Unsa Senf

Familienvater verzweifelt gesucht

03.06.2012, 10:09 Uhr von:  Redaktion

Hallo? Wer bist du? Und wo? Ich würde dich so gerne mal kennenlernen. Und über Sicherheit in Stadien diskutieren. Und Sicherheit allgemein. Leider weiß ich nicht viel über dich. Nur, dass du Familienvater bist und offenbar mindestens einen Sohn hast. Und: Du traust dich nicht mehr ins Stadion. Wegen der Stehplätze und der Chaoten, die immer von Stehplätzen aufs Feld rennen und dabei Pyro einsetzen. Das machen die sogar in Stadien, in denen es gar keine Stehplätze gibt. Verdammte Chaoten!

Du hast also Angst. Damit weiß ich, dass du nicht der Familienvater bist, der neulich neben mir gesessen hat. Mit ihm habe ich mich über das Relegationsspiel in Düsseldorf unterhalten und er sagte, er werde auch weiterhin mit Sohn ins Stadion gehen. Angst habe er nicht gehabt.

Du bist auch nicht ich, weil ich auch in der kommenden Saison mit meinen Kindern ins Westfalenstadion gehen und keine Angst haben werde. Die Familienmutter übrigens auch nicht.

Du bist auch nicht mein Vater, weil der früher, als er selbst Familienvater war, mit mir ins Stadion gegangen ist, obwohl es in den 80ern viel mehr Gewalt rund um den Fußball gegeben hat als heute. Und auch heute kuckt er mich nicht böse an, wenn ich mit seinen Enkelkindern ins Stadion gehe.

Also, wer bist du?

Es gibt wichtige Menschen, die alle schon mit dir gesprochen haben. Minister zum Beispiel. Und Journalisten. Beide erwähnen dich gerne in Statements und Kommentaren und immer wieder betonen sie, dass sie möchten, dass du in Zukunft ohne Angst mit deinem Sohn ins Stadion gehen kannst. Die Innenminister setzten dich sogar auf die Tagesordnung ihrer Konferenz. Du musst dort gewesen sein und über deine Ängste gesprochen haben. Weil die Innenminister nach ihrer Konferenz gesagt haben, man müsse vielleicht Stehplätze abschaffen, damit du dich sicher fühlst.

So, so. Du gehst also mit deinen kleinen Kindern in den Stehblock. Das ist ja nicht unbedingt falsch. Aber warum stellst du dich im Westfalenstadion mitten in Block Drölf? Nicht in den Oberrang oder an den Rand, in Block 10 oder 15? Du stehst da, wo die harten Jungs sind. Joa, kann man machen, muss man aber vielleicht nicht, oder? Und du gehst dann also, nachdem dein Junge von Pyro eingeräuchert und mit Bier geduscht wurde, zu deinem Innenminister und erzählst ihm, dass dein Stehplatz abgeschafft werden muss, damit du keine Angst mehr vor Pyro und Bierduschen haben musst. Weil die Menschen durch die Versitzplatzung automatisch intelligenter und einsichtiger werden und dann auf Pyro verzichten? Oder wie meinst du das? Erklär’s mir bitte. Ich sitze inne Ecke, dort, wo Famlienväter und ihre Kinder hingehören. Und selbst in Block 13 habe ich schon kleinere Kinder durchaus angstfrei Fußball kucken gesehen. Okay, das war in einer Zeit, als Pyro gerade nicht so in war. Trotzdem: In 90 Prozent der Fälle, kann wahrscheinlich jeder die Bereiche auf der Süd anmarkern, in denen es zum Einsatz von Pyro kommen könnte. Wenn du berechtigterweise Angst vor Pyro hast, STELL DICH DA NICHT HIN!

Ich hoffe übrigens, dass du deinem Innenminister auch schon gesagt hast, dass du mit deinem kleinen Jungen zu Rock am Ring möchtest, aber auch dort die Stehplätze abgeschafft haben möchtest, weil es da Bierduschen gibt und die Leute da immer so komisch brutal tanzen, wenn die ganz lauten bands spielen. Da kriegt dein Junge doch Angst.

Ich hoffe auch, dass du beim Deutschen Skiverband die Abschaffung von Schwarzen Pisten gefordert hast, weil sich dein Vierjähriger, der gerade mal den Schneepflug beherrschte, dort ein Bein gebrochen hat. Unverantwortlich, solche Pisten zu betreiben.

Und ich hoffe, dass du den bayerischen Innenminister gebeten hast, auf dem Oktoberfest Bier nur noch in Pappbechern servieren und auf festinstallierter Bestuhlung konsumieren zu lassen, weil dein siebenjähriger Sohn es nicht so toll findet, wenn ihm um 22 Uhr ständig Maßkrüge an den Kopf schlagen.

Noch mehr hoffe ich, dass du dich für die Abschaffung von Autobahnen einsetzt, weil man dort nicht mehr ungefährdet unterwegs sein kann, angesichts der vielen rasenden und drängelnden sogenannten Autofahrer. Und erst die sogenannten Lkw-Fahrer...

Oder du fängst an, nachzudenken und nicht alles zu glauben, womit Politiker, Polizei-Funktionäre und Presse Panik zu schüren. Denk nach, ob du länger als dummes Beispiel für die Angst, die wir alle angeblich haben, dienen willst.

Bela B. singt auf dem neuen Ärzte-Album "Nur weil die Angst regiert, heißt das nicht, dass du auch welche hast!" Recht hat er. Komm, Familienvater, gib dir einen Ruck und schrei es ihnen ins Gesicht, den Politikern, Polizei-Funktionären und der Panik-Presse! "ICH HABE KEINE ANGST IM STADION, weil es dort nichts gibt, wovor man Angst haben müsste!" Und ihr, Familienväter, macht mit! Seid präsent, schreibt es im SG-Forum und auf Facebook und auf Twitter. Schreibt Leserbriefe und Mails. Macht auf euch aufmerksam, seid nicht länger die schweigende Mehrheit. Noch ist es nicht zu spät. Macht deutlich, dass wir, verdammt noch mal, KEINE ANGST haben!

DISCLAIMER: Dieser Text soll Pyro nicht verharmlosen. Pyro sieht toll aus, ist aber gefährlich. Die Gefahr, die von Pyro in einer Menschenmenge ausgeht, lässt sich nicht wegdiskutieren. Wer Pyro unter den gegebenen Voraussetzungen in deutschen Fußballstadien einsetzt, gefährdet sich und andere. Wissentlich Mitmenschen zu gefährden, ist asozial und nicht tolerierbar. Aber: Sämtliche Stehplatzbesucher für das asoziale Verhalten einer Handvoll Fans in Sippenhaft zu nehmen, ist nicht rechtstaatlich. Es ist populistisch und unwürdig.

Euer

desperado09, 02.06.2012

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