Spielbericht Profis

Der nächste Höhepunkt: Derbysieg und Vorentscheidung

15.04.2012, 15:41 Uhr von:  Redaktion

Matchwinner Kehl feiert mit seinen MitspielernMit viel Kampf, ein wenig Glück und ohne spielerischen Glanz holte die Borussia auch den zweiten Derbysieg in dieser Saison. Nach einem frühen Rückstand wurde das Spiel durch Tore von Lukasz Piszczek und Sebastian Kehl noch gedreht. Über weite Strecken der Partie sah der Deutsche Meister jedoch wie das unterlegene Team aus. Mit dem Derbysieg wurde auch ein nächster großer Schritt in Richtung Titelverteidigung gemacht, denn am Abend wurden die drei Punkte noch durch das Unentschieden in München vergoldet. Auf dem Weg zum Ziel, keiner kann dich halten, alle sehen ein…

Eigentlich ist das unmenschlich. Es blieb keine Zeit den großen Sieg über die Bayern wirklich auszukosten, denn schon Tage später war das Derby angesetzt. Es war schon in der Hinrunde nicht einfach gewesen, nach dem Sieg in München innerhalb einer Woche wieder die übliche Derbystimmung aufzubauen, aber diese Ansetzung setzte dem Wahnsinn die Krone auf. Gerade noch über den fliegenden Holländer amüsiert und im nächsten Moment schon den Stein im Magen, der das ewige Hassduell stets begleitet. Das sollte eigentlich keinem Fan zugemutet werden. Und wenn man das als Fan schon kaum packt, wie soll das erst für die Spieler sein? Eben noch das wichtigste Spiel der Saison bestritten, das Endspiel um die Meisterschaft gewonnen und das bajuwarische Selbstverständnis erschüttert und keine 66 Stunden später zum nächsten wichtigsten Spiel der Saison antreten, dem Revierderby, dem ewigen Duell zwischen Gut und Böse, Meistern und Schalenlosen. Dem Spiel, in dem ein Sieg vielen Fans mindestens ebenso viel bedeutet wie ein Titel. Die Verantwortlichen für diesen Spielplan sind ein Fall für den nächsten Jahresbericht von Amnesty International. Hier wurden Menschenrechte mit Füßen getreten.

Stark verbessert - die Nordkurve GEAber was willste machen, es geht um die Titelverteidigung und die bekommt man nicht geschenkt. Also machte man sich wieder einmal auf, dem Schandfleck des Ruhrgebiets einen Besuch abzustatten, der verbotenen Stadt, wo auf einer Brache an der Autobahn ein Zelt mit Glasfassade um einen alten Kartoffelacker errichtet worden ist. Schon ein erster Blick auf das Spielfeld machte deutlich, dass von Rasensport keine Rede sein würde. Eher glich das Spielfeld einem Querfeldein-Parcours in verschiedenen Schattierungen von braun bis gelb. Im inneren des Vogelkäfigs wurde man von einem schrillen Ton begrüßt, so dass man schon vermutete, der Hausmeister vom Hopp habe einen neuen Job gefunden. Die Beschallung kam aber diesmal nicht aus dem Gästeblock, es hatten irgendwelche Spezialisten Trillerpfeifen unter dem blauen Anhang verteilt. Wer solche Mittel wählt, um für Stimmung zu sorgen, muss es schon verdammt nötig haben. Gegen die Bayern wurde im Tempel vorgeführt, wie sich ein zünftiges Pfeifkonzert auch ohne solchen Schnickschnack bewerkstelligen lässt. Scheinbar hat man sich in GE nicht zugetraut, ähnliches auf die Reihe zu kriegen.

Jürgen Klopp vertraute weitgehend den Bayern-Bezwingern. Er ersetzte lediglich Kehl durch Bender und Subotic, der einen Pferdekuss aus dem Spitzenspiel davongetragen hatte, durch Tele Santana. Der Torschütze aus dem Hinspiel zeigte sich bereits am Vorabend begeistert von seiner Einsatzgelegenheit und verkündete via Facebook „Morgen Derby...Morgen mein Chance, nach dem 4 Monaten ich habe noch 1 Chance für Spiel und helfen!!!“ Somit vertraute Klopp auch darauf, dass Kevin Großkreutz seine verständlichen Emotionen im Griff behalten würde. Auf der Bank durfte erstmals wieder der Heilsbringer Mario Götze platznehmen, ohne den es ja eigentlich so schlecht auch wieder nicht gelaufen war. Damit stand Jürgen Klopp eine weitere wertvolle Alternative für die Offensive zur Verfügung. Der Knurrer von Kerkrade hatte dagegen nach der Klatsche von Nürnberg seine Mannschaft völlig neu zusammengewürfelt und fast die gesamte Abwehr ausgetauscht. Daher durfte die alte Metze die Blauen gegen ihre alten Kollegen sogar als Kapitän aufs Feld führen. Zudem durfte Moritz im defensiven Mittelfeld und Farfan auf der rechten Außenbahn ran.

Erste Halbzeit

Einige Breslauer im GästeblockZum Einlaufen der Mannschaften wurde auf beiden Seiten geringfügig gezündet, aber vom Spielabbruch war man doch noch weit entfernt. Auch die angeblich ausgebildeten Pyrotechniker unter den Blauen, die im Vorfeld durch die Medien gegeistert waren, traten in der Halle nicht in Erscheinung. Einen schönen Moment in all dem Hass bildete die Schweigeminute für den Gelsenkirchener Meisterspieler (ja sowas hat es in grauer Vorzeit auch einmal gegeben) Manfred Orzessek, die von beiden Fanlagern eingehalten wurde.

Das Spiel lief gerade mal 30 Sekunden, da hatte Chuck Bender die Riesenchance den BVB in Führung zu schießen. Kuba führte einen Einwurf gedankenschnell aus, Lewandowski passte zu Großkreutz und der legte mit der Hacke ab auf Bender. Frei vor Unnerstall bewies der aber leider, dass das Toreschießen nicht seine größte Stärke ist und schoss den Torwart an. Leider sollte diese Szene nicht typisch für den weiteren Verlauf des Spiels sein. Denn kurz darauf wurde auch GE das erste Mal gefährlich. Schmelzer verursachte unbedrängt einen Eckball und im Anschluss an diesen setzte Papadopoulos einen Kopfball knapp neben den Pfosten. Da die Blauen gerne nach Standardsituationen ihre Tore erzielen, kann es wohl kaum zu Klopps Matchplan gehört haben, ihnen eben diese ständig zu servieren. Dennoch zogen sich die Unachtsamkeiten in der Dortmunder Defensive durch die Anfangsphase des Spiels. So hatten die Blauen bereits nach einer halben Stunde 8 Eckbälle erhalten und es war nur folgerichtig, dass aus einer dieser Ecken auch das Gegentor resultierte.

Weidenfeller war nach dem 1-0 bedientSantana unterlief einen Kopfball und Piszczek musste alles riskieren, um Jones noch abzufangen. Seinen Einsatz hätte man durchaus auch abpfeifen können, aber weil Hummels auch noch mitgelaufen war, konnte von einer glasklaren Torchance und somit einer Notbremse keine Rede sein. Gräfe ließ aber weiterlaufen und Hummels klärte auf Kosten der nächsten Ecke. Fuchs schlug den Ball in den Strafraum, Hummels wehrte ihn per Kopf nicht weit genug ab und Farfan zeigte seine unbestrittene Klasse, indem er einen kurzen Schritt einen Großkreutz vorbei machte und den Ball vom Strafraumeck aufs Tor schoss. Der Ball schlug unhaltbar für Weidenfeller in der langen Ecke ein. Kagawa Shinji hatte im Sichtfeld des BVB Torwarts gestanden und den Ball auch noch entscheidend mit dem Kopf abgefälscht. Gleich in der nächsten Aktion zeigte Farfan seine ebenfalls unbestrittene Blödheit und holte sich die Gelbe ab, als er völlig unnötigerweise im Mittelfeld überhart gegen Schmelzer einstieg. Seine beidbeinige Grätsche hätte man auch mit Rot ahnden können, denn Farfan hatte keine Chance, den Ball zu erreichen und nahm eine Verletzung des Gegenspielers in Kauf.

Der BVB agierte in der Folgezeit nervös. Mit ständigen Fehlpässen im Spielaufbau, wurden den Blauen immer wieder Gelegenheiten zum Konter eröffnet, sogar der sonst so ballsichere Hummels ließ sich von der Unsicherheit seiner Nebenleute anstecken. Santana merkte man seine lange Pause noch deutlich an und auch Bender konnte nicht die gewohnte Präsenz in der Defensivarbeit ausstrahlen. Ein erstes Lebenszeichen der Borussen gab es nach einem weiten Befreiungsschlag von Hummels, den Robert Lewandowski erst wunderbar annahm, ihn dann aber überhastet am Tor vorbei schoss. Nach 17 Minuten sorgte Lukasz Piszczek für den Ausgleich zu diesem Zeitpunkt völlig überraschenden Ausgleich. Nach einem eigentlich abgewehrten Eckball brachte Kagawa den Ball per Kopf erneut in den Strafraum. Der Ball prallte auf und kein Blauer fühlte sich wirklich zuständig. Piszczek schüttelte Huntelaar ab wie eine lästige Fliege und schoss den Ball aus der Drehung aus spitzem Winkel in die lange Ecke. Unnerstall sah bei diesem Tor alles andere als gut aus, doch wen interessierte das schon. Kollektives Ausrasten im Gästeblock. Es war aber auch einfach undenkbar, dass die Serie ungeschlagener Spiele ausgerechnet im Derby enden sollte. Piszczek macht in dieser Saison nur die wichtigen Tore: Siegtreffer in Mainz, Ausgleich in Stuttgart, Köln und GE.

Torpogo nach dem AusgleichNun entwickelte sich ein typisches Derby, wenig spielerische Klasse, dafür jeder Ball hart umkämpft. Das mörderische Anfangstempo ließ zwar etwas nach, aber es war jederzeit zu spüren, dass man dem Gegner keinen Zentimeter Raum lassen wollte. Die Blauen weiter mit mehr Aktionen in des Gegners Hälfte, ansatzweise gefährlich wurden sie aber nur nach Ecken oder weiten Einwürfen von Fuchs. Der BVB mit einigen Kontern, aber ohne große Torchance. Nach einem schönen Tunnelpass von Kuba flankte Piszczek den Ball in den Strafraum, aber aus Kagawa Shinji wird halt kein Karl-Heinz Riedle mehr und so pflückte Unnerstall den Kopfball problemlos runter. Nach einer weiteren Einwurfflanke von Fuchs segelte der Ball durch den Dortmunder Fünfmeterraum und Huntelaar geriet mit Schmelzer aneinander. Durch die blaue Brille betrachtet, war das natürlich ein klarer Elfmeter, aber zum Glück sah Schiri Gräfe das anders. Die Zeitlupen sollten ihn zumindest nicht widerlegen, denn sowohl Schmelzer wie Huntelaar bearbeiteten den Gegner mit den Händen. Dass dann am Ende der Stürmer umfällt und der Verteidiger liegenbleibt, ist wohl leicht nachvollziehbar. Auf blauer Seite wünschte man sich nun ein Sturmtalent aus Stuttgart herbei, „Schieber Schieber“ hallte es durch das weite Rund. Nun hatte der Hunter sicher nicht seinen besten Tag, aber dass man ihn nach 24 Saisontreffern gleich ersetzen wollte, ging dann doch etwas zu weit. Nach einer Freistoßflanke von Fuchs, versuchte der Holländer einen Kopfball in der Hocke, anstatt den Ball mit dem Fuß zu verarbeiten, konnte den Ball aber nicht kontrollieren und setzte ihn aus 6 Metern neben den Kasten.

Lewandowski gegen PapadopolousZur Pause blieb es beim Unentschieden, mit dem die Borussia bis zu diesem Zeitpunkt gut bedient war. Trotz der Ankündigungen im Vorfeld, dass man sich problemlos auf dieses Spiel einstellen könnte, fand die Mannschaft nie zu ihrem Spiel. Immer wieder wurden die Blauen durch leichtfertige Fehlpässe in der Vorwärtsbewegung ins Spiel gebracht und zudem gestattete man ihnen viel zu viele gefährliche Standardsituationen. Ob die fehlende Ordnung im Mittelfeld allein auf die Pause für Kehl zurückzuführen war, möchte ich nicht abschließend beurteilen, aber Sven Bender spielte keinesfalls in Topform.

Zweite Halbzeit

Jürgen Klopp reagierte und brachte nach der Pause Kehl für Bender. Bender beklagte Rückenprobleme und mit dem Kapitän tätigte der Trainer einen goldenen Griff, denn der sollte dieses Derby entscheiden. Zunächst mal traten erneut die Gelsenkirchener Ultras in Erscheinung. Bereits in der ersten Habzeit hatten sie ein mit einem Banner auf vergangene Heldentaten (mutmaßlich einen Einbruch) angespielt, ihre Zaunfahne ausgebreitet, um dann letztlich nichts zu präsentieren und nun wiederholten sie dieses Schauspiel. Finde ich eigentlich eine gute Idee, denn so kann man sich die lästigen Abziehereien zukünftig vielleicht mal sparen und es einfach nur noch bei Androhungen belassen. Am Ende wurde wohl doch noch etwas gelbes präsentiert, wobei es sich aber wohl um eine gekaufte Fahne handelte, was den Schluss nahelegt, dass die Superhelden sich mal wieder an Unbeteiligten vergriffen hatten. Einfach nur ätzend, dass man bei seinen Spielchen nicht mal unter sich bleiben kann.

Auf dem Feld bot sich zunächst ein ähnliches Bild wie in der ersten Hälfte, die Blauen weiter feldüberlegen und der BVB mit haarsträubenden Fehlpässen im Spielaufbau. Aber die Feldüberlegenheit führte selten zu Gefahr für den Kasten von Roman Weidenfeller. So standen am Ende des Spiels zwar 11:5 Ecken und 33:14 Flanken für die Blauen zu Buche, aber das Verhältnis der Torschüsse war mit 16:14 relativ ausgeglichen. Mit zunehmender Spieldauer gewann der BVB an Sicherheit und gestaltete die Partie ausgeglichener. Ein Kopfball von Papadopoulos und ein Schüsschen von Gündogan waren die einzig erwähnenswerten Szenen zu Beginn der zweiten Habzeit. Dann zeigte Jones seine zwei Gesichter, erst holte er mit viel Theatralik eine gelbe Karte gegen Kehl heraus, dann startete er einen Alleingang und servierte Draxler den Ball. Aber Weidenfeller verkürzte geschickt den Winkel und klärte per Fußabwehr.

Kehl schreit seine Freude rausDann kam die 63. Minute. Ecke von Links und Metzelder schien einen kleinen Flashback zu erleiden. Plötzlich war alles wieder da: 2007, die Flanke auf Ebi, die Mutter aller Derbysiege, der Meister der Herzensbrecher. Dieses Gefühl musste er einfach nochmal erleben und stand da nicht auch sein guter Freund Sebastian so schön frei? Reflexhaft baggerte er den Ball mit dem Arm vor die Füße des alten Kameraden und der musste ihn nur noch volley an Unnerstall vorbei schießen. Doch als er an sich hinunter blickte machte sich Entsetzen im Gesicht des alten Abwehrrecken breit, trug er doch das Trikot der ewigen Verlierer. Während der Gästeblock in Ekstase verfiel, wirkte der Rest der Halle wie gelähmt. Wo es vorher teilweise brachial laut gewesen war (und zwar nicht nur wegen der nervigen Trillerpfeifen), wo man die eigene Mannschaft auch nach dem Ausgleich noch nach vorn gepeitscht hatte, machte sich nun die Erkenntnis breit, dass es wieder so laufen würde wie immer. Man hatte im entscheidenden Moment versagt und am Ende halten die Anderen die Schale hoch. Warum fühlen sich die unverdienten Derbysiege eigentlich irgendwie am besten an?

Die deutschen Meister standen auf und erst jetzt konnte man erkennen, wo auf den Tribünen sich überall versprengte Borussen befanden. Auf dem Spielfeld tat sich nicht mehr viel und wegen des Mainzer Unentschiedens in München ergibt sich nun die seltsame Möglichkeit für die Borussia, nächsten Samstag bereits Meister zu werden, bevor das Spiel im Westfalenstadion angepfiffen wird. Dies wäre dann der letzte Streich der dämonischen Kräfte, die diesen Spielplan zusammengebastelt haben. Soll man nun auf einen Sieg der Bayern hoffen damit es noch um etwas geht am Samstagabend? In Stuttgart dürfte die Aussicht auf eine Meisterfeier mit parallel laufendem Bundesligaspiel jedenfalls keine Begeisterungsstürme hervorrufen.

Statistik

Jubel nach Abpfiff vor der GästekurveSchalenlose: Unnerstall - Uchida (86. Marica), Papadopoulos, Metzelder, Fuchs - Moritz (68. Höger), J. Jones - Farfan, Raul , Draxler (71. Pukki) – Huntelaar

Deutscher Meister: Derbysieger – Derbysieger, Derbysieger, Derbysieger, Derbysieger – Derbysieger Derbysieger (46. Derbysieger) – Derbysieger (81. Derbysieger), Derbysieger, Derbysieger (89. Derbysieger) – Derbysieger

Tore: 1:0 Farfan (9., Rechtsschuss), 1:1 Piszczek (17., Linksschuss), 1:2 Kehl (63., Linksschuss)

Gelbe Karten: Farfan(2. Gelbe Karte), Fuchs(5., gesperrt), J. Jones(12.) - Kehl(8.), Schmelzer(4.)

Schiedsrichter: Gräfe (Berlin)

61.673 Zuschauer im Vogelkäfig

Web 15. 03+1. 2012

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