Eua Senf

Mit Reuter zwei Mal ins Glück - Auswärts in Duisburg 1995

31.01.2012, 22:30 Uhr von:  Gastautor
Mit Reuter zwei Mal ins Glück - Auswärts in Duisburg 1995

10.06.1995, ca. 21:30 Uhr. Endlich komme ich völlig fertig nach Hause zurück. Ein verrückter Fußballnachmittag in Duisburg liegt hinter mir und ich bin mir schon damals sicher: Das war ein legendäres Spiel, an das ich mich noch so manches Mal mit Freude zurück erinnern werde. Meine Eltern erwarten mich im Wohnzimmer und aus meiner Mutter bricht es sofort heraus: "Junge, ich hab dich gesehen, dat biss doch Du!"

Ich schaue auf den Fernseher und sehe ein abgestopptes VHS-Bild. Meine Mutter lässt die Bilder wieder laufen, doch ich erkenne gar nichts, außer einer unglaublich jubilierenden Menge. Fritz von Thurn und Taxis flippt am Mikrofon aus und lobt die begeisterten BVB-Fans. „Da, dat iss doch dein Arm, der da jubelt!“ Und sie zeigt auf den Bildschirm. Himmel ja, das bin ich, aber wie zum Teufel hat sie mich in der Menge so schnell ausmachen können? Mütter halt. Ich setze mich und stoße mit meinem alten Herrn mit einem Pils an. Er grinst mich an und sagt die entscheidenden Worte. „Getz werden wa auch Meister, verlass dich drauf!“.

Den Satz höre ich heute nicht zum ersten Mal und ich glaub nun auch daran. Nach so einem Sieg muss man einfach daran glauben. Vor zwei Tagen hatte mich mein Cousin Thomas angerufen. „Wolln wa ma wieder nach Duisburg? Hab Karten vom Nachbarn!“ Klar will ich – und wie! Wir treffen uns am Hauptbahnhof und steigen in die bereits knallvolle Bahn ein. Die Fahrt nach Duisburg ist gleichzeitig Horror und Spaß in einem. Selten zuvor habe ich eine Regionalbahn so überfüllt gesehen, respektive gerochen. Es war heiß, stickig und ich war schon nassgeschwitzt, bevor auch nur der erste BVB-Gesang angestimmt wurde. Selbst in den Gepäcknetzen lagen Borussen herum. Unterwegs wollte ein Schaffner kontrollieren, verzweifelte aber am Gedränge und ließ den Dingen seinen Lauf.

Endlich in Duisburg angekommen sauge ich die frische Luft in mich ein. Thomas stupst mich an, als wir auf dem Bahnsteig hinter ein paar hundert Borussen hergehen. „Komm mach doch mal!“ Ich hab keine Lust auf Diskussionen und fange mit meiner tiefen Stimme an zu brüllen, er lässt mir schließlich eh keine Ruhe, bis ich es endlich gemacht habe. „Weeeeeeeeeeeeer ist der Schreeeeeeeck vom Niederhein?“ Die Menge lässt mich nicht als Kasper des Tages in der Sonne stehen, sondern legt direkt los, so als ob nur einer mal den Mut aufbringen sollte sie zu animieren. Von diesem Moment an bis zum Stadion fangen ständig Gesänge und Anfeuerungsrufe von verschiedenen Seiten an. Die Polizei lässt uns in Ruhe durch die Wohnsiedlungen marschieren, ich habe elendig Durst aber Verkaufsstände sind weit und breit nicht zu sehen.

Vor dem Stadion herrscht gute Stimmung, die meisten Borussen gehen von einem deutlichen Sieg bei den Zebras aus. Wir gehen frühzeitig rein, um uns gute Plätze sichern zu können. Schräg rechts versetzt hinter dem Tor stellen wir uns hin. Das Stadion ist mit knapp über 30.000 Zuschauern ausverkauft. Etwa 5000 Dortmunder haben Karten für das Spiel ergattern können und lassen mit den vorwiegend neongelben Farben die Kurve erstrahlen. Thomas holt uns Bratwürste und Pils, dann werden die einlaufenden Spieler begrüßt und angefeuert. Die Pfiffe von den Duisburger Anhängern werden schnell von „Heja, Heja BVB“ Lauten übertönt.

Das Spiel beginnt pünktlich, doch es fängt gar nicht gut für den BVB an. Die Duisburger wollen ihre letzte Chance gegen den Abstieg nutzen und stürmen von Beginn an wie wild auf unser Tor zu. Bodo Schmidt und Julio Cesar haben einiges zu tun, Sammer versucht zu ordnen, aber so ganz gelingt ihm das noch nicht. Der MSV geht dementsprechend mit 1:0 durch Ferenc Schmidt in Führung. Ernüchterung im Block, die Haupttribüne der Zebras zeigt uns weniger freundliche Gesten. „Macht nix, das packen wir noch!“, muntert mich Thomas auf. Immerhin hat er seine Glücksmütze an. Doch den Glauben an die Kappe verliere ich schnell, als nach dem Pausenpfiff ein Angriff auf das Dortmunder Gehäuse zuläuft, eine Flanke auf Thomas Puschmann geschlagen wird, und der per Kopf glücklich durch die Beine von Klos per Aufsetzer zum 2:0 trifft. „SCHEIßE!“, brülle ich und schaue in den mittlerweile wolkenverhangenen Himmel.

Die Kurve ist plötzlich ganz still, die Hoffnung so gut wie weg. Stefan Klos steht am Pfosten, entgeistert ob des Rückstandes. Auch die Feldspieler gehen nur langsam wieder nach vorne an den Mittelkreis. Die Zebra-Fans auf der Haupttribüne tanzen und singen uns ein „Deutscher Meister wird nur der SVW!“ entgegen. Werder Bremen führte und uns wurde klar, das war es. Schon wieder einen Titel in Duisburg verloren – Kacke! Da plötzlich hebt ein Fan eine Plastikmeisterschale nach oben. Er hält sie mit beiden Händen fest, in einer Hand zusätzlich noch eine Plastiktröte in unseren Farben. Er trötet langgezogen ein nichts sagendes „Tröööööööt“, immer und immer wieder. Keine Ahnung, wer du damals warst, doch ich danke dir von Herzen. Du hast damals den Glauben an uns alle wiedergegeben. Denn jemand brüllt plötzlich „BOOOOORUUUUUSSSSSSIAAAAAAAAAA! BOOORUUUUUUUUSSSSSSIAAAAAA!“ Die komplette Kurve stimmt ein, Gänsehaut pur! Klos dreht sich um, schaut leicht verwirrt drein, dann hebt er den Daumen und applaudiert uns. Geben wir der Mannschaft ebenso wieder einen Funken Hoffnung?

Fast scheint es so, denn das Team greift endlich wieder an. Wir können es kaum erkennen, aber irgendwie fummelt sich der BVB in den gegnerischen Strafraum auf der anderen Platzseite. Möller wird klar gelegt und Schiedsrichter Jürgen Aust pfeift. Elfmeter für den BVB. Die Kurve jubelt – dabei ist der Ball noch gar nicht drin. Aber zum Punkt geht natürlich Susi Zorc, und der verschießt so gut wie nie. Er netzt trotz gellenden Pfeifkonzerts unhaltbar ein und holt den Ball gleich wieder aus den Maschen – wir sind wieder dran, nur eine Minute nach dem 2:0 gibt es wieder den Glauben an den Titel! Die BVB-Fans sind jetzt alle komplett aus ihrer starren Haltung erwacht, jeder brüllt sich die Kehle heiser, wäre doch gelacht, wenn wir den Ball nicht noch einmal in den Kasten brüllen könnten?

Fünf Minuten später kommt Reuter an den Ball. Ein Übersteiger, eine Seitwärtsbewegung nach innen und er zieht ab. TOOOOOOR! Ich springe Thomas in die Arme, wir werden von der Masse ein paar Stufen nach unten gedrückt, meine Stimme kippt, ich brülle so laut, dass mir Sterne vor den Augen tanzen. Das Spiel beruhigt sich etwas, die Duisburger kommen allerdings jetzt kaum noch nach vorne, die erste Halbzeit scheint sie viel Kraft gekostet zu haben. Hitzfeld reagiert, schickt Knut Reinhardt für René Tretschok auf das Feld. Ein paar mehr Flanken wären auch nicht schlecht, denken wir uns ebenso.

Kurze Zeit später kommt Reuter wieder halb rechts an den Ball. Er dribbelt, er beginnt den gleichen Lauf anzusetzen wie vor dem 2:2. „Er macht es wieder!“, sagt hinter mir jemand. Und er hat Recht. Reuter setzt erneut zum Übersteiger an, zieht innen vorbei und haut den Ball auf das Tor. Ich sehe den Ball fliegen, sehe wie sich hinter Torwart Gehrke das Netz aufbäumt. Dann kommt aus 5.000 Kehlen einer der längsten „JAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA!“ Jubel, den ich bis dato hören sollte. Ich drehe mich zu Thomas um, will ihm erneut begeistert in die Arme springen. Doch der hat nichts Besseres zu tun, als eine Kodak-Einwegkamera hochzureißen und mich zu fotografieren. Damit hatte ich nicht gerechnet und so entstand dieser Schnappschuss, den ich auch heute noch liebe. Ein Augenblick für die Ewigkeit, zumindest in meinem Leben.

Endlich können wir es den Zebra-Fans heimzahlen. „Ihr könnt nach Meppen fahrn!“ und natürlich das obligatorische „Absteiger!, Absteiger!“brüllen wir aus heiseren Kehlen in Richtung Haupttribüne. Die Duisburger verlassen fünf Minuten vor dem Ende bereits das Wedaustadion, wir dagegen lassen Fahnen wehen, Schals kreisen und feiern das Team begeistert. Nur allmählich lösen sich die Spieler von den Fans, auch die scheinen den einzigartigen Moment auskosten zu wollen. Wir gehen aus dem Stadion, ich bin regelrecht benebelt von der ausgelösten Jubelfeier, kann unser Glück kaum fassen, dass wir es nun doch noch packen können. Mehrere Borussen nehmen mich draußen in den Arm, fast ist es so, als ob wir es schon geschafft hätten. Dabei wurde der Titel erst eine Woche später klar gemacht. Freudentränen sollten erst eine Woche später folgen, doch der Glaube an den Titel, der entstand in dieser zweiten Halbzeit. Wann immer der BVB heute hinten liegt, denke ich auch an dieses Match. Danke an das Team von damals, ihr habt mir und vielen anderen Borussen einen unvergesslichen Tag beschert.

geschrieben von Markus G.

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