Eua Senf

Friedliches Derby auf Schalke

13.03.2013, 16:35 Uhr von:  Gastautor

"Friedliches Derby auf Schalke", berichten die Medien nach der verdienten 2:1-Niederlage des BVB. Der Frieden im Stadion sei nur zu Spielbeginn durch das Abbrennen von Feuerwerkskörpern, den so genannten "Bengalos", im Dortmunder Fan-Block gestört worden. Neben einer zertrümmerten Fensterscheibe eines Shuttlebusses sei sonst nichts passiert. Soweit die Medien. Frieden also?

Derby-Samstag

Am frühen Mittag machen sich Sie und Er, zwei in polizeilichen Sicherheitsfragen nicht ganz Unbewanderte, auf den Weg von Dortmund nach Gelsenkirchen. Das letzte Spiel auf Schalke haben sie noch in der Glückauf-Kampfbahn erlebt, als Stan Libuda, der Schalker und Dortmunder Flanken- und Fußballgott, auf seiner rechten Außenbahn jeden Gegenspieler schlecht aussehen ließ. Die Zuschauer an der rechten Geraden standen dicht am Arbeitsplatz des Lieblings der Fans. Libuda - fast zum Anfassen.

Nicht zeigen, für wen das Herz schlägt!

Also auf zur Arena auf Schalke, den schwarzgelben Fanschal umgelegt, Fanmütze aufgesetzt und ab zum Hauptbahnhof. Welchen Zug nimmt man am Besten, ist die Frage an einen freundlichen Mann der Bahn, während sich vor dem Bahnhof bereits Fußball-Fans versammeln. Freudige Aufbruchstimmung zum Derby. „Fahren Sie doch mit einem der drei Sonderzüge nach Gelsenkirchen“, ist die Antwort. Aus der Erfahrung, wie mit den „Fahrgästen“ solcher eingepferchter „Fahrgemeinschaften“ umgegangen wird, wird die planmäßige S-Bahn vorgezogen. Weitere Fans steigen zu. „Darf man Bier trinken“, fragen die jungen Männer. Es stört nicht und sie outen sich als Chemnitzer-FC-Fans, von denen drei auch Schalke- und zwei auch BVB-Fans sind. Sie kennen sich vom Amateurfußball aus dem Sauerland. Es wird über die Vereine und ihre Fans gefrotzelt und viel gelacht. Es fällt auf, dass niemand als Fan zu erkennen ist. Kein blauweißer Schal, keine schwarzgelbe Mütze. „Wir wollen vor dem Spiel noch in eine Fankneipe auf Schalke. Da kann man sich nur sehen lassen, wenn man blauweiß ist. Also lassen wir es, zu zeigen, für welchen Verein das Herz schlägt“, lachen sie schelmisch.

Haut ab hier!

In Gelsenkirchen ist es am frühen Mittag auf dem Bahnhof noch ziemlich ruhig. Polizistinnen und Polizisten stehen in ihren dunklen Einsatzanzügen mit Schlagstock am Koppel herum. Die Ausstattung enthält alle Utensilien, die man für die Sicherheit der Bevölkerung und zur Eigensicherung glaubt zu benötigen. Die Männer und Frauen der Hundertschaft stehen gelangweit, mürrisch, die Daumen hinterm Koppel eingehakt, breitbeinig, irgendwo angelehnt oder mit überkreuzten Beinen herum. Sie strahlen Staatsgewalt aus und sind in der Überzahl. Auf dem Weg zur Stadtbahnstation begegnet sich gemischtes Publikum, Fans sind kaum zu erkennen. Von einzelnen Passanten, nicht als irgendwelche Fans erkennbar, kommen gegen schwarzgelbe Schal- und Mützenträger erste Unmutsäußerungen auf. Feindliche, missbilligende Blicke, gestreckte Mittelfinger und „was wollt ihr hier, haut ab!“

Wasserwerfer gegen alle?

Es geht in die Linie 302, die zur Arena fährt. Haltestelle Schalker Meile: Die Chemnitzer-FC-Fans steigen aus. Anstalten, mit auszusteigen, werden abwehrend unterbunden. Lachend: „Hier könnt ihr nicht aussteigen, das überlebt ihr nicht.“ Verunsichert und unter missbilligenden Blicken anderer Fahrgäste ohne blauweißes Outfit geht es weiter bis zur Haltestelle „Veltins Arena“. Aussteigen. Von Fans weit und breit ist nichts zu sehen. Es ist noch zu früh. Die Polizei hat ihr Großaufgebot aufgestellt. Wohin man blickt, Einsatzuniformen, und Polizeifahrzeuge geparkt oder als Absperrung aufgestellt. Ein Wasserwerfer auf dem Weg zur Arena steht drohend im Regen. Unangenehm der Gedanke, man könnte noch nasser werden. Über der Stadt und der Arena kreist ein Polizeihubschrauber. Das kennt man vom letzten Derby in Dortmund, als der fast den ganzen Derbytag über der Stadt kreiste und mit seinem Lärm eine ganze Stadt terrorisierte. Bürgerkriegsatmosphäre! Vorbei an gelangweilten Einsatzkräften wird die Arena erreicht. Die Getränke- und Wurstbuden sind noch wenig besucht, das Stadion noch geschlossen. An einer Currywurst-Bude wird Schutz vor dem Regen gesucht und eine Wurst bestellt. Zwei ältere Männer, die ebenfalls Regenschutz suchen, erzählen von Fußball, dass der eine Schalke- und der andere BVB-Fan sei und sie gemeinsam auf der Haupttribüne säßen. Schal oder Mütze oder irgendwas in schwarzgelb oder blauweiß? Fehlanzeige. Auf der Haupttribüne ginge sowieso nur Blauweiß, behaupten sie. Inzwischen kommt eine Reporterin vom WDR 2 und fragt nach der Stimmung. Es wird versucht, das Ganze sportlich zu beschreiben. Der Bessere soll gewinnen!

Nicht jede und jeder kommt überall in die Arena

Langsam füllt sich der Vorplatz und ein Vater mit Kleinkind an der Hand, beide im tollen Schalkedress, mustern Schwarzgelb mit Verachtung: „Was wollt ihr hier denn, haut ab.“ Schweigen! Zum Stadioneingang geht es an einem Bierstand vorbei: Ausgestreckte Mittelfinger und „verpisst euch“ sind die Wegbegleiter. „Ihr seid falsch hier, ihr Zecken, verschwindet!“ Dann geht es zum „Sondereingang für normale BVB-Fans“, an Polizeiabsperrungen, Polizeispalier und wieder an einem Wasserwerfer vorbei. Vor dem Eingang zum Stadion verengt sich der Einlass auf zwei Eingangsmöglichkeiten für Männer und Frauen. Bei einem großen Andrang ist ein Stau vorprogrammiert. Aber es ist ja noch früh. Kontrollstelle: Mantel auf, Hände hoch, Mütze ab, abtasten. Ein dünner Leineneinkaufsbeutel, in dem sich zwei Sitzkissen befinden, wird ausgepackt, auf links gedreht und vom Kontrolleur zur Tasche erklärt. Die Kissen dürfen nicht mehr in den zur Tasche erklärten Beutel. Also dann, Kissen unter den Arm und das Eigentum an dem Reklamebeutel einfach aufgeben! Er wird zu Müll erklärt. Endlich in der Arena. Im Sitzplatzbereich des BVB-Fanblocks findet man sich in einem gemischten Publikum wieder. Allerdings offenbar stehplatzgewohntes Publikum, alle stehen. Ein paar Krakeeler, die geschmacklose Beleidigungen an die Schalker Adresse für Fangesänge halten, sind auch dabei. Beim Einlaufen der Mannschaften werden auf der Stehplatztribüne in der BVB-Ecke „Bengalos“ gezündet. Gelber Rauch steigt auf.

V-Leute, Undercoveragenten?

Die Gedanken sind bei der Kontrolle der Leinentragetasche. Wie kommt Pyrotechnik ins Stadion? Es kommen Erinnerungen an die Krawalle in Brokdorf, in Wackersdorf, an die Krefelder Krawalle, an die an der Startbahn West in Frankfurt in den 80ern und an das „Celler Loch“ hoch. V-Leute der Sicherheitsorgane, Undercoveragenten, die auch an den örtlichen Einsatzkräften vorbei arbeiten und ein „politisches Süppchen“ zur Stimmungsmache kochen? Was war noch am Tag vor dem Derby am Dortmunder Flughafen los, als es zu Schlägereien zwischen angeblichen Fußballfans (Schalke, Skopje, BVB?) kam und die Polizei sofort mit einer Hundertschaft am Flughafen war. Das geht? Auch bei einer Spontanalarmierung? Da haben in Not geratene Bürgerinnen und Bürger andere Erfahrungen. Wie lange dauert es bis die Polizei in anderen Fällen und mit welchen Kräften vor Ort ist?

Ach, das Spiel, es endet 2:1. Schalke war besser.

„Ich habe mal jemand ins Koma getreten.“

Aus der Erfahrung auf dem Hinweg zur Arena wird das Stadion rechtzeitig verlassen, um Begegnungen mit Blauweiß zu vermeiden. Auf dem Weg zur Stadtbahn wieder nur die dunkle Masse der Polizei im trüben Regenwetter. Frustrierte, gelangweilte, grimmige, abweisende Gesichter, Einsatzfahrzeuge, Wasserwerfer und das Dröhnen des Polizeihubschraubers. Eine Station vor der Haltestelle Veltins Arena wird in Gegenrichtung zum Bahnhof eine fast leere Bahn genommen. Erst mal drin, Sitzplatz, trocken und warm. An der Haltestelle Veltins Arena wird es übervoll. In einem wahren Glücksrausch der Blauweißen wird im Sitz geducktes Schwarzgelb nicht bemerkt. An der übernächsten Haltestelle soll die Richtung zum Hauptbahnhof gewechselt werden. Aussteigen. Jetzt geht es los. Schwarzgelb wird erkannt. Wieder gestreckte Mittelfinger und Gegröle. Zwei Jugendliche nähern sich bedrohlich. Zur Unterwerfung wird zum verdienten Sieg der Schalker gratuliert und dass man auf den Derbydoublesieg eigentlich einen trinken müsste. Das besänftigt die beiden. Beim Einsteigen in die Bahn warnen sie vor dem „Block“, der an der Arena-Haltestelle einsteigen wird. Sich gemeinsam in einen Vierersitzbereich zu setzen lehnen sie ab. Imageschaden für die beiden? Sie schlagen vor, zwei Sitze am Ende des Waggons gleich hinter ihnen zu nehmen. Sie würden dann dem „harten Block“ signalisieren, es mit „akzeptiertem Schwarzgelb“ zu tun zu haben. Das gelingt. Unter den Schmähgesängen der Derbysieger erzählen die beiden mit einem gewissen Stolz: „Wir haben beide ein Jahr Freiheitsstrafe und zehn Jahre Stadionverbot für die 1. und 2. Liga bekommen.“ „Ich habe einen fast ins Koma getreten.“ „Ich habe einem eine Bierflasche auf den Kopf gehauen.“ Das verleiht ihnen offenbar die Autorität gegenüber dem „Block“ in der Bahn. Der „Block“ pöbelt, bearbeitet Fenster und Innenverkleidung der Bahn mit Fäusten und der flachen Hand. Aufkleber „Scheiß BVB“ werden aufgeklebt. „Schauen Sie nicht weg - bis zu 250,- € Belohnung gegen Vandalismus… “ Was kostet ein neues Gebiss…?

Sicherheit zum Preis der Freiheit

Am Hauptbahnhof wieder in Überzahl die dunkle Masse der Polizei. Begriffe wie „Schutzfrau oder Schutzmann“ werden zum Zynismus. Gewaltpotential im Verein mit mangelnder Entscheidungskompetenz und gepaart mit Frustration und Hilflosigkeit macht diese Masse aus. Der Schutz der Bürgerinnen und Bürger, der Schutz der Freiheit haben den Vorrang offenbar verloren. Geht es darum, „Sicherheitsräume“ für Fußballchaoten zu schaffen? Abriegeln, Einkesseln, Wege versperren, Unbeteiligte reglementieren, ist das das Sicherheitskonzept der Polizei? Sicherheit zum Preis der Freiheit?

„Hier dürfen Sie nicht gehen, diesen Schal dürfen Sie nicht tragen, diese Bahn dürfen Sie nicht benutzen, diesen Eingang ins Stadion dürfen Sie nicht nehmen, wenn Sie ins Stadion gehen, müssen sie damit rechnen, beleidigt, belästigt oder verletzt zu werden, Sachbeschädigungen gehören dazu…, wissen Sie was, am besten bleiben Sie Zuhause, selbst Schuld, stellen Sie sich nicht so an. Wir können Ihre Sicherheit nicht garantieren, wir halten unseren Kopf hin, wir brauchen noch mehr Personal, dann können wir auch noch mehr Sicherheit schaffen, aber dazu brauchen wir auch noch bessere vor allem schärfere Polizeigesetze.“

Einem Krieg entkommen

In der S-Bahn sitzen zwei junge Frauen, sportlich elegant, offenbar völlig deprimiert und geschockt. In der Bahn dröhnen Schalker Schmähgesänge auf den BVB. Dieselbe, geschmacklose Qualität wie im BVB-Block in der Arena. Die Frauen erzählen, dass sie aus Hannover kommen und 96er und BVB-Fans sind. Sie wollten mal das Revierderby erleben. Es sollte entspannt zugehen. Hotel am Bahnhof in Dortmund gebucht, zwei Nächte mit Frühstück für 180,- €. Auf das Auto wird verzichtet, wegen der Staugefahr. Schwarzgelber Schal und mit der S-Bahn geht es nach Gelsenkirchen. „Am Bahnhof wurden wir gleich von der Polizei aufgefordert, den Schal unter der Jacke zu verbergen, ansonsten hätten sie uns nicht durch die Absperrung gelassen“, berichten sie und öffnen nun die Jacke und holen die Schals sichtlich erleichtert hervor. Am Stadioneingang für BVB-Fans sei es zu einem Gedränge gekommen, erzählen sie.„Die Fans vor einem verschlossenen Tor wurden aufgefordert, zurückzubleiben. Die konnten in dem Schlauch aber gar nicht zurück, weil von hinten nachgeschoben wurde. Dann hat die Polizei Pfefferspray oder so was eingesetzt“, drückten die Frauen ihre Empörung aus. Die Polizei habe ihnen auch noch auf dem Bahnhof vor der Rückfahrt untersagt, eine frühere S-Bahn zu nehmen. „Derby, das tun wir uns in Gelsenkirchen nicht mehr an.“ Als der erste Vorortbahnhof von Dortmund erreicht ist, schleicht sich das Gefühl ein, einem Bürgerkrieg entronnen und wieder in Sicherheit zu sein. Libuda zum Anfassen? Das ist lange vorbei.


Manfred Such, Jahrg. 1942, ehm. MdB, Innenpolitischer Sprecher der Grünen, ehem. Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft kritischer PolizistInnen

geschrieben von Manfred Such

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