Eua Senf

Mein 12. Mai

17.05.2012, 21:20 Uhr von:  Gastautor
Mein 12. Mai

Im Vorfeld dieses unvergesslichen Pokalfinalabends in Berlin hatten wir dazur aufgerufen, uns eure Erlebnisse in Form von Texten und Fotos zukommen zu lassen. An dieser Stelle möchten wir uns für eure zahlreichen Einsendungen bedanken. Den Anfang macht Mario vom Fanclub Eastside Borussen aus Schwerin mit seinen Schilderungen über das Rudelgucken an der Waldbühne. Viel Spaß!

Mein 12. Mai begann mit einer schlaflosen Nacht. An Schlaf war einfach nicht zu denken. Das allseits bekannte Adrenalin, es war bereits Tage vorher zu Hauf vorhanden. Morgens um 7.00 Uhr die Tickets für die Waldbühne sicher in einer Plastiktüte verpackt, denn man weiß ja nie ob 20 Prozent Niederschlagswahrscheinlichkeit nicht doch eintreten könnten. Normalerweise lebe ich gerne das Risiko, hier allerdings nicht. Um 8.00 ging es dann los. Es lag eine große Anspannung in der Luft. Es schien als, würde Großes bevorstehen. Mit fünf Mitgliedern der Eastside Borussen (ein Fanclub aus Schwerin und Umland) ging es los. Im Auto waren sofort nur noch die Songs unserer Borussia zu hören: Der Muri, M.I.K.I., PSG, BUMS, RIMB - alle haben sie uns begleitet und Nervosität und Anspannung wandelten sich langsam zu Vorfreude. Hierfür ein großer Dank an unsere weibliche Unterstützung, Nina, du warst schon ein kleines Highlight!

Nach gut einer halben Stunde Fahrt (mein Zeitgefühl war vielleicht etwas außer Kraft) kamen wir dann in Neustadt Glewe an. Die Tankstelle, der Treff der Eastside Borussen. Nun waren wir alle vereint. Die ersten Fotos wurden aufgenommen, auch wenn es hier die ein oder andere Herausforderung mit der neuen Technik gab. Glücklicherweise gab es noch einfache Handys und Kameras. Nun ging er los, der Weg nach Berlin. Eine Fahrt, die eigentlich nicht sehr lang ist, aber mir wie eine Ewigkeit vorkam. Die Musik ging langsam ins Blut über, aus Vorfreude und Anspannung wurde Adrenalin. Jede gelbe Wiese, jeder gelbe Punkt in der Landschaft war nun ein Anzeichen für einen grandiosen Tag. Bereits auf der Autobahn begegneten wir vielen Gleichgesinnten. Regelmäßig schwarz-gelbe Autos neben uns, vor uns, hinter uns. Einfach überall.

Dann Zwischenstopp an einer Raststätte, den Namen habe ich leider nicht mehr im Kopf. Es schien alles wie den ganzen Tag schon: schwarz-gelb. Doch dann, man konnte es kaum glauben, ein Bus mit Bayern-Fans. Ja, es gibt sie anscheinend wirklich, zumindest trugen sie diese Farben. Natürlich hallte es sofort über das gesamte Gelände, wie sollte es auch anders sein: "EIN SCHUSS, KEIN TOR, DIE BAYERN!" Ein unglaublich gutes Gefühl. Sie standen nur verdutzt da und wussten anscheinend nicht zu reagieren. Inmitten der Bayern-Fans ein Dortmund Fan. Er tat mir ein wenig Leid, ich hätte ihn gern mitgenommen, wenn wir noch Platz gehabt hätten.

Es ging weiter nach Berlin. Und schon bald waren wir dort. Scheiben runter, Fahnen raus, Borussia übernimmt die Herrschaft Berlins. Während einige Passanten nur verdutzt schauten oder so taten, als würden sie nichts mitbekommen, gab es auch die Passanten die uns applaudierten, wenn auch nur verhalten. Ein Parkplatz war schnell gefunden. Hiermit noch mal liebe Grüße an die junge Dame aus dem SCC (ich glaube so hieß dieses Jugendhaus), die leider nur im Auto die Möglichkeit hatte, zu arbeiten und nicht wie jeder andere im Büro. Als wir ausstiegen, haben wir natürlich den ein oder anderen Fangesang hören lassen. Allerdings schien das nicht überall so anzukommen, schließlich habe diese Frau mehr Anrecht dort zu parken als wir (wohlgemerkt auf einem öffentlichen Parkplatz, wie sie selbst festgestellt hatte). Immer diese besoffenen Horden Fußball-Fans. Und das, obwohl Niemand von uns auch nur ansatzweise angetrunken war. Wir ließen uns die Stimmung nicht verderben.

Auf ging es zur Gedächtniskirche. Der Weg hierher war sehr angenehm. Zunächst an der S-Bahn Haltestelle Pichelsberg. Nichts los. Wir waren quasi alleine. Doch dann, bereits eine Station später: Alles voller Dortmunder, die sich zu uns gesellten. Von da an gab es nur noch Ekstase. Kurzzeitig hatte ich ein wenig Angst, dass die Bahn entgleisen könnte. Denn zum Hüpfen gab es genügend Gründe. Aber eine sehr angenehme, friedliche Stimmung. Als wir dann endlich an der Gedächtniskirche ankamen, war alles schwarz-gelb. Hierzu kann man nicht viel sagen. Vereinzelt auch hier ab und an ein bis zwei Bayern-Fans, welche sich oben genanntes Liedgut zu Gemüte führen durften. Oftmals lächelten sie nur, weil sie dem nichts entgegenzusetzen hatten. Diese Stimmung haben wir ein wenig aufgenommen und sind dann relativ schnell (ca. 15 Uhr) los zur Waldbühne. In der S-Bahn-Station dann die erste größere Gruppe Bayern Fans. Der Aufforderung "Zieht den Bayern die Lederhosen aus" kamen sie auch relativ schnell nach und die ersten Lederhosen wurden ausgezogen. Ein Anblick, den wir glücklicherweise nicht visuell festgehalten haben. Sie fuhren mit uns in der Bahn. Getrennt waren wir nur von unseren grünen Freunden. Ein Hüpf-Verbot wurde ausgesprochen. Schade eigentlich, aber verständlich. Natürlich über die gesamte Fahrt nichts zu hören aus dem Süden, dafür umso mehr von uns. Die ersten Erschöpfungserscheinungen traten bereits ein, aber das fordert nun mal bedingungsloser Einsatz als Tribut (nicht wahr David?).

Nun noch ein sehr geniales Erlebnis: Für die Wartezeit an der Waldbühne wurde natürlich noch Flüssig-Gold benötigt. Also suchten wir uns den nächst gelegenen Laden heraus. Wir einigten uns auf Becks, Meisterbier gab es in Berlin leider nicht. Auf den Preis schauten wir gar nicht. Gesagt, getan. Schon standen wir an der Kasse. Und hier passierte etwas, mit dem wirklich niemand gerechnet hatte. Zuerst bekam die nette Kassiererin japanischer Herkunft natürlich die Ehre der "Kagawa Shinji"-Gesänge und dann erschien auf dem Kassendisplay auch noch der Preis von 19,09€! Dieser Moment war Freude pur. Ja, auch an so kleinen Dingen kann man sich erfreuen, sie sind das, was diesen Tag zu dem machten, was er war. Und der Kassenzettel wird natürlich aufgehoben! ab diesem Moment war klar, heute kann uns nichts aufhalten auf dem Weg zum Double! An der Waldbühne angekommen waren wir nun so ziemlich die ersten, die sich dort ansammelten. Die Stimmung war noch sehr verhalten. Der Glockenturm wurde natürlich sofort in Dortmunder Hand übernommen, unsere Fahnen wehten weit über Berlin. Jungs, ihr seid einfach der Wahnsinn!

Der Platz füllte sich nun so langsam. Und hier ist auch die erste Stelle, an der ich leider mal Kritik anbringen muss. Es wurden immer wieder Fanlieder angestimmt. Doch leider nur von der rechten Seite der Tore. Links war nichts, man kam sich so vor, als wäre dort die Kehrseite des Erfolges. Kein Herzblut, keine Leidenschaft, keine Stimme. Erste "Ihr macht uns'ren Sport kaputt"-Rufe ließen nicht lang auf sich warten. Reaktion darauf? Leider keine. Also musste eine neue Idee her. Ein sehr netter Borusse (leider wurden keine Nummern getauscht, doch wenn du das hier lesen solltest: Melde dich bei uns!) stellte sich nach links in die Fanmenge und der BVB-Wechselgesang wurde angestimmt. In der Hoffnung die Masse so mitzuziehen. Erfolg? Fehlanzeige. Da war leider nichts zu machen. Das stimmte mich irgendwie traurig und ich war enttäuscht. Aber wir wollten diese unglaubliche Atmosphäre und Stimmung dadurch nicht vermiesen lassen und gaben dem BVB weiterhin ALLES an Support zurück, was uns möglich war.

Dann war es fast soweit. Emma kam ans Tor, und rüttelte an den Gitterstäben. Ihr wurde gehuldigt. "Lasst die Biene frei, lasst die Biene frei!". Gefolgt von "Macht die Tore auf" und ähnlichem Liedgut. Und nach kurzer Zeit war es soweit. Der Einlass erfolgte. Die Tickets wurden eingelöst und wir konnten es uns nicht nehmen lassen. Emma wurde natürlich zusammen mit uns auf einem Foto festgehalten. Dieser Idee folgten natürlich sehr Viele. Emma, du bist die beste Biene der Welt!

Dann ging es hinein in die Waldbühne. Ein wirklich schöner und würdiger Ort für so einen Abend. Steil und groß war die Tribüne, so wie man es sich wünscht. Ab ging es die unzähligen Treppen nach unten. Nach gefühlten 2 Stunden Treppenmarsch waren wir dann endlich an unseren gewählten Plätzen. Der Jahrhundertchor war toll und auch die Moderatoren, ein großes Lob. Der Muri machte einen riesen Job. Danke, Muri. Du weißt, du bist in all unseren Herzen und deine Lieder erfüllen uns mit Stolz! Eines der ganz großen Highlights sollte aber noch folgen. Hierbei sei unser Club-Gründer Florian S. erwähnt. Auf dem gesamten Weg bewies er mal wieder seine Anstimm-Fähigkeiten und sein Potential, die Leute mitzuziehen. Also stand der Vorschlag sehr schnell, dass er nach vorn musste. Nach vorn vor tausenden von Leuten. Es war keine einfache Humba. Vielmehr war es ein Liebesbekenntnis an diese grandiose Kulisse, an diesen grandiosen Verein. Diesen Moment kann man nicht wirklich beschreiben. Flo, ich hoffe du wirst dieses Erlebnis niemals vergessen. Wir werden deinen Auftritt für immer im Herzen behalten. Du bist ein wahrer Borusse und hast sämtliche Sympathie-Bekundungen einfach nur verdient! Aus diesem Grund will ich es hier extra erwähnen. Seine Knie waren noch den ganzen Abend weich und sind es beim Gedanken daran wahrscheinlich heut noch.

Was danach folgt ist eigentlich Geschichte. Das Spiel begann in Kürze. Noch schnell die letzten Marathon-Treppen-Läufe zur Toilette und zur Würstchenbude. Dann konnte es losgehen. Die Anspannung war sofort wieder da, aber auch eine große Vorfreude auf ein tolles Spiel unserer Borussia. Noch ahnte niemand, was uns bevorstehen würde. Als dann bereits nach 3 Minuten das 1:0 fiel, explodierte die Stimmung förmlich. Unbeschreiblich. Überall glückliche Gesichter. Spätestens jetzt war klar, die Jungs machen das und nicht nur wir glaubten daran. Als Roman von Gomez getroffen wurde, hallte ein lautes Raunen. Ohne diese Verletzung wäre wahrscheinlich auch der Elfmeter nicht entstanden. Aber die Tore, die danach folgten - es war Ekstase pur. Jeder gab alles und so war das Spiel viel schneller vorbei als gedacht. Und am Ende? Am Ende stand das Double. Alle lagen sich in den Armen. Überall Jubel und Freude.

Ich saß kurz nach dem Spiel noch vollkommen fassungslos da und konnte es nicht glauben, nicht realisieren, was dort passiert war. In dem Moment ging mir alles durch den Kopf, was in den letzten zehn Jahren passiert war. Fast hätten wir alles verloren und aktuell stehen wir an der Spitze. Und zwar durch harte Arbeit, durch Leidenschaft und nicht nur durch Geld, wie damals. Ab und an kamen BVB Fans zu mir, die ich nicht kannte und sagten "Kannst du es auch nicht glauben? Doch es ist wahr!". Also ging es offensichtlich nicht nur mir so. Ein Gefühl, welches sich einfach nicht beschreiben oder in Worte fassen lässt. Kurz danach dann noch die letzten Fotos und dann mussten wir uns leider schon auf den Rückweg machen.

Mein Fazit des Abends: Für mich war es das größte Erlebnis, welches ich bislang mit dem BVB teilen durfte. Wenn auch nicht im Stadion, leider hatte ich kein Glück bei der Verlosung, dann aber doch mit 18.000 Borussen in der Waldbühne. Ich bin so dankbar für dieses Erlebnis, für diese Offenbarung der Mannschaft. Für diese Offenbarung von uns an die Mannschaft. Selbst unser Sponsor Evonik ist so ziemlich der beste Sponsor, den ich jemals erleben durfte. Dank dem Fanclub habe ich nun auch hier Menschen gefunden, die die Leidenschaft von uns allen teilen. Bis vor kurzem konnte ich mir das noch nicht vorstellen. Danke für diesen Abend, danke Jungs, danke Mädels. Danke BVB! Nun versuche ich noch einen Abschiedssatz zu finden, der alles gut beschreibt. Ich habe lange darüber nachgedacht und es gibt einen, der relativ gut beschreibt, was aktuell in mir, wohl in uns allen vorgeht. Ein Satz, der alle Emotionen darstellt und gleichermaßen ermöglicht, sie zu verstehen. Und zwar jedem, nicht nur den Borussen unter uns. Deswegen und nur deswegen kann es nur ein Satz sein:

"Das höchste, was ein Mensch erreichen kann: Borusse werden!"

geschrieben von MarioSN

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