kein Spaß.

Nachdem die fragwürdige Abstammung der ortsansässigen Menschen, des Vereins und die Prophezeiung, dass sich eine gewisse Schale in absehbarer Zeit nicht in diese Stadt verirrt nun ausgiebig besungen wurde, ging es nach und nach in die Busse und das Spiel rückte immer näher, die Anspannung wurde größer und die Blase immer voller.
Am Gästeblock angekommen hatte man aufgrund des geringen Andrangs noch die Hoffnung möglichst schnell ins Stadion zu kommen. Schließlich möchte man ja auch halbwegs gute Plätze ergattern. Bei der Einlass-/Kontrollpolitik haben sich die Gastgeber wieder einmal etwas ganz Besonderes ausgedacht. Scheinbar hat man nicht daraus gelernt, dass die Eintracht-Fans (ich benutze diesen Ausdruck einfach mal) bei ihrem Gastspiel und den scheinbar gleichen Voraussetzungen, hier den kompletten Eingangsbereich zerlegt und sich benommen haben wie die Axt im Wald(stadion).

Grund dafür war, dass sich das Drehkreuz, bei den eh schon viel zu gering bemessenen vier Eingängen, nur gefühlt dreimal pro Stunde bewegte und man so das Gefühl bekam, dass die Ordner bei strömendem Regen lieber nach jedem Einlass die Scharniere des Drehkreuzes nachölten um die stetige Gefahr des Festrostens zu verhindern, anstatt mal ein wenig den Hebel zu ziehen um die Sache zu beschleunigen. So stand man im strömenden Regen und musste dabei zuschauen, wie Besucher für Besucher in Super-Slow-Motion eingelassen wurde – dies aber immerhin friedlich und nur leise murrend.

Angekommen – endlich! Ab in den Block, Plätze suchen, warmsingen, aufs Bier verzichten, mit dem Speichel haushalten. Wer schiebt diesem Verein schon gerne noch unnötig Geld in den brauen Salon? Wäre nicht zu allem Überfluss noch die Nötigung sich eine „Knappenkarte“ zu kaufen – allein der Name lässt meine Zehennägel hochrollen – um sich mit Bier und Wurstwaren einzudecken, wäre es vielleicht noch zu überlegen gewesen. Nein, so aber nicht! Da schnapp ich mir lieber die durch die Luft fliegenden Biertropfen nach jedem Tor, schließlich würden wir heute ja ein paar schießen!

Ernüchterung … Wer spielt hier eigentlich? Wer sind diese kopflos wandelnden Gestalten in den schwarzgelben Trikots? Wo sind unsere Borussen, die vergangenen Dienstag noch wussten wie man einen Ball über drei Meter zum Mitspieler spielt? Normalerweise gehen Kleinigkeiten gerne mal unter wenn man aus voller Kehle singt, brüllt, die Mannschaft nach vorne peitscht, da wundert man sich Abends in der Sportschau über Szenen, bei den man schwören könnte, dass sie sich nicht in dem Spiel abgespielt haben. Dieses Mal war es ein wenig anders. Mich selbst stört so etwas nur am Rande, wäre da nicht mein Stehnachbar gewesen, der seit Minuten an der ganzen Mannschaft nicht ein gutes Haar ließ. Wild gestikulierend und pöbelnd wie Rumpelstilzchen nahm er mir meine letzte innere Ruhe und ich kam nicht umher ihn zu fragen, wie lange er denn schon Borusse sei. Schließlich haben wir bis vor wenigen Jahren diese Art Fußball als normal empfunden.

Kaum hat die Mannschaft mal wieder Erfolg, lässt uns rauschende Feste feiern, lädt ein zu der ein oder anderen Vollgasveranstaltung, wird so ein Spiel direkt wieder als ein Rückfall in die Ära Doll verflucht. Seine patzige Antwort werde ich hier nicht niederschreiben, aber in mir verfestigte sich mal wieder die Meinung, dass viele einfach nicht begreifen, dass es nicht selbstverständlich ist jede Woche 100% zu zeigen, den Gegner an die Wand zu spielen und es in aller Regelmäßigkeit so aussehen zu lassen, als könnte man nebenher noch ne Runde Doppelkopf spielen!

Natürlich, es ist Derby und keiner möchte verlieren. Gerade hier möchte jeder sehen wie gekämpft und gekratzt wird, es soll jeder Grashalm umgegraben werden, aber auch ein Fußballspiel ist kein Wunschkonzert!

Jeder sollte das Recht haben sich auch mal kritisch zu äußern, zu meckern und zu maulen, keine Frage – aber während des Spiels ist es eines jeden gottverdammte Pflicht(!!) die Mannschaft nach vorne zu peitschen, alles aus meinen Lungen herauszuholen um zu zeigen, dass wir hinter ihr stehen! Pöbeleien und abfällige Gesten helfen niemandem, den Spielern erst Recht nicht. Hier sollte sich doch wirklich mal jeder hinterfragen, ob er nicht vielleicht besser auf dem Sofa aufgehoben wäre um Marcel Reif bei seinen geistigen Ergüssen zu lauschen.

Was mich allerdings völlig schockierte und für mich einfach nicht nachzuvollziehen war, war das Verhalten einiger Ultras inkl. unseres Capos direkt nach Abpfiff. Die Mannschaft kam in unsere Ecke, holte sich zurecht ein paar Pfiffe ab und bedanke sich für unseren Support und die feinen Herren in schwarz (von der Pyronummer zu Spielbeginn will ich gar nicht reden) meinten, sie müssten ihrem Ärger ganz besonders kreativ Luft machen und schickten ein paar Gesten und Sprüche zu den Spielern, bei denen selbst ich einen roten Kopf bekam.

Ich finde es ungeheuerlich, einfach eine riesige Frechheit seinem Ärger auf solche eine pubertierende und schlichtweg dumme Art Luft zu machen. Hier schämte ich mich dann zum gefühlten dritten Mal am heutigen Tage, die gleichen Farben zu tragen wie diese vermeintlichen Edelfans. Liebe Ultras, euren Fanatismus in allen Ehren, aber zu dem eben beschriebenen auch noch alles war als Wurfgeschoss dienen kann in den Block der Blauen zu werfen und dort wirklich Menschen verletzen zu wollen, unerträglich. Ich kann die Blauen auch nicht leiden, nicht mal annähernd, aber mit so einem Verhalten seid ihr kein Stück besser! Ich möchte auch nicht von einem Trommelstock, Münzen, vollen Bechern oder Stücken einer zerbrochenen Fahnenstange getroffen werden. Erbärmlich, wie man sich trotz der Rivalität als solche ein schlechter Verlierer präsentieren kann.

Die Schokostreusel auf der Kirsche auf der Sahnehaube war dann aber noch nach Spielende zu erwarten, als ca. 60 schwarzgekleidete (wer hätte das nur erwartet) völlig hemmungslos auf am Absperrzaun stehende Ordner einprügelten um offensichtlich den Zaun durchbrechen zu können und einigen Fans der Fehlfarben mal Licht ans Fahrrad zu machen.

Dieser Tag war wirklich gebraucht, nicht nur vom Ergebnis. Jeder sollte doch mal in einer ruhigen Minute in sich gehen und sich fragen, ob sein Verhalten hier und da wirklich angebracht ist. Ich bin auch kein Kind von Traurikgeit, pöbel gerne und raste aus im Block, aber bei körperlicher Gewalt hört es einfach auf! Jeder der dort beteiligt war und vielleicht zum Dank einen Gummiknüppel spüren musste – selber schuld, kein Mitleid. Ihr stellt euch alle auf die gleiche Stufe wie die, die man doch immer so verurteilt.
Wo ist eigentlich der gesunde Fanatismus hin? Schreit euch die Seele aus dem Hals, bringt die Mannschaft nach vorne, gebt alles – aber bitte im Block! Wer nach dem Spiel noch so viel Kraft für diese scheiß Aktionen hat, der hat irgendwas falsch gemacht.

geschrieben von Sven D.

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