Eua Senf

Das können die doch nicht machen

05.07.2012, 12:50 Uhr von:  Gastautor
Das können die doch nicht machen

Zur Einführung nur ganz kurz: Ich, 22, bin Student für Sportmanagement. Mein Studium sieht ein Auslandssemester vor. Und so führte mich mein Weg vor gut fünf Monaten nach Südafrika. Das Ziel hieß Stellenbosch, Western Cape - eine kleine Studentenstadt, eine Autostunde von Kapstadt entfernt. Die meisterlichste aller Rückrunden verlebte ich also im Exil! Hier nun meine Eindrücke...

Der Hinflug sollte am 22. Januar um 22:05 Uhr ab Frankfurt am Main gehen. Nach genauer Zeitaustüftelei wurde festgestellt: Abpfiff vom BVB in Hamburg und Abfahrt. Also am Freitag die Kollegen und meinen Bruder verabschiedet, die sich grinsend Richtung Hansestadt verdrückten und die letzten beiden Tage abgewartet.

Auswärtsspiel in Hamburg, ich bin noch nicht einmal weg von Hause und kriege zu viel, dass ich Borussia im TV schauen muss, anstatt selbst dabei zu sein - Wie soll das denn ablaufen, wenn ich erst die nächsten sechs Monate in Südafrika verbringe? Kann ich die Spiele da überhaupt sehen? Wie ist im Notfall das Internet? Was, wenn es ernst wird und wir wirklich wieder um die Meisterschaft mitspielen sollten? Das wird eh nicht passieren. Die Bayern werden das ritzen. Ansonsten könnte es heikel werden! - Klasse Spiel, klarer Sieg, super Leistung, Infos von den Freunden, wie der Boykott abläuft, Abfahrt.

Die ersten Tage in Stellenbosch sind davon geprägt, eine Bleibe für mich und Tim, einem ebenso Dortmund-Bekloppten Kommilitonen, in Stellenbosch zu finden. In die Studentenanlagen wollten wir nicht und so richtig hatte die Wohnungsvermittlung aus Deutschland nicht funktioniert. Also die ersten Tage im Backpackers gebucht und auf gut Glück nach Südafrika. Angekommen lernten wir unverzüglich die afrikanische Mentalität kennen. Immer freundlich, sehr hilfsbereit und unglaublich gechillt („Thats chilled broa!“). Bei einem Wohnungsbesichtigungstermin versetzt zu werden, ist hier nicht unalltäglich. Nach fünf Tagen hatten wir dann doch eine gefunden und schon war es am nächsten Tag wieder soweit: Die Borussia spielt, gegen den glorreichen Ritter aus Hoppenheim. In Eiseskälte im Westfalenstadion, während ich hier in ca. 40°C abhänge.
An betreffendem Samstag stand auch ein Ausflug von der Uni für die Austauschstudenten organisiert nach Kapstadt an. Wir besuchten das erste Mal diese wirklich sehr beeindruckende Stadt, die sich um den imposanten Tafelberg komplett herumzieht, während sie selbst fast komplett vom Atlantik umgeben ist. Wir sahen viel von der Stadt und den riesigen Townships, die die südafrikanischen Großstädte umgeben. Zwei Millionen Menschen wohnen alleine in Khayelitsha, dem riesigen teppichähnlichen Township im Süden Kapstadts.

Über 9.000 km von Dortmund entfernt
Über 9.000 km von Dortmund entfernt

Ganz schnell war es 16 Uhr Ortszeit, 15 Uhr in Deutschland. Die erste Halbzeit würden wir im Bus verbringen und nach unserer Rückkehr sofort in einer der zahlreichen Kneipen und Restaurants versuchen, irgendwie die zweite Halbzeit vom Spiel zu sehen. Hoffnung machte uns die Tatsache, dass der Sport-Pay-TV-Sender neben den Landessportarten Rugby und Cricket (Info am Rande: in diesem komischen Sport wird ein Spiel meistens auf drei Tage angesetzt.) auch Fußball auf einem seiner sieben Sender übertrug. Neben der Premier League, dem FA Cup, der Primera Division, der Serie A, der Champions League und der Euro League gehörte wohl angeblich auch die Bundesliga zum Programm. - Das wär‘s, Konferenz oder Borussia oder beides im TV! – So kam es natürlich nicht. Wir mussten feststellen, dass „Supersport“ jeden Samstag ein ausgewähltes Spiel um 15:30 Uhr zeigte und manchmal auch das am Freitag, Samstagabend oder die Sonntagsspiele. Niemals alle. – Halleluja! Lotterie an jedem Wochenende. Das wird ein Spaß! – TV Fußballexperten sind hier übrigens unter anderem Samy Kuffour, Bradley Carnell und Alex-Frei-Pfosten-Freistoß-Fernandez. An diesem Tag zeigten sie die Bayern gegen WOB und somit guckten wir dieses wirklich lahme Spiel und holten uns via Smartphone Infos über den Sieg im 11000 km entfernten Deutschland.

Besuche bei Rugbyspielen im Stadion und Spielzusammenfassung vom BVB ausm Internet halfen irgendwie, irgendwie aber auch nicht, wenn dabei der Gästeblock oder die Südtribüne gezeigt wurde. Die weiteren Spielen wurden zum Glück größtenteils von „Supersport“ übertragen. – Da wir nun mal deutscher Meister sind, aber auch durchaus angemessen! Doch das heißt noch lange nicht, dass man sein Spiel zu Gesicht bekommt. Zeitgleich mit den Bundesligaspielen laufen nämlich meistens auch Spiele der nationalen Rugby-League und der Premier League, die hier fußballtechnisch einen viel höheren Stellenwert hat als die Bundesliga. Man muss sich also vorbereiten, früh genug da sein und sich gegen viele andere durchsetzen, damit das Spiel des – hallooo – Deutschen Meisters auch schön in einem der Fernseher vor uns her flackert. Das erinnerte mich teilweise zumindest an die Stunden vor dem Spiel, wenn man seine Plätze auf der Südtribüne verteidigen will.

Während der Spiele bekam ich das größte Heimweh. Ich genoss die Zeit bis hierhin total und hatte nicht allzu viele Gedanken an zu Hause gehabt, weil man hier jeden Tag etwas Neues erlebt und Eindrücke sammelt. Wenn vor, während oder nach den Spielen aber auf die Tribünen gehalten wird, erwische mich dabei, wie ich sage, dass dieses Kamera - Geschwenke in die Kurven doch echt unnötig ist, wenn man ein Fußballspiel überträgt. An das durchgängige „Borussia im TV Schauen“, konnte ich mich auch nach den Siegen unter anderem gegen LEV, in Berlin, gegen Mainz und 96 nicht wirklich gewöhnen.

Fußballschauen in Südafrika
Fußballschauen in Südafrika

Gewöhnen konnte ich mich auch nicht an den Gedanken, dass wir wirklich noch einmal Meister werden könnten. Die Bayern waren urplötzlich wieder hinter uns. Wir marschierten wieder von Sieg zu Sieg. Alle zwei Wochen stellte sich in den anderen Stadien der Bundesliga eine gelbe Wand auf. Die Mannschaft spielte für mich noch außergewöhnlicher als im Vorjahr. Spiele, die keinen Sieger verdient hatten wurden ebenso gewonnen, wie verdammt enge. Der Vorsprung auf die Bayern wuchs. „Das Gesetz der Doppelmeisterschaft!“, sagte ich Leuten ins Gesicht, die mir erzählen wollten, dass diese Mannschaft nicht das Zeug hätte, nochmals diesem Druck stand zu halten. „Das können die nicht machen, wenn ich jetzt einmal für eine längere Zeit weg bin!“, sagte ich mir selber.

So vergingen die Spiele gegen Bremen, in Köln und in Wolfsburg, unterbrochen von diesem Wahnsinnspiel gegen Stuttgart, das zum Glück auch übertragen wurde, sodass ich zumindest TV Zeuge des Spiels der Saison werden durfte. Was im Stadion los war, konnte ich anhand der Kulisse, die gezeigt wurde, denke ich, dennoch nur erahnen.
Plötzlich war er da. Der Tag des Endspiels, des Spiels der Spiele, des Gigantengipfels oder einfach Borussia zu Hause gegen Bayern. Mein Bruder hatte mich die Woche vor dem Spiel hier besucht und war pünktlich Dienstagnachmittag, wiederum mit einem breiten Grinsen im Gesicht, abgeflogen, um pünktlich wieder in der Heimat zu sein.
Mit Tim und mir waren außerdem meine Freundin und weitere Studenten aus Deutschland und Europa hier, die man natürlich größtenteils samstags beim Fußballschauen traf. Zusätzlich gab es viele deutschstämmige Namibier, die allesamt auch Fans von deutschen Vereinen waren – Dortmund, Bayern und ein HSVler. An diesem Abend hatte ich allerdings keine Lust, mit all diesen Bayerntypen das Spiel zu gucken. Ich wusste, wie ich drauf sein kann bei so einem Spiel. So gingen wir an diesem Abend in eine Kneipe, die nicht als Sportsbar Werbung macht, aber auch die „Supersport“ Kanäle gebucht hatte. Mit uns dabei waren auch zwei Bayernsympathisanten, die ich während des Spiels völlig außer Acht lassen wollte, was auch sehr gut funktionierte. Ich hatte den Tunnelblick. Bis der Robert eine Eingebung bekam und seinen linken Fuß galant und graziös, ich will schon sagen, majestätisch, zum richtigen Zeitpunkt in die Flug-/Rollbahn des Balles hielt. Das Tor zählte, ich tickte aus. Aufn Tisch, übern Tisch, in Tims Arme, auf den Boden. An die letzten zehn Minuten kann ich mich kaum noch erinnern. Ich weiß nur, dass ich froh war, dass ein freiwilliger Feuerwehrmann, der die Herzrhythmusmassage beherrscht, an diesem Abend mit dabei war. Ich überlebte die Minuten zwischen Traum und Paralyse und landete danach unterm Tisch.

Derby wurde in der Stammkneipe geschaut
Derby wurde in der Stammkneipe geschaut

Nur ein paar Tage später. Das Derby steht an und am gleichen Tag das einjährige Jubiläum mit meiner Freundin. Den ganzen Tag wollte sie mit mir alleine verbringen. Kann ich ja sehr gut verstehen….aber es ist Derby! Die kann mich doch nicht so zappeln lassen. Konnte sie nicht. Danke nochmal dafür Schatz. Wahrscheinlich wusste sie, dass ich mit den Gedanken die Zeit des Spiels über eh nicht bei uns, sondern bei meiner anderen Liebe gewesen wäre. Wir sahen das Spiel in unserer „Stammkneipe“, einem italienischen Restaurant mit einem TV Raum. Tims Großeltern waren zu Besuch und seine Oma hatte schon am Abend zuvor deutlich gemacht: „Ich komme natürlich zum Gucken, aber ich will da verdammt noch mal keine Blauen sehen!“ Sehr gute Frau, aber eine blaue Kommilitonin mussten wir dann doch ertragen. Diese jubelte zu Beginn, nachher eher weniger. Ein echtes Kampfspiel ohne die große spielerische Klasse. Für mich steht dieser Sieg jetzt symptomatisch für die ganze Saison: Eine Übermacht von Fans kann gegen diese Mannschaft sein, es kann mal nicht gut laufen im Spiel, und trotzdem gewinnt sie es durch puren Willen. Die dummen Banner der Blauen gehen mir auf den Sack! DERBYSIEG! Verdammt! Wir werden gerade echt wieder Meister! Die Jungs machen‘s also einfach doch!

Eine Woche später, der 21.4.: Bayern in Bremen, wir abends gegen Gladbach. „Supersport“ übertrug beide Spiele. Den ganzen Tag würden wir in der „Kneipe“ sein. Bremen ging in Führung, ich jubelte. – Warum eigentlich? – Bayern erzielt den Ausgleich, es lässt mich einiger Maßen kalt. Ca. 15 Minuten vor Schluss reden Tim und ich darüber, ob es nicht geiler sein würde, durch eine „eigene Leistung“ Meister zu werden, als durch eine Niederlage der Bayern. Frooonck erhörte uns und schoss den Siegtreffer. Auf ging‘s also gegen Gladbach. Fragen, die Tim und ich zu beantworten versuchten: Hat die Mannschaft das Bayernspiel gesehen? Fühlten sie sich schon als Meister und müssen jetzt unverhofft doch noch ran? Werden doch noch weiche Knie auftreten? Kann Gladbach die Meisterfeier wie im Vorjahr verschieben?

Und auch die Meisterschaft wurde am TV geschaut
Und auch die Meisterschaft wurde am TV geschaut

Die Mannschaft gab die Antwort auf dem Platz. Unfassbar wie diese Truppe den Viertplatzierten aus Gladbach förmlich an die Wand spielte. Das massive Pressing, das der Mannschaft während der Saison ein bisschen abhandengekommen war, schlug die Gladbacher allein, die nichts gegen den alten und neuen Deutschen Meister zu tun vermochten. 2:0 Kagawa! Sie haben es doch getan. Das Ding bleibt echt in Dortmund! Ich verdrückte mir eine Träne. Das war mir im Vorjahr nicht gelungen. Den Abend verbrachten Tim und ich in Stellenbosch. Wir tranken viel und erzählten ebenso vielen Leuten freudetrunken, dass der Ballspielverein so eben seine achte Deutsche Meisterschaft fix gemacht hätte und wie beeindruckend das wäre, jetzt die Leistung aus der Vorsaison auch noch so bestätigt zu haben. Außerdem wären wir auch noch auf Rekordjagd. Mittlerweile 26 Spiele ungeschlagen. Gegen unsere drei ärgsten Verfolger, unter anderem Bayern und die Blauen, 16 von möglichen 18 Punkten eingesackt. Eine Wahnsinnssaison! Dass die meisten Leute, mit denen wir redeten, nichts mit Borussia Dortmund anfangen konnten, war uns unglaublich schnuppe „Thats near to Munich, right?“ oder „Ahhh, you got f****d by arsenal!“ waren die einzigen Statements, die wir bekamen. Wir feierten die Nacht in schwarzgelber Fahnenpracht, und schrien es Allen, die es hören wollten oder nicht, ins Gesicht:

BORUSSIA DORTMUND FÜR IMMER DEUTSCHER MEISTER !!!

Kurz danach sollte das Pokal Finale anstehen. Das Finale 2008 sah ich in Berlin, das DFB Pokal Finale 2012 sah mein Bruder und der Rest der Bande auch in Berlin, ich im Zentrum der deutschen Gemeinde in Kapstadt. Nur hier konnte man ZDF und damit das Spiel mit Sicherheit sehen. Ich konnte es mir wirklich nicht vorstellen, dass wir auch das Finale gewinnen würden. Ich bin wahrlich kein Pessimist, aber ich war mir einfach sicher, dass die Bayern so viel Wut im Bauch haben würden…ist ja auch egal… der Spielverlauf ist allen bekannt, ich konnte wiederum nicht fassen, was die Truppe da wieder hinzauberte. Eine weitere Schwatzgelbe Nacht in Südafrika stand an…

Seit einer Woche bin ich wieder zurück in Deutschland. So richtig angekommen bin ich noch nicht. Fünf Monate waren eine lange Zeit und die Unterschiede sind spürbar. (Die Deutschen motzen auf einem ziemlich hohen Niveau). Die EM ist allgegenwärtig und mir fehlt irgendwie die Aufmerksamkeit, die der BVB mit Sicherheit bekam, als ich noch unten war. Ich muss mich damit abfinden, noch knapp zwei Monate zu warten, um wieder dieses einmalige Gefühl mit Tausenden anderen zu teilen. Mein Anhaltspunkt ist der FC Oberneuland. Dort irgendwo in Bremen werde ich endlich wieder dabei sein.


geschrieben von Fabian

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