Wir müssen reden. Und brüllen!

20.02.2013, 22:10 Uhr von:  Redaktion

Logo von Inne EckeSchlimme Zeiten beim BVB. Sehr schlimm. Aufm Rasen ist ja alles so weit tippitoppi. Aber das Pack, das sich bei uns offenbar immer noch auf den Tribünen rumtreibt, geht einfach nicht. Und jetzt haben Faschos auch noch zwei Menschen angegriffen, die jedem BVB-Fan etwas bedeuten sollten. Was in Donezk passiert ist, war kein x-beliebiger Angriff. Es war ein Angriff auf jeden Fan. Und was machen wir? Wir halten die Klappe!

Ey, Borussen, das geht so nicht. Denken wir doch bitte mal einen Moment darüber nach, wen es in Donezk erwischt hat, ja? Jens Volke – einer aus unserer Mitte, der sich über Jahre den Arsch für die Fanszene aufgerissen hat. Der immer den „Dortmunder Weg“ der Ultras, vor allem von The Unity, verkörpert hat. Ein Fan, ohne den einiges in Dortmund nicht so gut wäre wie es derzeit ist. Insbesondere wenn man an den Dialog zwischen Verein und Fans/Ultras denkt.

Thilo Danielsmeyer ist eine Seele von Mensch. Wenn ich mir vorstelle, dass dieser Mann von rechten Spacken hinterrücks auf dem Klo überfallen wurde, könnte ich kotzen. Ausgerechnet Thilo, der im Zweifel an das Gute im Menschen glaubt und sich selbst für hoffnungslose Fälle einsetzt. Dass er von einem seiner ehemaligen... Problemfälle... gerettet wurde, spricht in meinen Augen Bände über seine Persönlichkeit.

Und was machen wir? Wir singen „You’ll never walk alone“ und denken dabei nicht an Jens und Thilo. Wir stehen auf der Süd und sitzen in der Ecke und schauen das Spiel. Wir bejubeln Tore, liegen uns in den Armen und feiern – und lassen unsere Freunde im Stich. Während die Frankfurter uns „Nazi-Schweine“ nennen dürfen. Ich habe das bei mir inne Ecke leider nicht gehört. Zum Glück, weil ich mich sonst geschämt hätte.

Ich will ja nicht sagen, dass früher alles besser war, so Ende der 80er bis Anfang/Mitte der 90er. Immerhin fingen wir damals an, die Augen vor Kommerz und finanziellem Wahnsinn zu verschließen. Aber wenn eines funktioniert hat, dann der reflexartige Ruf „Nazis raus“ auf der Südtribüne. Wenn heute von Selbstreinigung in der Fanszene gesprochen wird, dann sind diese Rufe immer das, was mir sofort in den Sinn kommt.

Wann hatten wir die zuletzt? Am Spieltag, nachdem auf der Süd das Solidaritätsbanner für den Nationalen Widerstand gezeigt worden war, hielten immerhin einige zig tapfere Fans Schilder mit der Aufschrift „Block 15 gegen Rechts“ in die Höhe. Der Rest war Schweigen. TU und die Fanabteilung haben mit „Borussia verbindet Generationen, Männer und Frauen, alle Nationen“ immerhin ein Zeichen gesetzt.

Der Rest schwieg. Ich auch. Und es ist mir peinlich.

Das letzte Mal „Nazis raus“, an das ich mich erinnere, war 2002 in Rotterdam. Wisst ihr noch? Rechtspopulist Pim Fortuyn war erschossen worden, Gedenkminute vor dem Uefa-Cup-Finale... Die Holländer schwiegen, ich fing an „Nazis raus!“ zu rufen und plötzlich machten alle mit. Das hat sich gut angefühlt.

Warum habe ich das am Samstag nicht gemacht? Bei mir inne Ecke? Vielleicht weil ich fürchtete, dass niemand gewusst hätte, warum ich rufe. Weil wir inzwischen so ein verdammt großes Stadion haben, dass man nicht davon ausgehen kann, dass jedes Mitglied der Borussen-Familie weiß, was gerade wo passiert. Und weil – da müssen wir ehrlich sein – viele, viele Stadiongänger einfach keinen Bock haben.

Muss uns das nicht aber eigentlich egal sein? Ich gestehe, dass ich am Samstag auf einen Startschuss gewartet habe, endlich frenetisch in einem großen Chor „Nazis raus!“ brüllen zu dürfen. Ich glaube, ich hatte Angst, dass ich der einzige Rufer inne Ecke bleibe. Und wer weiß, vielleicht hatte der Typ zehn Meter weiter unten den selben Gedanken. Und das Mädel neun Plätze weiter links in meiner Reihe. Und vielleicht auch der Typ neben dir? Oder du selbst? So entsteht die berühmte „schweigende Mehrheit“.

Lasst es uns doch nächstes Mal einfach versuchen. Der Text ist ganz einfach.

Euer,

desperado09, 20.02.2013

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