Unsa Senf

Die Welt zu Gast bei Freunden?

17.09.2012, 22:38 Uhr von:  Redaktion

„Angst vor Fans aus Amsterdam“, titelt DerWesten. Die Ruhrnachrichten indes wissen, dass die Gästefans von Ajax als „besonders brutal“ gelten. Der City-Ring der Einzelhändler warnt seine Mitglieder vor kaputten Schaufensterscheiben und geplünderten Läden und die Polizei kündigt – quasi als deeskalierende Maßnahme – den anreisenden Niederländern direkt eine konsequente Gangart und Manndeckung ab der deutschen Grenze an. Wo ist eigentlich die Gastfreundschaft geblieben?

Mag ja sein, dass wir in Dortmund über die Jahre ein bisschen den Zauber von Europapokalabenden vergessen haben, aber wollen wir Gästefans wirklich pauschal nur noch als Sicherheitsrisiko betrachten, anstatt gemeinsam mit Ihnen zu feiern, wie das einstmals Usus war? Das hatte gerade Dortmund in den 90er Jahren doch wirklich besser drauf, als die gemeinsamen Partys von BVB-Fans und Gästen Furore machten und beispielhaft galten für gelebte Konfliktvermeidung.

Und heute? Man darf ja schon froh sein, dass Gästefans sich bei uns immerhin noch frei bewegen dürfen. Hannover sein Anhang erhielt vergangene Saison gleich mal komplett ein Stadtbetretungsverbot durch den Lütticher Bürgermeister verpasst und vermutlich wird man sich als Borusse in Amsterdam nicht viel freier bewegen dürfen, als das 2002 in Rotterdam der Fall war. Die Stadt Dortmund bietet den Gästen morgen nahe der Reinoldikirche immerhin eine kleine Gelegenheit, sich auf das Spiel einzustimmen. Wohlgemerkt den Gästen, denn ein gemeinsame Zusammenkunft beider Fanlager ist nicht vorgesehen und wohl auch nicht wirklich gewünscht.

Schade. Wer Borussia auf europäischer Ebene auswärts begleitet, wird um das Erlebnis wissen, die schwatzgelben Farben in fremde Fußgängerzonen tragen zu dürfen, dort zu feiern und mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Dort, wo man tatsächlich als Gast empfangen wird, macht das gleich noch mal so viel Spaß.

Ein Beispiel gefällig? Vor fast genau einem Jahr feierte der BVB in Dortmund die Rückkehr in die Königsklasse. Arsenal London war zu Gast. Lange vor Spielbeginn trafen sich Borussia- und Gunners-Anhänger auf Initiative von schwatzgelb.com am Alten Markt, tranken das ein oder andere Kaltgetränk, tauschten Erfahrungen aus und spazierten dann gemeinsam zum Westfalenstadion. Auch DerWesten fand damals ausschließlich lobende Worte und die Engländer waren von der Aktion so begeistert, dass sie die BVB-Fans beim folgenden Auswärtsspiel in ihren Pub einluden. Eine Ehre, die zuvor kaum anderen Anhängerschaften zu Teil wurde.

Natürlich reisten die Londoner damals nicht so zahlreich nach Dortmund, wie es die Ajax-Anhängerschaft morgen tun wird. Und Arsenals Anhang gilt auch nicht ansatzweise also so schwierig wie der der Niederländer. Doch genau unter solchen Umständen hat man weiland mit den Fanfesten in der City gute Erfahrungen gemacht und damit Druck vom Kessel genommen.

Nun aber gewinnt offenbar auch in Dortmund die Sorge über den Mut, den man zwei Jahrzehnte zuvor so oft und gerade auch bei vermeintlichen Risikospielen bewiesen hat. Denn bei aller deutsch-niederländischen Rivalität: Auch der Holländer an sich ist nicht per Definition ein Menschenfresser, auch das sollte zumindest auf Ajax bezogen aus den 90er Jahren bekannt sein. Und zweifelsohne vorhandene Problemfälle müssen ja nicht auf die gesamte Masse projiziert werden. Immerhin war Ajax schon einmal zu Gast und die Innenstadt steht noch. Klar: Krawallsüchtige gibt es überall, aber auch bei Ajax Amsterdam sind sie wohl nicht in der Mehrheit. Für gewöhnlich aber schallt es auch heraus, wie man in den Wald hinein ruft – und diesbezüglich geben Polizei, Lokalpresse und Einzelhandelsring gerade kein sehr gutes Bild ab. Ob es hilfreich ist, den Gästen derart zu signalisieren, dass man in ihnen ein Problem sieht?

Wenn am Ende wirklich etwas passiert, werden sie sich bestätigt fühlen, diese Urheber der düsteren Prophezeiungen. Dass auch Ihr Wirken etwas dazu beigetragen haben könnte, wird ihnen dann nicht in den Sinn kommen.

Und wenn – was zu hoffen ist – alles friedlich bleibt, dann wird unabhängig vom Ergebnis der Wermutstropfen übrig bleiben, dass Europapokaltage früher in Dortmund irgendwie magischer waren.

Arne/Malte S., 17.09.2012

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