Unsa Senf

Ey, Bulle! Haste mal 'n Snickers?

05.10.2012, 20:19 Uhr von:  Redaktion

Ich hatte im fünften und sechsten Schuljahr einen Klassenlehrer, der unter meinen damaligen Klassenkameraden immer noch als der beste Lehrer, den wir je hatten, gilt. Weil er eine natürliche Autorität ausstrahlte und die genau so eingesetzt hat, wie es richtig war. Herr D. hätte englischer Polizist sein können.

Warum? Herr D. war lustig. Er war freundlich und hilfsbereit. Er war aber auch streng, wenn es darum ging, seine paar einfachen Regeln durchzusetzen, deren Kern eigentlich nur war, dass ein reibungsloser Unterricht ermöglicht werden sollte. In seiner Strenge war Herr D. immer fair, seine Strafen waren nicht überzogen und immer nachvollziehbar. Jeder wusste: Wenn ich mich an die Regeln halte, habe ich hier eine coole Zeit.

Für das Spiel unseres BVB hatte die Polizei im Vorfeld ihre Regeln mitgeteilt. Die hatten eigentlich nur eine sehr freundlich formulierte Kernaussage: Benehmt euch wie normale Menschen, macht keinen Ärger, dann wird das hier ne lockere Nummer. In Deutschland habe ich immer das Gefühl, dass die Polizei von vorn herein bezweifelt, dass sich Fans wie normale Menschen verhalten können.

Die Engländer zeigten sich hingegen von ihrer coolen Seite. Egal, ob die Security-Leute im Pub oder die sehr zurückhaltende Polizei in der Stadt. Sie waren höflich, wirkten aber jederzeit so, dass sie notfalls keinen Spaß verstehen. Als es im Pub hieß: „We are closing, please leave.“, habe ich grinsend auf mein noch viertelvolles Guiness gezeigt und vom Security-Mann ein verständnisvolles Lachen geerntet. Alles cool, eilt ja nicht. Klar war natürlich, dass es jetzt unklug wäre, über Sinn und Unsinn der ganzen Aktion zu diskutieren. Auch hier machte der Ton die Musik.

In Deutschland geht die Autorität von Polizisten beim Fußball in der Regel von ihrem Kampfanzug und ihrer Bewaffnung aus. Englische Polizisten flößen trotz ihrer lustigen Hüte und „fehlender“ Pistolen Respekt ein. Selten habe ich so etwas Entspanntes wie den Marsch von der Stadt zum Stadion erlebt. Ihre strikten Anweisungen versahen die Polizisten stets mit einem „please“. Sowas muss man doch schulen können, oder? Ganz bestimmt auch in Deutschland. Wer lernen kann, mit Messer und Gabel zu essen, kann doch auch "bitte" sagen...

Bei den BVB-Fans hat’s gefruchtet. Und allerorten war die Frage zu hören, warum so etwas bei uns nicht geht. Als Fan kann ich das getwitterte Lob der Polizei an uns nur erwidern. Selten habe ich mich bei einer Auswärtsfahrt so wohl gefühlt.

Doch statt nur zu genießen, sollten wir uns fragen, was wir aus unseren positiven Insel-Erlebnissen lernen können. Wir Fans können lernen, dass gutes Benehmen noch keinem geschadet hat. Weder in England noch in Deutschland. Und dass die "All cops are bastards"-Rufe während des von mir nicht beobachteten (toter Winkel) Vorfalls im Oberrang Stadion sowas von überflüssig waren, angesichts der Erlebnisse beim Marsch. Ich weiß nicht, was da oben passiert ist - offenbar gab es Streit um ein paar Fahnen. Das reflexartige Rufen von "ACAB" spricht jedenfalls Bände über das kaputte Verhältnis von Fans und Polizei.

Schade aber auch, dass Herr Wendt nicht vor Ort war. Der kennt das kaputte Verhältnis ja auch und wäre ziemlich überrascht gewesen. Tausende – weiß Gott nicht nüchterne – potentielle Staatsfeinde gehen brav zum Stadion, singen sich dort die Kehlen wund und steigen anschließend brav in ihre Busse und fahren nach Hause. Ja, am Ende verteilen Polizisten sogar Süßigkeiten an regennasse Fans! Krasse Scheiße, oder? Ich meine, wenn in Deutschland der Staat schon für Polizeieinsätze bezahlen muss, dann kann der Sicherheitsapparat doch nicht auch noch die potentiellen Randalierer durchfüttern!

Die ganzen professionellen Schwarzmaler, die vom Fußball ausgehend den Untergang des Abendlandes prophezeihen, hätten am Mittwoch lernen können, dass es zu überraschenden Ergebnissen führen kann, wenn man Menschen mit Höflichkeit und Respekt behandelt und dass Hysterie immer Eskalation bringt. Diese Riesenportion Coolness, mit der die englischen Polizisten zu Werke gegangen sind, hat so viel mehr bewirkt als bis an die Zähne bewaffnete Einheiten.

Daher auch von mir ein dickes Dankeschön auf die Insel. Vielleicht sieht man sich ja im Viertelfinale oder so noch mal. Oder in Wembley, wer weiß das schon. Ich würde jedenfalls gerne nochmal lesen, wie geil die Engländer uns BVB-Fans finden. Und wenn ich unterzuckert bin, frage ich einfach jemanden mit ner lustigen Mütze. ;-)

Euer

desperado09, 05.10.2012

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