Warmlaufen

Throtmanni vs. Schwanzvergleich '75 - Bitte Zahlen, walter09!

04.11.2011, 17:58 Uhr von:  Redaktion

Throtmanni oder "Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben". SEAT oder VW. Brinkhoff‘s oder Krombacher. Voltaren oder Mobilat. HANNspree oder Panasonic. Biene oder Wolf. 13,3 Mrd. Euro Umsatz (Evonik Industries) gegen 57 Mrd. Euro (VW AG). Bei Hankook wäre es sicherlich interessant nachzufragen, wer denn nun am Samstag gewinnen soll. Der Reifenhersteller buttert in beide Vereine. Gleiches gilt für Coca Cola und Langnese. Anreisen wird die Mannschaft von Felix Magath standesgemäß im MAN-Bus, wie auch Klopps Team. Wie mittlerweile jedes zweite Bundesligateam das an des Meisters Tempel „andockt“. Je mehr Sponsoren ich zu Tage fördere, desto mehr hasse ich diese Art von „Schwanzvergleich“.

Deftiges Wort, aber da in dieser Woche der „Tag des Mannes“ war und ich noch ein bisschen nachfeiere, darf ich auch mal deutlicher werden. In der Zahlemann & Söhne-Statistik des DFB für Fanvergehen, lag der kommende Gast letzte Saison völlig überraschend 500 Euro vor dem amtierenden Meister. Komischerweise fehlt dieser „Erfolg“ bei den Wölfen im Wikipedia-Artikel. Statistisch ausgewertet, deutet dieser Fakt auf ein deutliches 5:0 der heimischen Borussia hin. Aber genug der Frotzeleien. Versuchen wir den von vielen Fans als inakzeptablen Retortenclub betitelten Verein mal ein wenig sportgeschichtlich zu durchleuchten, um als freundlicher Gastgeber zumindest ein wenig Fairness in die Darstellung des (hoffentlich) kommenden Punktelieferanten zu bringen. Dazu habe ich folgendes Ereignis exemplarisch auserwählt:

Es ist der sechzehnte Mai im Jahre des Herrn 1975. Freitagabend, neunzehnhundert. Der Schreiber dieser Zeilen hat zu Saisonbeginn seine „Quark im Schaufenster-Tätigkeit“ um ein weiteres Jahr verlängert. „Erst wenn der BVB wieder erstklassig ist, setze ich einen Fuß auf den Erdenball“, so mein damaliger Schwur. Gott war mein Zeuge. Sportlich sah es für alle Dortmunder an diesem Tag ziemlich rosig aus. Aufstiegshoffnungen keimten, die ersten Knospen waren bereits zu sehen. Der Ballsportverein von 1909 rangierte nach 34 von 38 Spieltagen im ersten Jahr der neugegründeten 2. Bundesliga Nord auf Platz drei - nur einen Punkt hinter Bayer Uerdingen, das den Relegations-/Aufstiegssplatz besetzt hielt. Vier Runden vor Schluss ging es im Wiederholungsspiel des 29. Spieltags um fast Alles. Es war das dritte Jahr im unteren Oberhaus für die Männer vom Borsigplatz, um die damalige Zweitklassigkeit schöner zu umschreiben. Der Gast aus Wolfsburg, damals eher Untergiesing als eine große Nummer, kämpfte um das sportliche Überleben. Die glorreichen Zeiten, die der BVB in den 50er und 60er Jahren hatte, gab es bei den 1946 als „Verein für Leibesübungen Volkswagenwerk“ gegründeten Grün-Weißen – trotz des seit 1952 amtierenden Hauptsponsors Volkswagen - nie. Gründungsmitglied der 2. Bundesliga (Nord) war bis dato das höchste der Wolfsburger (Erfolgs-)Gefühle. Obwohl man sich in den 50er-Jahren nach dem Aufstieg 1954 in die höchste Spielklasse seiner Zeit, der Oberliga (Staffel Nord), immerhin fünf Jahre hielt. Zwar nie unter den ersten Zehn, aber man spielte damals u.a. gegen den alles beherrschenden Hamburger SV, der von 1948-63 schlappe 15 von 16 Oberliga-Nord-Spielzeiten als Meister abschloss.

Die Borussia hingegen brauchte an jenem Freitagabend einen Sieg, um mit Uerdingen gleichzuziehen. Zur Pause hatte es, dank Hans-Gerd Schildts Treffer, den schwatzgelben Sturm auf Platz zwei in der Tabelle gegeben. 25000 Zuschauer wohnten dem richtungsweisenden Kick bei. Damit lag der Zuschauerkrösus der Saison 1974/75 knapp unter dem Saisonschnitt von über 25000 Zuschauern. In der zweiten Halbzeit schnürte der ehemalige deutsche Meister Wolf-Rüdiger Krause (1967 mit Eintracht Braunschweig) einen Doppelpack für die Wölfe und da Hans-Werner Hartl nur noch ausgleichen konnte, reichte das 2:2 nicht für den zweiten Platz in der Tabelle. Wie im Hinspiel (0:0) musste man sich die Punkte teilen. Danach ging beim Europapokalsieger von 1966 nix mehr. Gegen die zweistellig-platzierten SW Essen und 1. FC Mülheim wurde verloren und auch die allerletzte Chance am vorletzten Spieltag wurde vergeigt. Vor „nur“ 15000 Zuschauern trennte man sich 1:1 gegen Uerdingen, trotz 1:0-Führung durch Lothar Huber. Die Niederlage am letzten Spieltag bei Wacker 04 Berlin war dann auch egal. Als Sechster ging es in die Sommerpause und man bekam als Belohnung ein weiteres Jahr Unterhaus aufgebrummt. Wolfsburg stieg ab, ein schwacher Trost. Uerdingen hingegen setzte sich gegen Pirmasens in den Aufstiegsspielen durch, stieg auf und verschwand ein Jahr später sang und klanglos wieder von der Bundesliga-Bildfläche.

Der erste Auftritt des VfL Wolfsburg in einem offiziellen Meisterschaftsspiel im Westfalenstadion blieb also ein folgenreicher. 26 Jahre später, darunter 16 Jahre in der Oberliga-Nord, ist der kommende Gegner immer noch - trotz der Meisterschaft von 2009 - ein ziemlich erfolgloser Verein. Trotz des starken finanziellen Backgrounds. Die Werkself-Kollegen aus der Chemiestadt am Niederrhein haben zumindest zwei Titel (DFB-Pokal und Europapokal) auf dem Konto. Die Werkself, ein Verlustgeschäft? Zurück zum eigentlichen Thema: Statistisch auffällig ist die Tatsache, dass jedesmal wenn die Borussia gegen den VfL in der ersten Bundesliga zu Hause Punkte liegen ließ, war es für den BVB meist ein mieses oder zumindest unbefriedigendes Pokaljahr. National wie international wurde sich entweder blamiert, oder man scheiterte knapp.

2002/03, 31. Spieltag: 2:2

Drei Monate später das Aus gegen Brügge in der CL-Qualifikation.

2004/05, 1. Spieltag: 1:2

Zwei Wochen vorher die Genk-Blamage im UEFA-Intertoto-Cup. 1:0 in Belgien, 1:2 im Tempel. Beide belgischen Tore schoss das heutige Pony, Igor de Camargo. Die Folgen dieser Saison sind noch immer spürbar.

2007/08, 34. Spieltag: 2:4

Finalniederlage im DFB-Pokal gegen die Bayern einen Monat zuvor. Danach:*

2008/09, 15. Spieltag: 0:0

*Aus gegen Udinese Calcio in der 1. Runde des UEFA-Cups im Elfmeterschießen.

Am Ende der Saison stand ein undankbarer 6. Platz dank des Skandal-Ausgleichtors des HSV am letzten Spieltag und damit keine Europapokal-Teilnahme.

2009/10, 33. Spieltag: 1:1

Pokal-Aus in der dritten Runde gegen den VfL Osnabrück.

In diesen fünf Spielzeiten wurden übrigens viermal der FC Bayern und einmal die Wolfsburger Deutscher Meister.

Düsteres Fazit: Wenn wir gegen Wolfsburg Federn lassen sollten, dann gute Nacht Europa und Pokal!

Komisches Fazit: Wäre der BVB 1975 schon aufgestiegen, hätte mein Schwur funktioniert. So musste ich den BVB 1976 zum Aufstieg brüllen.

Heiteres Fazit: Wenn wir gewinnen, ist alles supergut!

Nach der Niederlage der Aufstiegsverhinderer von 1975, kann man sich als Borusse auf die nächste Revanche freuen: Am 15.11. geht es in der Grotenburg-Kampfbahn gegen den Bayer-Nachfolger, KFC Uerdingen. Für mich ist das, seit heute, mehr als nur ein Freundschaftsspiel.

Heja BVB!

walter09, 04.11.2011

Ein weiterer Vorbericht!

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