Spielbericht Profis

Bock auf ein bisschen Fußball, Herr Jäger?

09.12.2012, 17:28 Uhr von:  Redaktion

Hängende Köpfe nach abpfiffDas hier ist der Spielbericht zum BVB-Spiel gegen Wolfsburg. Wie es ausgegangen ist? Lasst euch überraschen. Vielleicht kennt ihr diese Geschichten, in denen ihr an einer Stelle wählen dürft, wie es weitergehen soll. Happy End oder furchterregendes Ende? Dieser Spielbericht wird euch vor eine solche Entscheidung stellen. Seid gespannt!

Der Spieltag begann anders als sonst. Nicht wie üblich mit dem Frühstück um 10 Uhr, dem Wocheneinkauf um 11 Uhr und dem ersten Schluck Pils im Kreuzviertel wenige Stunden später. Nein, heute stand Politik auf dem Plan. Dezentrale und bundesweite Demonstrationen sollten den „Erhalt der Fankultur“ bewerben und das DFL-Sicherheitskonzept anprangern. Mit vielen Fahnen und lauten Gesängen zogen drei Stunden vor Spielbeginn gut 2200 BVB-Fans vom Opernplatz durch das Kreuzviertel bis hin zur B1-Fußgängerbrücke an der BVB-Geschäftsstelle. Schön zu sehen war dabei, wie Passanten und Bewohner der Häuser, an denen der Mob vorbeizog, ihre Kameras zückten und in einem Zustand der Begeisterung und Verwunderung die schönen Momente festhielten. Liebe Dortmunder Bürger: Das Bild kann ganz schnell in die Kategorie „Ach-wie-schön,-damals...“ landen, wenn die Politik weiterhin Wahlkampf auf Kosten des Fußballs und seiner Fans macht. Zudem sei hier noch die Einladung an den NRW-Innenminister Ralf Jäger erwähnt. Rüdiger vom Heinrich-Czerkus-Fanclub bemerkte auf der Kundgebung, er habe noch eine Karte für Block 10 auf der Südtribüne für das Spiel gegen Hannover über. Herr Jäger, falls sie Interesse haben sollten: Rüdiger zahlt die Karte und erwartet sie am 19.12. um 19.30 Uhr vor dem Strobels.

Auch gegen Wolfsburg gab es 12:12 Minuten StilleDie Aktion „12doppelpunkt12“ rief zum vorerst letzten Mal dafür auf, in den ersten 12 Minuten und 12 Sekunden des Spiels zu schweigen, um dem Ligaverband und den Herren Friedrich und Jäger zu zeigen, wie bescheiden das Sicherheitskonzept ist. Und um zu verdeutlichen, wie es sich anhören könnte, wenn diverse Sanktionen durchgezogen würden. Stehplatzverbote, Anreisevorgaben oder verringerte Gästekontingente – der wären der Tod des Fußball, wie wir, die Fans, Spieler, Trainer, Geschäftsführer, Vorstände, Sponsoren, Medienvertreter und Politiker ihn kennen und lieben. Natürlich waren die drei Punkte für den Erhalt der Fankultur ebenso wichtig wie der Sieg auf dem Rasen. Mit dem VfL Wolfburg kam eine Mannschaft zu Gast, die unter ihrem Übergangstrainer Lorenz-Günther Köstner bisher so richtig aufblühte und durch den Trainerwechsel ein Stück weit unberechenbarer geworden war. Die letzte Niederlage gegen Wolfsburg lag sechs Spiele zurück. Dieses Mal plagten den BVB aber Verletzungssorgen.

Mit Sven Bender und Sebastian Kehl fehlten Jürgen Klopp gleich zwei Spieler, die hypothetisch gesehen in der Lage gewesen wären, den Wolfsburger Sportsmann (zu dieser Bezeichnung kommen wir noch) Diego aus dem Spiel zu nehmen. Doch auch mit den eher offensiv ausgerichteten Ilkay Gündogan und Moritz Leitner spielte der BVB eines seiner besseren Heimspiele. Es war die sechste Minute, als sich die schweigenden 80 000 dann doch für einen Moment ein kurzes „Ja!“ nicht verkneifen konnten. Freistoß von der linken Seite von Marco Reus, kein Spieler kam mehr ran und so landete dieser scharf getretene Ball im Tor. Viele Kommentatoren und Ticker-Autoren hatten während der vergangenen Spiele, die unter dem Zeichen von „12doppelpunkt12“ standen, die Frage in den Raum geworfen, wie es sich denn bei einem Tor verhielte. Die Antwort: Wir sind alles auch nur Menschen. Dementsprechend war ein kleiner Jubel zu vernehmen, aber anschließend war wieder Ruhe im Karton.

Beeindruckendes Bild nach 12:12 MinutenUnd der BVB ließ sich auch nach dem Führungstreffer durch keinen Wolfsburger aufhalten. Die amtierenden deutschen Meister spielten mit Lust und Laune nach vorne. So richtig Spaß machte das Spiel erst ab der 13. Spielminute. Mit dem fast schon obligatorischen Countdown kam die Stimmung in das Westfalenstadion, die zu einem Fußballnachmittag einfach dazu gehört. Mit der Hüpfversion von „Jingle Bells“ wurden nun auch die Körpertemperaturen nach oben geschraubt. Die nächste Chance für den BVB ließ nicht lange auf sich warten: Wieder ein Freistoß von Reus, aber dieses Mal konnte VfL-Torwart Diego Benaglio parieren.

Es war etwas mehr als eine halbe Stunde gespielt, als der Gast aus Wolfsburg erste Lebenszeichen in der Offensive von sich gab. So lupfte Diego den Ball in den Strafraum, Vieirinha legte in die Mitte auf Dost, der schoss – und Marcel Schmelzer rettete mit den Oberschenkeln auf der Linie.

Jetzt bist du an der Reihe: Entscheide dich für das „glückliche Ende des BVB“ oder aber für den „starken Auftritt des Schiedrichters“.

Das glückliche Ende

Kjaer gegen LewandowskiWas für eine Rettungstat von Marcel Schmelzer. Wohl die komplette BVB-Anhängerschaft hatte mit dem 1:1 gerettet. Aber da hatte eben noch der Dortmunder Linksverteidiger ein Wörtchen mitzureden. Das Gegentor wäre zudem irregulär gewesen: Vieirinha stand bei Diegos Hereingabe im Abseits. So aber ließ sich der BVB nicht von diesem kleinen Schockmoment beirren.

Die BVB-Elf spielte weiter nach vorne. Im letzten Bundesliga-Heimspiel des Jahres wirkte die Truppe wie entfesselt von den Unentschieden gegen Fortuna und München. Kurz vor der Pause dann das 2:0: Ecke von Reus, Kopfball Hummels, Tor. Das verdiente Stückchen Zucker in den wohltuenden Kaffee. Wolfsburg hatte seit der Chance in der 35. Minute keinen Torschuss mehr. Bezeichnend.

Die zweite Halbzeit ist schnell erzählt. Die Wolfburger wirkten desillusioniert während die Borussia zwischen Schonung und Spielfreude wechselte. Immer wieder gab es Torchancen, wie für Lewandowski (57.), den eingewechselten Perisic (70.) oder den bärenstarken Reus (75.). Der Stimmung im Stadion tat es gut. In vorweihnachtlichr Atmosphäre stimmte die Südtribüne in der 80. Minute „Leuchte auf“ an, was von großen Teilen des Stadion mitgetragen wurde. Nach 90 Minuten pfiff Schiedsrichter Wolfgang Stark pünktlich ab. Der VfL hatte in Dortmund zum wiederholten Male nichts zu melden und ging mit 0 Punkten, 0 Toren und drei Torschüssen vom Feld. Der BVB hingegen darf sich mit dem 2:0 Hoffnungen machen, auf Platz zwei zu überwintern.

Der starke Auftritt des Schiedrichters

Stark zeigt Marcel die rote KarteAls alle dachten, die Situation sei geklärt, zeigte Schiedsrichter Wolfgang Stark auf den Punkt. Elfmeter für Wolfsburg. Es kann nur ein Handspiel von Schmelzer bei seiner Rettungstat als Grund vorgelegen haben, wenn sich Stark für einen Elfmeter entscheidet. Und wenn er sich für Elfmeter und ein Handspiel entscheidet, dann muss er auch die Rote Karte zücken. Tatsächlich. Schmelzer sah „Rot“, fasste sich an den Kopf und verstand die Welt nicht mehr. Das Stadion kochte. Auch ohne Videobeweis und Wiederholungen sagte einem das Bauchgefühl des erfahrenen Fußballguckers und Stadiongängers, dass das kein Handspiel gewesen war. Selbst wenn – die Hand war angelegt und ist generell nur schwer beiseite zu schaffen, wenn der Ball mit 100 Karachos auf die zugeflogen kommt. Die TV-Bilder werden später belegt haben, dass Schmelzer den Ball nur mit den Oberschenkeln abgewehrt hat. Den anschließenden Elfmeter verwandelte Diego eiskalt.

Zack. Mit einem Mal war der Spielverlauf auf den Kopf gestellt. Und das alles aufgrund einer Fehlentscheidung. Aber es muss ja weiter gehen. Die BVB-Mannschaft hatte sich gerade nach Zeichensprache mit der BVB-Bank neu formiert, das gab es schon den nächsten Standard für die Gäste. Freistoß von der rechten Seite, weil Hummels eine Flanke mit seinen Händen unterband. Dieses Mal war der Pfiff korrekt. Dann also wieder Diego am Ball, die Flanke kam auf Naldo, der Hühne hielt seinen rechten Fuß hin und der Ball schlug rechts im Tor des BVB ein. 1:2, das ging schnell. Eine ungewohnte Situation für den BVB. Die erste Halbzeit war gegessen und die Pause nutzte Jürgen Klopp, um die kleine Notfall-Taktik zu Wählen. Leitner musste runter, dafür kam Perisic. Was jetzt folgte, war der Wahnsinn.

Unschöne Szene im WS: Dost feiert das 2-3Mit einer Fünferabwehrkette, deren Außenverteidiger sehr offensiv ausgerichtet waren, kam der BVB aus der Kabine. Es wirkte so, als rannte jeder Borusse um sein Leben. Viele Chancen kamen dabei nicht herum, aber wirkliche Lust auf die Entscheidung versprühten die VW-Städter auch nicht. Der BVB drückte. Immer wieder waren Götze, Gündogan oder auch Kuba schneller am Ball, als die Gäste. In der 61. Minute war es endlich soweit: Lewandowski wurde gelegt, Kuba trat zum Strafstoß an und das 2:2 war perfekt. Das Stadion trieb die Mannschaft noch einmal an. Hier ging noch was! Der BVB spielte trotz Unterzahl weiter Richtung Südtribüne auf das gegnerische Tor. Fast wäre es das 3:2 gewesen: Perisic nahm einen abgeblockten Ball freistehend aus 11 Metern volley. Die Kugel flog anschließend jedoch weit über das Tor.

So etwas wird und wurde bestraft. Nach einem Kopfball aus dem Mittelkreis ließ der Subotic' ersetzende Felipe Santana den Wolfsburger Dost einfach davon ziehen. Der ließ sich die Möglichkeit nicht nehmen. 2:3 - Schockzustand im Stadion. Das war bitter und sogar unnötig. Anschließend war die Luft etwas raus. Schiedsrichter Wolfgang Stark machte sich mit kuriosen gelben Karte (Götze) und Fehlentscheidungen weiter unbeliebt im Stadion. Diego machte es nicht besser. Der unsägliche Schauspieler hielt sich den Fuß, bis eine Minute Zeit geschindet worden war, um dann wieder feuchtfröhlich aufzustehen.

Abgang des schlechtesten Mann auf dem FeldEs ging nichts mehr. Der BVB verlor das zweite Heimspiel in dieser Saison. Wolfgang Stark wird später noch gesagt haben, dass die Rote Karte und der Elfmeter eine Fehlentscheidung war. Außerdem wird Schmelzer wohl keine Sperre absitzen müssen. Für den Moment hilft dem BVB das, mit Blick auf die Tabelle, wenig. Dort hat die Borussia nämlich stolze vier Punkte Vorsprung auf Platz neun, wo der SC Freiburg steht. Das einzig positive an diesem Spiel war aber, dass es absolut hitzig geführt wurde, die Ränge tobten und die Stimmung schwankend war – es aber keine Toten gab. Lieber Herr Friedrich. Lieber Herr Jäger. Lieber Herr Schünemann.

Die Fotostrecke zur Heimniederlage gegen den VfL Wolfsburg gibt es wie gewohnt auf unserer BVB-Fotoseite unter diesem Link, die Fotos von der Fandemo gibt es unter diesem Link.

Statistik

Borussia Dortmund: Weidenfeller - Piszczek, Santana, Hummels, Schmelzer - Gündogan, Leitner - Blaszczykowski, Götze, Reus - Lewandowski
VfL Wolfsburg: Benaglio - Fágner, Naldo, Kjaer, Schäfer - Polak, Josué - Hasebe, Diego, Vierinha - Dost
Einwechselungen: 46. Perisic für Leitner, 81. Schieber für Blaszczykowski - 72. Kahlenberg für Josué, 86. Rodriguez für Vierinha
Tore: 1:0 Reus, 1:1 Diego, 1:2 Naldo, 2:2 Blaszczykowski, 2:
Schiedsrichter: Stark (Ergolding),
Rote Karte: Schmelzer (35., Handspiel)
Gelbe Karten: Reus, Gündogan, Götze - Kjaer, Josué, Kahlenberg
Zuschauer: 80.000 (ausverkauft)

Guerriero, 09.12.2012

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