Eua Senf

Aus dem Land der Fehlfarben: "Ein Leben lang...

17.07.2012, 13:58 Uhr von:  Gastautor

... keine Schale in der Hand". Seit 1958 jagen die Blauen nun hinter der Meisterschale her und während der BVB in dieser Saison bereits den zweiten Stern erobert hat, fehlt es nebenan noch immer am ersten Zacken. Mittlerweile findet dieses 50+x-Jahre währende Trauma auch seinen Weg in die Schalker Geschichtsschreibung und so sind Anfang dieses Jahres gleich zwei Bücher auf dem Markt erschienen, in denen unter anderem das Scheitern im Kampf um die Schale erzählt wird.

Jürgen Thiem porträtiert in seinem Buch „Helden für einen Sommer" die Mannschaft des Vizemeisters von 1972, die nicht nur eine der besten blauen Bundesligamannschaften aller Zeiten war, sondern sich auch den Kosenamen „FC Meineid" verdient hat. Das Buch des 1959 geborenen Schalke-Fans und Journalisten ist ein angenehm zu lesendes Stück Traumaverarbeitung: Als kleiner Junge hat er die Schalker Mannschaft 1970 erstmals im Stadion verfolgt und seine Helden bewundert, von denen viele in der folgenden Saison um den Titel spielten, bevor sie endgültig im Sumpf des Bundesligaskandals versanken. Aus neutraler Sicht handelte es sich tatsächlich um eine Mannschaft, die bedeutende Fußballer vorzuweisen hatte: Namen wie Norbert Nigbur, Helmut und Erwin Kremers, Rolf Rüssmann, Klaus Fichtel, Herbert „Aki" Lütkebohmert, Reinhard „Stan" Libuda oder Klaus Fischer sind auch heute nicht vergessen. Umgerechnet in die 3-Punkte-Regel holte die junge Schalker Mannschaft 76 Punkte, allerdings gewannen die Bayern drei Punkte mehr, nachdem sie am letzten Spieltag Schalke zu Hause in einem echten Finale mit 5:1 schlugen. Zwar gelang es Schalke anschließend immerhin noch, mit einem 5:0 Sieg über Kaiserslautern den DFB-Pokal zu gewinnen, aber der sportliche Erfolg konnte kaum genossen werden, da kurz darauf der größte Skandal der Bundesligageschichte die Öffentlichkeit und das Schalker Vereinsleben erschütterte.

Mittels Spielabsprachen und Bestechungen war der Abstiegskampf in der Saison 1970/71 manipuliert worden und die Schalker Mannschaft stand im Fokus der Ermittlungen – zu Recht, denn am 28. Spieltag hatte man sich freiwillig von Bielefeld mit 0:1 schlagen lassen. Nur der Schalker Torhüter hatte von der Absprache nichts gewusst und Gegner wie Vorderleute mit einer starken Leistung in den Wahnsinn getrieben. Schon damals waren Gerüchte über eine Spielmanipulation aufgekommen, doch von Schalker Seite wurden sämtliche Vorwürfe abgestritten. Mehrere Spieler gaben im Zuge der Vernehmungen sogar Meineide ab, wozu ihr unglücklich agierender Anwalt ihnen geraten hatte.

Thiem beschreibt in seinem Buch in chronologischer Folge die Geschichte der 1972er Mannschaft: Er schildert ihren Aufbau durch den umtriebigen Präsidenten Benno „Oskar" Siebert, der vor allem auf junge Talente setzte und viel Geld in die Hand nahm, um das Team zu verstärken. Er beschreibt die einige Spielzeiten dauernde Entwicklung des Teams, bis es 1972 in die Spitzengruppe der Tabelle vorstieß, widmet aber auch der parallel stattfindenden Spielverschiebung und den Lügengebilden des Vereins, mit dem dieser Sanktionen durch den DFB vermeiden wollte, gleichberechtigt Raum. Thiem erzählt den Zerfall der Mannschaft, deren Führungsspieler fast ausnahmslos mit lebenslangen Sperren belegt wurden, die später erheblich verkürzt wurden. Es ist ihm hoch anzurechnen, dass er nicht versucht hat, „seine" Mannschaft rein zu waschen. Durch zahlreiche Interviews mit damals Beteiligten gelingt es ihm, das Binnenleben der Mannschaft zwischen sportlichem Erfolg und öffentlicher Anklage anschaulich und mitfühlend nachzuzeichnen, ohne dies zu entschuldigen. Die gelegentlich spürbare Wehmut, dass die durch den Skandal ausgelöste Unruhe den einen oder anderen Punktverlust in der Liga verursacht und damit die Meisterschaft verhindert haben dürfte, macht den Autor eher noch sympathischer.

Das zweite in diesem Frühjahr veröffentlichte Schalke-Buch sind die Erinnerungen von Rudi Assauer, die unter dem Titel „Wie Ausgewechselt" erschienen sind. Die öffentliche Aufmerksamkeit war groß, da mit der Veröffentlichung auch bekannt gegeben wurde, dass Assauer unter Alzheimer leidet. Das erste Kapitel, das sein Leben mit der Krankheit beschreibt, ist denn auch eine sehr emotionale Lektüre und man wünscht dem Europapokalsieger von 1966 natürlich alles Gute.

Da die Erinnerungen Assauers krankheitsbedingt noch weniger zuverlässig sind, als es für Zeitzeugen ohnehin schon gilt, hat er sich gemeinsam mit dem Co-Autor Patrick Strasser dafür entschieden, wörtliche Aussagen Assauers klar von solchen zu unterscheiden, die Strasser ergänzt oder korrigiert hat. Leider scheinen beide auch vereinbart zu haben, dass Strasser dabei nicht tiefer in die Materie einsteigt, denn im Wesentlichen werden oft erzählte Anekdoten wiedergegeben. Vor allem Assauers zweites Wirken als Manager auf Schalke mit den Höhepunkten des UEFA-Pokal-Siegs 1997 und der Beinahe-Meisterschaft von 2001 ist noch so gut in Erinnerung, dass man die entsprechenden Passagen fast selbst niederschreiben könnte. Neue Fakten oder persönliche Einschätzungen Assauers werden hingegen kaum geboten. Zwar liest sich das Kapitel zur Vizemeisterschaft flüssig und emotional, das liegt jedoch mehr an der Wucht der realen Ereignisse denn an den sattsam bekannten Geschichtchen. Das auf den ersten Blick interessant klingende Kapitel „Meine Transfergeschichten", hätte die Möglichkeit geboten, dem „Fußball-Manager"-spielenden Publikum Einblick in die Wirklichkeit des Sportmanagers zu geben, es ist aber auch nur eine Aneinanderreihung von Plattitüden: „Den Managerjob, den kannste nicht lernen, das kann man nicht studieren – höchstens learning by doing."

Je weiter die Lektüre schreitet, desto mehr fasert das Buch in Belanglosigkeiten aus. Das ist besonders schade, denn die Biographie Rudi Assauers gehört zu den spannendsten der Bundesligageschichte. Seinen Ruf als „Großmaul der Liga" erarbeitete er sich schon als Spieler beim BVB, wo er unter der Schadenfreude seiner Mannschaftskollegen die eine oder andere Strafrunde abzuleisten hatte. Er reifte zum Führungsspieler und wurde nach seiner Karriere zu einem der wirkmächtigsten Manager der Liga. So darf man sich schon heute auf eine gut recherchierte Biographie freuen, die mehr Informationen bietet als seine Memoiren.

geschrieben von PatBorm

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