Spielbericht Profis

In Europa kennt uns keine Sau!

22.11.2012, 21:36 Uhr von:  Redaktion

Götze und Reus freuen sichSurreal. Kaum zu fassen. Eigentlich undenkbar. Was für ein Fußball! Der BVB hat das Achtelfinale der UEFA Champions League erreicht. Erst ungeschlagen gegen Madrid, dann auch ungeschlagen insgesamt - und mit einem 4:1 bei Ajax Amsterdam. Ein denkwürdiges Spiel, in dem der BVB wohl so effektiv wie noch nie war. Jetzt ist dem BVB sogar die Tabellenführung nicht mehr zu nehmen. Das Protokoll eines außergewöhnlichen Auswärtsspiels.

Die Atmosphäre vor der Partie beim holländischen Meister war mit den Aufenthalten in Madrid und Manchester nicht zu vergleichen. Der Amsterdamer Oberbürgermeister hatte den BVB-Fans im Vorfeld verboten, eine der schönsten Innenstädte Europas zu betreten. Schwarzgelbe waren in der Stadt also kaum zu erkennen.Viele reisten ja auch erst am späten Nachmittag nach Feierabend an. Die Polizei hatte sich für die Gästefans etwas ganz besonderes ausgedacht: An der Raststätte Hildersheim auf der A3 wurden viele Fanbusse kontrolliert. Vor allem die Busse, in denen die Ultras saßen, waren im Visier der Polizei. Es ist dabei auch von Ganzkörperkontrollen die Rede, bei denen im Endeffekt aber nichts verbotenes gefunden worden sein soll. Nicht wenige Busse mussten nahezu zwei Stunden auf der Raststätte ausharren und kamen kurz vor knapp am Stadion an. Halbnackt auf der Autobahn? Gibt schöneres auf dieser Welt.

Die Vorfreude auf den möglichen Achtelfinal-Einzug des BVB wollte sich natürlich niemand nehmen lassen. Uberhaupt ist ein Auswärtsspiel der Borussia in der Königsklasse immer ein Highlight. Für viele Fans war die Amsterdam-ArenA Neuland. Denn der Ballspielverein gastierte hier zuletzt im Jahre 1996 (und verlor gegen den späteren Champions-League-Sieger mit 0:1). Dieses Stadion ist zwar eine durchschnittliche Multifunktionsarena, ein Hingucker ist es von Außen trotzdem. Es ist immerhin 77 Meter hoch und gleicht einem Ufo, einer Brötchendose oder sonstigen geschlossenen Gegenständen. Unter dem Spielfeld befindet sich ebenerdig ein Parkhaus – etwas kurios ist das schon.

Die MannschaftenDas Stadion ist also überdacht und wirkt von innen wie eine Mischung aus dem Frankfurter Stadion und der Fußballstädte in Düsseldorf. 49 000 Zuschauer passen hier rein. Wirklichen Charme vermag das reine Sitzplatzstadion aber nicht versprühen. An diesem Tage war das Stadion ausverkauft und die Karten für den Gästeblock waren – oh Wunder – heiß begehrt. Die 3000 mitgereisten BVB-Fans im Oberrang der Süd-Ost-Ecke machten vor dem Anpfiff des Spiels lautstark auf sich aufmerksam. Die Heimfans ebenfalls. Allen voran die Ultras im Oberrang der Süd-West-Ecke.

Das Vorgeplänkel aus den Stadionboxen war unterdessen sehr abwechslungsreich. Von Gabba-Musik zum Warmmachen, normalen Charts bis hin zu (Achtung festhalten!) Andre Rieu live und unmittelbar vor Anpfiff war alles dabei.

Nicht ganz so sanft wie André Rieu mit seiner Geige gingen beide Mannschaften zu Beginn der Partie zu Werke. Ajax Amsterdam und Borussia Dortmund suchten direkt den Weg in die Offensive. In der 8. Minute war es dann bereits soweit: Dortmund ging in Führung! Mario Götze spielte rechts vom Strafraum den Ball in den Lauf von Marco Reus. Der 23-Jährige, der das Fußballspielen bei PTSV Dortmund gelernt hat, schob den Ball mit der Souveränität eines 34-Jährigen ins Tor. Der Abend begann also hervorragend. Es sollte noch besser kommen. Noch viel besser. Spulen wir vor auf die 36. Minute. Der BVB hatte inzwischen jede Menge Abwehrarbeit hinter sich. Ajax wollte, konnte aber nicht. Und dann war es Mario Götze, der von links in den Strafraum zog. Schuss ins kurze Eck – Tor! Der Gästeblock tobte, die Heimfans verstummten. Es war kein Ende der schwarzgelben Spielfreude in Sicht. So langsam zeigte sich: Der BVB hatte seinen effektivsten Tag der jüngsten Vereinsgeschichte erwischt. Zwar konnte Ajax-Keeper Kenneth Vermeer in der 41. Minute den Distanzschuss von Götze noch parieren, der Nachschuss von Lewandwoski war aber drin. Nobby Dickel hielt es auf der ansonsten so zahm wirkenden Pressetribüne nicht mehr auf seinem Platz. „Unfassbar! Das sind unsere Jungs!“.

Als der Schiedsrichter zur Halbzeit pfiff, hatte Dortmund 34 Prozent Ballbesitz, nur vier Schüsse auf das Tor gebracht und lag mit 3:0 vorne. Allen im Stadion war klar: Wer den BVB im Achtelfinale zugelost bekommt wird sich nicht wirklich freuen.

Götze macht das 2:0Eine gute Fußballmannschaft verfügt bekanntlich über Sportsgeist und gibt sich auch nach schweren Rückschlägen nicht auf. So wollte Amsterdam von nun an immerhin Ergebniskosmetik beitreiben. Das Stadion war noch gut gefüllt. Die Fans fieberten trotz des großen Rückstands in den entscheidenden Aktionen mit. Nur die BVB-Fans richteten ihren Blick eher auf die eigene Kurve, als auf das entschiedene Spiel. Schon zu Wiederanpfiff war „Leuchte auf“ zu hören. Das ist bekanntlich immer ein Zeichen dafür, dass das Spiel des BVB entschieden ist.

Ajax spielte also munter nach vorne. Dabei verpasste es die Mannschaft von Trainer Frank de Boer einige Male, ihre Chancen zu nutzen. Das Problem ist dem Deutschen Meister nur allzu gut bekannt. Dieses Mal war es aber tatsächlich der BVB, der vor dem Tor eiskalt war. Zauberflanke von Mario Götze in den Strafraum, die Gastgeber verschliefen diesen Ball einfach und Lewandowski versenkte ihn aus spitzem, rechtem Winkel im Tor. 4:0 – das war der pure Wahnsinn. Letztlich wurde das einigen tausend Ajax-Anhängern doch zu viel, sodass das Stadion immer leerer erschien. Der Gästeblock hatte Spaß und gab den Gassenhauer „Ajax ist zum Putzen da!“ zum Besten. Leute, ihr seid so 90er!

Leider durfte auch in diesem Spielbericht das Wort „Wehmutstropfen“ nicht fehlen. Sven Bender blieb nach einem Zweikampf mit Eyong Enoh am Boden liegen. Die BVB-Ärzte erkannten sofort, dass die Nase Probleme bereitete. Nicht schon wieder! Mit Verdacht auf Nasenbeinbruch verließ Bender den Platz. Es bleibt zu hoffen, dass es die Gesichtsknochen nicht wieder allzu schwer getroffen hat.

Unterdessen versuchte der holländische Meister aus Amsterdam weiter, wenigstens den Ehrentreffer zu erzielen. Dem eingewechselten Hoesen gelang dies immerhin noch dank eines von Neven Subotic abgefälschten Schuss. Die verbliebenen Ajax-Fans bejubelten diesen Treffer noch einmal lautstark, ehe der Schiedsricher die Partie beendete. Der BVB hat tatsächlich den ersten Champions-League-Auswärtssieg seit neun Jahren perfekt und den vorzeitigen Achtelfinal-Einzug perfekt gemacht. Während der Autor bereits eifrig im Duden nach den passenden Attributen für diese Mannschaft suchte, verabschiedete sich die Elf von Jürgen Klopp unter tossendem Beifall der Gästefans. Die Ajax-Spieler bekamen sogar auch noch Applaus. Verdient, wenn du dich in einer solchen Partie nicht aufgegeben hast. Ein rundum erfolgreicher und aus Fansicht friedlicher Tag neigte sich dem Ende entgegen. Und die Flüge nach Glasgow dürften dann bald gebucht werden können...

Der GästeblockNoten:

Roman Weidenfeller:
Wurde in der ersten Halbzeit kaum geprüft. Im zweiten Durchgang hatte er mehr zu tun, hatte Pech bei Subotics Eigentor und Glück, dass die Ajax-Spieler ihre Chancen liegen ließen. Deswegen die Torwart-Standartnote 3.

Lukasz Pisczcek: Der rechtsverteidiger wirbelte gut vorne mit und hielt hinten alles dicht. Note: 2+

Mats Hummels: Überragender Abend. Hat den Offensivbemühungen der Amsterdamer besonders in der ersten Halbzeit gut stand gehalten. Note: 2+

Neven Subotic: Machte seine Sache ansonsten ebenfalls gut. Note: 2

Marcel Schmelzer: Wie die gesamte Abwehr mit einem guten Tag. Note: 2

Sven Bender: Mensch, Manni! In gewohnt guter Form, musste verletzt raus. Note 2

Ilkay Gündogan: Da Mario Götze an diesem Tag die Kreativabteilung bildete, blieb der deutsch-türke etwas außen vor. Note: 2-

Kevin Großkreutz: Wirkte unauffällig, aber solide. Note: 2-

Mario Götze: War an allen vier Toren beteiligt. Note: 1

Marco Reus: Wirbelte gemeinsam mit Götze Amsterdam durcheinander. Note: 2

JubelRobert Lewandowski: Erzielte zwei Tore, eins davon aus besonders spitzem Winkel. Note: 2+

Ivan Perisic: Kam für Sven Bender, bewirkte allerdings nicht mehr allzu viel. Note: 3

Kuba: Kam in der 70. Minute, als schon alles gegessen war. Deswegen, ebenfalls wie für Julian Schieber, keine Note.

Teams&Tore:
Extra frisches Ajax: Vermeer - van Rhijn, Alderweireld, Moisander, Blind - de Jong, Poulsen (46. Schoene), Enoh (63. Hoese) - Lukoki, Eriksen, Boerrigter (73. Fischer)
Putzkolonne Dortmund: Weidenfeller - Piszczek, Subotic, Hummels, Schmelzer - Gündogan, Bender (63. Perisic) – Reus (79. Schieber), Götze (70. Kuba), Großkreutz - Lewandowski
Tore: 0:1 Reus (8., Götze), 0:2 Götze (36., Hummels), 0:3 Lewandowski (41., Götze), 0:4 Lewandowski (67., Götze), 1:4 Hoesen (86., Eriksen)
Schiedsrichter: Proença (POR),
Gelbe Karten: Enoh, Moisander - Götze
Zuschauer: etwa 50.000

Guerriero, 22.11.2012


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