Eua Senf

Die ersten Tränen für den BVB

26.03.2013, 12:48 Uhr von:  Gastautor
Die ersten Tränen für den BVB

UEFA Cup - Halbfinale 1992/93 - der Wahnsinn! An Karten sind wir damals nicht rangekommen, doch meine Eltern und ich saßen vor dem Grundig-Fernseher mit schicker Eichenverschalung und schmückten die alte Röhre komplett in schwarzgelb. Ein kleiner Gebetsteppich davor, mehrere Schals, meine Stadionstockfahne und diverse Kleinigkeiten wie Münzen, Armbänder, Cola-Dosen mit BVB-Logo, alte BVB-Anstecker, selbst gebastelte schwarzgelbe Utensilien und Aufkleber wurden während der Vorberichte ausgelegt. Mehrfach hab ich alles umgestellt, der BVB-Schrein sollte perfekt sein für das große Spiel. DSF überträgt live - was ein Segen!

Das Hinspiel hatte ich noch live im Stadion sehen können, Dauerkarte sei Dank. Was war ich erleichtert, als Michael Zorc seinen verschossenen Elfmeter wieder ausbügeln konnte und doch noch zum erlösenden 2:0 traf. Doch wie trügerisch dieser Vorsprung sein sollte, wurde schnell klar. Die Franzosen waren kaum wiederzuerkennen, legten los wie die Feuerwehr, angefeuert von den Fans, die im kleinen Stadion ihr Team zur Höchstleistung trieben. Das 1:0 in der achten Spielminute nach einem lang geschlagenen Ball war ein kleiner Schock. Zuhause war es eher still. Meine Mutter brachte ein paar Schnittchen rein, mein Vater ließ seinen Kaffee kalt werden, ich rührte meine Cola nicht an - kurzum: es interessierte nur das Spiel.


Auch in der zweiten Halbzeit besserte sich das Bild nicht wirklich. Borussia schaffte es nicht, die lauf- und zweikampfstarken Spieler vom AJ Auxerre an ihren Kombinationen zu hindern. In der 72ten Minute dann Riesenjubel der Franzosen, Vahirua hatte nach einem Freistoß wuchtig den Ball in die Maschen zum 2:0 geköpft. „Scheiße!“ rief ich lauthals an und fluchte. Die nächsten Minuten waren bereits hochdramatisch, Chapuisat hätte bei einem Konter alles klar machen können, trifft den Ball aber nicht richtig. Auf der anderen Seite verzeiht Baticle nur knapp und trifft das Außennetz, Klos war bereits geschlagen. Meine Mutter kühlte ihre schmerzenden Daumen an eine neuen kalten Flasche Wasser. Doch es sollte alles noch viel schlimmer kommen.

Schlusspfiff nach 90 Minuten. Noch heute höre ich den Kommentar meiner Mutter. „Junge, geh ins Badezimmer, du hast ja nen hochroten Kopp, nicht dat du noch nen Herstillstand kriss, kühl dich ma ab!“ Gesagt, getan, ich löse meine Augen von den vor Erschöpfung am Boden kauernden Spielern und gehe ins Bad. Tatsächlich, meine Birne ist knallrot vor lauter Aufregung. Kaltes Wasser ins Gesicht, eine Wohltat. Und ab geht es wieder ins Wohnzimmer. Ich setzte mich nun direkt vor den Fernseher, stehe wieder auf, setze mich wieder auf meine Knie. Wie soll ich das bloß aushalten? Borussia hält dagegen, die ersten Krämpfe bei den Akteuren auf beiden Lagern treten auf. Doch die Chancen der Franzosen sind nach wie vor hochklassig.

Plötzlich bricht ein Stürmer über halbrechts durch, Klos war heraus gestürmt, der Kasten ist leer. Der Stürmer schießt, trifft den Ball aber nicht voll, dennoch rollt das Leder in Richtung Dortmunder Gehäuse. „Wenn der drin ist, was es das!“ – denke ich noch. Doch dann kommt Bodo Schmidt und grätscht das Ding gerade noch von der Linie. Atemberaubend, ich juble, als wenn Borussia gerade selbst ein Tor gemacht hätte. Meine Mutter flippt vor Begeisterung fast aus, „Bodo, du bist super!“. Mein Vater bleibt relativ cool, zündet sich lieber seine gefühlt vierzigste Zigarette an diesem Abend an. Nicht so, wie 1986, als er bei Rummenigges Knie-Tor damals die Couch zerbrach, als er hochsprang und unglücklich wieder aufkam.

Die Verlängerung endet torlos und ich zittere am ganzen Körper. Elfmeterschießen! Zwar hatte der BVB mit Zorc einen sicheren Schützen, aber der Rest war jetzt nicht unbedingt dafür bekannt, vom Punkt zu treffen. Wie denn aber auch, schließlich hatte „Susi“ ja alle getreten, wenn er auf dem Platz stand. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wie die Elfer verwandelt wurden, jeder Schütze traf, sowohl bei den Franzosen, als auch bei uns. Den fünften Elfer trat Michal Zorc, da war ich komplett ruhig. Doch als der sechste Schütze ran musste, merkte ich, wie ich unruhig wurde. Michael Rummenigge, der sich durch seine Spielweise und seinen Einsatz in mein Herz gepöhlt hatte, lief beherzt zum Sechszehner. Er schritt nicht, er joggte von der Mittellinie hin! Eben dieser Rummenigge hatte in einem unglaublichen 0:0 Spiel (das beste 0:0 von Borussia aller Zeiten!) gegen den VfB Stuttgart seinen vorherigen Elfer verschossen, weil er sich im letzten Moment für die andere Ecke entscheiden wollte und nur den Pfosten traf. Verzweifelt schaue ich meinen alten Herrn an und sage ihm : „Nein, nicht Rummenigge, der verballert doch wieder!“ „Ach wat, der macht dat, kuck hin!“, sagt mein Vater. Rummenigge läuft an und ich merke, wie mir merkwürdigerweise bereits beim Anlauf Tränen in die Augen kommen. Lässig schiebt er den Ball rechts rein und mir läuft eine erste Träne über die Backe, warum bloß?

Der Rest ist bekannte Geschichte, Mahé braucht eine gefühlte Ewigkeit, bis er am 16er ankommt. Die Angst ist ihm ins Gesicht geschrieben. Er schießt den Ball nach links, Klos kommt mit dem Arm ran und… ja was? Ich breche in Tränen aus! Ich heule wie ein Schlosshund, der Ball ist gehalten! Ich schluchze, die Tränen laufen mir über mein Gesicht, ich kriege einen Weinkrampf, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Ich lache aber gleichzeitig, schwenke meinen Schal, nehme meine Eltern in die Arme, werfe selbst gelochtes Konfetti in die Luft, springe herum und brülle, brülle, brülle meine Freude heraus! Und die Tränen hören nicht auf. Erst nach einer Viertelstunde beruhige ich mich und schaffe es ein Glas Wasser zu trinken, die Stimme ist längst weg! Ich sehe die jubelnden Fans in der Wiederholung, wieder kommt mir ein Tränchen, wie gerne wäre ich jetzt auch dort. Ich sehe, wie Auxerre Fans zum Dortmunder Block laufen und Schals ausgetauscht werden, was ein toller Verlierer! Einer der schönsten Fußballabende meines Lebens am TV geht friedlich zu Ende.

Mittlerweile bin ich mir sicher, das waren hauptsächlich die unglaublich angespannten Nerven, die mir da einen Wein-Streich spielten. Ein paar Jährchen später habe ich richtige Freudentränen in den Augen. Als die Radioträger 1995 auf der Osttribüne von den Toren aus München berichten, während unser BVB den Hamburger SV mit 2:0 schlägt. 1989 habe ich beim Pokalsieg hingegen nicht geweint, das war nur Freude und Spaß pur in Berlin, vielleicht weil es auch so überraschend kam. 1997 in München lag ich wieder schluchzend in den Armen meines Vaters. Da hatte auch er Tränen in den Augen – so wie Aki nach dem Doublegewinn. Ich bin mir sicher, sollten unsere Jungs das für unmöglich gehaltene dieses Jahr schaffen, schäme ich mich meiner Tränen wieder nicht. Borussia, bring uns zum Heulen! Schenk uns den Henkelpott im Mai!

geschrieben von Markus Grunow

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