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Italiens Fußball im Herbst

19.11.2012, 07:50 Uhr von:  Redaktion

Es ist eine Szene wie aus einem Mafiafilm: Ein sizilianisches Büro im Halbdunkel, im massiven Sessel der Pate mit Zigarette in der Hand und vierschrötigem Adjutanten an seiner Seite, im Hintergrund Familienfotos an der Wand. Und es geht um ein Gerichtsurteil wegen Mordes. 14 Jahre. Nur: Es ist kein Film. Der Adjutant heißt Antonio Speziale, in erster Instanz verurteilt wegen Mordes am Polizisten Filippo Raciti, damals im Februar 2007 in Catania. Und an seiner Seite sitzt sein Anwalt, der dem Zuschauer erläutert, dass sich der Fall in Revision am höchsten italienischen Gerichtshof befindet und bis dahin die Vollstreckung der Haftstrafe ausgesetzt ist.

Dieser Ausschnitt ist vielleicht der skurrilste in Marc Quambuschs Dokumentation "Verrückt nach Fußball: Eine Reise durch die Fankurven Italiens", die am heutigen Montag um 18:30 Uhr bei ZDF Info seine Premiere feiert. Quambusch, in der Dortmunder Fanszene und auch im Kosmos von schwatzgelb.de kein unbeschriebenes Blatt, hatte für das ZDF bereits im Frühjahr einen ersten Film über Fußball und Fankultur produziert: Eine Dokumentation über Groundhopping in Polen und der Ukraine. Damals begleitete er Jan-Henrik "Janni" Gruszecki (ebenfalls ein bekanntes Gesicht in Dortmund) auf seiner gemeinsamen Tour mit zwei Freunden durch die Gastgeberländer der Fußball-EM in diesem Sommer und erzählte dabei nicht nur vom Alltag eines Groundhoppers, sondern lieferte auch tiefere Einblicke speziell in die polnische Fankultur. Dieser Film kam offenbar sowohl bei den Verantwortlichen des ZDF als auch beim Publikum so gut an, dass im Herbst ein Nachfolger produziert werden konnte. Eine Tour durch Italien diesmal, dem Ursprungsland der Ultra-Bewegung und der sprichwörtlichen "südländischen Begeisterung".

Auf den ersten Blick hat sich im Vergleich zur ersten Dokumentation wenig an der Struktur des Films geändert. Zwei der drei Protagonisten, neben Janni der Unioner Jan Krapf, sind wieder mit von der Partie und werden dieses Mal von Kai Tippmann begleitet, einem ausgewiesenen Experten des italienischen Fußballs. Tippmann, selbst Anhänger des AC Milan, lebt seit vielen Jahren in Italien und ist dem einen oder anderen Leser sicher als Betreiber des Blogs altravita.com bekannt, in dem er seine Eindrücke vom Leben (und speziell natürlich vom Fußball) dort beschreibt. Es ist vor allem seine Expertise, die sowohl die Situation in italienischen Stadien heute als auch die Geschichte der Ultra-Bewegung insgesamt betrifft und die bereits im Vorfeld die Wahl der Reiseziele stark beeinflusst haben dürfte, durch die sich der Stil der Dokumentation im Vergleich zur ersten Tour wesentlich verändert: Das bloße Groundhopping steht hier nicht mehr im Vordergrund, wie schon im Titel deutlich wird. Die Protagonisten reisen nun durch die Fankurven Italiens. Natürlich werden auch dieses Mal Stadien besucht und Fußballspiele gesehen, aber zentral sind jetzt die Begegnungen mit Figuren, die viel über die Krise und den Niedergang der Fankultur in Italien zu erzählen haben.

Was dadurch im Vergleich zur Fahrt im Frühjahr fehlt, ist das Flair des Roadmovies. Man betritt nicht mehr unbekanntes Terrain, wie es Polen und die Ukraine auch 20 Jahre nach der Wende immer noch für viele Leute sind, und lässt sich auch ein Stück weit spontan von den eigenen Beobachtungen treiben, sondern wählt im Gegenteil sehr gezielt aus, wohin man fährt und wen man zu treffen versucht. Aber dieser Verlust ist verschmerzbar, denn entstanden ist ein herausragender Film über italienische Fankultur damals und heute voller eindrucksvoller Szenen, manchmal bewegend, manchmal traurig und manchmal ziemlich absurd. Man darf ZDF Info wirklich dankbar dafür sein, dass im deutschen Fernsehen auch derart über Fußball und Fans berichtet werden kann, dass man Hintergründe erläutert, Kontakte zu den betreffenden Personen sucht und auf Augenhöhe mit ihnen spricht.

Eines dieser Gespräche ist das eingangs erwähnte Treffen mit Antonio Speziale in Catania, das gewissermaßen den Ausgangspunkt für die (leider nur) 45-minütige Sendung bildet. Viele Geschichten ranken sich um das dunkle Jahr 2007 mit den beiden Todesfällen im italienischen Fußball, in dessen Folge von staatlicher Seite aus massive Reglementierungen für den Stadionbesuch ersonnen und den einst so lebendigen italienischen Kurven vieles von ihrem Flair genommen wurde. Speziale wurde damals für den Tod des Polizisten Filippo Raciti verantwortlich gemacht, der an den Folgen des Treffers einer von Speziale geworfenen Waschbeckenumrandung verstorben sein soll. Aufgrund vieler Umgereimtheiten im Prozessverlauf ist Speziale im Augenblick wieder auf freiem Fuß, die Auswirkungen der Krawalle von 2007 und seiner Folgen sind für die Ultras Catania jedoch weiterhin spürbar. Diejenigen, die noch ins Stadion gehen dürfen, sind ein kümmerlicher Haufen von vielleicht 30 Leuten, der Rest hat nicht nur Stadionverbot, sondern darf sich viermal während eines Spiels in der örtlichen Polizeibehörde melden.

Auch dem zweiten Todesfall des Jahres 2007 wird sich über das persönliche Gespräch genähert. Die Protagonisten treffen mit dem Vater und dem Bruder des getöteten Laziale Gabriele Sandri aufeinander, der an einer Autobahnraststätte tödlich von der Kugel eines Polizisten getroffen wurde. Bewegend ist insbesondere, wie Giorgio Sandri, Gabrieles Vater, über seine Begegnungen mit Fußballfans aus ganz Italien spricht, wie er ihr Herz und ihre Leidenschaft lobt und ihnen für ihre Unterstützung dankt. Da muss man auch als Zuschauer schlucken. Besonderes Highlight ist zuletzt die Begegnung der drei mit dem harten Kern von Inters Curva Nord, die sie bei der Erstellung der Choreographie für das Mailänder Derby begleiten durften. Nicht nur dass ein Kamerateam die Erstellung der Blockfahne filmen darf, scheint eigentlich schon undenkbar, mit Tippmann ist sogar noch ein bekennender Milanista dabei. Es sind eindrucksvolle Bilder, die da entstanden sind. Wenn man sich mal vor Augen hält, wie oft in Deutschland von Journalisten gejammert wird, dass man keinen Zugang zu Ultra-Gruppen erhält, so belegt diese Reise, dass man wie so oft auch im Umgang mit Fans mit Aufrichtigkeit und ehrlichem Interesse weiter kommt als mit plumper Sensationsgier. Das wäre auch für die deutsche Presse keine schlechte Lehre.

"Verrückt nach Fußball: Eine Reise durch die Fankurven Italiens" — Erstausstrahlung: Montag, 19. November 2012, von 18:30 Uhr bis 19:15 Uhr bei ZDF Info.

Oder, falls Ihr es zufällig verpasst haben solltet, auch in der Mediathek zu sehen: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/#/beitrag/video/1776192/Faszination-Fankurve-Italien

Scherben, 19.11.2012

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