Unsa Senf

Das Telefon bleibt still

18.07.2012, 20:30 Uhr von:  Redaktion

Hallo? Haaaaalloooo?! Ist da noch wer? Ja, Ihr seid gemeint, liebe Pressevertreter. Ihr vom Kicker. Von der Westfälischen Rundschau. Von den Ruhr Nachrichten. Vom ZDF. Von der Bil… nein, von der nicht. Aber Ihr von der Welt schon. Von der Süddeutschen Zeitung. Von Spiegel Online. Von NRW-TV. Von Radio 91,2. Gestern war doch Sicherheitsgipfel in Berlin. Innenminister sprechen mit Verbandsoffiziellen über Sicherheit. Und über die Fans. Also uns und die ganzen anderen Schwarzgelben, Blauweißen, Grünschwarzen… würdet Ihr denn nicht gerne wissen, was wir dazu zu sagen haben?

Sonst habt Ihr doch auch keine Berührungsängste und seid auf der Jagd nach Fan-O-Tönen. Borussia steht vor der Pleite? Fragen wir doch mal die Fans, wie sie sich fühlen. Borussia steht im Tabellenkeller und der Trainer vor dem Rauswurf? Da haben wir doch unsere Kontakte in der Fanszene! Es steht gar ein Derby vor der Tür? Da lassen wir uns unbedingt von den Fans mal erzählen, was daran so toll ist.

Das ist doch Euer Denken und wir sind ja schon froh, wenn Fans wirklich mal bei Euch etwas Substantielles sagen dürfen und nicht nur als verkleidete Gestalten vorkommen, die besoffen etwas Lustiges in die Aufnahmegeräte gröhlen sollen. Solange es also um Folklore oder um ein paar locker-flockige Worte zur desolaten Lage unserer Vereine geht – und manchmal, ganz, ganz selten, auch zur nicht enden wollenden Jubelfeier – solange sind wir Fans offenbar adäquate und gern aufgenommene Ansprechpartner, von denen Ihr Euch ein paar griffige Statements erhofft. Warum nicht auch jetzt, wenn es doch in der öffentlichen Diskussion quasi genau um uns geht?

Wir sind da ja nicht alleine. Seit Wochen und Monaten berichtet Ihr über Fanprobleme. Ihr berichtet über Platzstürme, Pyrotechnik, Schlägereien, vermeintlich unsichere Stadien und über uns und unsere Familien, die wir ja alle gar nicht mehr ohne Sorge Fußball gucken können. Seltsamerweise aber lesen, sehen und hören wir dabei so gut wie gar keine Stimmen von denen, die von ihren Vereinen und Fankurven Ahnung haben.

Wer von Euch hat denn mal nachgefragt bei Fanprojekten, Fanbeauftragten, Fanorganisationen, Fanzines? Und habt Ihr nicht nur nachgefragt, sondern auch das Gesagte abgedruckt, womöglich gar in der Schlagzeile? Oder war es vielleicht zu differenziert für Eure Beiträge, was die Damen und Herren der deutschen Fanprojektlandschaft zu sagen haben? Zu wenig spektakulär?

Vielleicht haben wir es übersehen, vielleicht waren ja nur die Überschriften und Artikel kleiner, aber kann es sein, dass bei Euch vor allem Innenpolitiker und Polizeigewerkschafter - also Berufsapokalyptiker - zu Wort kamen?

Wir kennen das. Als sich im Januar Fans aus ganz Deutschland in Berlin zum deutschlandweiten Fankongress trafen, um miteinander und mit den Vereins- und Verbandsvertretern in den Dialog zu treten, war das Echo bei Euch überschaubar. Manche von Euch, wie das ZDF, haben etwas prominenter berichtet, bei vielen fiel das Thema fast völlig unter den Tisch. Den meisten und leider auch den hiesigen Tageszeitungen war der Kongress nur eine Randnotiz wert.
Dass am selben Wochenende beim Düsseldorfer Wintercup aus dem BVB-Block heraus Pyrotechnik gezündet und geworfen wurde, war denselben Zeitungen im Gegenzug eine mehrtägige Berichterstattung wert.

Gerade Ihr Journalisten in Dortmund sitzt doch auf der Insel der Glückseligkeit: Ihr habt ein renommiertes Fanprojekt vor der Haustür und in Sebastian Walleit und Jens Volke zwei erfahrene Fanbeauftragte des BVB als Ansprechpartner, die in ihrer Mischung aus sozialpädagogischem Hintergrund und Fankurvenerfahrung viel Sachkenntnis mitbringen. Ihr könnt eine organisierte Fanabteilung im Verein fragen, die sich für Fanbelange einsetzt und um genau solche Themen kümmert, über die Ihr da nun schreibt. Und Ihr habt zu guter Letzt noch uns, das Team von schwatzgelb.de, die wir den BVB und seine Anhängerschaft jetzt seit 12 Jahren als Fan-Magazin begleiten. Was braucht Ihr denn noch mehr?

Trotzdem geben wir die Hoffnung nicht auf. Wenn der Berg nicht zum Propheten kommen wird, dann eben andersherum. Also liefern wir Euch im Folgenden unsere Ansichten frei Haus - vielleicht interessiert es ja den einen oder anderen.

Zuerst einmal: Ja, es gibt Probleme in deutschen Stadien. Ja, es wird verbotene Pyrotechnik gezündet und teilweise werden Böller und Bengalos auch geworfen. Ja, das ist definitiv gefährlich und gehört bestraft. Ja, es gibt beim Fußball auch gewaltsame Ausschreitungen, wenn auch meistens nicht im Stadion, sondern außerhalb. Das alles steht überhaupt nicht in Frage.

Die Blut-Berichterstatter unter Euch können nun aufhören zu lesen. Für alle anderen fahren wir fort:
Mehr als 17,5 Millionen Menschen haben in der Saison 2010/2011 die Spiele der ersten und zweiten Bundesliga besucht. Nach Statistiken der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) der Polizei wurden dabei 846 Personen verletzt, wobei die Statistik die Verletzungsursache nicht explizit ausweist. Das entspricht einem Anteil von rund 0,005 Prozent. 6.061 Fußballfans (0,035 Prozent) wurden im Laufe der Saison vorläufig fest- oder in Gewahrsam genommen, gegen fast ebenso viele Stadionbesucher (5.818 bzw. 0,033 Prozent) wurden Strafverfahren eingeleitet. Wieviele davon letztlich zu einer Verurteilung führen, ist nicht bekannt. Die Anzahl der von der Polizei zu leistenden Einsatzstunden ist in den letzten zwei Jahren sogar um mehr als 25 Prozent gesunken.
Interessante Vergleichs-Details am Rande: In Innenminister Friedrichs Heimat-Freistaat kam das Münchner Oktoberfest im vergangenen Jahr bei nur rund sieben Millionen Besuchern auf immerhin 10.322 Verletzte, das sind mehr als 600 verletzte Personen an jedem einzelnen „Spieltag“. Und von rund 82 Millionen Bundesbürgern wurden im selben Jahr knapp 400.000 Menschen im Straßenverkehr verletzt, also 0,5 Prozent. Als Fußgänger, Radfahrer oder Autofahrer am Straßenverkehr teilzunehmen, ist damit etwa 100mal gefährlicher als das Stadion unseres Lieblingsvereins. Und trotzdem fahren Familien immer noch unbesorgt gemeinsam in den Sommerurlaub.

Lasst uns daher bitte eines festhalten: Deutsche Stadien sind sicher. Punkt. Es muss sich grundsätzlich kein einziger Besucher gefährdet fühlen. Die überwältigende Anzahl der 17,5 Millionen Stadionbesucher in der Saison 2010/2011 wird ohne jedes Gefühl von Angst, Sorge oder Furcht die Spiele verfolgt haben, ebenso wie auch in der abgelaufenen Spielzeit und es wird in der kommenden Saison kaum anders sein. Das bedeutet nicht, dass niemandem etwas passieren wird, aber das zu behaupten wäre auch unredlich. Es gibt keinen Grund, gefährliche Tendenzen zu leugnen und zu verharmlosen, im Gegenteil. Das Aufzeigen von Missständen ist der erste Schritt zur Begebung. Umgekehrt gibt es aber genauso wenig Grund dazu, die einzelnen Vorfälle zu dramatisieren und ihnen Allgemeingültigkeit zu verpassen.

Die Wahrheit ist: Leider liefern viele der dummen Aktionen am Ende die spektakulärsten Bilder. Wenn in Düsseldorf Tausende Fortunen noch während der Spielzeit den Platz stürmen, ist das kein schönes Bild, ganz gleich welche Motivation sie dabei haben. Wenn eine Handvoll Fans Bengalos auf das Spielfeld wirft, ist das ebenfalls kein schönes Bild. Wenn in Köln der Abstieg mit einer Rauchwolke besiegelt wird, als sei dort soeben ein Chemiewerk explodiert, ist das kein schönes Bild. Und in seiner Summe ist das Bild leider sogar katastrophal, eindrucksvoller und spektakulärer als die Hunderttausenden Fußballfans, die Woche für Woche friedlich in ihren Blöcken stehen und nicht mehr tun, als ihr jeweiliges Team nach vorne zu schreien. Dabei ist es meist nur das Werk von wenigen.

Es ist egal, wie viele wir sind und was wir tun: Singend, schreiend und fahnenschwenkend liefern wir ein vergleichsweise unspektakuläres Bild ab. Die Macht der Bilder erzeugt so einen Eindruck, der nicht mit den Realitäten übereinstimmt. Wir verstehen das. Umso wichtiger wäre es uns, dass Ihr in Eurer Berichterstattung dieses Bild geraderückt. Wir wollen nicht, dass Ihr verharmlost, relativiert und die unschönen Teile unseres schönen Sports unter den Teppich kehrt. Wir wollen, dass Ihr sie objektiv bewertet und alle Seiten zu Wort kommen lasst.

Und wenn Ihr tatsächlich noch einen O-Ton braucht: Ihr wisst ja, wie Ihr uns erreichen könnt.

Redaktion, 18.07.2012


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