Eua Senf

Groundhopping in der Slowakei, Vol. 3

07.02.2013, 00:23 Uhr von:  Gastautor
Groundhopping in der Slowakei, Vol. 3

Die letzte Etappe meiner Tour starte erneut mit Eishockey. Nein, Eishockey ist nun nicht meiner neuer Lieblingssport. Aber mangels Alternative und nach dem Derbykater ist das mal wieder eine nette Abwechslung und ein nettes Abendprogramm.

Dienstag, 23.10.12: Extraliga, HC Košice – HKM Zvolen 0:(3+1)

Steelarena in Košice, Bully 18.00 Uhr, Zuschauer ca. 4.500 (unbestätigt)

Der souveräne Tabellenführer kommt heute – und die Halle ist vielleicht zur Hälfte gefüllt. Das Spiel ist im Vergleich zu meinem ersten Besuch, ein richtiges Eishockeyspiel. Während sich die beiden Teams vor 2 Wochen einfach nicht wehtun wollten, geht es diesmal richtig zur Sache. Die Strafzeiten werden im Akkord verteilt, die Spieler, insbesondere vom Gast, richtig heiß. Penaltys auf beiden Seiten, sogar zwei 10-minütige Zeitstrafen für Zvolen. Zvolen kommt als Tabellenführer und zeigt auch gleich seine Klasse. 3 der 4 Tore werden eiskalt in Überzahl erzielt. Košice hat so gut wie keine Chance. Die Stimmung ist ok, Gästefans sucht man erneut vergeblich. Zvolen liegt ca. 3,5 Überland-Autostunden entfernt, von daher nicht ganz so verwunderlich. Allerdings kippt die Stimmung im letzten Drittel doch merklich – zumindest interpretiere ich das Fan-Verhalten so. Plötzlich wird jeder gewonnene Zweikampf des Gastes von der ganzen Halle bejubelt. Der vierte Treffer kurz vor Ende reist ALLE Zuschauer von den Sitzen. Verstehe dass wer will. Hatte eventuell etwas mit Häme fürs eigene Team zu tun, denn nach der Schlusssirene werden alle Spieler der Heimmannschaft ausgepfiffen. Und ich dachte, beim Eishockey hätten sich immer alle ganz doll lieb auf den Rängen und wären im Verhalten gegenüber ihrer Mannschaft immer loyal...

Mittwoch, 24.10.12: Slovnaft Cup Viertelfinale, Hinspiel, MFK Košice – Spartak Myjava 2:0

Štadión Lokomotívy v Čermeli in Košice, Anstoß 16.00 Uhr, Zuschauer ca. 860

Während zu Hause alles gebannt auf das Spiel des Jahres gegen Real warten, mache ich mich hier in die UEFA-5-Sterne-Deluxe-Arena auf. Vielleicht erwartet mich hier in Košice heute das Spiel des Jahres. Das Losglück hat mir während meiner Zeit noch ein Pokalspiel im slowakischen Slovftnaft Cup gegönnt. Slovtnaft ist eine Mineralölgesellschaft, die als Hauptsponsor dieses Wettbewerbs auftritt. Soweit nichts Ungewöhnliches. Die erste Runde wird nur unter den 38 Zweit- und Drittligisten ausgespielt. In der zweiten Runde kommen die Erstligisten hinzu. Die ersten drei Runden werden im klassischen Ein-Spiel-KO-Modus gespielt. Ab Viertelfinale werden die Spiele dann im Hin- und Rückspielmodus ausgespielt. Das Finale wird an einem neutralen Ort ausgetragen, der vom Verband jährlich bestimmt wird. Der Sieger erhält einen Startplatz in der Euro-League- Qualifikation. Den Wettbewerb gab es bereits zu Zeiten der CSSR. Seit 1969 wurden ein tschechischer und ein slowakischer Pokal separat ausgespielt. Die Sieger beider Pokalwettbewerbe ermittelten dann den Teilnehmer am Europapokal der Pokalsieger für die CSSR.

Der Pokal hat auch hier seine eigenen Gesetze, was sich gleich in der ungewöhnlichen Anstoßzeit bemerkbar macht. 16 Uhr in der Woche – das verspricht ein volles Haus. Das Geld, was man durch ausbleibende Zuschauer aufgrund der frühen Anstoßzeit nicht einnimmt, kompensiert allerdings die Tatsache, dass man das Geld zum Anschalten des Flutlichts spart. Zumindest braucht man das nur in der zweiten Halbzeit einschalten. Der Gegner – ebenfalls ein Erstligist aus dem unteren Mittelfeld der Liga - kommt zudem vom anderen Ende der Republik, fünf Autostunden entfernt. Entsprechend sucht man Fans des Gegners auch vergeblich im Stadion. Die Eintrittspreise sind unverändert zu denen der Liga-Spiele. Ich entscheide mich erneut für die 5 €-Karte auf der Haupttribüne.

Das Spiel ist ok, meine Erwartungen aber sowieso auf Sparflamme. Es gibt viele gute Chancen auf beiden Seiten, aber auch viele unerklärliche, einfache Fehler. Dafür, dass hier zwei Erstligisten aufeinander treffen, ist diese Fehlerquote enorm. Mitte der ersten Hälfte gibt es Strafstoß für MFK, der zum 1:0 führt. Danach verpasst es Košice den Sack zuzumachen, Myjava kriegt aber auch nichts mehr zustande. Kurz vor Schluss fällt noch das 2:0, was wohl zum Einzug ins Halbfinale reichen dürfte. In der Halbzeit spendiert der spärlich besetzte Ultra-Block der Heimfans eine Rauchbombe und ein bisschen Pyro, was aber die Massen auf den anderen Tribünen sowie die Ordner nicht interessiert. Das wars.

Freitag, 26.10.12: Extraliga, HC Košice – HC 05 Banska Bystrica 3+1:0

Steelarena in Košice, Bully 18.00 Uhr, Zuschauer ca. 8000

Zum Abschied und für die wirklich tolle und nette Art und Weise, wie ich her aufgenommen worden bin, lade ich gleich zu Beginn der Woche ein paar Kollegen zum Hockey inklusive ein paar Pivos ein. Zum Einladen kommt es aber leider nicht. Nach dem Košice nun zwei oder dreimal in Folge verloren hat und am Dienstag von den eigenen Fans herunter geputzt wurde, habe die armen, zarten Hockeyseelchen gleich am Mittwoch beschlossen, den Eintritt für dieses Spiel zu übernehmen. Also, freier Eintritt für alle die, die wollen. Man stelle sich mal vor, wie oft wir in den vergangenen Jahren in der Vor-Klopp-Ära schon freien Eintritt im Westfalenstadion hätten fordern können…In die Röhre gucken dabei allerdings die 3.500 Dauerkarteninhaber, die bekommen nichts für das Spiel geschenkt, während jeder andere, der bereits ein Tickets erworben hat, hierfür das Geld zurück bekommt. Also mache ich mich in der Mittagspause am Donnerstag mal eben auf, um Tickets für mich und die Kollegen zu holen. Mal eben ist gut, denn das „umsonst“ weckt auch hier plötzlich wieder gesteigertes Hockeyinteresse. 80 Minuten anstehen für 3 Tickets im ungeliebten Oberrang ist angesagt. Leider läuft die Ausgabe der Tickets in meinen Augen wenig professionell. Statt nach dem First-come-First-serve-Prinzip zu verfahren, sprich, die „besten“ Tickets gehen als erstes raus, darf jeder bis zu vier Tickets bekommen und auch noch frei wählen, wo sich diese befinden sollen. Das verzögert den Ausgabeprozess natürlich ungemein.

Dadurch, dass die Kollegen nun dabei sind, bekommt man auch etwas mehr Einblick in den Klub und das Drumherum. Košice hat mit Abstand den höchsten Etat (ca. 2,5 Mio €) der Liga und somit geht hat der Fan hier die Meisterschaft fest eingeplant. Vor allem, da mit Slovan der einzige echte Rivale der letzten Jahre, nicht mehr in der Liga spielt. Niederlagen sind also schon mal gar nicht erlaubt.

Mir fällt auf, dass die Ultras hinterm Tor alle Schwarz-Orange tragen, der Verein aber in Dunkelblau-Weiß aufläuft. Mit dem Einstieg des hiesigen amerikanischen Stahlproduzenten, wurden die Vereinsfarben und der Name des Klubs geändert. Ich äußere meinen Unmut, meine Kollegen zucken mit den Schultern. Wäre halt völlig normal. Mein Kollege will dann wissen, was in Dortmund passieren würde, wenn er den Verein kaufen würde und die Farbe von schwarz-gelbe in blaue-weiß ändern würde. Ich sage ihm, dass keiner mehr in Stadion gehen wird und sie ihn aber vorher umbringen werden…

Das Spiel ist gut, wenn auch einseitig. Die Stimmung ist klasse. Endlich mal. Die Mannschaft hat die Lektion gelernt und hängt sich voll rein. Ein ungefährdeter Sieg bei guter Atmosphäre. Am Ende darf der Torhüter noch die slowakische Variante der Humba vor den Fans machen…

Das Eishockey-Kapitel ist somit für mich hier geschlossen.

Samstag, 27.10.12: Premjer Liha, Ukraine, FC Horvelar-Zakarpattya – FK Krywbas Krywyj Rih 1:1

Stadion Avangard in Uschhorod, Anstoß 14.00 Uhr, Zuschauer ca. 1.950

Die wohl spannendste Reise stand bevor. Man verlässt die EU-Außengrenze. In die Ukraine reist man nicht mal eben so, obwohl sich die Bedingungen, nicht zuletzt aufgrund der Fußball-EM im Sommer schon merklich verbessert haben sollen. Seit einigen Jahren benötigt man als EU-Bürger auch kein Visum mehr. Lediglich ein Reisepass ist erforderlich und man kann sich bis zu 90 Tage am Stück dort aufhalten. Trotzdem, die Grenzkontrollen können von einigen Minuten bis zu mehreren Stunden dauern, je nach Lust und Laune der Grenzbeamten – auf beiden Seiten. Einen Mietwagen kann man in der Regel nicht für die Ukraine leihen und eine Einreise per Zug ist mit viel Zeit verbunden, da die Waggons an der Grenze auf anderen Achen gesetzt werden müssen. In den alten Sowjetrepubliken hat das Schienensystem eine andere Spurweite, so dass man an der Grenze im Zug locker 3 Stunden für den Achsenwechsel einplanen kann. Bleibt also der Bus. Die Reise nach Ushgorod dauert ca. 3 Stunden, eine Stunde davon verbringt man in etwas an der Grenze. Die Fahrt kostet 6,70 €. Ich steige um 06.40 Uhr in den Bus. Um 08.30 erreichen wir die Grenze. Es ist wenig los. Erst wird auf slowakischer Seite kontrolliert, dann auf ukrainischer. Der slowakische Grenzer ist relativ freundlich. Die Grenzbeamtin auf ukrainischer Seite ist ebenfalls freundlicher, als erwartet. Auch hier werden die Pässe im Bus kontorolliert. Im Bus sitzen nur Slowaken und Ukrainer – und ich. Ich werde auch gleich gefragt, wo ich hin will und ob ich beruflich oder privat unterwegs sei. Alles gut, will ja nur zum Fußball, kein Schnaps und keine Zigaretten schmuggeln usw.

Ushgorod liegt direkt an der Grenze, so dass wir nach den Kontrollen auch relativ fix gegen 09.30 Uhr – Ortszeit 10.30 Uhr - dort sind. Man kommt schon irgendwie in eine völlig andere Welt. Während in der Slowakei alles relativ westlich orientiert ist und auch das Erscheinungsbild sehr westeuropäisch geprägt ist, merkt man hier gleich den russischen Einfluss. Der Busfahrer lässt uns an der Hauptstraße raus. Ich bin etwas irritiert, hatte ich doch mit einem typischen Busbahnhof als Haltestelle gerechnet. Ich bin erst mal ein bisschen geschockt, weil doch orientierungslos. Dass die Hinweisschilder alle auf Kyrillisch sind, war mir ja klar, aber irgendwie habe ich mal in diesem Moment gar keine Orientierung. Ich laufe erst mal los. Kurz vor der Haltestelle hatten wir einen Fluss, den Usch, überquert und das sah da ziemlich angenehm und gut aus, wie ein großer Park. Ok, ich mache mich in diese Richtung auf und finde nach ca. 1,5 km auch ein Hinweisschild auf touristische Attraktionen und Hinweis auf den Stadtkern. Wow, alles richtig gemacht. Entlang am Fluss geht es dann Richtung Stadtkern. Nett, wirklich und plötzlich ist auch nichts mehr von diesem Sowjet-Charme der 70er zu sehen. Von google-maps wusste ich, dass das Stadion an diesem Fluss lag und sehe dann auch gleich zu meiner Erleichterung die Flutlichtmasten, entgegen dem Weg in den Stadtkern. Ein Hauch von Weser-Stadion-Flair überkommt mich. Jetzt noch ein Schiffsanleger und ein Haake…

Der Stadtkern überrascht mich dann positiv. Sehr nett, gepflegt. Russischer Baustil, kombiniert mit diesem österreichisch-ungarischen Stil des letzten bzw. vorletzten Jahrhunderts. Man hat ein Burgruine und unzählige kleine orthodoxe Kirchen. Die Kirchen strahlen förmlich und sind sehr, sehr herausgeputzt. Das ist aber glaub ich typisch für die ehemalige Sowjetunion. An der Beschilderung für potenzielle Touristen muss man allerdings noch arbeiten. Schilder sind, wie geschrieben, vorhanden, die Richtungsführung ist allerdings manchmal nicht so ganz eindeutig. Schwierig ist allerdings auch, jemand zu finden, der Englisch spricht. Nach etwas Sightseeing geht’s dann, idyllisch am Fluss entlang, zum Stadion.

Das Stadion hat selbstverständlich diesen Ostblock-Charme. Eine unüberdachte Schüssel mit angrenzendem Wohngebiet. Ich suche das Ticketoffice und erreiche das Stadiontor, was wirklich recht pompös daher kommt. Es gibt 2 Kassenhäuschen, glaube ich zumindest. Auf dem Vorplatz stehen einige Händler, die auf Gartentischen Fanartikel, Sonnenblumenkerne und Eintrittskarten anbieten. Ja, auf einem Tisch befinden sich ein paar Bündel mit Eintrittskarten. Ich bin erst skeptisch, sehe aber, dass irgendwie viele Leute dort Karten kaufen. Ich frage auf Englisch und bekomme die Antwort auf Ukrainisch. Der Mann gibt sich aber Mühe mir relativ schnell anhand der Karte zu erklären, wo ich überall sitzen kann. Klappt doch. Die Karte kosten 20 UAH, was ca. 2,00 € entspricht. Ein 0,5 l-Pils vom Fass toppt mit knapp 80 ct nun alles, was ich in den vergangenen Wochen erlebt habe. Nur trinken die Ukrainer kein Pils vom Fass, sondern decken sich gleich üppig mi 1-Liter-Plastikflaschen voll Pils ein. Wie teuer die sind, weiß ich nicht… Grillgut o.ä. gibt es nicht, nur Sonnenblumenkern.

Während Stadiontor und der Bereich dahinter noch gut und einladend aussehen, entpuppt sich das Stadion, je näher man ran kommt, als wahre Perle. Alles Abwertende, was ich an dieser Stelle in den letzten Wochen über slowakische Stadien geschrieben habe, nehme ich hiermit zurück! Das Stadion wird vom Rost, eingeschlagenen Fensterscheiben und abbröckelndem Putz dominiert. Als Sanitäre Einrichtungen dienen ein Trafohäuschen vorm Stadion und die umliegende Botanik. Innen sieht es nicht viel besser aus. Hohe, verrostete Zäune schützen die Spieler vor den bösen Zuschauern. Gereinigt werden ebenfalls nicht. Die Reste der Sonnenblumenkerne vom letzten Match liegen zwischen den Stühlen. Ich frage einen Ordner wo denn mein Platz sei, da auf der Karte alles auf Kyrillisch steht. Der Typ ist wieder sehr freundlich, spricht Englisch, erklärt mir wo ich die Beschriftung der Reihe erkennen kann und begleitet mich bis zu meinem Platz. Ich bedanke mich für den netten Service. Haupttribüne und Gegengerade sind zum Teil gefüllt. In den Kurven tummeln sich nur die Ultras beider Klubs. Der Gegner bringt ungefähr 10 Mann mit, Hoverla hat ca. 20 Mann, die für Stimmung sorgen. Pünktlich zum Anpfiff tritt der vorhergesagte Regen ein. Hoverla wurde 1946 gegründet, hat aber bereits einige Male seinen Namen geändert. Der Verein spielt derzeit seine 6. Saison in der ersten ukrainischen Liga und ist vor der Saison aufgestiegen. Der erste Aufstieg gelang 2000. Krywbas spielt seit 1992 ununterbrochen in der Liga. Die größten Erfolge sind dabei 3 3. Plätze.

Hoverla ist für mich natürlich interessant, da dort mit David Odonkor ein ehemaliger Schwarzgelber spielt. Vor der Saison haben sicherlich viele überrascht reagiert, dass er diesen Schritt gewagt hat und sich gefragt, ob er nicht anderen, bessere Alternativen hatte. Weshalb er nun in der ukrainischen Liga bei einem Aufsteiger spielt, wird leider relativ schnell deutlich. Sein Einsatzwillen ist ungebrochen, aber technisch limitiert und ein Flankengott war er ja auch schon zu seiner Glanzzeit und leider hat er nun auch noch einiges von seiner Stärke, der Schnelligkeit, eingebüßt. Letzteres sicherlich aufgrund seiner vielen, langwierigen Knieverletzungen. Man muss sicherlich zu Gute halten, dass seine Mitspieler ihn auch nicht gut einsetzen, denn schnell ist er ja im Verhältnis zu den anderen immer noch irgendwie. Odonkor ist aber scheinbar die Persönlichkeit im Verein. Er führt alle Standards aus, was aufgrund seiner oben beschrieben Fähigkeiten, nicht gerade ein Vorteil sein muss… Er kämpft, aber Ende tut er mir fast ein wenig leid. Das Spiel läuft irgendwie an ihm vorbei. Kurz vor Planung des Trips lese ich dann zu meiner Überraschung, dass ein weiterer ehemaliger Borusse in Ushgorod im Kader steht. Einer von der unendlich langen Liste der einst verheißungsvollen internationale Talenten, die entgegen von Angeboten von irgendwelchen großen Clubs doch zu uns gewechselt sind, die dann aber doch irgendwie in der Versenkung verschwunden sind. Damian Le Tallic. Er spielt als einzige Sturmspitze im Sturmzentrum und leider sieht man auch bei ihm ganz schnell und deutlich, weshalb er hier gelandet ist. Er wird dann sogar im Verlauf des Spiels vorzeitig ausgewechselt.

Das Niveau des Spiels scheint etwas höher als in der Slowakei, wobei beide Teams nun nicht zu den Perlen der Liga zählen. Torchancen sind erst mal rar. Der ein oder andere Akteur hat ein paar brauchbare Szenen zu bieten, mehr aber nicht. Nach einem Abwehrfehler geht der Gast in Führung und Hoverla ist es erst mal völlig aus dem Konzept – das es eigentlich von Spielbeginn an nicht gibt. Die Waffe Odonkor sticht nicht und die Versuche der anderen sind sehr bieder. Die Zuschauer äußern stark ihren Unmut. Halbzeit. Alle flüchten vorm Regen unter die baufälligen Unterstände unter den Tribünen. Ob das hält, frage ich mich, aber besser lass ich mich vom abbröckelnden Putz berieseln, als nass zu werden beschließe ich.

Die zweite Halbzeit plätschert da vor sich hin, so wie der Regen vom west-ukrainischen Himmel. Als keiner mehr mit einem Tor rechnet, die Leute schon in Scharen das Stadion verlassen, da fällt doch noch der Ausgleich kurz vor Schluss. Das wars dann aber auch. Zum Abschied schallt durch die Lautsprecher noch Modern Talking…

Für die Rückreise hatte ich nun einige Optionen, ohne zu wissen, ob die auch wirklich funktionieren würden. Ich entschloss mich, ein Taxi in der Stadt zu suchen und mich zu einem ca. 20km entfernten Grenzübergang fahren zu lassen. Dieser Grenzübergang verläuft mitten durch ein kleines Dorf, welches folglich in einen slowakischen und einen ukrainischen Teil geteilt ist. Der Übergang ist nur für Fußgänger und Radfahrer, entgegen der anderen slowakisch-ukrainischen Grenzübergänge. Der Vorteil ist, dass man keine lange Wartezeiten hat, der Nachteil, dass man auf beiden Seiten ziemlich in der Pampa ist. Ich suche mir in der Innenstadt ein Taxi, was nicht ganz so einfach ist. Entweder verstehen die Fahrer kein Englisch oder versuchen einen gleich abzuzocken. Der Preis war mit ca. 10 € für die Strecke ok und entsprach dem, was ich mir vorher im Internet so recherchiert hatte. Der Taxifahrer gönnt mir mit seinem alten, klapprigen Lada Samara noch eine kleine Tour durch die Stadt. Danach wird die Fahrt immer abenteuerlicher, denn je weiter man auf Land kommt, desto großer werden die Schlaglöcher in der Straße. Kurz vorm Ziel kann man eigentlich nicht mehr von „Schlaglöchern“ und „Straße“ sprechen, so tief und häufig treten diese Krater in den Asphaltresten auf.

Irgendwie kommen wir aber nach ca. 25 min am besagten Grenzübergang an. Weil es pisst, ist an der Grenze nichts los. Der Ukrainer will wissen, was ich in Ushgorod gemacht habe. Fußball ist meine Antwort und ich sehe ein ungläubiges Lächeln in seinem Gesicht. Ich zeige ihm dann noch meinen Schal als Beweis und erkläre, dass ja in Ushgorod ein Deutscher spielt. Er prüft und prüft und prüft und stempelt dann endlich ab. Ein „auf Wiedersehen“ macht ihn dann zumindest doch etwas sympathisch. Die Slowaken wollen nur wissen, ob ich Kippen und Schnaps dabei habe, als ich erneut meinen Krempel auspacke, bin ich uninteressant und werde durch gewunken. Geschafft. Am Vortag hatte ich ein slowakisches Taxiunternehmen im Umkreis des Dorfs angeschrieben und gefragt, wie teuer eine Fahrt in die nächst größere Stadt, Michalovce, sei. 27 €. Ich schreibe, was ich vorhabe und da die Grenzüberquerung immer mit einigen Unwägbarkeiten verbunden ist, schreibe ich, ich würde mich melden, sobald ich drüben sei. Und – als ich die Grenze passiere, steht da der angekündigte Wagen, ohne, dass ich den bestellt habe! Geiler Service. Nagel neuer A6, beheizt. Besser kann der Gegensatz zwischen diesen beiden Staaten nicht beschrieben werden. Die Fahrt dauert ca. 30min und ich bin gegen 16.30 Uhr in Michalovce, also alles, wie ich das vorher geplant hatte. Denn, um 17.30 Uhr ist da noch ein Spiel…

Samstag, 27.10.12: 2. Liga, Slowakei, MFK Zemplin Michalovce – FK Slovan Duslo Šal´a 1:2

Mestsky Stadion in Michalovce, Anstoß 17.30 Uhr, Zuschauer ca. 515

Es ist kalt, es ist dunkel und die Gegend um den Bahnhof jetzt auch nicht die Edelste. Hunger habe ich auch, hab aber jetzt keine Zeit dazu. Auf zum Stadion. 30 min Fußweg vom Bahnhof. Ich erwarte nicht viel. Etwas mit Dach wäre schön, weil Regen hatte ich schon genug heute. Ich bestelle eine Karte für eine Tribüne mit Dach. Tja, Englisch ist Glücksache. Die Dame am Tickethäuschen versucht noch jemanden zu finden, der Englisch spricht. Mir egal. Ich sage ihr auf Englisch (super Idee) sie soll mir einfach eine geben. 3,00 € für ein Zweitligaspiel ist schon stolz.

Ich bin etwas überrascht. Das Stadion hat am Einlass Drehkreuze. Was ist das denn? Dann hauts mich aus den Socken. Das Stadion ist relativ neu. Klein, aber fein. Gegengerade und Haupttribüne überdacht, Hinterm Tor kein Dach und sogar in den Ecken zwei kleine Stehbereiche. Versorgungsstände sucht man leider vergebens. Im Stadion hat man für 3,00 € freie Platzwahl. Die Haupttribüne, wo ich unter den ganzen alten Säcken sitze, ist gut besucht, die Gegengerade etwas. Der Rest er gar nicht. Die 10 Ultras von Zemplin machen sich in einer der Kurven breit, flüchten dann aber vor dem zu Spielbeginn eintretenden Regen auf die Gegengerade. Support ist aber da, der teilweise auch auf die Haupttribüne rüber kommt. Gästefans sucht man vergebens. Das Spiel ist ok, verglichen mit dem Niveau, was ich nun seit einigen Spielen in der Slowakei gesehen habe. Zemplin geht in Führung und das Spiel im Griff. Doch eine Chance der Gäste reicht zum Ausgleich. In der zweiten Hälfte werde die Gäste dann stärker und dominieren das Spiel. Folgerichtig fällt das 1-2. Zemplin wehrt sich, aber irgendwie auch ohne Konzept. Die Leute äußern wieder stark ihren Unmut und flüchten teilweise vor Abpfiff. Es passiert auch nichts mehr. Ende. Ich mache mich auf zum Bahnhof. Mein Zug nach Košice (ca. 1,5 Stunden Fahrtzeit) fährt um 20.00 Uhr. Genug Zeit, um mich wenigstens noch an einer Tanke mit 2 Dosen Pils und nem Schokoriegel einzudecken. In Košice wird dann das goldene M auf mich warten. Und ein warmes Bett. Perspektive…

Sonntag, 28.10.12: Corgoň Liga, Slowakei, MŠK Žilina – FK Slovan Bratislava 0:0

Štadión pod Dubňom in Žilina, Anstoß 19.00 Uhr, Zuschauer ca. 4.612

Wintereinbruch. Topspiel. Das letzte Spiel meiner Zeit in der Slowakei stand. Noch einmal investiere ich 3 Stunden Zugfahrt. Die Partie verspricht zumindest etwas. Der Zweite empfängt den ersten. Zilina, immerhin der letzte slowakische CL-Teilnehmer in der Gruppenphase und amtierender Doublesieger trifft auf Slovan Bratislava, den größten Klubs des Landes. Das Bratislava – sowohl die Stadt als auch deren Sportklubs – nicht gerade beliebt im Lande sind, habe ich mittlerweile verstanden. Das Stadion liegt glücklicherweise direkt am Bahnhof. Auf dem Weg fallen mir die vielen, schwer bewaffneten Polizisten auf. Völlig untypisch für das, was ich bisher in dieser Liga erlebt habe. Hochsicherheitsspiel, würde man wohl gemessen an der Verhältnismäßigkeit hier sagen. Der Eintritt kommt mit 10 € auch sehr üppig daher. Dazu musste ich beim Kauf des Tickets meinen Namen und meine E-Mailadresse hinterlegen. Auch etwas Neues in diese Liga für mich.

Das Stadion ist von 1941, wurde aber in den vergangenen Jahren renoviert und wirkt für hiesige Verhältnisse ziemlich modern. Trotzdem zieht es wie Hechtsuppe an meinem Platz und das bei gefühlten -10 Grad. Die Haupttribüne ist gut gefüllt, die Heimtribüne hinterm Tor ebenfalls. Weshalb dieses Aufgebot an Polizisten da ist, frage ich mich bis ca. 10 min vor Anpfiff, denn im Gästeblock tummeln sich bis dahin 5 Personen. Eingeheizt wird mit Ramstein, The Clash etc. Um kurz vor Anpfiff ist der Gästeblock dann zu meinem Erstaunen richtig gut gefüllt. Neuland auch für mich in dieser Liga. Alkohol im Stadion gibt es leider nicht. Das Spiel startet und der Support von beiden Seiten ist gut. Die „Ultras Slovan Pressburg“ sind sehr lautstark und stimmen viele gute Gesänge an. ?ilinas Fans reagieren ebenfalls gut, initiieren beispielsweise öfter einen Doppelgesang mit der Haupttribüne. Klingt gut und ich bin ganz begeistert. Das ist endlich mal Atmosphäre. Das Spiel qualitativ das Beste, was ich in dieser Liga bisher gesehen habe, allerdings ohne große Torchancen. Halbzeit. Ich hüpfe, nicht vor Freude, sondern weil es so scheiße kalt ist. Die zweite Halbzeit flacht sportlich etwas ab. Der Support friert ebenfalls ein. Leider. Am Ende ein verdientes, leistungsgerechtes 0-0.Und das zum Abschluss meiner Tour… Abpfiff, ich beeile mich, denn zum einen ist es mittlerweile unerträglich kalt, zum anderen fährt mein Zug um kurz nach 21 Uhr. Ich erreiche pünktlich den Bahnhof und sehe 50 Minuten Verspätung. Am Ende sind es 90 Minuten. Auch hier scheint jeder Winter für die Bahn überraschend zu kommen. Wenigstens ist der Bahnhof gut geheizt. Um 01.30 Uhr liege ich im Bett. Ende. Das wars.

geschrieben von Holger

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