Eua Senf

Die Pyro-Show der fleischgewordenen Bild-Zeitung

24.05.2012, 15:09 Uhr von:  Gastautor
Die Pyro-Show der fleischgewordenen Bild-Zeitung

Kerner, Pocher und eine brennende Schaufensterpuppe bei Plasbergs‚ Hart aber fair' – Ein unvollständiges Protokoll des Grauens (Montag,21. Mai 2012, 21 Uhr im Ersten)

Man musste auf das Schlimmste gefasst sein, und es kam doch schlimmer. Die gern gestellte Frage, was eigentlich bestimmte Gäste für ihren Besuch in einer Talkshow qualifiziert, darf im Falle von Johannes B. Kerner als eindeutig beantwortet gelten: Plattester Populismus und die Fähigkeit, mit reichlich Melodramatik und einer guten Portion Ahnungslosigkeit jederzeit Parolen für das abzusondern, was die Bild-Zeitung gerne als ‚gesundes Volksempfinden' ausgibt. Das Thema ist da zweitrangig und war nach der Fußballgewalt-Mediendauerschleife der letzten Wochen und dem DFB-Urteil zum vermeintlichen Skandalspiel in Düsseldorf nach Talkshow-Gesetzmäßigkeiten wenig überraschend: „Gewaltige Leidenschaft – wer schützt den Fußball vor seinen Fans?" lautete also die Frage, und los ging's.

Zum besseren Verständnis wurde zunächst ein Einheitsbrei angerührt, in dem Hooligan-Gewalt, Ultra-Fans, Pyrotechnik, und Platzstürme zu einer amorphen Masse zusammengekocht wurden, für die Kerner dann fachkundig diagnostizieren konnte, dass dies alles eine „neue Qualität" habe. Dass Platzstürme anlässlich von Meisterschaften und Aufstiegen ein schon jahrzehntealtes Ritual sind, welches in früherer Zeit gar als Ausdruck spontaner, meist friedlicher Fanfreude galt; was soll's? Dass es schon damals vermutlich gute Gründe dagegen gab; geschenkt. Einen Kerner als fleischgewordene Bild-Zeitung auf zwei Beinen hätten derlei Einwände ohnehin nicht bremsen können. So stellte er unverdrossen die Fragen, die sich, seiner Wahrnehmung nach, sonst niemand zu stellen traute und fragte etwa den anwesenden Fanbetreuer von Fortuna Düsseldorf mit gespieltem Unverständnis und geheucheltem investigativem Interesse, was denn eigentlich so „geil" am Zünden von Knallkörpern und Bengalos sei. Als ob die verbreitete von Pyrotechnik ausgehende Faszination durch die alljährlichen Silvester-Rituale nicht hinreichend belegt wäre und Kerners Kommentatorenkollegen in der Vergangenheit bei Europapokalspielen nicht gerne angesichts von bengalischen Feuern in Italien und anderswo von „südländischer Atmosphäre" geschwärmt hätten. Ja, ja, lang ist's her.

Der ebenfalls geladene Oliver Pocher konnte demgegenüber nur selten mit mehr als Abstauber-Toren seine Fähigkeiten als flexibler und kenntnisfreier Stammtischplauderer unter Beweis stellen. So servierte Plasberg ihm allen Ernstes die Frage, ob er — Pocher — glaube, die Ultras in den Kurven, ließen sich von irgendwelchen Konferenzen versammelter Staatsanwälte und Polizeiführer beeindrucken. Der für diese Frage prädestinierte ‚Edel-Fan' von Hannover 96 ließ sich da nicht lange bitten und wähnte sich mit der anschließenden Forderung nach Abschreckung und repressiver Härte auf sicherem Terrain. Pocher konnte so einem als Sturmtank und Spielmacher in Personalunion fungierenden Kerner natürlich nicht annähernd das Wasser reichen. Aber immerhin konnte er Kerner bei einer Gelegenheit, nämlich mit der Frage an den Fanbetreuer, was dieser mit einem „unangemessenen Vorgehen der Polizei" gemeint habe, eine Steilvorlage liefern. Nachdem der Fanbetreuer dann Pocher — der offenbar nicht für möglich gehalten hatte, dass es hierauf überhaupt eine Antwort geben könnte — von übertriebenen Pfefferspray-Einsätzen der Polizei und ähnlichen, deeskalierenden Maßnahmen berichtet hatte, legte Kerner los wie die Feuerwehr und lieferte auch gleich den passenden Plot für seine dann folgende Suada: Er glaube einfach nicht, dass ein junger Polizeimeister, der 1.800 Euro brutto verdiene, einfach so aus Jux und Dollerei den Knüppel raushole und einem Menschen ins Gesicht schlage.

Fast überflüssig zu erwähnen, dass der angegangene Fanbetreuer vorher weder einen „Schlag ins Gesicht“ noch eine bestimmte Gehaltsgruppe in die Diskussion eingeführt hatte. Aber Kerner ging es ja schließlich um’s Prinzip und da können gewisse Ausschmückungen nicht schaden. Während dessen wirbelte er dramatisch mit Kopf und Händen hin und her, weil er wohl erwartete, dass ihm der nebenan platzierte Polizeigewerkschafter gleich um den Hals fallen würde. Dieses ‚Kernersche Naturgesetz‘, wonach ungerechtfertigte Polizeigewalt gegen Fußballfans undenkbar und von Betroffenen zwingend nur halluziniert worden sein kann, sah Kerner wohl durch eigene Besuche diverser VIP-Bereiche in deutschen Fußballstadien als hinreichend belegt an. Die These, dass ein unterdurchschnittliches Gehalt gewaltausschließend wirkt, war ihm aber wohl nur vom Hörensagen zugetragen worden.

Als man dann schon gehofft hatte, der hyperventilierende Titan des deutschen Sport-Journalismus sei aus Gründen der Diskussions-Hygiene zwangsweise aus dem Studio entfernt worden, schaltete Plasberg plötzlich aus dem Studio zu einer von Kerner moderierten Außenwette: Wetten, dass eine Art Schaufensterpuppe in – wie Kerner betonte – handelsüblicher Kleidung, Feuer fängt, wenn man einen bis zu 2.500°C heißen, brennenden Bengalo an sie hält?!? Nachdem Kerner zur Versachlichung den bekleideten Torso der Puppe kurzerhand zu einem gefallenen kleinen Kind erklärt hatte, bilanzierte er das wenig überraschende Ergebnis, indem er mit reichlich Tremolo in der Stimme feststellte, dass „das Kind in Flammen steht" und diesem jetzt nicht mehr zu helfen sei. Während Kerner sich zunehmend in eine Empörungsspirale über seine eigene Inszenierung hineinsteigerte, schien es sogar kurz so, als ob er die Forderung nach der Todesstrafe für die Befürworter solcher Mittel nur im letzten Moment zurückhalten konnte: „Also, wer jetzt immer noch sagt, dass sei stimmungsvoll, der gehört eigentlich ... ich will das jetzt nicht aussprechen ... äh ... dem kann man nicht mehr helfen, sagen wir's mal so." Dabei hatte in der gesamten Runde ohnehin niemand vorgehabt, die Verletzungsgefahr durch Bengalos zu bestreiten. Kerner aber durfte sich trotzdem als Held des Tages fühlen und hatte mit seiner aufklärerischen Pyro-Show zweifellos das Highlight des Abends gesetzt.

Was gab es noch? Einen optisch an Armin Rohde erinnernden Polizeigewerkschafter, der mit bebender Entrüstung bestritt, dass man es einen Erfolg nennen darf, wenn eine Fankurve sich auf Einwirken der Fanbetreuer an vereinbarte Regeln hält: „Die Einhaltung von Gesetzen ist kein Erfolg, sondern eine Selbstverständlichkeit." So oder ähnlich sollte wohl das zu der überraschenden These gehörende Argument lauten. Die Frage, warum man wegen dieser immerwährenden Selbstverständlichkeit eben diese Sendung machen musste, blieb aber ebenso unbeantwortet wie die Frage, wie die Polizei ihren eigenen Erfolg bei solch selbstverständlicher Gesetzestreue definiert. Achja, ein gewisser Reinhard Rauball und eine Südtribünensteherin als Ausweis geerdeter Fankultur waren auch da.

So ging sie dahin, die so frühzeitig von Kerner in Geiselhaft genommene Sendung des zum Statisten degradierten Frank Plasberg. Wir übergeben hiermit an die ‚Tagesthemen' mit Caren Miosga und trinken im Anschluss als Absacker noch einen Molotow-Cocktail auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Er lebe hoch, er lebe lang: Prost!

Fast überflüssig zu erwähnen, dass der angegangene Fanbetreuer vorher weder einen „Schlag ins Gesicht“ noch eine bestimme Gehaltsgruppe in die Diskussion eingeführt hatte. Aber Kerner ging es ja schließlich um’s Prinzip und da können gewisse Ausschmückungen nicht schaden. Während dessen wirbelte er dramatisch mit Kopf und Händen hin und her, weil er wohl erwartete, dass ihm der nebenan platzierte Polizeigewerkschafter gleich um den Hals fallen würde. Dieses ‚Kernersche Naturgesetz‘, wonach ungerechtfertigte Polizeigewalt gegen Fußballfans undenkbar und von Betroffenen zwingend nur halluziniert worden sein kann, sah Kerner wohl durch eigene Besuche diverser VIP-Bereiche in deutschen Fußballstadien als hinreichend belegt an. Die These, dass ein unterdurchschnittliches Gehalt gewaltausschließend wirkt, war ihm aber wohl nur vom Hörensagen zugetragen worden.


geschrieben von Hanno

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