Unsa Senf

Von Brandstiftern und Aliens

24.05.2012, 10:09 Uhr von:  Redaktion

Gott, was bin ich froh! So froh, dass Sommerpause ist und mal so gar nicht über Fußball geredet wird. Aber wirklich so gar nicht. Weil das, was momentan so in der deutschen Medienlandschaft rauf und runter diskutiert wird, ja wirklich überhaupt nix mit Fußball zu tun hat. Eher mit geistiger Brandstiftung.

Wenn Johannes, der Täufer, Kerner persönlich zur Fackel greift, um an einer unschuldigen Schaufensterpuppe zu demonstrieren, wie gefährlich Bengalos in einem vollbesetzten Block sind, dann ist das gleich doppelt traurig. Mindestens doppelt. Erstens ändert Kerner mit seinem oberleherhaften Experiment rein gar nichts bei denen, die meinen, im Stadion Pyro zünden zu müssen. Zweitens wird er auch in deren Umfeld keine Änderung herbeiführen. Oder meint ihr, demnächst wird jemand im Block warnend den Zeigefinger heben und sagen: „Denk an die Puppe vom Kerner.“ Und was kann Britta Becker schon dafür? Und brandgestiftet hat höchstens der Johannes Baptist selbst, weil er nicht bereit war, auch nur im Ansatz darüber zu diskutieren, warum die Situation so ist, wie sie ist.

„Hart aber fair“ am Montag war in der Tat verdammt hart zu ertragen und selten fair. Unser Chef Dr. Rauball sagte viel Wahres, der Leiter des Düsseldorfer Fan-Projekts durfte nicht die Wahrheit sagen, weil Kerner sie nicht hören wollte und der stellv. Vorsitzende der GdP war groß darin, anderen die Schuld für die aktuelle Misere zu geben. Dann ist ja gut, weil alles normal.

Am Dienstag folgte dann nach der live übertragenen Hinrichtung von Arjen Robben durch das Münchener Opern-Publikum der zweite mediale Geniestreich. Ich muss aber gestehen, dass ich es nicht geschafft habe, die Sendung „Menschen bei Maischberger“ bis zum Thema „Randale“ durchzuhalten. Ich war zu sehr damit beschäftigt, die Menschen bei Maischberger zu suchen, fand aber nur einen selbsternannten Bären. Und viele Außerirdische. Der Bär und die Außerirdischen und Sandra Maischberger diskutierten wohl über Fußball, glaube ich. Der Bär sagte irgendwann, dass sein Goldfisch Poldi heißt. Mehr Niveau sollte nicht kommen. Einer der Außerirdischen erzählte immer von früher. Später habe ich gelesen, dass ein anderer Außerirdischer gesagt haben soll, Choreos seien faschistoid. Hihi, der war gut. Da bekomme ich gleich Lust, „Men in Black 3“ zu schauen, wenn Aliens jetzt solche Witze machen.

Das Schlimme an der ganzen Chose ist nur, dass die das wirklich ernst meinen. DIE Medienmacher meinen wirklich, dass ein Ex-Trainer, der mal eben aufgetaut und mit einer Flasche Jahrgangshustensaft wiederbelebt wird, etwas über Fußball-Fans sagen kann. Und die glauben wirklich, dass all diese Bären, Außerirdischen und Kerners und Pochers und Polizisten wirklich wissen, wie Fans ticken! DIE glauben das. Warum sie das glauben? Das weiß ich!

Journalisten haben grundsätzlich keine Ahnung von geschätzt 90 Prozent der Themen, mit denen sie sich befassen. Ist ja auch logisch. Hätten sie Ahnung von sooo vielen Dingen, wären sie nicht Journalisten, sondern Kandidaten bei Jauch aufm Stuhl. Also, die haben keine Ahnung. Wen fragt man, wenn man keine Ahnung hat? Jemanden mit Ahnung. Wenn’s ganz blöd läuft, hat dieser Jemand wirklich Ahnung und als Ahnungsloser versteht man nicht, was er sagen will. Das ist dann Pech, weil man den dann immer unterbrechen muss, damit er kurz dem Zuschauer erklärt, wie das jetzt gemeint war, weil man ja den Zuschauer von ganz, ganz unten abholen muss. Haaach, gut, dass man den dummen Zuschauer als Schutzschild vor die eigene Ahnungslosigkeit drapieren kann... Hat man mit zu expertigen Experten schlechte Erfahrungen gemacht, weil die tatsächlich wussten, wovon sie redeten, gibt es einen Strohhalm: Man lädt sich Fachjournalisten in die Sendung ein (nein, ein normal denkender Mensch versteht auch jetzt noch nicht, warum Kerner dann bei Plasberg war). Die gehen nämlich in der Regel davon aus, dass Ihr Gegenüber von überhaupt nichts eine Ahnung hat und versuchen alles auf dem niedrigst-möglichen Niveau zu erklären. Guter Ansatz, vor allem beim Fernsehen. Der Nichtfachjournalist versteht dann, worum es geht, und hofft einfach mal, dass es dem Publikum auch so geht. Das ist im Prinzip nicht schlecht gedacht, geht beim Thema Fußball-Fans aber grundsätzlich in die Hose.

Weil es nämlich keine Fußball-Fan-Fachjournalisten gibt. Die Nichtfachjournalisten glauben aber, Sportjournalisten seien auch Fußball-Fan-Fachjournalisten. Da kommt dann auch der Kerner ins Spiel. Der ist nämlich a) Journalist und b) mit einer Sportlerin verheiratet.

Okay, es gibt sie vielleicht doch, die Fußball-Fan-Fachjournalisten. Bei „11 Freunde“ zum Beispiel. Oder hier. Hier schreibt vielleicht sogar einer. Oder bei jedem anderen Fanzine. Müsster mal lesen, könnter was lernen. Habter aber n Problem. Fußball-Fan-Fachjournalisten sehen nämlich nicht aus, wie Fans aussehen müssen, um als Fan glaubwürdig zu sein. Keiner wird sich im Trikot ans Plasberg-Pult stellen, nur damit er als Fan erkennbar ist (zu schweigen davon, dass ein Ultra erst ein Trikot kaufen müsste, um es dann ausdrücklich nicht anzuziehen) und ein hübsches Abziehbildchen fürs Klischee-Sammelalbum abgibt. Keiner. Und das ist doch das Problem. Wenn da ein Mensch in normaler Straßenkleidung steht und am Ende auch noch kluge – oder vielleicht auch nur wahre – Dinge über Fußball-Fans sagt, dann könnte man ja glatt jeden einladen. Aber wer will schon jeden sehen?

Versucht’s doch einfach mal.

Euer

desperado09, 23.05.2012

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