Spielbericht Jugend

Die Fetten spielen durch

19.04.2012, 01:26 Uhr von:  Redaktion

Wenn man als A-Jugend des amtierenden Meisters im Westfalenpokal zu einer drei Klassen niedriger spielenden Mannschaft reisen muss, kann man eigentlich nicht gut aussehen. So war auch es beim SG Finnentrop/Bamenohl. Lest hier von leicht übergewichtigen Spielern, einem Torwart, der schnell nach Hause wollte, und einer vierköpfigen schwatzgelb-Delegation, die abseits des Rasens zur Sehenswürdigkeit wurde (mit Video und Stimmen!).

In Zeiten der Hellmich-Bauten im Profibereich sehnt sich der gemeine Fußballfan nach purem Fußball ohne viel Schnickschnack. Uns von schwatzgelb geht es dabei nicht anders. Aus diesem Grund freuten wir uns, im Westfalenpokal der A-Jugend aufs Land nach Finnentrop-Bamenohl zu fahren. In diesem Wettbewerb greifen die Bundesligisten erst im Achtelfinale ein, sodass dies zumindest für unsere Farben also die erste Runde war, während sich der Gastgeber eine Runde zuvor nach Verlängerung in Gelsenkirchen-Buer durchsetzen konnte.

Vor dem Spiel fragten wir beim Verein an, ob man sich offiziell akkreditieren müsste. Dies war nicht der Fall. Wir sollten einfach sagen, dass wir aus Dortmund seien und an der Schlange vorbei gehen. Auch absolut niedlich, dass kurz nach unserer Anfrage der Verein eine "offizielle Presseerklärung" auf seiner Homepage veröffentlichte. Noch nie haben wir uns so wichtig gefühlt. Umso schöner war es, mal legal wie Graf Koks an der Warteschlange vorbei in ein wirklich schönes "Stadion" mit viel Charme zu gelangen.

Das ganze Dorf schien auf den Beinen, von einem Haus aus war der Balkon die VIP-Loge und selbst eine kleine überdachte Tribüne gab es. 100 % Stehplätze im Stadion. Dazu noch Bier und Bratwurst en masse. Mehr braucht man auch einfach nicht. Zudem noch zu Preisen wie zu Graf Wilhelm Adolfs Zeiten, dem Ex-Namensgeber des Stadions, ehe ein Fahrwerkhersteller die Namensrechte erwarb. Manche Exzesse machen also auch vor dem Amateurfußball nicht halt. Auch einige Borussen waren sogar da, erkennbar an den Zaunfahnen "Bigge Borussen" sowie "Attendorn".

Leider streikte nur der Drucker im Vereinsheim, sodass man sich die Namen der Akteure handschriftlich direkt vom Monitor notieren musste. Aber bei dieser rührigen Organisation war darüber gerne hinwegzusehen. Beim Gastgeber aus Bamenohl spielten neun (!) Jungjahrgänge von Beginn an, wovon der Großteil einen zumindest nicht austrainierten Eindruck machte. Redaktionsliebling war die Nr.3, Pawel Gralla. Rothaarig und Paulo Sousa-Gedächtnisstirnband. Die sportlichsten Spieler der Heimmannschaft wurden erst spät eingewechselt und dann auch gegen tendenziell gleich aussehende Kollegen. Deshalb bleibt zumindest für deren Seite das Fazit, welches zugleich in der Überschrift dieses Berichts zu finden ist. Noch dicker war nur der Linienrichter auf der Gegenseite. Wieviel Bakschisch da wohl beim Fitness-Test geflossen ist?

Apropos Schiedsrichter. Das Spiel begann eine Viertelstunde später. Nicht etwa aufgrund des großen Andrangs, sondern weil der Schiri aus Iserlohn nebst Assistenten nicht rechtzeitig am Spielort eintraf. Um 18.15 Uhr konnte also eines der größten Spiele der jüngeren Vereinsgeschichte Bamenohls angepfiffen werden. Falsch! Denn vor vier Jahren gab es diese Paarung bereits schon einmal im Westfalenpokal. Dort verlor der Gastgeber mit 3:8 oder 3:7 (bis heute ein ungeklärter Streit in dieser Region), ging jedoch sogar mit 1:0 in Führung.

Und Geschichte wiederholt sich eben doch. Nationaltorwart Cedric Wilmes, der bei der letztjährigen U 17-WM Spiele vor über 100.000 Zuschauern zumindest von der Bank aus erleben durfte, war die ganze Angelegenheit wohl etwas zu profan, oder er wollte im Vereinsheim Chelsea gegen Barca gucken. Jedenfalls konnte er einen harmlosen, langen Ball nicht festhalten, dafür aber dann den angreifenden Spieler, wie Trainer Sascha Eickel nach Spielschluss etwas spöttisch bemerkte. Dem Schiri blieb keine andere Wahl, als auf den Punkt zu zeigen und die Rote Karte zu zücken. Ärgerlich, weil die Sperre wohl auch für die Bundesliga gelten wird, auch wenn uns da widersprechende Infos vorliegen.

Jedenfalls trat der Spieler Christopher Hennes zu dem wohl wichtigsten Elfmeter seines bisherigen Lebens an. Diesen historischen Moment haben wir für Euch extra auf Video aufgenommen. Hennes behielt die Nerven und ein Dorf explodierte. Sauerländisch nüchtern. Der einzige Bezirksligist im Achtelfinale führte gegen den haushohen Favoriten aus Dortmund und war zudem in Überzahl. Bahnte sich da eine Städtepartnerschaft zwischen Vestenbergsgreuth und Finnentrop-Bamenohl an? Der Abpfiff wurde nun vom heimischen Würstchenstand bereits nach zwanzig Minuten gefordert. Mit starkem ostdeutschen Akzent. Vor zwanzig Jahren hat man halt noch gerne ins Sauerland rüber gemacht.

Allerdings: Der BVB besann sich letztlich dann doch seiner Qualitäten und erzielte nach 33 Minuten durch den guten Demirbay den wichtigen Ausgleich noch vor dem Halbzeitpfiff, auch wenn der heimische Trainer Suerbier vorher ein klares Foul gesehen haben will. In der Halbzeit machten sich die BVB-Akteure dann zwischen dem heimischen Nachwuchs warm. Schöne Bilder, die an die Ursprünge des Fußballs erinnerten und an die gemeinsame Leidenschaft von Jung bis Alt. Übrigens mussten für die gesamte Veranstaltung genau null Ordner benötigt werden. Bei BVB-Heimspielen in der Bundesliga West gibt es ja bekanntermaßen mehr Ordner als Zuschauer.

Die Halbzeit wurde weiterhin dazu genutzt, ein Antragsformular für eine Dauerkarte zu den Heimspielen der Landesliga-Mannschaft mitzunehmen. Für 85 Euro ist man eine ganze Saison dabei. "Keine DK für 'nen Hunni." Die neue Aktion der Ultras Bamenohl und Sups Menden-Lendringsen. In den zweiten 45 Minuten spielte unser BVB dann auch in Unterzahl seine spielerische Überlegenheit locker aus. Daglar per Doppelpack und der eingewechselte Albert nach schwerem Torwartfehler (der aber zumindest auf dem Platz bleiben durfte!) sorgten für den 4:1-Endstand.

Aus Gründen der fehlenden Spannung verlegte sich schwatzgelb dazu, sich mit den Kindern des Dorfes zu beschäftigen und sie mit den Worten "Finnentrop, Finnentrop" massiv zu provozieren. Denn wieder einmal lernten wir, dass die Rivalität und der Hass insbesondere in den kleinsten Städten am größten zu sein scheint. Man machte uns unmissverständlich klar, dass man sich in Bamenohl befinden würde und Finnentrop die Straße höher wäre. Rheda-Wiedenbrück lässt grüßen.

Sportlich war es eine schwache Leistung aus schwatzgelber Sicht. Die wackeren Finnentroper a.k.a Bamenohler a.k.a Wiedenbrücker kamen sogar noch zu zwei guten Chancen, die jedoch vom eingewechselten Ersatztorwart Siegemeyer und der Latte vereitelt werden konnten. Der BVB knüpfte nahtlos an seine desolate Leistung beim 0:5 in Bonn an (oder schonte man sich da für das Spiel heute?) und wird in dieser Verfassung nächsten Sonntag zu Hause gegen Gladbach nur schwer bestehen.

Wie gut also, dass es das Viertelfinale im Westfalenpokal zum Erwerb des Selbstvertrauens gibt! Dieses ist momentan noch auf den Sonntag unmittelbar nach dem Pokalfinale terminiert. Und zwar geht es da in die andere Richtung des Fußballverbandes Westfalen. Gegner ist nämlich der Landesligist 1. FC Gievenbeck in Münster.

Und dann war da noch...

... die Pressekonferenz im Anschluss an das Spiel. Zunächst haben wir es noch für einen Witz mit sauerländischem Humor gehalten. Doch nach dem Spiel fand im Vereinsheim der freundlichen Gastgeber tatsächlich eine Art Pressekonferenz statt, an der schwatzgelb mit der überwältigenden Anzahl von vier kompetenten Top-Journalisten teilnahm. Dagegen verblassten die beiden Lokaljournalisten doch sehr, die sich dafür aber unsere URL eifrig notierten (Liebe Grüße also an dieser Stelle an unsere neuen Leser!). Leider waren nur etwas zu viele Blaue anwesend, aber an diesem Abend wollten wir mal nicht so sein. Zumal wir am Ende auch zur größten Attraktion im Vereinsheim avancierten. Wird das in Gievenbeck wohl auch so sein?

Die komplette (!) Pressekonferenz, inklusive der investigativen Fragen der Finnentrop-Bamenohler Einheimischen als Audiodatei:

[[audio? &url=/media/audio/pk-2012-04-18-bamenohl/bamenohl.mp3 ]]

Der Elfmeter

Daten zum Spiel

BVB (4-2-3-1): Wilmes - Kaltenmaier (14. Siegemeyer), Menendez de Miguel, Greshake (46. Pedro), Borgelt - Beutler, Ruwe (31. Böhmer) - Hölscher, Demirbay, Bandowski (65. Albert) - Daglar

Tore: 1:0 Hennes (15., Foulelfmeter), 1:1 Demirbay (33.), 1:2 Daglar (47.), 1:3 Daglar (55., Foulelfmeter), 1:4 Albert (83.)

Zuschauer: gut im dreistelligen Bereich dabei

Chancen: 4:7

Ecken: 7:3

Rote Karte: Wilmes (14., Notbremse)

MalteD, 19.03+1.2012

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