Eua Senf

In Sachen Fußballwunder - Jürgen Klopp verliert in Fürth

22.03.2012, 20:10 Uhr von:  Gastautor
In Sachen Fußballwunder - Jürgen Klopp verliert in Fürth

Ja, liebes Morgenmagazin, natürlich hattet Ihr heute früh völlig Recht: Jürgen Klopp ist bisher sechs mal als Trainer in Fürth angetreten, und hat alle sechs Spiele verloren. Aber manchmal kann man auch in der Niederlage gewinnen, vielleicht sogar mehr als mit eine Sieg. Zumindest, wenn man ein Typ wie Jürgen Klopp ist.

Ich will mir daher die Wartezeit bis zum Anpfiff heute Abend mit einer kleinen Geschichststunde verkürzen, die viel über Jürgen Klopp erzählt, über das, was ihn zu so einem Glücksfall macht. Und nebenbei erzählt die Geschichte auch ein bisschen von mir selber, wie ich Fußball sah und wieso ich letztlich im schwatzgelben Forum gelandet bin.

An einem Aprilsonntagnachmittag des Jahres 2004 saß ich in der Redaktion eines Münchner Sportsenders und war ein wenig enttäuscht. Mainz hatte gerade in Fürth verloren, mal wieder, den ohnehin nicht mehr sehr wahrscheinlichen Aufstieg damit endgültig vergeigt. Mal wieder. Aber diesmal dürfte es schlimmer gewesen sein als bei den dramatischen Last-Minute-Nichtaufstiegen der beiden Jahre zuvor. Denn diesmal hatte der Verein nicht "Fußballspielen und Spaß haben" als Saisonziel ausgegeben, nein, diesmal hatte man ein bisschen mehr vorgehabt. Ein bisschen was riskiert. Die Mannschaft ein bisschen verstärkt, aber vielleicht alle, Mannschaft, Fans und Umfeld, damit auch ein bisschen kirre gemacht. Diesmal war der verpasste Aufstieg ein verfehltes Ziel, mit all den negativen Folgen (Etatkürzungen, Zusammenbruch der Euphorie, verstärkte Kritik der Medien, undsoweiter). Also schon wieder nicht aufgestiegen, wie oft schafft es ein Verein, so was wegzustecken, sich neu zu motivieren? Vor allem, wenn man doch diesmal alles versucht hatte, alles investiert, und der Abwärtstrend dennoch gerade einzusetzen beginnt?

Zeit, kurz etwas in eigener Sache zu sagen: Nein, ich bin nicht und war nie Mainz-Fan. Sympathisant, oh ja. Fußballfan mit Faible für bodenständige Underdogs, schon immer. Aufgewachsen im Umfeld von Eintracht Frankfurt, aber wollte man einen Verein unterstützen, dessen Präsident mein Geld lieber in Edelnutten als den Schuldenabbau investieren würde? Später hatte es mich nach München verschlagen, aber wollte man Fan eines TSV sein, dessen Präsident den Club um jeden Preis zu einer Kopie des ungeliebten Rivalen machen wollte? Ich war also ein wenig heimatlos, mochte Freiburg, mochte gute ehrliche Arbeit, mochte offensive, junge Mannschaften, liebte den Europacup. Und ich mochte Mainz: ein cooler, authentischer Trainer, ein "nicht jammern - anpacken"-Management, preiswerte Kicker mit toller Spielanlage.

Wobei - war die Spielanlage in dieser Saison 2003/04 überhaupt noch toll? Es begann zu bröckeln im Verein, die im Vergleich zu den Vorjahren verstärkte Mannschaft zeigte nur selten ihr Potential, stattdessen schien sie in vielen Spielen am Erwartungsdruck zu zerbrechen. Keine Offensivfeuerwerke mehr, keine begeisternden, leidenschsftlich erkämpften Punkte. Man war nicht mehr der punktbeste Nichtaufsteiger aller Zeiten, wie zwei Jahre zuvor. Auch nicht mehr der dramatischste Nichtaufsteiger aller Zeiten, wie im Vorjahr beim Fernduell mit der Eintracht. Man war auf dem Weg zur grauen Maus in Rot. Viel zu viele Unentschieden, viel zu viel Verunsicherung, Angst vorm Ball, Angst vor der Verantwortung. Plötzlich nur noch Platz 8, fünf Spieltage vor Saisonende, trotz der besten FSV-Mannschaft aller Zeiten. Aus der Traum.

Ich sah das so, in diesem Studio bei München sitzend, und die Mainzer Fans sahen es offenbar genauso, im Stehblock in Fürth sitzend. Die Fans, die in den Jahren zuvor so extrem hinter der Mannschaft gestanden hatten, gelobt in der ganzen Republik für ihren positiven Support, saßen nur noch da. Kein Applaus, als die Mannschaft zum obligatorischen Abklatschen an den Zaun kam, auch keine Vorwürfe, kein Wort. Niemand stand auf, niemand ging an den Zaun, keiner sagte auch nur "pieps". Dieses 1:3 war zu viel gewesen, der Anblick dieser verkrampften Mannschaft, die so sehr wollte, dass gar nix mehr ging; die diese Niederlage und das Platzen der letzten Aufstiegshoffnungen am Ende fast aphatisch erduldet hatte. Genauso apathisch schlich die Mannschaft nun also wieder vom Zaun weg, in Richtung Kabine, und die Geschichte wäre genau hier zuende. Wenn nicht in Mainz zu jener Zeit ein gewisser Jürgen Klopp Trainer gewesen wäre.

Klopp muss gewusst haben, dass der Aufstieg damit im Prinzip endgültig vergeigt worden war. Platz 8, noch 5 Spieltage, 6 Punkte auf Platz 3. Er muss aber auch gespürt haben, dass in dieser seltsam passiven Partie mehr passiert war als das 20. nicht gewonnene Spiel der Saison. Also ging Jürgen Klopp an den Zaun, ließ sich vom Capo das Megaphon geben, und ich drehte den Fernseher so laut wie möglich, um über die Außenmikrophone etwas von der spontanen Ansprache mitzukriegen.

Die Rede war nicht lang, aber typisch Klopp. Ihr werdet wissen, wie das gemeint ist. Und weil sie so typisch Klopp war, hat sie auch mich sofort elektrisiert, auf 150 km Entfernung, und ich weiß auch acht Jahre später noch ziemlich genau, was er gesagt hat. Dass es ihm leid tue, dass sie es vermasselt hätten. Dass man es vielleicht nicht immer sehen könne, aber dass die Mannschaft wirklich wolle, vielleicht sogar zu sehr wolle, und deshalb nicht so könne wie sie wolle. Dass er selber auch nicht so genau wisse, wie er die Mannschaft jetzt aufrichten könne, aber dass er im Sommer die Zeit nutzen, aus dieser Saison seine Lehren ziehen werde und man es im nächten Jahr wieder besser machen wolle. Dass dies aber alles nur funktionieren könne, wenn die Fans, und zwar allen Fans, ihn und die Mannschaft hierbei wieder genauso bedingungslos unterstützen würden wie in der Vergangenheit.

Und dass er sich jetzt zwar noch ein paar Tage über die misslungene Saison ärgern würde, aber sich dann schon wieder auf eine neue, bestimmt wieder bessere Spielzeit vorbereiten werde. Dass es wohl das beste sei, was man jetzt noch machen könne: abhaken, die letzten fünf Saisonspiele versuchen, wieder zu genießen, gemeinsam Spaß zu haben, einfach wieder befreit Fußball zu spielen. Und dass sie, die Fans, das genauso halten sollten, weil er ihnen hier und heute versprechen könne, dass Mainz 05 wieder aufstehen werde. Und dass er sich schon jetzt darauf freue, mit ihnen allen zusammen ab August neu anzugreifen. Wenn sie, die Fans, denn bereit wären, es noch einmal mit dieser Mannschaft zu versuchen... Als Klopp das Megaphon zurückgab, stand der Gästeblock und jubelte, und als Klopp im Kabinengang verschwunden war, tröpfelten kurz darauf die ersten Mainzer Spieler heraus, weil nämlich der gesamte Gästeblock lautstark "wir woll'n die Mannschaft sehn" skandiert hatte.

Der Rest ist schnell erzählt: Nach der Versöhnung am Fürther Zaun spielte die Mannschaft, befreit von der Unsicherheit im Umgang mit den Fans, endlich richtig Fußball, holte in den letzten 5 Spielen 13 Punkte, schoss 13 Tore; und weil die Konkurrenz zur Abwechslung mal noch dööfer war, stand am Ende doch noch der eigentlich unmögliche Aufstieg. Ich glaube nicht, dass Jürgen Klopp diese wundersame Entwicklung auch nur für möglich hielt. Kein normal denkender Mensch hätte erwarten dürfen, dass alle Konkurrenten kollektiv noch so Punkte liegen lassen. Ich glaube, Klopp hatte wirklich nur im Sinn, die Einheit zwischen Fans und Mannschaft wieder herzustellen, seinen Kickern die Angst vor den Fans und deren Erwartungen zu nehmen. Die Belohnung für diesen Mut, diese Offenheit im Umgang mit den Fans, die Bereitschaft, sich gerade im Moment der schwersten Niederlage nicht erst mal zu verkriechen, sondern sich zu stellen und die, die er enttäuscht hatte, wieder aufzubauen... die Belohnung hierfür fiel unerwartet üppig aus. Aufstieg, Fernsehtrainer der Nation, später dann einen Arbeitsplatz vor der größten Tribüne der Welt... und außerdem hat Klopp seit diesem Tag einen zusätzlichen Fan in München, der ihm gut vier Jahre später zumindest virtuell auch nach Dortmund folgte (was mir auch deswegen leicht fiel, weil der BVB inzwischen auch zu einem bodenständigen Underdog gesundgeschrumpft war).

Ich war also seit 2008 stiller Gast hier im schwatzgelben Forum habe die ersten Threads nach der Bekanntgabe des neuen Trainers geradezu verschlungen, Euren Pessimismus, Eure Skepsis gut verstanden und doch gleichzeitig überhaupt nicht. Habe oft mit dem Gedanken gespielt, mich anzumelden, um meinen Optimismus mit Euch zu teilen, als Ihr den Petric-Tausch beklagt habt, als Ihr unendlich lange gebraucht habt, um festzustellen, dass man Valdez im richtigen System so schlimm gar nicht finden muss, als Ihr (zurecht) erschüttert wart über so viel Naivität wie in den ersten Minuten gegen Udine. Letztlich hab ich mich dann doch immer wieder zurückgehalten, vermutlich hatte ich das Gefühl, es würde mir nicht zustehen, als Neuling gleich Eure in Bielefelder Stadien und Düsseldorfer Flughafen-Nebengebäuden ehrlich erworbene Skepsis zu tadeln. So hab ich mich (aus ganz anderen, persönlichen Gründen) erst zum ungünstigst-möglichen Zeitpunkt hier angemeldet, im erfolgsfanverdächtigen Frühjahr 2011. Ein Timing, das mir bis heute echt peinlich ist. Aber wie hätte ich auch ahnen sollen, dass der BVB so dermaßen schnell wieder so unglaublich durchstarten würde? Und dass das, was Jürgen Klopp damals in und nach Fürth bewerkstelligt hat, in Sachen Fußballwunder für ihn nur eine lockere Aufwärmübung war...?

geschrieben von Matthias Ney (original verfasst am 20.03.2012 unter www.bvb-forum.de)

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