Eua Senf

Der große Jakub

04.11.2013, 15:51 Uhr von:  Gastautor
Der große Jakub

Jürgen bleibt, Zeljko bleibt, Peter bleibt! Das ist toll und zurecht die überragende Meldung der letzten Tage. Der Effekt für mich und mit Sicherheit auch für viele andere von uns ist nahezu eine Garantie, auch in den nächsten Jahren den gleichen wunderbaren Fußball zu sehen, den wir mittlerweile hier gewohnt sind und der Grundstein für alles in den letzten großartigen Jahren war.

Kuba hat nie aufgegeben
Kuba hat nie aufgegeben

Kaum war es um Marco, Manni und Ilkay ruhiger geworden, riefen die Unken auch aus Barcelona. So schwingt nach dem Pummelfee-Schock bei mir immer ein wenig Panik mit. Ein Grund mehr auf einen Spieler einzugehen, bei dem ich bei jedem Einsatz, jedem Tor - ach was...bei jedem Scheiß Pass sagen möchte, nein nicht sagen... Ich will den Jungen drücken und ihm ins Ohr flüstern "Sorry Mann, ich war ein Arsch zu dir" und er würde sagen "Kuba war auch ein Arsch, aber jetzt bin ich Jakub, Jakub Błaszczykowski".

Ab und zu setze ich die Brille mit der Retroperspektive auf und schiele zurück ins Jahr 2007/2008 und je länger ich schaue, desto bewusster wird mir, wie scheiße eigentlich alles war. Gut, wir waren im Pokalfinale, aber das war Duisburg auch mal und die resultierende Europacup-Quali verschweigen wir an dieser Stelle äußerst dezent.

Jakub und Sebastian sind die letzten beiden Überbleibsel in der Mannschaft dieses Berliner Abends im Mai. Jakub, damals noch Kuba, flog in der 108. Minute mit Gelb-Rot. Sebastian wurde in der 86. durch Nelson Haedo Valdez ersetzt...sinnbildlich.

Kuba war für mich damals ein Lichtblick. Ein junger, schneller Spieler der augenscheinlich so viel mehr Qualität besaß als viele um ihn herum. Ich meine, ich liebte fast alle diese Spieler: "Der Fette mit der 6" ist in jeder meiner Playlisten, Tinga, vor dessen Haus wir nachts völlig besoffen mit dem Taxi gehalten haben und der mit uns am offenen Fenster feierte und Nelson, der seinerzeit mit der offensivsten Auslegung der Sechser-Position eindeutig seiner Zeit voraus war. Aber Kuba konnte richtig zocken.

Auch vermeintlich große Namen können den kleinen Polen nicht mehr beeindrucken
Auch vermeintlich große Namen können den kleinen Polen nicht mehr beeindrucken

Kuba, allein der Name war schon wieder so eine Geschichte, die Dortmund mit Vorliebe produziert. Name passt halt nicht aufs Trikot. Nie werde ich das erste Mal mit ihm vergessen. Ich hatte mit vielen Spielern ein erstes Mal und immer dabei war Nobby Dickel. Momentan scheint Błaszczykowski noch einer der umgänglicheren Namen zu sein. Aber damals, als sich die eine Hälfte des Stadions für "Kuba" und die andere für "Błaszczykowski" entschied, hatte wohl jeder ein Schmunzeln im Gesicht.

Kaum ein paar Monate bei uns, hörte man immer wieder Liverpool, mal leiser und mal lauter, nach Kuba rufen und es gab Zeiten, da rief ich auch lauter und leiser "KUBA" zu Nobby zurück.

Es schien eine Zeit zu geben, in der dieser Kuba fast zu einem Rechtsverteidiger verkommen wäre. Ich will damit keinen Rechtsverteidiger der Welt gegen mich aufbringen (obwohl, vielleicht doch den einen zumindest, das Testosteronmonster aus München, mit dem könnt' ich es aufnehmen), aber Kuba, Kuba, je öfter ich den Namen höre, desto mehr und mehr wird einem klar, dass es ein Künstlername ist und Kunst, ja, Kunst sollte er auch machen.

Er hatte das Zeug, ein großer Künstler zu werden.

Aber was passiert, wenn ein Künstler nicht Kunst, sondern Handwerk machen soll? Er gibt sich Mühe, aber er wird unglücklich und das sah man ihm an. Ich sah es ihm an und hörte mich selbst sagen "Der ist doch der Nächste, der weg ist" und "Wenn die doch 12 Millionen zahlen, dann mach ich persönlich 'ne Schleife drum".

Heute schäme ich mich etwas dafür, aber auch ich war mal jünger und impulsiver. Was folgte, war der vielleicht wichtigste und zugleich unauffälligste Transfer der letzten Jahre und wenn es wirklich so beabsichtigt war, war es ein Geniestreich. Man verpflichtete Lukasz Piszczek, einen Absteiger aus Berlin, der nur gelegentlich mal rechts hinten anzutreffen war.

Nichtsdestotrotz hatte Kuba mittlerweile nicht nur einen Landsmann hinter sich, sondern einen, der richtig Bock hatte. Dass vorne mittlerweile auch einer aus der Gegend stand, muss man niemandem mehr erzählen und wenn doch, dann ist das eine andere Geschichte.

Jedenfalls ist das, was Kuba und Piszczek da veranstalten mitunter das Geilste, was in Westeuropa von Osteuropäern praktiziert wird. Gerade hier in Dortmund sieht man viele aus Osteuropa und viele davon wollen was Geiles produzieren, aber einer dieser Angriffe über rechts...nee, geiler.

Die Nummer 16 unseres Ballspielvereins
Die Nummer 16 unseres Ballspielvereins
Es kam, was kommen musste und im Laufe der Jahre sind wir die Mannschaft geworden, die Spieler aus Liverpool holt und Liverpool ist sportlich nicht mehr die Mannschaft, die einen Kuba bekommt.

Kuba, nein, Błaszczykowski...Jakub Błaszczykowski. Kuba ist so....so 2008. Was Liverpool seinerzeit entgangen ist, haben dann dieses Jahr ein paar äußerst spitzfindige Scheichs versucht nachzuholen, die sich wohl mal ein Champions League Finale angeguckt hatten und boten Jakub einen Arsch voll Geld, da bin ich mir sicher, vielleicht sogar zwei.

Ich war mir damals aber auch sicher, dass er den nächsten Arsch voll Geld annehmen würde. Und vielleicht hätte es der verlorene Künstler hinten rechts auch fast getan, aber Jakub Błaszczykowski sagt "Borussia hatte den Vortritt. Wir haben ein tolles Team, einen großartigen Trainer, wunderbare Fans und große Perspektiven. (...) Es muss nicht immer das Geld sein, das entscheidend ist. In Dortmund haben meine Familie und ich alles, was wir brauchen." Und er verlängerte auch bis 2018.

Wäre ich Fußballer und ich bin Fußballer, aber wäre ich ein richtiger Fußballer und ein richtiger, ein guter Typ wie Jakub, hätte ich auch so mit Journalisten gesprochen. Ich spiele aber in der Kreisliga und pöble. Am liebsten vorne rechts, aber "Kunst", so sagt man, kommt von "Können" und Journalisten interessieren sich nicht für mich. Also bleibt mir nur eins: Ich spiele hinten rechts. Aber manchmal, manchmal laufe ich los und fühl mich wie Kuba, nein wie Jakub, Jakub Błaszczykowski.

Wir haben letzte Woche neue Trikots bekommen. Ich habe die 16.

geschrieben von Felix Oeding

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