Spielbericht Profis

Von Ticketpreisen, Frikandeln und einem Wettskandal

23.09.2012, 19:41 Uhr von:  Redaktion

Subotic (l.) und Perisic können die Niederlage nicht fassen„Hey Hey Hey, hier kommt Hamburch!" schallt es durch den Volkspark. Die Raute in Ekstase. Ungläubig blicke ich zur Anzeigetafel. Da steht 3:2 – an und für sich nicht ungewöhnlich, aber irgendwie doch, weil eben für den Hamburger Sportverein. So fühlt es sich also an, ein Bundesligaspiel zu verlieren. Tut gar nicht so weh, kann man aber auch gerne drauf verzichten. Ein großer Teil der BVB-Fans ist zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Heimweg. Die Aktion „Kein Zwanni" bestreikte das Spiel mit mehreren hundert Fans von Minute eins an, ein großes Banner „Diese Preise werden bestreikt" zierte den unteren Teil des Blocks. Der Protest gegen zu hohe Eintrittspreise konnte einen weiteren Erfolg verzeichnen und die mediale Präsenz der Aktion war gut. In quasi jeder Spieltagsberichterstattung fand der Streik seinen Platz und auch die Hintergründe wurden beleuchtet. Wenigstens ein Erfolg an der Waterkant.

„Hallo, hier ist Hamburg!" Lotto King Karl begrüßt den Volkspark bei strahlendem Sonnenschein und spätsommerlichen Temperaturen. Während der Gästeblock, bereits gut gefüllt, mit lautstarken Gesängen auf die Aktion aufmerksam zu machen versucht, dröhnt Bob Marley mit "Three Little Birds" durch das weite Rund. Skurril und surreal. Aber es sollte ja noch skurriler kommen, dazu gleich mehr. Vorab muss man erwähnen, dass Hamburg trotz des bislang blütenreinen Punktekontos doch irgendwie nicht mutlos wirkt. Man plant für den 125. Geburtstag am nächsten Heimspieltag Großes und hat zur Umsetzung nicht nur auf über 600 Helfer zurückgegriffen, sondern man versucht über Spendenaktionen, den Finanzbedarf von über 70.000 Euro zu decken (im Bereich des Gästesektors konnten gestern laut Aussagen einiger Hamburger auch ein paar Spenden gesammelt werden, so ganz gestört scheint das Verhältnis zwischen beiden Fanlagern nicht zu sein). Krasse Dimensionen und man darf sich auf eine wirklich eindrucksvolle Aktion freuen.

Kreativer Protest zu SpielbeginnJetzt aber zum Spiel, und vor das hat der liebe Gott die Mannschaftsaufstellung platziert. Nicht nur Jürgen Klopp weiß mit einer überraschenden brutalen Offensiv-Variante mit den Herren Götzeus, Peridowski und im defensiven Mittelfeld mit dem gegenüber Manni doch offensiver ausgerichteten Moritz Leitner zu beeindrucken. Auch die Grafiker des HSV beweisen Humor und platzieren auf der Anzeigetafel prompt das Logo des FC Nürnberg neben dem Konterfei von Roman Weidenfeller. Was wissen die, was wir nicht wissen? Bei der Mannschaftsaufstellung des HSV ist dann die Zeit des Raffael van der Verrat gekommen. Die Spieler werden allesamt mit hanseatischer Kühle heruntergerattert, als der Valencia-Raffi ausgerufen wird, zucke ich zusammen. Hanseatische Ekstase (Oxymoron?), die erste. Das ganze Stadion brüllt den Namen des Heilsbringers und man fragt sich, wieviel Lebertran die alle getrunken haben müssen, um die Geschehnisse der Vergangenheit vergessen zu können. Danach kommt der Auftritt der kleinen Lisa, die gemeinsam mit dem Stadionsprecher noch kurz den Spielausgang prophezeit. So macht man das in Hamburch, um sich selbst Mut zu machen, immerhin lügen Kinder ja nicht. Aber sie haben die Rechnung ohne die kleine Lisa in ihrem übergroßen HSV-Trikot gemacht. Die tippt nämlich ganz und gar nicht dem Protokoll entsprechend 2-0 für den BVB. Machse nix, dem Charme des Meisters kann man eben nur schwer nicht erliegen.

"Hamburg meine Perle" macht mir wieder und wie immer eine Gänsehaut. Die Chosen Few protestieren mit einem Spruchband gegen die neue Kooperation des Vereins mit viagogo, dem wohl einzigen legalen Ausbeuterladens in der deutschen Schwarzmarkt-Szene. Die Jungs von Poptown richten den Blick nach vorne und machen eine kleine Choreo, die den Weg in bessere Zeiten weisen soll.

Moritz Leistner stand erstmalig in der StartelfDas Spiel wird angepfiffen von Günter Perl, den man irgendwie noch nie wirklich negativ wahrgenommen hat. Hoffentlich heute auch wieder. Noch während die letzten Fans des BVB den Gäseblock und das Stadion verlassen, hat man den Eindruck, unsere Kicker hätten das Stadion zumindest geistig noch nicht betreten. Das führt zum ersten Angriff des topmotivierten HSV. Son macht nach Flanke von RvdV nichtmehr viel und den Ball ins Tor. Einszunull. Der Torjubel ist noch verhalten, immerhin sind noch 90 Minuten zu spielen. Die, die sonst gut aussehen, sehen nicht gut aus. Insbesondere Piszczek und Mats Hummels sind nicht nah genug am jeweiligen Pendant mit Raute. Auch nach dem Tor wissen die Schwarzgelben auf dem Platz nicht so wirklich etwas mit sich anzufangen. Steife Brise auf das Tor von Roman Weidenfeller auch in Minute 8, als die Bremer mal wieder über außen (Standard-Rezept) heranstürmen und Rudndingsbums nach Flanke von Diekmeier den Ball nicht mit dem Kopf kontrolliert aufs Tor bringt. So langsam erwacht der BVB aus der Postchampionsleague-Trance und beteiligt sich am Spiel. Wenn auch fahrig und unpräzise. Einzig Leitner in der Mitte versucht unentwegt, dem Spiel eine Struktur zu geben, was ihm aber in der Anfangsphase trotz guter Zuspiele (aber auch einigen Fehlpässen) nicht gelingt. Der BVB dreht das Chancenverhältnis zwischen Minute 11 und 13 auf 3:2, doch Mancienne mit einem Ball auf das eigene Tor, Piszczek mit einem Kopfball und Reus mit einem Durchwurschtler scheitern.

In der 18. Minute liegt RvdV auf dem Boden und hat anscheinend eine Frikandel verschluckt. Muss der leichte Rempler von Lewandowski gewesen sein. So spielt man Fußball in Dortmund. In der 23. Minute tritt der Holländer dann rüde zurück und erhält eine der verdientesten Gelben Karten in der Geschichte der Gelben Karten. Dat perlt! In der 31. Minute muss Rene „Adler sollen fliegen" fliegen, um eine Flanke von Perisic vor Piszczeks Rübe zu Jubel um Ivan Perisic beim 1-1entschärfen. Jetzt geht's rauf und runter und es ist laut im Volkspark. Die beiden HSV-Blöcke machen mächtig Rabatz und das Ganze wirkt gut abgestimmt. Im schwarzgelben Block ist nix los. Zweimal ist ein gesangsähnliches Gemurmel zu entnehmen, zu mehr reichts heute nicht. Ich schwelge in Gedanken auf der Piste, animiert durch die Zilltertal-Werbebanden im weiten Rund, als plötzlich Lewandowski alleine vorm Tor auftaucht, aber nicht verwerten kann. Während uns die Sonne in die Fresse scheint, macht Borussia dann mit der 745. Chance eine Minute nach dem Halbzeit-Bubbletea das 1:1. Und wenn Perisic den so machen wollte, dann ziehe ich meinen imaginären Hut. Wenn nicht, dann auch. Also geht doch wieder alles seinen Weg. Der Hanseate ruht endlich wieder in sich, Puls wieder bei 23 und harrt der meisterlichen schwarzgelben Meisterwalze. Aber irgendwie machen wir an dem Tag dann doch wieder das, was wir am zweitbesten können. Chancen vergeben, und davon so viele, dass mir doch recht bald die Tinte ausgeht. Der HSV kann das mit den Chancen besser und macht dann in Minute 55. ein weiteres Törchen nach einem Konter und Abseitsverdacht. Der Linienrichter hat aber anscheinend endlich mal die Regel „im Zweifel für den Angreifer" angewendet und winkt Ilicevic eben nicht zurück. Der zieht durch, aus spitzem Winkel - eskortiert von Lukas Piszczek - ab und trifft ins kurze Eck. Kurz darauf ein weiterer Angriff, eingeleitet von Mats Hummels, dem ein Fehlpass im Aufbauspiel unterläuft. Wieder treibt Son den Ball nach vorne, zieht in die Mitte und schlenzt den Ball unhaltbar für Weidenfeller ins lange Eck. Das war Minute 59.

Das 3:1 durch SonDoch der Deutsche Meister will eigentlich nicht verlieren, haut sich in der Offensive voll rein, wenn auch nicht immer zielstrebig. Egal, unzählige Tormöglichkeiten die mal mehr (Schieber, Perisic), mal weniger (Kuba, Lewandowski) kläglich vergeben werden zeigen den Willen, hier nicht als Verlierer vom Platz gehen zu wollen. Perisic ebnet mit seinem Anschlusstreffer in den Torjubel zum 3:1 zwar den Weg für eine fulminante Schlussoffensive, aber mehr als zweimal will der Ball heute nicht ins Tor von Rene Adler. Zu wenig, wenn man in der Defensive dreimal unkonzentriert war und der Gegner das eiskalt ausnutzt.

Bambus-Dekor verkündet zu guter Letzt noch die Zuschauerzahl, 57.000 ausverkauft. Dem aufmerksamen HSV-Geher dürfte nicht entgangen sein, dass damit an diesem Tag eine weitere Serie riss, „Fuhrmann-Bürocenter", in den vergangenen 30 Jahren die Stadtparfümerie Pieper des HSV, machts nicht mehr. Nichtmal in der Werbung wird die Tradition gewahrt. Verwahrlosung auf allen Ebenen. Und wo wir gerade bei Werbepartnern sind, ein weiteres Highlight aus der Reihe: „Epic Fail". Als tipico-Sportwetten den Stadionbesuchern die 75. Spielminute und die damit verbundene gottgegebenen Restspielzeit verkündet und dazu die Durchsage „Die 75. Spielminute wird Ihnen präsentiert von tipico-Sportwetten" kommt, stutze ich. Diese Spielminute beobachte ich ganz besonders, kann aber bis auf einen Einwurf unserer Borussia, der direkt zum Gegner geht, keine Anzeichen einer Spielmanipulation feststellen. Erst heiß machen und dann abwinken. SO geht es nicht, liebe Wettmafia!
Zurück zum Spiel: Wir haben verloren. Na und?

Julia Schieber vergab reihenweise GroßchancenDie Fotostrecke zum Auswärtsspiel im Volksparkstadion gibt es auf unserer BVB-Fotoseite unter diesem Link.

Noten:
Weidenfeller: Nicht sein bester Tag, beim Tor von Ilicevic ist die kurze Ecke ziemlich offen. Note 4
Hummels: Mit Fehlpass und passivem Verhalten vor dem 3:1, engagiert im Spielaufbau. Note 3-
Subotic: Übernahm sehr oft die Spieleröffnung, hinten unauffällig. Note 3+
Schmelzer: Lässt Son beim 1:0 laufen. Ansonsten nach vorne auf seiner Außenbahn sehr agil. Note 3
Piszczek: Ebenfalls sehr aktiv auf seiner Außenbahn. Zweimal zu weit aufgrückt, was einmal zum Tor und einmal zu einer guten Chance führte. Note 3+
Kehl: Kampfstark, leider wenig Akzente für den Spielaufbau. Note 3
Leitner: Lenkte und lenkte und rannte und passte. Leider mit hoher Fehlpassquote in Hälfte eins. Note 2-
Götze: Vertendelte unheimlich viele Bälle, wirkte manchmal fast deplatziert. Muss seine Rolle noch finden. Note 4
Reus: Siehe Götze, aber mit ein paar Überraschungsmomenten. Note 4+
Perisic: In Hälfte eins unauffällig, in Hälfte zwei der Aktivposten in der Offensive mit zwei Toren. Weil er eigentlich noch ein drittes machen muss, eine Der Betriebsausflug an die Elbe ging ins WasserNote 2+.
Lewandowski: Hatte seine liebe Müh mit Mancienne und oft Pech und weniger Ballsicherheit als sonst. Trotzdem wieder sehr engagiert.4+
Schieber: Extrem kopfballstark. Leider zweimal mit Pech/Unvermögen im Abschluss. Note 3-
Kuba: Brachte kurzzeitig Schwung ins Spiel, leider auch nicht mit dem besten Tag. Note 3+

Jakob; 23.09.2012

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