Spielbericht Profis

?Wir können auch Champions League?

19.09.2012, 08:32 Uhr von:  Redaktion

das 1:0 von LewandowskiDieser Kampfansage von Sebastian Kehl nach Spielschluss ist nichts mehr hinzuzufügen. Es war ein zähes Spiel und oft fühlte man sich mit der Zeitmaschine in die Vergangenheit versetzt. Nur Robert Lewandowski wollte endlich in der Gegenwart ankommen und hämmerte den Ball humorlos in die Maschen.

Es war 19.24 Uhr, als der Mannschaftsbus des BVB vor der Nordtribüne auffuhr. Im Gepäck: Mindestens achtzehn motivierte Spieler, die im Gegensatz zur letzten CL-Saison einen positiven Auftakt gegen den vermeintlich schwächsten Gruppengegner aus Amsterdam erzielen wollten. Bis etwa eine Stunde vor dem Spiel war es weitestgehend ruhig gewesen in Dortmund, ehe die anwesende Journaille im Presseraum endlich was zu gucken hatte. „Amsterdamer Problemfans stürmen Stadion", „Holländer außer Rand und Band", „Ajax-Hools putzen Ordner weg." Überschriften dieser Art waren wahrscheinlich schon Richtung Agenturen geschickt und bei manchen „Kollegen" wurde man das Gefühl nicht los, dass sie nicht wegen dem Fußball da waren, sondern um Johannes B. Kerner neue Argumente zu liefern, damit dieser endlich wieder Kinderpuppen im TV brennen lassen kann. Journalistin: „Was kannst du mir aus der Stadt berichten, was ich vermelden könnte?" Zur Bedienung dieser Zwecke ist der neue Presseraum in der Nordtribüne als Beobachtungsraum übrigens ganz vortrefflich geeignet. Letzlich bekamen deutsche und niederländische Ordner, Polizei sowie verantwortungsbewusste Ajax-Fans die Einlasssituation einigermaßen in den Griff.

Die Ajax Fans beim EInlass ins StadionÜbrigens hat der Autor dieser Zeilen im Vorfeld dieses Spiels keine Lust verspürt, sich mit Polizeiberichten, fanpolitischen Stellungnahmen oder Foreneinträgen zu beschäftigen, sodass ab jetzt die sportliche Gegebenheiten in den Mittelpunkt rücken werden. Jürgen Klopp entschied sich erstmals in dieser Saison für die Variante mit Reus, Götze und Kuba im offensiven Mittelfeld. Auch wenn diese Bezeichnung gegen den holländischen Kontrahenten einen schalen Beigeschmack erhält, so ist „totale Offensive" ein durchaus passender Ausdruck. Kevin Großkreutz musste dafür nach seiner eher durchschnittlichen Leistung vom Samstag auf die Bank. Der Mann, dessen Siegtor letzte Saison gegen Piräus für den einzigen Dreier sorgte. Zurück auf der Bank nach seinem Einsatz bei den Amas war zudem Sven Bender. Amsterdam wartete mit vier Akteuren auf, die dem durchschnittlichen Fußballfan etwas sagen sollten: Der erste Vorsitzende des europäischen Antipathenvereins, Christian Poulsen (hat übrigens nichts verlernt, was Treten angeht!), Christian Eriksen, ein vermeintliches dänisches Jahrhunderttalent, was bei der EM total enttäuschte, Daley Blind, Sohn von Ajax-Ikone Danny und schließlich Ryan Babel, der ja bekanntermaßen von Papa Hopp in der Hoffenheim-Jugend seit der U 9 persönlich ausgebildet wurde.

Warten auf Ricken und Solkskjaer

Intro auf der SüdtribüneMan kann von der durchkommerzialisierten UEFA ja halten, was man will, aber wenigstens erspart sie einem im Vor- oder Halbzeitprogamm nervige Spielchen mittelmäßiger Werbepartner. Da nimmt man doch gerne die Bandenwerbung von einem Automobilunternehmen oder einem Kredikartenunternehmen in Kauf. Sie erinnern an die glückliche Jugend in den Neunzigern und geben einem irgendwie das Gefühl, dass gleich Lars Ricken eingewechselt wird oder sich Ole Gunnar Solkskjaer nach vorne schleicht. Das Vorspiel auf den Rängen ging an die Ajax-Gäste auf den Rängen. In positiver wie negativer Hinsicht. Einerseits sehr laut, aber auch garniert mit einigen Auseinandersetzungen zwischen unausgelasteten Holländern und dem Ordnerpersonal.

Nach der obligatorischen Gänsehaut durch die Hymne und der Wahrnehmung drölfhundert in die Höhe gestreckter Fotohandys war endgültig nur noch „entscheidend auffem Platz." Und mit dem Anpfiff erhoben sich die über 60.000 Deutschen Meister und erstmals in dieser Saison verspürte man die Magie vergangener Heimspiele mal wieder. Zwölf Minuten waren gespielt, als man sich in einer Zeitmaschine wähnte. Nur dass Kehl jünger wurde und Gündogan hieß, während van Persie zu Ryan Babel mutierte. Jedenfalls verlor Gündogan ganz böse den Ball gegen Babel, der auf Eriksen quer legte. Diese Saison konnte Weidenfeller den Rückstand jedoch verhindern. Und auf der Gegenseite sorgte Götze unter schwerer Bedrängnis fast für die eigene Führung, allerdings konnte Vermeer parieren. Da fehlte mal wieder das, was so gerne unter „internationaler Cleverness" firmiert. Hätte er sich direkt fallen gelassen und wäre er gar nicht auf den Torabschluss gegangen, wäre ein Elfmeter wohl drin gewesen. Der Konjunkiv ist dem Sportler sein Tod.

Weidenfeller als Entdecker

Mario Götze im ZweikampfDie beiden nächsten Chancen gab es dann ziemlich exakt nach einer halben Stunde. Erst scheiterte Lewandowski mit seinem Lupfer nur knapp an der Höhe des Tores, ehe Schmelzer kurz darauf nach wunderbarem Pass Reus' aus spitzem Winkel an Vermeer scheiterte. Diese Möglichkeit war eine Kopie der Gelegenheit aus dem letzten Bundesligaspiel gegen Leverkusen, als er aus gleicher Position an Leno scheiterte. Weitere fünf Minuten später rettete Weidenfeller nach Steilpass erst mit vollem Risiko und beiden Beinen voraus weit vor dem Strafraum gegen Babel, ehe er auch mal andere Gegenden des Fußballplatzes kennenlernen wollte. Hatte ein bisschen was von Puppenkiste, wie er da wild durch das Mittelfeld tänzelte. Immer in der Hoffnung, in einen Zweikampf zu kommen. Diesen Gefallen taten ihm die Gäste nicht, trafen glücklicherweise aber auch nicht das verwaiste Tor.

Spätestens zur Halbzeit war allen schwatzgelben Sympathisanten bewusst geworden, dass auch der vorgeblich schwächste Kontrahent dieser Gruppe eine harte Nuss darstellt. Zwar war der BVB optisch überlegen, konnte sich aber kein klares Chancenplus nach 45 Minuten (2:2) erspielen.

Drei Minuten waren in der zweiten Hälfte gespielt, als der Gast zu seiner bis dato besten Chance kam. Nach einer zunächst abgewehrten Ecke erinnerte sich Kapitän Siem de Jong an sein großes Vorbild Lothas Matthäus und setzte zu einem spektakulären Scherenschlag aus zwölf Metern an. Übertroffen wurde diese Aktion nur noch von Weidenfeller, der sich mit seiner fantastischen Rettungstat um ein Probetraining beim THW Kiel bewarb. Deutlich rasanter und offensiver, garniert mit der entsprechenden Begeisterung auf den Rängen, war das Spiel nun zu dieser Phase. Denn eine Minute später bediente Kuba von rechts Lewandowski, der ganz Amsterdam aussteigen ließ, aber mit seinem Schuss einen kleinen Jungen in Block 12 glücklich machte.

Vermeer hält den Elfmeter von HummelsUnd wiederum weitere zwei Zeigerumdrehungen später zauberte Götzeus. Erst der Pass in die Schnittstelle der Abwehr, dann das Duell Mann gegen Mann zwischen Reus und Vermeer. Der hält nichts von dem ganzen Boulevard-Hype und konnte einmal mehr parieren. Und so langsam wurde dieser Torhüter zum Schreck aller Borussen. 57 Minuten waren gespielt, als endlich einmal in der Champions League knappe Entscheidungen zu unseren Gunsten ausgelegt wurden. Und dann auch noch von einem italienischen Schiedsrichter, mag der Stammtisch da rufen. Jedenfalls brachte van Rhijn zumindest ungeschickt Mario Götze zu Fall. Doch wieder wurde die Zeitmaschine in Gang gesetzt, denn den anschließenden Elfmeter schoss Hummels auf eigentlich schon vergessen geglaubte Art und Weise. Im Kreisliga-Training würde man solch einen Ball als Torwart raus köpfen können und die Mannschaft müsste eine Strafrunde laufen. Es war wie verhext! Nach der Ajax-Chance zu Beginn der zweiten Halbzeit spielte nur noch Dortmund. Und besonders nach dem vergebenen Elfer wollten die Gäste nur noch die Uhr anstatt den Ball laufen lassen.

Wo ist Familie Pieper?

Der Jubel auf der Süd nach dem 1:0Neben dieser sportlichen Enttäuschung ging zu diesem Zeitpunkt auch noch ein Mythos zu Ende, der diesen Wettbewerb erst so richtig ausmacht. Die Zuschauerzahl wurde durchgesagt, ohne dass vorher ein Mitglied der Familie Pieper ausgerufen wurde. Ist die UEFA nach fast zwanzig Jahren also tatsächlich auf diese charmante Art des verbotenen Sponsorings aufmerksam geworden? Achtzehn Minuten vor dem Ende war das Spiel jedenfalls etwas verflacht und es war an der Zeit für einen Verrückten: Ivan, den Schrecklichen. Nur mit einem exzentrischen Geniestreich war hier jetzt noch etwas zu holen.

Und dieser sollte drei Minuten vor Schluss endlich geschehen. Allerdings war es unserem Vollblutstürmer Robert Lewandowski vorbehalten, im Westfalenstadion für die totale Ekstase zu sorgen. Eine Flanke Gündogans aus dem Halbfeld köpfte der momentan wohl beste Rechtsverteidiger Europas, Lukasz Piszczek, in die Mitte des Strafraums. Lewandowski lässt Alderweireld (alleine diesen Namen tippen zu müssen, verdient schon ein Gegentor!) stehen und hat freie Bahn vor Vermeer. Hinein ins Glück! Was jetzt im Stadion abging, ist schwierig zu beschreiben. Man muss halt doch irgendwie hautnah dabei gewesen zu sein, um diese Emotionen spüren zu können.

Die letzten sechs Minuten inklusive Nachspielzeit wurden letztlich auch noch über die Bühne gebracht und unser BVB erklomm einen der schönsten zweiten Plätze der jüngeren Vergangenheit. Denn im Parallelspiel siegt Real Madrid 3:2 gegen Manchester City und setzte sich aufgrund der mehr erzielten Tore vor dem BVB an die Tabellenspitze. Doch das war an diesem Abend nun wirklich egal. Drei Punkte für die Tabelle, 1.000.000 Euro Siegprämie für das Konto und gut 60.000 zufriedene Borussen mit der Erkenntnis: „Wir können auch Champions League."

Die Fotostrecke zum Heimsieg gegen den AFC Ajax findet Ihr wie gewohnt auf unserer BVB-Fotoseite unter diesem Link.

Stimmen zum Spiel

Jubel nach dem AbpfiffMario Götze: Wir hätten auf jeden Fall auch in Rückstand geraten können, aber ich denke, wir hatten auch die ein oder andere Möglichkeit, die wir hätten nutzen müssen. Von daher denke ich, dass es im Endeffekt zufriedenstellend und auch gerecht gewesen ist. Natürlich haben wir letzte Saison einige Fehler gemacht, aber ich denke, wir haben auch daraus gelernt, sind wieder gereift und wir haben neue Aufgaben. Wir haben eine neue Gruppe. Alles hat von vorne begonnen und jedes Spiel beginnt bei Null. Zum Glück haben wir heute noch 1:0 gewonnen und wir sind ziemlich zufrieden, so wie es gelaufen ist.

Marco Reus: Die Atmosphäre war natürlich bombig und dazu braucht man nicht viel sagen. Ich glaube, da sind die BVB-Fans bekannt dafür, dass es einfach überwältigend ist. Vor allem nach dem 1:0 von Lewi war eine unglaubliche Stimmung. Gerade am Ende hat uns das Publikum noch einmal gepusht. Ich glaube, es hat uns auch nicht geschockt, wo Mats den Elfmeter verschossen hat. In der zweiten Halbzeit waren wir besser im Spiel und haben variabler gespielt. In der ersten Halbzeit hatten wir vereinzelte Chancen, die wir leider nicht genutzt haben, aber am Ende zählen die drei Punkte.

Spielerbewertung

Frank de Boer und Jürgen Klopp nach dem SpielWeidenfeller: Irrte nur einmal über das Feld. Ansonsten in allen Belangen überragend. Note 1,5.

Piszczek: Krönte seinen Offensivdrang mit dem siegbringenden Assist. Ansonsten defensiv etwas mehr gebunden als sonst. Note 2,5.

Subotic: Hatte ein-, zweimal das Nachsehen gegen die lauernden Ajax-Stürmer. Insgesamt aber grundsolide. Note 3.

Hummels: Defensiv überragend und mit fantastischen, öffnenden Pässen. Wenn nur der lässige Elfer nicht gewesen wäre... Note 2,5.

Schmelzer: Nicht ganz so zweikampfstark wie gegen Leverkusen, dafür offensiv weiter verbessert. Note 3.

Gündogan: Mit einem bösen Abspielfehler und auch sonst eher fahrig und nervös wirkend. Das wird schon noch. Note 4.

Kehl: War mit seiner Erfahrung und Präsenz im Mittelfeld wichtig, ohne dabei große Akzente zu setzen. Note 3.

Kuba: Offensiv der unauffälligste Part der Dreierkette im Mittelfeld. Folgerichtig ausgewechselt. Note 4.

Götze: An fast allen gefährlichen Aktionen im Spiel nach vorne beteiligt. Der Götze, wie wir ihn kennen und uns wünschen. Note 1,5.

Reus: Mit mehr Auszeiten als Götze, zudem im Zweikampf noch oft unterlegen. Sonst aber ebenfalls brandgefährlich und kreativ. Note 2.

Lewandowski: Er machte das, was ein Stürmer seines Formats nun mal manchmal so macht. Unauffällig sein und dann gnadenlos zuschlagen. Auch das ist eine Qualität. Deshalb: Note 2.

Stimmungs-Videos vom Spiel

Daten zum Spiel

Jürgen Klopp und Robert LewandowskiBVB (4-2-3-1): Weidenfeller – Piszczek, Subotic, Hummels, Schmelzer – Gündogan (88. Leitner), Kehl – Kuba (73. Perisic), Götze (88. Schieber), Reus – Lewandowski

Ajax Amsterdam (4-3-3): Vermeer – van Rhijn, Alderweireld, Moisander, Blind – de Jong, Poulsen, Eriksen – Sana (88. Sulejmani), Babel (79. Schöne), Boerrigter

Tor: 1:0 Lewandowski (87., Rechtsschuss, Vorarbeit Pisczczek)

Zuschauer: 65.829 (ausverkauft)

SR-Reisebus aus Italien: Tagliavento (Assistenten: Tonolini, Manganelli; Torrichter: de Marco, Bergonzi; 4. Mann: Nicoletti)

Schüsse aufs Tor: 14:4

Ecken: 6:4

Abseits: 1:4

Fouls: 8:10

Ballbesitz: 46 % : 54 %

Bes. Vorkommnis: Vermeer hält Foulelfmeter von Hummels (58., van Rhijn an Götze)

Gelbe Karten: Sana (37., Foulspiel), van Rhijn (57., Foulspiel)

Wetter: 13 Grad, 72 % Luftfeuchtigkeit, leicht bewölkt

Malte D., 19.9.2012

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