Unsa Senf

Wie bei der Versicherung

16.06.2012, 13:15 Uhr von:  Redaktion

Not for Sale in HannoverWas waren das vor 5 Jahren noch für tolle Zeiten für uns BVB-Fans? Ok, Bielefeld musste man vom Spielerischen her nicht unbedingt gesehen haben. Genausowenig wie ungefähr 20 andere Spiele in dieser Zeit, aber immerhin bekam man einiges geboten. Zum Beispiel Eintrittskarten zum Ramschpreis von 10 € beim weltgrößten Burgerschuppen. Oder ein Gratistrikot, weil man sich per Dauerkarte gleich für 17 Heimspiele zum Mitleiden verpflichtete. Kurzum: der BVB tat ziemlich viel, um seine Zuschauer bei der Stange zu halten. Goldene Zeiten. Ein paar Preiserhöhungen, Kategorieanpassungen und Modalitätsänderungen später hat man heute dieses Gefühl nicht mehr unbedingt.

Ein Interview mit Aki Watzke in der Kicker-Ausgabe vom Donnerstag passt da leider nur zu gut ins Bild.

Auf die Frage nach der Notwendigkeit einer Preiserhöhung um teilweise bis zu 20 % für Sitzplätze in den Unterrängen der Haupttribüne wird es gleich zum ersten Mal unschön:

„Es gerät leicht bei uns in Vergessenheit, dass wir bei 80.700 Zuschauern eine Gesamteinnahme haben wie andere Klubs mit 55.000. Das ist der hohen Zahl von Stehplätzen geschuldet."

Trikots vom SponsorKlingt irgendwie nach Hoeneß light, oder? Die ewige Mär der subventionierten Stehplätze. Dabei ist es mehr als nur unfein, Fans gegeneinander auszuspielen. Wenn der BVB die Preise erhöhen will, bitte schön. Dann sollte man aber auch den Mut haben, dafür einzustehen, und nicht dem Sitzplatzkarteninahber, der jetzt tiefer in die Tasche greifen muss, zu bedeuten, dass die Besitzer einer Stehplatzdauerkarte daran schuld sind.

Die Frage stellt sich nämlich, was wir alle heute samstags machen würden ohne die Süd als größte Stehplatztribüne Europas. Sie ist eine Lebensversicherung des BVB, die mit Sicherheit auch dazu beigetragen hat, dass Borussia die letzte finanzielle Krise überstanden hat. Sie ist ein Alleinstellungsmerkmal, das sich hervorragend vermarkten lässt. Sie sorgte mit ihrer Kapazität dafür, dass auch in sportlich schlechten Spielzeiten der Zuschauerschnitt immer absoluter Spitzenwert der Liga war. Welcher der von Watzke angesprochenen Klubs mit 55.000er Stadien hätte auch bei Tabellenplatz 15 noch immer alle Tickets an den Mann bringen können? Vielleicht auch etwas, das bei manchem beim BVB in Vergessenheit gerät.

Ist diese Sichtweise nur traurig, so ist die Aussage auf die Frage, ob man angesichts des Protestes auch alle Dauerkarten verkaufen wird, sehr bedenklich:

„Auf 10 Protestbriefe kommen 100 Neubestellungen. Wir besprechen uns gerade intern, ob wir dem externen Ansturm Rechnung tragen, indem wir noch 500 oder 1.000 Dauerkarten drauflegen."

BilanzpressekonferenzDeutlicher kann man es eigentlich kaum sagen, dass es dem Verein ziemlich egal ist, wer einen Platz besetzt – hauptsache er ist verkauft. Eigentlich sollte einen Fan diese ökonomische Betrachtungsweise eines Bundesligaclubs nicht mehr überraschen, aber dennoch lässt sie einen staunen. Nicht ein Versuch der Beschwichtung? Nicht einmal Lippenbekenntnisse, dass man sich den Prostest zu Herzen nehmen wird, gegenüber Fans, die dort teilweise seit vielen Jahren ihren Stammplatz haben und den BVB treu unterstützen? Das würde zwar im Ergebnis nichts ändern, aber etwas die Schärfe nehmen. Als Essenz bleibt so allein stehen, dass jeder, dem die Preispolitik so nicht passt, doch zuhause bleiben kann. Die Karten kriegt man auch so an den Mann oder die Frau. Wenn das die stets propagierte Ehrlichkeit der Westfalen ist, dann ist sie nur sehr schwer verdaulich.

Es reicht halt nicht, wenn der BVB einem nur lieb ist, er muss einem auch teuer sein. Liebe? Da war doch was. Achja, die „Echte Liebe". Das Leitmotiv, dem sich der BVB in den letzten Jahren verschrieben hat. Im Prinzip eine kluge und notwendige Strategie, die ein Unternehmen heutzutage braucht. Wofür steht man, welche Werte vertritt man? Und was passt bei einem Fußballverein besser, als die emotionale Seite anzusprechen und in den Vordergrund zu stellen? Mit Sicherheit ein wichtiger Bestandteil des „marktwirtschaftlichen" Denkens, dass Watzke im Interview ebenfalls anspricht.

Choreo gegen ArsenalDazu gehört aber auch, dass man das Leitmotiv selbst lebt und mit Leben erfüllt. In vielen Bereichen leistet man wirtschaftlich hervorragende Arbeit, das soll und darf bei der Gesamtbetrachtung nicht unbeachtet lassen, aber hier konterkariert man sich gerade selbst. Man entlarvt die „Echte Liebe" als pures Marketinginstrument, wenn man denen, die man ansprechen will, gegen den Kopf stößt.

Der BVB wäre gut beraten, wenn man sich auch in diesem Punkt wieder auf die schlechten Zeiten im „Vorraum der Pathologie" besinnt und sich in Erinnerung ruft, welchen Beitrag die Fans zum Überleben geleistet haben. Auf dieser Basis aufbauend sollte man sich dann mal überlegen, ob man es diesen Leuten momentan wirklich adäquat dankt.

Abweisendes Beschwerdewesen, versteckte Vertragsänderungen (Topspielzuschläge auf CL-Spiele) und steigende Preise. Aktuell könnte einen nämlich das Gefühl beschleichen, dass nicht nur über dem Stadiondach das Logo einer Versicherung prangt. Aber wegen einer Versicherung rennen wir bestimmt nicht ins Stadion – sondern für unseren BVB.

Sascha, 16.06.2012

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