Spielbericht Profis

Der Tag, an dem Felipe Santana ein Kopfballduell verlor

21.10.2012, 09:54 Uhr von:  Redaktion

Sven Bender kann die Niederlage nicht fassenEin Tag, an dem der baumlange und ungemein kopfballstarke Felipe Santana einen Zweikampf in der Luft verliert, kann eigentlich schon aus Prinzip kein guter sein. Und so ist das, was jetzt folgt, fast folgerichtig: Der BVB hat das Derby mit 1:2 verloren und bei weiter 12 Punkten den Anschluss an die Spitzengruppe der Liga verloren. Letzten Endes gibt es für die Niederlage viele Gründe, an Willen und Kampfgeist fehlte es jedoch keineswegs. Eine durch das neue System, die vielen Verletzten und das frühe Gegentor verunsicherte Mannschaft gab bis zum Abpfiff alles, konnte das Ruder aber letztlich nicht mehr herumreißen.

Wegen der Länderspielpause hatten beide Ruhrpott-Rivalen mehr Zeit als üblich, um auf das elektrisierende Derby hinzufiebern. Dennoch blieb es im Vorfeld der Partie recht ruhig, und keiner der Verantwortlichen schien vor dem Aufeinandertreffen mehr Feuer als nötig entfachen zu wollen. Den einzigen verbalen Schlagabtausch lieferten sich Watzke und Wurstfabrikant Clemens Tönnies, der Klopps Körpersprache in dieser Saison unangemessen kritisiert hatte und dafür prompt daran erinnert wurde, wer ein Leben lang keine Schale in der Hand halten wird.

Verbote werden überhört, Polizei fordert Verstärkung an

Während die Südtribüne sich gegen den Fankodex wandte...Am Spieltag selbst herrschte, wie bei als Risikopartien titulierten Duellen fast schon üblich, Glasflaschenverbot in der Dortmunder Innenstadt und rund um das Stadion. Eine weitere Sicherheitsvorgabe richtete sich an die rund 7000 mitgereisten Fans des Gastvereins: Weil sie beim letzten Derby im Westfalenstadion Pyrotechnik gezündet hatten, durften sie diesmal nur Trikot, Schal und Mütze mit in das Westfalenstadion nehmen. Alle anderen Fan-Utensilien, so hieß es in einer BVB-Pressemitteilung, wurden verboten.

Viel brachte das jedoch nicht, denn mit dem Anpfiff zündeten die Schalker nicht nur zahlreiche Feuerwerkskörper, sondern präsentierten darüber hinaus eine geklaute Dortmund-Fahne, die einige Fans auf der Gegenseite scheinbar sehr erzürnte. Auch vor dem Stadion blieb es laut Informationen aus dem direkten Umfeld des BVB alles andere als ruhig: Danach hätten insgesamt rund 1000 Anhänger beider Vereine voneinander unabhängig die Polizei angegriffen und beworfen, was dazu führte, dass die Ordnungshüter Verstärkung aus dem umliegenden Städten anforderten.

Personelle Situation erfordert Umstellungen

... gab es im Gästeblock ein FeuerwerkTaktisch startete der BVB nicht im gewohnten 4-2-3-1, sondern vielmehr in einem 3-5-2-System, auch weil personell vier Veränderungen vorgenommen werden mussten: Moritz Leitner ersetzte den angeschlagenen Götze (muskuläre Probleme), während Ivan Perisic anstelle des schmerzlich vermissten Kuba (Sprunggelenk) in die erste Elf rückte. Großkreutz begann, weil Marcel Schmelzer sich nicht rechtzeitig fit meldete. In Ilkay Gündogan fehlte zudem der Spielmacher des BVB, für den Kapitän Sebastian Kehl wieder ins Team rückte.

Der blaue Gegner aus dem Nachbarort trat im selben System an wie immer, dem 4-2-3-1. Auch Huub Stevens hatte unter der Woche zudem um einige angeschlagene Spieler zittern müssen. Anders als beim Rivalen entspannte sich die Lage aber: Christian Fuchs konnte auflaufen, nur Julian Draxler und der erkrankte Papadopoulos konnten die Reise zum Nachbarn nicht antreten. Für den griechischen Innenverteidiger rochierte Uchida in die Mannschaft, Julian Draxler wurde von seinem Kollegen Afellay ersetzt. US-Nationalspieler Jermaine Jones blieb zunächst nur ein Platz auf der Bank - der BVB hatte schließlich genug Verletzte zu beklagen.

Die Stimmung im Stadion war bereits vor dem Spiel prächtig. Bei angenehmen 20 Grad konterte die Südtribüne lautstark die ersten Versuche des blauen Anhangs, sich in Szene zu setzen. Im Gegensatz zu den aus zweiter Hand berichteten Ereignissen im Stadionumfeld blieb der Schlagabtausch der Fanlager ein rein verbaler. Als schließlich bereits um halb drei „Ein Leben lang keine Schale in der Hand“ durch das weite Stadionrund hallte, hatten die Heimfans prompt ihren ersten Teilerfolg gefeiert. Und auch optisch, gewohnt mit etlichen Fahnen, Doppelhaltern und Meisterschalen geschmückt, war die Süd der Gästekurve um Längen überlegen: Dadurch, dass die Schalker neben ihren blauen Trikots allesamt weiße Mützen aufgesetzt hatten, mutierte ein Teil der Moritz Leitner kam neu ins TeamNordtribüne zu Schlumpfhausen. Ein durchaus unterhaltsamer, wenn auch nicht wirklich schöner Anblick. Einen kleinen Banner mit der Aufschrift „Gegen BVB-Nazis“ hatten die Schalke-Fans neben der bereits erwähnten, scheinbar geklauten Dortmund-Fahne mit in Block 60 geschmuggelt.

Auf der Südtribüne wiederum wurde kurz vor Beginn Stellung zu einem aktuellen Thema genommen: „Union und St.Pauli haben es vorgemacht - Fankodex stoppen!“, hieß es hier - eine Aussage, die vermutlich der Großteil der Ligafans vertritt.

Neues System, ungewohnte Verunsicherung

Bereits in den ersten Minuten kristallisierte sich heraus, dass Jürgen Klopp eine neue taktische Variante gewählt hatte, in der Subotic, Bender und Hummels die Verteidigung bildeten. Demnach breit war das Mittelfeld aufgestellt, jedoch rückten rechts Piszczek und links Großkreutz immer wieder nach hinten, um die Dreierkette zu unterstützen und das starke Flügelspiel der Schalker zu stoppen.

Zehn Minuten benötigte Schalke, um sich an die Taktik des BVB zu gewöhnen - so entstand eine sehr umkämpfte Partie ohne Torchancen und ohne Vorteile für ein Team. Das änderte sich, als Afellay nach einer knappen Viertelstunde eine Kopfballvorlage von Kehl technisch ansehnlich mit Hilfe des Innenpfostens in das Tor wuchtete.

Roman Weidenfeller war beim 0-1 chancenlosDer BVB wurde jetzt immer unsicherer, das neue System half nicht gerade, um die gewohnte Passsicherheit zu zeigen und ein Pressing gegen den Ball zu spielen, was die Fans vom Deutschen Meister gewohnt sind.

Die Gäste wiederum wussten glücklicherweise nicht, teils haarsträubende Fehler im Spielaufbau in Torchancen oder gar Treffer umzumünzen, so dass sich ein Spiel ohne große Strafraumszenen entwickelte. Ein harmloser Kopfball von Huntelaar (30.), der in 90 Minuten im Schnitt weniger Ballkontakte hat als die Torhüter Roman Weidenfeller und Lars Unnerstall und ein recht harmloser Schuss von Reus blieben die einzigen halbwegs erwähnenswerten Möglichkeiten. Während die Borussia vorne fast gänzlich ohne Durchschlagskraft blieb, kam vor dem eigenen Tor immer mal wieder das Gefühl von Gefahr auf. Auch die Systemumstellung zurück zum einem 4-2-3-1 mit Bender als Rechts- und Piszczek als Linksverteidiger änderte daran zunächst nichts.

Die BVB-Fans, die lautstark und verzweifelt gegen die drohende Niederlage ansangen, konnten ihrem Team nicht zu mehr Sicherheit im Spiel nach vorne verhelfen. Vom Spielverlauf unbeirrt drehte die Südtribüne immer wieder auf - so auch sofort nach dem Rückstand - ließ sich die Stimmung durch die zahlreichen Abspielfehler und die schwache Zweikampfbilanz (nur 45% in Hälfte eins) aber etwas verderben - ein Grund für die nur zeitweise maue Atmosphäre könnte auch das bereits erwähnte Diebesgut der Schalker gewesen sein. Der verständlicherweise gut gelaunte Gästeanhang feierte sich selbst für den Spielstand und die gelungene Provokation.

Dann bat der sehr kleinliche Brych, der in der ersten Hälfte aber kaum vor große Probleme gestellt wurde, zum Pausentee. Klar, dass eine Steigerung vonnöten war, um dem Spiel noch eine Wende zu geben.

Schlechter Start in Halbzeit zwei

Kapitän Sebastian Kehl im ZweikampfDie zweite Hälfte begann denkbar ungünstig - nämlich mit dem zweiten Gegentreffer. Dortmund war viel zu weit aufgerückt und hatte den Ball leichtfertig im Vorwärtsgang vertändelt, Höger lief nach dem öffnenden Zuspiel von Farfan einige Meter frei auf Weidenfeller zu und konnte sich die Ecke schließlich aussuchen.

Der BVB-Anhang zeigte sich leicht geschockt von diesem weiteren Nackenschlag, versuchte aber weiterhin ihre Elf auf dem Rasen zu unterstützen und ließ nie nach. Eine Leistung, die auch Jürgen Klopp nach dem Spiel auf der Pressekonferenz zu würdigen wusste. Die blauen Schlümpfe im Gästeblock feierten bereits den Derbysieg, auch wenn nicht mal eine Stunde gespielt war.

Klopp reagierte schnell und brachte Schieber für Perisic - und das lohnte sich bereits kurz darauf, als Reus mit einem Freistoß Lewandowski bediente (55.), der zum Anschluss über Unnerstall hinwegköpfte. Schieber hatte den Freistoß „herausgeholt“.

Nach dem Tor kamen die Fans wieder voll auf und peitschen das dezimierte Team nach vorne. Zudem verstärkte Klopp ein weiteres Mal die Offensive und brachte den Bundesliga-Debütanten Leonardo Bittencourt, der mit seiner Schnelligkeit und einer insgesamt ordentlichen Leistung durchaus Werbung für sich machen konnte. Der schwache Kapitän Kehl verließ für den Youngster das Feld.

Hoffnung nach dem AnschlusstrefferAbgesehen von einem Torschuss von Reus ans Außennetz blieb der BVB im letzten Drittel jedoch weiterhin ungefährlich. Die Gründe: Etliche Fehler und Ballverluste im Spielaufbau und eine Zweikampfschwäche, die man in dieser Form lange nicht mehr sehen musste. Am Ende standen für das Team von Klopp gerade einmal 43% gewonnene Zweikämpfe auf der Habenseite.

Stevens‘ Team fährt den Sieg geschickt nach Hause

Schalke wiederum beschränkte sich auf Ballbesitz, fuhr ab und an den ein oder anderen Konter und verzögerte das Spiel immer wieder mal mehr, mal weniger geschickt durch vorgeschobene Verletzungen (Unnerstall, Holtby). Dabei kam der Revierrivale zu seltenen, aber durchaus großen Chancen. Afellays Schuss (71.), entschärfte Weidenfeller, genau wie die hundertprozentige Möglichkeit von Huntelaar (90.).

Auch in den vier Minuten Nachspielzeit, mittlerweile war Jones auf dem Platz und hatte sich nach wenigen Sekunden bereits mit einem Foul eingeführt, konnte die Borussia nichts mehr an der letztlich wohl verdienten Niederlage ändern. Auch die Einwechslung von Santana als Offensivspieler brachte nichts mehr - der Brasilianer warf sich vorne zwar immer wieder in die Bälle, verlor ab und an aber eben doch tatsächlich mal einen Kopfball und wurde vom nun noch kleinlicher agierenden Brych mehrmals zurückgepfiffen.

Die Fotostrecke zum Derby findet Ihr wie gewohnt auf unserer BVB-Fotoseite unter diesem Link.

Stimmen von der Pressekonferenz

Jürgen Klopp nahm die Niederlage auf seine KappeJürgen Klopp: „Vielen Dank an jeden einzelnen Zuschauer, der heute da war. Das war herausragend, wie wir bis zum Schluss nach vorne gepeitscht wurden. Wir haben heute einfach kein gutes Spiel gemacht. Wir haben versucht unserer personellen Situation Rechnung zu tragen, durch eine Systemumstellung, aber in der Anfangsphase viel zu viele Fehlpässe gespielt. Deswegen haben wir durch eine frühzeitige Umstellung versucht, dem Team mehr Sicherheit zu geben. Dann bekommen wir zwei Konter, das darf natürlich nicht passieren. Nach dem Anschluss waren wir nicht in der Lage, das Ganze ruhig zu Ende zu spielen. Deswegen haben wir kaum Abschlüsse gehabt, auch nicht in der Phase am Ende, als wir richtig gedrückt haben. Das war ein verdienter Sieg, das tut mir Leid für alle, aber wir werden jetzt versuchen, das schnell wieder anders aussehen zu lassen. Wir müssen so ziemlich alles besser machen, um am Mittwoch etwas zu holen.“

Huub Stevens: „Wir waren doch ein wenig überrascht, dass Dortmund in einer anderen Organisation gespielt hat, aber wir haben das super angenommen. Nach der Umstellung von Dortmund haben wir zu viele lange Bälle gespielt und waren nicht mehr so gut wie davor. Die zweite Hälfte fängt natürlich super an. Da weißt du dann, dass du heute eine Chance hast. Nach dem Standard wird es noch einmal schwierig, aber wir haben gekämpft und verdient gewonnen.“

Noten

Mats Hummels: Viele Abspielfehler, kommt in dieser Saison noch nicht richtig in Tritt. Note 4Roman Weidenfeller: Bei den Gegentoren machtlos, rettete kurz vor Schluss stark gegen Huntelaar. Note 3

Neven Subotic: Beide Gegentore fielen über seine Seite, sind dem serbischen Nationalspieler aber nicht alleine anzukreiden. Darüber hinaus mit viel zu vielen langen und ungenauen Bällen im Spielaufbau, die aber auch Schuld des neuen System waren. Note 4

Sven Bender: Spielte Innen- und Rechtsverteidiger, und wurde in Halbzeit zwei wieder auf seine ursprüngliche Position im defensiven Mittelfeld gestellt. Dort war er auch am stärksten. Note 3,5

Mats Hummels: Viele Abspielfehler, kommt in dieser Saison noch nicht richtig in Tritt. Note 4

Lukasz Piszczek: Musste erst als rechter Flügelspieler im Mittelfeld und dann links ran, bis er wieder auf seine gewohnte Position durfte. Auch für ihn gilt: Auf seiner angestammten Position ist der ruhende Pole am stärksten.

Moritz Leitner: Bemüht, kann dem Spiel aber noch keine Struktur verleihen, wie es Ilkay Gündogan vermag. Ab und an merkt man ihm sein Alter an, spielt manchmal zu überhastet oder will mit dem Kopf durch die Wand. Dennoch ein, zwei gute Ideen. Note 3,5

Sebastian Kehl: Nicht der beste Tag des Kapitäns. Offensiv mit einfachen Fehlpässen, lief dann in der Rückwärtsbewegung oft hinterher. Kam nicht wirklich in die Zweikämpfe. Note 4,5

Ivan Perisic: Blieb sehr blass in der Offensive, arbeitete recht gut in der Defensive mit. Note 4Ivan Perisic: Blieb sehr blass in der Offensive, arbeitete recht gut in der Defensive mit. Note 4

Kevin Großkreutz: Recht ansprechende Leistung des Ur-Dortmunders. Noch einer der zweikampf- pass- und laufstärksten Borussen. Von der Topform aber noch deutlich entfernt, aber dafür benötigt er auch ein fuktionierendes System. Note 3,5

Marco Reus: Mit einigen Turboläufen, und ein, zwei guten Abschlusschancen. Bereitete das Tor vor, verlor aber in der ein oder anderen Situation unnötigerweise den Ball. Vor allem die Ballverluste im letzten Drittel im Mann gegen Mann schmerzten. Note 3,5

Robert Lewandowski: Hing oft in der Luft, weil keine Anspiele kamen und machte aus einer Chance ein Tor. Ähnlich wie Reus leider im entscheidenden letzten Drittel des Platzes mit ärgerlichen Ballverlusten im Eins gegen Eins. Note 3

Julian Schieber: Rieb sich auf, holte den Freistoß zum Tor heraus, und bekam dann viel zu früh Gelb vom kleinlichen Brych. Danach vorsichtiger in den Zweikämpfen und nicht mehr so durchschlagskräftig. Dennoch mit ein paar gelungenen Aktionen. Note 3

Leonardo Bittencourt: Zeigte in Ansätzen, dass ihm die Zukunft gehören könnte. Braucht aber noch Zeit. Note 3,5

Felipe Santana: Wurde kurz vor Schluss eingewechselt. Es folgte ein gefühltes Novum: Santana gewann nicht alle Kopfballduelle. Zu kurz im Spiel für eine Note.

Statistik

Ratlosigkeit bei Reus und LewandowskiBVB: Weidenfeller - Subotic, Bender, Hummels - Leitner (89. Santana), Kehl (55. Bittencourt), Perisic (52. Schieber) - Piszczek, Großkreutz - Reus, Lewandowski

FC Gelsenkirchen: Unnerstall - Uchida, Höwedes, Matip, Fuchs - Höger (79. Jones), Neustädter - Farfan (71. Barnetta), Holtby (86. Moritz), Afellay - Huntelaar

Tore: 0:1 Afellay (14.), 0:2 Höger (48.), 1:2 Lewandowski (55.)

Zweikämpfe: 43%-57%

Torschüsse: 8-8

Ecken: 4-5

Ballkontakte: 52%-48%

Die meisten Ballkontakte: Subotic (116)

80.645 Zuschauer im Westfalenstadion Dortmund

Daniel R., 20.10.2012

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