Unsa Senf

Hamburg im Regen

25.01.2012, 19:09 Uhr von:  Redaktion

Ich schreibe oft und gerne über die Spiele, die ich besucht habe. Was auf dem Platz und auf den Tribünen während der 90 Minuten passiert, fasziniert mich immer wieder aufs Neue – und wenn Borussia dann noch gewonnen hat, war es ein perfekter Tag. Doch wie beschreibt man ein Spiel, bei dem man direkt neben dem Stadion gestanden und in sein Radio hineingehört hat? Der 22.01.2012 wird mir immer als ein surrealer Tag, voller widersprüchlicher Gefühle in Erinnerung bleiben. Dabei fing er an, wie so viele Wochenendtage. Frühstücken, Auto, Autobahn. Ab nach Hamburg.

Doch trotzdem war es anders als sonst. Wie viele Leute sind ernsthaft so wahlweise idealistisch oder bekloppt, die Strecke von Dortmund nach Hamburg zu fahren, um das Spiel nicht zu sehen? Eine wichtige und brennende Frage. Das währenddessen der Scheibenwischer wegen des einsetzenden Regens so langsam auf Touren kam, ließ die Antwort nicht gerade positiver ausfallen. Aber gut, mit pessimistischen Gedanken hinfahren und sich dann positiv überraschen lassen, ist als Fußballfan ja quasi Tagesgeschäft.

Warum macht man das? Warum kauft man sich nicht einfach eine Karte und schaut sich in aller Ruhe das Spiel an? Für mich eine Mischung aus Idealismus und, so fair und ehrlich muss ich mir selbst gegenüber sein, knallhartem Egoismus. Ich bin das, was man wohl Mittelklasse nennt. Nicht reich, aber mit einem Einkommen, mit dem es sich auskommen lässt. Stand jetzt bin ich in der glücklichen Situation, dass ich einen Stadionbesuch nicht davon abhängig machen muss, ob ich 15 oder 20 Euro für einen Stehplatz, oder 30 oder 40 Euro für einen Sitzplatz bezahlen muss. Letzteres ärgert mich zwar, aber wenn ich wirklich will, dann kann ich es mir leisten. Ich weiß aber auch, dass sich das alles ändern kann. Es können Zeiten kommen, wo es nicht mehr so rosig aussieht und die 10 Euro Unterschied zu einem wirklichen Problem werden können. Und selbst wenn es so bleibt, schaue ich nach England und sehe Dauerkartenpreise von 1.000 Euro, dann schwindet meine Selbstsicherheit derbe dahin. Fußball ohne Stadionbesuch? Borussia nur noch am TV? Eigentlich undenkbar.

Und ich weiß auch, dass es Leute gibt, die jetzt schon am Limit sind. Über den Fußball habe ich viele Menschen kennengelernt. Manche wurden Freunde, andere Bekannte, viele bleiben Gesichter, die man regelmäßig im Block oder außerhalb sieht. Von den meisten kenne ich die finanzielle Situation nicht. Ich weiß nicht, ob sie es ähnlich gut haben wie ich, oder sich ihre Tickets mühsam zusammensparen müssen. Ich weiß nur, dass es mir um jeden einzelnen leid täte, wenn er über die finanzielle Kante fallen würde. Man hat gemeinsam Tore bejubelt und sich über Niederlagen geärgert. Jeder hat seinen Teil dazu beigetragen, dass Borussia das ist, was es ist – und sich damit auch Unterstützung und Solidarität verdient. Wenn es ausreicht, sich einen Nachmittag in den Regen zu stellen, dann wirkt das Opfer auf einmal gar nicht mehr so groß und schwer.

Aber zurück nach Hamburg. Genauer gesagt, vor das Stadion. Selten so spät angekommen. Um kurz nach 15 Uhr vermischen sich die letzten Nachzügler, die ins Stadion gehen und die Protestierenden. Und alles verläuft ruhig und friedlich ab. Natürlich, jeder der die Tore durchschreitet, ist einer, der draußen fehlt und das ist ärgerlich. Aber Gepöbel und Anfeindungen untereinander wollte niemand. Zwei, drei Leute versuchen fast verschämt noch Tickets unter den Anwesenden los zu werden. Aber auch eher halbherzig, da ihnen ziemlich schnell klar wird, dass da nichts geht. Viele Kameras. Der Sportinformationsdienst ist da, Liga-TV – die große Presse. Spätestens da kommt die Erkenntnis, dass das nur ein Erfolg werden kann. Kurz den Hügel Richtung Eingang hoch und die Schar von oben überblickt. Viele Ponchos, viele Regenschirme. Ich glaube in dem Moment ist dann endgültig Erleichterung und Stolz eingekehrt. Manche mit Invesoren- und Mäzenengeld gepulverten Bundesligavereine können so viele Leute bei dem Anfahrtsweg und dem Wetter nur mühsam dazu motivieren, überhaupt ins Stadion zu gehen. Und hier steht die Gruppe bewaffnet mit Radios.

Das Gefühl während der 90 Minuten selbst kann man kaum beschreiben. Der Block, der Rasen nur wenige Meter entfernt – und doch weit weg. Man hört das „Aaaaaaaaaah" und weiß, dass da irgendwas passiert. Unsere Jungs scheinen gut zu starten. Sicher weiß man das aber nicht, weil das Radio gerade einen Klassiker aus den 80ern spielt. Dann ein Jubel. Draußen fällt er verhalten und zögerlich aus. Vermutlich die Führung, aber sicher ist nichts. Noch einmal hingehört und man hört – Nichts. Keine Tormelodie. Das ist gut, das ist sehr gut. Dann bequemt sich das Radio doch, letzte Zweifel auszuräumen und vermeldet das Tor für Borussia. Jetzt kann man auch endlich erleichtert mitjubeln. Ein Zustand, der sich eigentlich das ganze Spiel über nicht ändert.

Es fühlt sich richtig an, draußen zu stehen und gleichzeitig falsch, nicht drinnen zu sein. Es scheint allen ähnlich zu gehen, denn ob das jetzt Zufall, bewusst oder unbewusst sein mag, viele stehen mit dem Rücken zum Stadion. Ganz so, als ob man ausblenden möchte, dass das Spiel, bei dem wir jetzt eigentlich sein müssten, da gerade in dieser Betonschüssel stattfindet.

Dennoch, nochmal vor die Wahl gestellt, würde ichs genau so wieder machen. Es gab kalte Füße und nasse Klamotten, und vom Spiel nur Ausschnitte in der Zusammenfassung. Aber es gab eben auch den Stolz auf das gesetzte Zeichen, auf die vielen Leute, die mitgemacht haben. Und natürlich der Stolz über die Aktion an sich. Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass es alles wieder aufgewogen hat – aber vieles. Es gibt schlechtere Gefühle an einem Sonntagabend.

Sascha, 24.01.2012

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