Unsa Senf

Das Imperium schlägt daneben

17.04.2012, 10:30 Uhr von:  Redaktion

oder: Wie die Abteilung Attacke sich einmal beinahe selbst abgeschafft hätte

Da ist er wieder! Uli Hoeneß wie er leibt, lebt und violett-rot leuchtet. Oder etwa doch nicht? Denn so richtig der alte Uli war es doch nicht, der da Sonntag bei Sky90 rumgepoltert hat. Denn wo früher die Angriffe des Bayern-Machers zielsicher durch die Deckung des Gegenübers ihr Ziel fanden und die gewünschte Wirkung entfalteten, hatte das gestern eher etwas von verzweifelten Rundumschlägen eines Angeknockten. Viel zu unbeholfen und zu ungenau waren die Schläge, die Uli Hoeneß dort im Pay-TV auszuteilen versuchte.

Inhaltlich lassen sich die Äußerungen des Bayern-Altmeisters dabei in wenigen Worten zusammenfassen: Der FC Bayern ist seit Jahrzehnten erfolgreich, der BVB erst kurze Zeit. Und überhaupt haben die Borussen keine Weltklasse-Mannschaft (wie der FC Bayern?), haben international nichts gerissen und verfügen insgesamt über ein deutlich ruhigeres Umfeld als der Rekordmeister, das sowohl dem Trainer wie auch den Spielern mehr Zeit einräumt.

Unklar ist, wieso Uli Hoeneß diese Umstände allerdings unbedingt betont wissen will. Nicht anderes ist schließlich seit Wochen und Monaten vom BVB-Triumvirat um Aki Watzke, Michael Zorc und Jürgen Klopp zu hören. Man weiß um die eigenen Unterschiede im Vergleich zu den Bayern und geht im Grunde jeder Kampfansage tunlichst aus dem Weg.

Dass Uli Hoeneß den Verzicht auf eine Kampfansage nun aber gerade als eine solche aufzufassen scheint, lässt den Beobachter teils verwundert teils ein wenig mitleidig zurück. Fast scheint es, als wolle Hoeneß auf Teufel komm raus einen Gegner kreieren, an dem er sich zukünftig wieder abarbeiten kann. Dass die Gegenseite vergleichsweise lustlos auf dieses Spielchen reagiert, dürfte Hoeneß nicht gewohnt sein. Dass er aber im Vorbeigehen ambitionierten Spielern wie Trainern das Münchner Umfeld madig macht und das Dortmunder für seine Ruhe anpreist, dürfte ein von Hoeneß eher unerwünschter Effekt der eigenen Worte sein.

Dabei bieten seine weiteren Einlassungen zum Thema ja durchaus Unterhaltungswert - und auch ein klein wenig Anlass zum Widerspruch:

Der BVB habe überhaupt keine Weltklassespieler, urteilt Hoeneß in Sky90 – nur eine knappe Stunde, bevor er bei anderem Anlass beteuerte, sich nicht über andere Vereine äußern zu wollen. Und trotzdem ist es natürlich richtig, was Hoeneß da so konstatiert. Weltklassespieler nennt der BVB ganz sicher nicht sein eigen. Wie auch? Weltklassespieler holen internationale Titel, Weltklassespieler stehen mindestens kurz vor dem Zenit ihres Leistungsvermögens und Weltklassespieler erkennt man meistens daran, dass selbst bei Krisen-TV-Bildern aus Burkina Faso mindestens ein Junge stolz das mit ihrem Namen geschmückte Trikot spazieren trägt.

Der BVB hingegen kann „nur“ auf eine Mannschaft blicken, deren Protagonisten überwiegend noch am Beginn ihrer Karriere stehen. Die sich gerade eine aussichtsreiche Position erarbeitet hat, den völlig überraschenden Vorjahreserfolg zu bestätigen. Und deren Spielstil von Trainern wie Kommentatoren inzwischen als beispielhaft bezeichnet wird. Mehr nicht. Weniger aber eben auch nicht.

Wenngleich, wenn man mal ehrlich ist, auch die meisten Bayern-Spieler den Beweis ihrer Weltklasse in Form von Aufzählbarem auf der Autogrammkarte bis heute schuldig geblieben sind. Einzig Anatolij Tymoschtschuk kann für sich mit dem UEFA-Cup einen internationalen Titel vorweisen. Die Riberys, Robbens, Lahms und Schweinsteigers haben auf dem europäischen und dem globalen Parkett bislang keine Hand an die gängige Silberware legen können. Und der FC Bayern selbst ist seit dem Champions-League-Sieg 2001 in diesem Jahr überhaupt erst zum zweiten Mal nach 2010 über das Viertelfinale in der Königsklasse hinausgekommen.

Wenn Uli Hoeneß also nun für sich und seinen Verein in Anspruch nimmt, das internationale Standing des deutschen Fußballs quasi im Alleingang gefestigt zu haben, so ist das nur die halbe Wahrheit. Für einen Verein, der in den letzten 15 Jahren neun nationale Meisterschaften und sieben Pokalsiege errungen hat, sind die wenigen internationalen Erfolge in dieser Zeit unterm Strich auch kein unbedingtes Ruhmesblatt.

Allerdings tun wir als Borussia Dortmund ohnehin gut daran, eine solche Diskussion erst gar nicht zuzulassen. Dass dem BVB internationale Meriten in der jüngeren Vergangenheit fehlen, ist nämlich zweifellos richtig. Es ist aber, anders als Uli Hoeneß es suggeriert, nicht das alles entscheidende Bewertungskriterium. Übrigens ebenso wenig wie nur die Bundesliga entscheidet, letztendlich macht es (wie so oft) die Mischung – und da haben die Bayern genauso Luft nach oben wie der BVB.

Wenn der Bayernpräsident also nun versucht, die Beurteilungsmaßstäbe für Mannschaften und ihre Erfolge gerade so anzupassen, wie sie ihm am besten in den Kram passen und wie sie den FC Bayern am besten dastehen lassen, ist das aus seiner Sicht verständlich und menschlich. Richtiger wird es dadurch aber auch nicht.

Auf wirklich dünnes Eis begibt sich Uli Hoeneß allerdings, wenn er die Ankündigungen Watzkes, das Gehaltsniveau auf nur 45 Millionen Euro anheben zu wollen, öffentlich anzweifelt. Bilanz und Gewinn- und Verlustrechnung des BVB sind öffentlich und als börsennotiertes Unternehmen damit notwendigerweise so transparent wie die Zahlen keines anderen Vereins der Liga. Will Uli Hoeneß ernsthaft und nachhaltig diese Zahlen in Zweifel ziehen, müsste er der Borussen-Geschäftsführung also unsaubere Praktiken vorhalten – und konsequenterweise auch nachweisen. Weil dem nicht so sein wird, entpuppen sich Hoeneß‘ plumpe Schläge von gestern einmal mehr als latent selbstgefährdend.

Und vielleicht ist tatsächlich auch ein Stück Nervosität bei den Äußerungen dabei. Nervosität, weil Hoeneß‘ Nachfolger, Christian Nerlinger, sich zwar kräftig abmüht, den eigenen Lehrmeister optisch und verbal zu kopieren, dabei allerdings weder dessen einstige Wirkung noch die entsprechenden Erfolge für sich verbuchen kann. Nervosität, weil inzwischen der vierte Meistertitel in den letzten sechs Spielzeiten nicht nach München zu gehen droht. Und Nervosität wohl auch deswegen, weil finanzielle Anstrengungen und sportliche Resultate der Bayern in Summe immer schwerer überein zu kriegen sind. Die blinden Verbalschläge der einstigen „Abteilung Attacke“ sind dann wohl auch als Indiz für jene (offenbar gar nicht so geringe) Sorge zu werten, dass bei einer Pleite gegen Real und dem damit einhergehenden Verpassen des Heimfinals die Münchner Gemütslage erheblich Schlagseite bekäme.

Was also bleibt übrig vom Bayern-Chef und seinen Worten? Unterm Strich einmal mehr die Feststellung, dass Uli Hoeneß und der FC Bayern solche Angriffe und Poltereien eigentlich nicht nötig haben sollten. Hoeneß könnte zufrieden auf sein Lebenswerk blicken und auch den anderen Teams, die dann und wann mal an der Tabellenspitze auftauchen, Respekt zollen für eben diese Leistung. Doch Respekt, Anerkennung und Erfolg, mindestens aber die Deutungshoheit darüber, beansprucht Uli Hoeneß vollumfänglich einzig für sich und seine Bayern. Dass er auch mit 60 Jahren in diesem Punkt nicht mehr Größe und persönliche Reife unter Beweis stellt, ist menschlich zu bedauern. Mehr aber eben auch nicht.

Der gestrige Abend machte deutlich, dass Bayerns Strategie der Verbalattacken aus der Zeit gefallen ist. Wer es gut meint mit den Münchnern, sollte hoffen, dass sie das dort baldmöglichst auch selbst begreifen.

Wir anderen betrachten das sich darbietende Schauspiel mitleidig fasziniert.

Arne, 17.04.2012

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