Helden in schwatzgelb

"Häh? Watt woll'n die denn mit dem?"

22.07.2012, 16:09 Uhr von:  Arne

Wer in der Spitzengruppe der Liga stehend den rechten Außenverteidiger vom abgeschlagenen Tabellenletzten und Bundesligaabsteiger verpflichtet, erntet dafür in den seltensten Fällen stürmischen Applaus, allerhöchstens das Gelächter der Konkurrenz. Umso weniger wenn auch der Notenschnitt des Kicker den Betreffenden irgendwo zwischen "ausreichend" und "mangelhaft" verortet. Was kann man da schon große erwarten von so einem? Da ist der Stempel "Fehleinkauf" bei vielen Fans und Kommentatoren schon gezückt, noch bevor der Spieler auch nur die erste Pflicht-Partie absolviert hat.

Piszczek gegen Ribéry
Piszczek gegen Ribéry

Einem solchen Transfer fehlt es schlichtweg an Glamour, er taugt kaum zur Schlagzeile, und so erklären sich die verhaltenen Reaktionen auf die Verpflichtung von Oliver Kirch in diesem Jahr ebenso wie die Reaktionen zwei Jahre zuvor auf den Transfer von Lukasz Piszczek von Hertha BSC zur Borussia.

„BVB verpflichtet Lukasz Piszczek" (Ruhrnachrichten, 19. Mai 2010)

Was dann in Piszczeks erster Saison in Schwarzgelb geschehen würde, konnte niemand ahnen: Die Borussia spielte eine Fabel-Hinrunde und sicherte sich in der Rückrunde den völlig verdienten Meistertitel. Mit einem Lukasz Piszczek in der Stammelf, der alle Kritiker und Zweifler eines Besseren belehrte und im Handstreich zur festen Größe in der Defensive avancierte – wenn er auch unauffällig blieb und die großen Schlagzeilen noch seinen Mannschaftskollegen überließ. Doch dabei sollte es nicht bleiben.

Schon im Laufe der Spielzeit 2010/2011 zogen dunklere Wolken auf für den Polen, der sich urplötzlich im Heimatland großen Anschuldigungen ausgesetzt sah. Als junger Reservist beim polnischen Erstligisten Zagłębie Lubin hatte Piszczek sich an einer Spielmanipulation beteiligt, die Spiegel Online später wie folgt beschrieb:

Piszczek im Spiel gegen Olympiakos
Piszczek im Spiel gegen Olympiakos

In der Saison 2005/2006 sollen Spieler von Zaglebie Lubin ein Spiel gegen Cracovia für umgerechnet 25.000 Euro gekauft haben. Bei dieser Partie stand Piszczek nicht im Kader seines damaligen Vereins Lubin. Er soll sich aber dem Zahlungswunsch der Mannschaftsführung angeschlossen haben. Ältere Spieler sollen Zeugenaussagen zufolge Druck auf die jüngeren ausgeübt haben.

2011 war das Jahr, in dem Piszczek von dieser Vergangenheit eingeholt werden sollte. Plötzlich beherrschte der ruhige Außenverteidiger eben doch die Schlagzeilen, bis die Situation im Sommer förmlich eskalierte:

Lukas Piszczek zeigte sich selber an (Spox.com, 29. Januar 2011)

Bewährungsstrafe für Piszczek (Sport1.de, 27. Juni 2011)

Piszczek für ein halbes Jahr gesperrt (Reviersport, 31. Juli 2011)

Piszczek droht weltweite Sperre (Süddeutsche.de, 15. August 2011)

Piszczek-Sperre zur Bewährung ausgesetzt (WAZ, 21. September 2011)

Der Beginn der neuen Spielzeit stand für Lukasz Piszczek damit unter keinem guten Stern – und auch sportlich lief es alles andere als rund für den BVB. Nur drei Tage nachdem die Sperre vom polnischen Verband zur Bewährung ausgesetzt worden war, trat eine angeschlagene Borussen-Elf ihr Bundesliga-Match in Rheinhessen an – im Nachhinein vielleicht das wichtigste Spiel der gesamten Saison aus Dortmunder Sicht.

Matchwinner Piszczek in Mainz
Matchwinner Piszczek in Mainz

Schauplatz: Das Mainzer Stadion auf dem freien Feld. Zeit: zirka 17:15 Uhr. Die Borussia macht ein gutes Spiel, sieht jedoch zeitweise aus wie der erneute Verlierer. Ausgerechnet Lukasz Piszczek begeht in der 33. Minute einen kapitalen Bock, den Nico Müller zur Mainzer Führung nutzen kann.Drei Niederlagen in sechs Spielen stehen für den BVB bisher schon zu Buche. Dass keine mehr hinzukommen würde, vermag zu diesem Zeitpunkt niemand zu hoffen, im Gegenteil: Der Titelverteidiger taumelt. Zwar spielen die Schwarzgelben ein gefälliges Spiel, bringen den Ball aber partout nicht im Mainzer Gehäuse unter. Erst Mitte der zweiten Hälfte gelingt Ivan Perisic der Ausgleich.

Trotz deutlicher Überlegenheit scheint es dabei zu bleiben. Die Nachspielzeit läuft, als der Ball etwa 20 Meter vor dem Mainzer Tor Lukasz Piszczek vor die Füße fällt. Bis zu seiner Zeit bei der Hertha war Piszczek Stürmer, doch davon ist in dieser Szene wenig zu sehen. Der Ball rutscht leicht über den Schuh, der Schuss kullert mehr, als dass er fliegt. Wie in Zeitlupe trudelt das Leder durch den Strafraum, vorbei an dutzenden Füßen mit schwarzgelben und rotweißen Stutzen, bis es etwas unbeholfen im linken unteren Toreck ins Netz fällt. Die Borussia gewinnt. Lukasz Piszcek verwandelt sich auf der Stelle in einen 1,84 m großen Klumpen Glückshormon, der nur wenig später unter einem Haufen Mitspieler begraben liegt. Der Gästeblock explodiert.

Der Rest der Geschichte ist bekannt. Die Borussia spielt die beste Saison der Ligageschichte und spätestens in der Rückrunde dreht Piszczek so richtig auf, sechs seiner acht Vorlagen gibt der Außenverteidiger in der zweiten Saisonhälfte, vier Tore stehen am Ende gar auf der Habenseite. Im Gespann mit Landsmann Kuba wird die rechte Seite der Borussen zur Waffe. Der BVB wird Meister und Pokalsieger und Lukasz Piszczek (mit einem Kicker Notenschnitt von 2,86) trägt enormen Anteil daran. Die Experten des Kickers adeln den Polen in ihrer Rangliste am Ende als besten Außenverteidiger der Liga.

Ein Gewinner der Saison 2011/12
Ein Gewinner der Saison 2011/12

Seit Borussia um die Jahrtausendwende herum die Defensivformation auf Viererkette umgestellt hat, ist Lukasz Piszczek der mit Abstand beste Spieler, der diese Position bekleidet und inzwischen vermutlich auch einer der besten rechten Außenverteidiger des Kontinents. Wer hätte das noch vor zwei Jahren für möglich gehalten? Bei der Borussia ist Piszczek mit all dem Druck, der in der vergangenen Spielzeit auf ihm lastete, einer der Spieler der Saison – vielleicht sogar DER Spieler überhaupt.

Unauffällig und bescheiden wirkt Piszczek noch immer. Doch verdientermaßen sind die Schlagzeilen inzwischen andere.

Lukasz Piszczek zu Real Madrid? (Goal.com, 7. Mai 2012)

Darüber lacht die Konkurrenz heute nicht mehr.

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