Unsa Senf

Klopp ist ein absoluter Glücksfall

05.03.2012, 20:44 Uhr von:  Redaktion

Fußball ist eng verbunden mit Personenkult und Heldenverehrung. Das erschwert natürlich eine objektive Betrachtung einzelner Akteure auf der großen Fußballbühne. Erst recht fällt einem Sachlichkeit schwer, wenn es um einen Trainer geht, der innerhalb kurzer Zeit unsere Borussia auf ein nicht für möglich gehaltenes Niveau geführt und uns allen unzählige Stunden voller Begeisterung geschenkt hat. Gibt es unter uns wirklich irgendjemanden, der Jürgen Klopp nicht für einen absoluten Glücksfall hält? Dabei ist Borussia mit Klopp gewachsen, aber Klopp auch mit Borussia.

Bei seinem Wechsel von Mainz zum BVB konnte man oft den Harry-Potter-Vergleich hören. Jugendlich, symphatisch, Kloppo. Er hatte in Mainz gute Arbeit geleistet und sich als ZDF-Kommentator ein sehr gutes Standing in der Öffentlichkeit erarbeitet. Aber gleichzeitig auch die Fragen aufgeworfen, ob er es auch bei einem Verein schafft, der andere Spielercharaktere und mit einer anderen Medienlandschaft klar kommen kann. Er kann. Und wie. Wobei es für ihn sicherlich auch eine sehr große Umstellung war. Das klang auch im Doppelpass heraus, als er von Spielertypen sprach, die sich bei Amtsantritt trotz Platz 13 für die größten hielten. Der von den Medien kolportierte, freundliche Grinse-Kloppo wäre wohl schon an dieser Stelle grandios gescheitert. Er hat sich aber durchgesetzt, das haben viele Personalentscheidungen bewiesen. Herausragend sind da sicherlich der Verkauf von Petric zu Amtsantritt, die Abwanderung von Alex Frei und der langsame Abschied von Leonardo Dede. Wobei letzterer mit Sicherheit nicht zu den Spielern gehörte, mit denen er irgendwelche Schwierigkeiten von der Einstellung her hatte. Aber er ist daran gewachsen. Harte Personalentscheidungen, mit denen er bei Fans und Medien mit Sicherheit nicht nur Jubelorgien erwarten durfte. Die jetzigen Spieler wissen sehr genau, woran sie bei Klopp sind. Ein Trainer, unter dem man sehr viel lernen und auch sehr viel Spaß haben kann - wenn man bereit ist, für den Erfolg hart zu arbeiten und sich für den Erfolg unterzuordnen. Aber auch ein Trainer, mit dem man Schwierigkeiten bekommt, wenn man das nicht tut. Ein Jefferson Farfan beispielsweise würde wohl schon längst woanders kicken. Obwohl er, im Klopp-Sprech, ein richtig guter Kicker ist. Aber auch ein sehr egozentrischer, launenhafter Spieler, der vermutlich eine Bewährungschance und dann den Laufpass erhalten hätte.

Klopp mit seinem KapitänDabei ist Klopp auch klug genug, sich selbst dem Erfolg unterzuordnen. Er hat eine gesunde Einschätzung zu dem, was er kann und wo andere besser sind. Spricht er von seinem Co-Trainer Team, dann immer mit einem Höchstmaß von Respekt und der von ihm immer wieder propagierten Demut. Er selbst ist absoluter Fachmann, was den Fußball angeht, taktisch bewandert und ein Meister im Teambuilding. Aber er sieht auch, dass es in den Bereichen Taktik und Athletik Leute gibt, die sogar noch besser sind. Er macht sich das zu eigen und bezieht diese Leute intensiv in seine Arbeit mit ein. Er schätzt sie und behandelt sie, so zumindest mein Eindruck aus der Ferne, als gleichranging. Andere hüten dort eifrig ihre Pfründe und verfahren nach dem Motto: Ihr sollt keine anderen Götter neben mir haben. Das ist einerseits grundsätzlich schon klug, zeigt andererseits auch eine menschliche Größe. Einzugestehen, dass es Gebiete gibt, auf denen andere besser sind, ist nicht leicht. Gerade nicht im Mediengeschäft Fußball, wo einem alle im Erfolgsfall einreden, dass man der absolut Größte ist.

Womit wir schon bei den Medien sind. Er beherrscht die Klaviatur der Medien perfekt, ohne sich zu verbiegen und servil unterzuordnen. Auch da hilft natürlich der Erfolg. Er ist unangreifbar. Selbst seine Schirmmützen"attacke" auf den vierten Offiziellen ist medial eher wohlwollend behandelt worden. Statt unsozialisierbrer Wüterich ist er der emotionale Trainertyp, der voller Leidenschaft mitgeht und sie seiner Mannschaft vorlebt. Er ist sogar so unangreifbar, dass er sich Sachen erlauben kann, die sonst niemand darf. Wieder im Dopa erklärt er öffentlich, dass alle, die bereits jetzt schon zur Meisterschaft gratulieren würden, saudämlich wären. Wonti wird mal eben zu einem Thema mit: "Das ist mir zuviel Bunte" abgewatscht. Sprich, er hat keine Lust sich zu flachen Boulevardmist zu äußern. Im tieferen Sinne eine rigorose Medienschelte, die er mit einem frechen Grinsen verpackt. Überhaupt ist seine ständige Betonung, wie viel Qualität gegnerische Teams und Trainer haben, ein ständiger Widerstand gegen pseudofachmännisches Krisengerede der Journalisten. Aber eben nett. Mit einem flotten Spruch. Andere machen das in Brand- und Wutreden und bewirken nichts anderes als eine Wagenburgmentalität der versammelten Schar der Angegriffenen. Klopp kann das anders und er darf es auch. In Zeiten, in denen Journalisten Bundespräsidenten zu Fall bringen können, hat Klopp eine Sonderstellung. Wer Klopp momentan ans Bein pinkeln will, der spielt mit seiner Karriere. Zumindest so lange der Erfolg da ist.

Klopp stets im FokusDas größte Glück für uns ist es aber wohl, dass er dem BVB eine Philosphie verpasst hat. Ja, eine Philospohie - und nicht die inflationär gebrauchten Konzepte. Ein Konzept hat vermutlich jeder Profitrainer, sonst wäre er keiner. Die einen haben eben nur ein besseres und passenderes Konzept, als die anderen. Auch ein Herr Tuchel hat das Konzept nicht erfunden, er hat es eben nur als passende Schublade für sich entdeckt. Konzepttrainer klingt imposanter als nur Klopp-Nachfolger. Nein, Klopp hat eine Philosphie, die er tief verankert hat und intensiv vorlebt. Demut. Denken von Spiel zu Spiel. Ja, sogar das altbackene "Der nächste Gegner ist immer der schwerste" wird zum unumstößlichen Leitmotiv. Die Spieler haben es zwar verinnerlicht, aber in Interviews merkt man an ihrem spitzbübischen Grinsen, dass sie mehr wollen. Das ist auch ok und richtig so. Klopp referiert darüber aber mit so einer Inbrunst und Eindringlichkeit, dass es absolut authentisch ist. Das ist keine Floskel, bei der er sich heimlich schon im Mai mit seiner zweiten Schale in der Hand sieht. Er arbeitet akribisch auf das nächste Spiel hin und konzentriert sich voll darauf. Das wird oft eben als Understatement oder Taktierei ausgelegt. Es ist absoplut glaubhaft, dass er das wirklich so und nicht anders meint und sich sicher ist, dass seine Arbeit mit dem Tag an Qualität verliert, an dem er anfängt die Demut vor dem nächsten Gegner zu verlieren und sich in Tagträumen ans nächste Spiel gegen die Bayern ergibt.

Dieser Mann ist ein symphatischer, einnehmender, kluger, beschlagender, weitsichtiger und fachmännischer Vollprofi. Und für uns ein gigantischer Glücksfall.

Sascha, 05.03.2012

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