Unsa Senf

Aufwachen, Westfalenstadion!

14.02.2012, 18:38 Uhr von:  Redaktion

Titelverteidiger, Spitzenreiter, Pokal-Halbfinale, seit 15 Spielen ungeschlagen – zugegeben, eine ungewöhnliche Grundlage für eine Stimmungsdiskussion. Wenn einem Verein wie dem unseren dermaßen die Sonne aus dem Arsch scheint, sollten Ausgelassenheit und die Lust auf Mehr im Tempel doch eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein.

Normalerweise sehe ich das mit der Stimmung nicht so eng. Wenn es auf dem Platz läuft, dann gehen auch die Tribünen mit. Ruhige Phasen sind ganz natürlich. Doch das Geschehen auf den Rängen unseres Westfalenstadions ist aktuell nur ein unbefriedigender Kontrast zu dem, was unsere Jungs Woche für Woche auf den Rasen zaubern. Vielmehr noch: In den letzten Heimspielen ist ein stetiger Abwärtstrend zu beobachten, was die Lautstärke und Mitmachquote unserer Gesänge angeht. Einmal mehr scheint es so, als sei ein Großteil der schwatzgelben Masse angesichts der erfolgreichen letzten Monate einfach satt. Rein ins Stadion, Borussia wie selbstverständlich siegen sehen und – bei einer Führung von mindestens zwei Toren auch gerne zehn Minuten vor Abpfiff – wieder ab nach Hause. Eine ungesunde Erwartungshaltung.

Keine Frage, diese Erkenntnisse sind nicht neu und bei einem Zuschauermagneten wie Borussia Dortmund, der seine Spiele zudem in einem mehr als 80.000 Mann fassenden Karton austrägt, keine große Überraschung. Doch die hohen Ansprüche an einen Fußballnachmittag im Westfalenstadion können so auch schnell ins Gegenteil umschlagen. Beispiel Augsburg, als die ersten Zuschauer beim ungefährdeten Stand von 2:0 für Borussia anfingen zu pfeifen. Wehret den Anfängen...

Allen sollte klar sein, dass wir uns zwar in einer absoluten Hochphase des Dortmunder Fußballs befinden, wir jedoch weit davon entfernt sind, jeden Gegner im Stile des FC Barcelona hochkant aus dem Stadion zu werfen. Und trotzdem ist das, was wir Woche für Woche von unseren Jungs zu sehen bekommen, einfach wunderbar und feiernswert. Kampf und taktische Disziplin gehören zu den Klopp'schen Tugende, eine stabile Defensive ist stets die Grundlage unseres Erfolgs. Das Spiel gegen Leverkusen ist ein Paradebeispiel dafür. Zwar kein bedingungsloses Offensivspektakel, aber effektiv und am Ende ebenso drei Punkte wert wie jeder andere Sieg. Hätte mir vor gut fünf Jahren jemand gesteckt, der BVB würde heute auf diese Art und Weise auftrumpfen, ich hätte es nicht für möglich gehalten. Der Start ins Jahr 2012 war zweifelsfrei traumhaft. Trotzdem wird diese Rückrunde alles andere als ein Selbstläufer. Und wer könnte den Jungs auf dem Rasen besser den Rücken stärken, wenn nicht wir?

Zuletzt war aber zu beobachten, dass die Gesänge auf der Südtribüne selten flächendeckend über die Grenzen von Block drölf hinaus getragen wurden. Wirklich laute Momente bleiben so, selbst bei liebgewonnenen Klassikern wie der „Im Wagen vor mir"-Adaption, leider aus. Und konnten wir uns in der Vergangenheit auch immer auf die stimmgewaltigen Süd-Ecken verlassen, so waren in den vergangenen Heimspielen auch aus dem Südosten und –westen weniger Anstöße zu vernehmen. Insgesamt ist das gemessen an unserem sportlichen Höhenflug ziemlich schwach. Auch das traditionelle „Einsingen" nach dem Einlaufen der Spieler verliert zunehmend an Bedeutung. Dabei ist das Potenzial auf jeden Fall vorhanden. Nicht umsonst erleben wir Spiel für Spiel mit „Deutscher Meister steh' auf" oder „Wer ist Deutscher Meister?" echte akustische Höhepunkte. Allerdings dürfen wir auch nicht vergessen, dass die äußeren Bedingungen mit „Mistwetter" noch wohlwollend umschrieben sind und uns in dieser Saison auch noch kein Gästeanhang – mit Ausnahme von Dynamo Dresden – stimmungstechnisch wirklich heraus gefordert hat.

Und trotzdem: Vielleicht sollte manch einer sich entsinnen, dass das, was wir momentan rund um unseren Ballspielverein erleben, keinesfalls selbstverständlich ist und die Erwartungshaltung etwas runter schrauben. Mit diesem Wissen im Hinterkopf lässt sich die Kehle im nächsten Heimspiel dann auch wieder vorzüglich heiser brüllen.

Malte S., 13.02.2012


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