Spieler im Fokus

Florian Kringe: Schwarzgelbe Geschichte eines echten Borussen

29.07.2012, 21:19 Uhr von:  Redaktion

Kringe in KaiserslauternWir schreiben Samstag, den 10. März 2007. Der BVB gastiert unter Trainer Jürgen Röber beim kleinen Reviernachbarn aus Bochum, zeigt eine schwache Leistung und geht durch einen Doppelpack des Griechen Gekas verdient mit 0:2 als Verlierer vom Platz. Nur zwei Spieler stellen sich anschließend den enttäuschten Fans im Gästeblock: Nelson Valdez und Florian Kringe, das Dortmunder Urgestein, das an jenem Nachmittag als Linksverteidiger noch der beste Borusse auf dem Platz ist.

Doch eben jener Kringe, der stets loyal gegenüber Verein und Fans ist, bekommt an diesem Frühlingstag die volle Breitseite ab. Nicht nur Schmährufe und Beleidigungen muss der Allrounder über sich ergehen lassen, als er für die Unterstützung danken will, ein enttäuschter und wutentbrannter Anhänger schüttet gar einen vollen Becher Bier in Kringes Gesicht. Der Blondschopf aber bleibt besonnen - und wird auch danach immer wieder den Dialog mit den Fans suchen.

Es ist nur eine Geschichte über Kringe - und nur eine von denen, die sinnbildlich für den Menschen steht, der immer alles für den BVB gegeben hat und dabei gleichzeitig stets ein offenes Ohr für Anliegen der Fans hatte. Eine Geschichte, von denen es einige über den "Fetten mit die Sechs" zu erzählen gibt. Und eine Geschichte, die erst vor wenigen Jahren geschrieben wurde, einem aufgrund der aktuellen Glückseligkeit aber schon wie eine Ewigkeit vorkommt.

Vom Leistungsträger zum Tribünengast

Und genau das ist der Knackpunkt, die Zeiten haben sich geändert: Kringe wurde, auch durch seine zwei Mittelfußbrüche, entscheidend zurückgeworfen und von den Götzes, Schmelzers, Hummels und Benders im aktuellen Team überholt. Der Zeitpunkt des Abschieds ist gekommen. Das Dortmunder Als Kringe noch Stammspieler war - hier gegen Bielefelds Jonas KampperUrgestein mit dem schwarzgelben Herzen musste den Deutschen Meister verlassen, aus sportlichen Gründen wurde sein Vertrag nicht verlängert. Kringe bedauert das sehr. "Ich fühle mich dem Verein in besonderer Weise verbunden", erklärte der vierfache U21-Nationalspieler, als die Trennung feststand: "Das ist sehr bitter für mich."

Einige Monate lang blieb unklar, was aus dem einstigen schwarzgelben Leistungsträger wird, nun steht sein neuer Verein fest: Der FC St. Pauli. Eins ist dabei klar, jeder BVB-Fan wird dem 29-Jährigen einen Stammplatz bei dem ambitionierten Zweitligisten aus Hamburg gönnen. Und jeder weiß sofort, was Kringes neuer Trainer Schubert meint, wenn er sagt: "Florian tut unserer Mannschaft gut. Und zwar sowohl sportlich als auch menschlich." Davon konnte sich die Borussen schließlich viele Jahre lange selbst ein Bild machen.

Von Verlängerungen, Traumtoren und Suspendierungen

Schon in der C-Jugend wurde Kringe zum Dortmunder, als er 1994 im Alter von zwölf Jahren von den Sportfreunden Siegen zu den Schwarz-Gelben wechselte. Abgesehen von zwei Leihgeschäften nach Köln (2002-2004) und zur Hertha (2009/2010), blieb er dem BVB auch in den Krisenjahren treu, selbst als mit Werder Bremen im November 2007 die damalige deutsche Nummer zwei mit der Champions League lockte. Nein, der kampfstarke Kringe blieb und verlängerte seinen Vertrag sogar bis 2012. Hans-Joachim Watzke verkündete die Ausdehnung Kringe gegen Andreas Ottl (damals noch Bayern)des Kontraktes damals unter minutenlangen Ovationen auf der Mitgliederversammlung und adelte den Neu-Hamburger: "Du hast demonstriert, dass du ein echter Borusse bist und Klubs aus der Champions League abgesagt."

Dem aufmerksamen Leser wird es längst aufgefallen sein: Es gibt in der Tat einige Erinnerungen an den Dortmunder Jungen. Dazu gehören zweifellos noch weitere, bisher nicht erwähnte, wie das Traumtor beim Hamburger SV im Jahr 2006, als das Sportmagazin kicker titelte: "Kringe erneut der Matchwinner", oder seine starke Leistung im Pokalendspiel gegen die Bayern 2008, als sein Weitschuss in der Verlängerung beinahe den Sieg bedeutet hätte. Auch eher unschöne Geschichten, wie die unverständliche Ein-Spiel-Suspendierung unter Doll, gehörten dazu. Weil Kringe in der Sonne ein Buch gelesen hatte, strich ihn der Trainer mit dem legendären Wutausbruch kurzerhand aus dem Kader. Begründung: Schlechte Spielvorbereitung.

Begegnung im Aufzug

Und selbst ich habe eine ganz persönliche Geschichte, die mich mit Kringe irgendwie verbindet. Am 14. Kringe im Meistershirt 2012Mai 2011, der BVB hatte soeben als Überraschungsmeister die Schale überreicht bekommen, ging es in den Katakomben des Westfalenstadions heiß her. Die Südamerika-Kombo um Barrios, Santana und Dédé legte gerade wilde Tänze aufs Parkett, als sich eine Gruppe um Owomoyela, Weidenfeller, Sahin und eben jenem Kringe mit großen Biergläsern und der Meisterschale zum Aufzug begab, um Jürgen Klopp auf der gerade stattfindenden PK einen Besuch abzustatten. Wie es der Zufall so will, landete ich als einziger mit diesen Vieren im Aufzug und stand neben Kringe. Während die anderen immer wieder lautstark "Bambule, Randale - Dortmund hat die Schale" anstimmten, den Aufzug zum Wackeln brachten und der Inhalt der Biergläser schon großzügig auf dem Boden verteilt war, blickte mich ein eher ruhiger Kringe schelmisch-entschuldigend an - gleichzeitig wirkte er aber auch innerlich zerrissen: Er schien sich zwar über die Meisterschaft zu freuen, ahnte wohl aber auch, dass seine Zeit bei der Borussia bald abgelaufen war.

Der Kreis schließt sich

Ein Jahr bekam Kringe dann aber dann doch noch geschenkt und selbst, wenn er kaum eingesetzt wurde, hielt seine letzte Saison im BVB-Dress noch zwei schöne Anekdoten bereit: Das Comeback der Nummer sechs im Kampfspiel gegen Düsseldorf in der vergangenen Pokalspielzeit, als er in der 80. Minute eingewechselt wurde, war die eine. Und schließlich gab es da noch den 28. April 2012, wieder ein schöner Frühlingstag, an dem sich der Kreis schloss, der mit dem Bierbecherwurf mehr als fünf Jahre zuvor begonnen hatte. Wir schrieben den 33. Spieltag, der BVB lag in Kaiserslautern deutlich mit Kringe verabschiedet sich in Lautern von den BVB-Fans5:2 vorne, stand bereits als Meister fest - und die Gästefans dachten an den sympathischen Weitschuss-Spezialisten. Sie forderten lautstark seine Einwechslung, feierten ihn nach dem Schlusspfiff und bedankten sich auf diese Art für seine Treue. Zum Abschluss gab es also den Gänsehautmoment, den sich der gebürtige Siegener mehr als verdient hatte.

Insgesamt absolvierte der beidfüßige Mittelfeldakteur und U17-WM-Teilnehmer von 1999 in seiner Zeit beim BVB 151 Liga- und 14 Pokalspiele, erzielte dabei 18 Tore und bereitete 17 weitere Treffer vor. Fußball aber ist weit mehr als Statistik. Für sein immerwährendes Engagement auf, aber auch neben dem Platz, und die vielen schönen Geschichten bleibt am Ende dieses Artikels deshalb nur ein donnerndes: Danke, Flo! Viel Erfolg in Hamburg!

Daniel R., 29.07.2012

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