Warmlaufen

Und wieder an der Landluft

12.08.2011, 19:09 Uhr von:  Redaktion

Scheiß HoppWorüber soll man noch groß schreiben? Seit 2008 konnte man sich eigentlich immer gut an diesem Kunstprodukt (neudeutsch: Projekt) abarbeiten. Dank des Mäzen Dietmar Hopp müssen wir uns nun schon im dritten Jahr mit der Emotionswüste TSG Hoffenheim herumschlagen. Das einzig Ehrliche an dem hopp'schen Spielzeug ist, dass man mittlerweile gar nicht mehr versucht, sympathisch zu sein. Verein und Sonnenkönig verstecken sich hinter dem Schutz der DFB-Granden, wenn man mal wieder persönlich angegangen wird. Auf sachliche Kritik braucht man dann ja gar nicht mehr antworten, da man sich darauf beruft, sowieso nur beschimpft zu werden.

Auf sportlicher Ebene hat man sich dem Rest der Liga angepasst, denn aller Beteuerungen zum Trotz hat man keine revolutionären neue Wege beschritten. Rangnick wurde gegangen, Stanislawski von St. Pauli wegverpflichtet, ein Innovatives Spielsystem sucht man vergebens und die zahlreichen Talente aus der Region lassen sich an einer Hand abzählen. Nicht allzu viel ist also über geblieben von den großspurigen Konzepten und Innovationen.

Für Freunde des eingetragenen Vereins lohnt sich hingegen ein Blick in die Satzung. Was dort ab Paragraph zwei geboten wird, lässt einen erschaudern. Hoffenheim ist neben 1860 München und dem Leipziger Werbevereine ein weiteres Beispiel, wie bedroht die 50+1 Regel ist und wie nah der deutsche Fußball an englischen, spanischen oder französischen Verhältnissen tanzt. Dazu gesellt sich ein Ordnungsdienst, der seiner Aufgabe penibler und ätzender nachkommt als in vielen anderen Stadien. Legitime Forderungen wie die Legalisierung der Pyrotechnik werden da dann als störendes Element identifiziert und man forderte doch tatsächlich, dass die T-Shirts der Kampagne links herum zu tragen seien. Sinnlos? Hoffenheim!

Über das zuschauende Landvolk in Hoffenheim braucht man nicht mehr allzu viel sagen, bei seiner Saisonvorschau hat der Tagesspiegel die dortige Stimmung schön zusammengefasst:

Das aus Vereinssicht Schöne an den Hoffenheimer Fans ist, dass sie sich am Event an sich erfreuen und Pfiffe weitgehend für die Gegnerschaft reservieren. Auch bei der Frauenfußball-WM war die Rhein-Neckar-Arena immer bestens gefühlt. Hoffenheim hat sich zuletzt ein vom sportlichen Erfolg weitgehend unabhängiges Event-Publikum herangezogen. Doch der nur überschaubar ausgeprägte Identifikationsfaktor mit dem Klub könnte gefährlich werden, wenn die Leute irgendwann mal übersättigt sind vom Produkt Fußball.

In Dortmund droht hingegen schon eine Übersättigung am Erfolg. Dafür blieb das letzte Auswärtsspiel in Hoffenheim in bitterer Erinnerung. War man es sonst gewohnt, die Freiluft-Disco in Sinsheim zu dominieren, war die Stimmung in der vergangenen Saison hundsmiserabel. So kam man in den zweifelhaften Genuss tatsächlich hin und wieder Mike Diehl, den Fanbetreuer, Stadionsprecher und ehemaliger Eintracht-Fan in Personalunion zu hören. Das sollte sich nicht wiederholen und hierbei sind Mannschaft aber vor allem Fans gefragt. Es ist elementar wichtig, den Sieg gegen einen völlig durchmischten und neu zusammengestellten HSV richtig einzuordnen. Sicherlich hat man auf eindrucksvolle Weise den Hamburger Sportverein 60 Minuten lang an die Wand gespielt, aber dass die Saison nun ein Selbstläufer wird, kann und sollten wir deshalb noch lange nicht erwarten.

Nichts und Niemand kann Tradition ersetzen! Wir werden unsere Proteste ewig fortsetzen!Sportliches

Mittlerweile ist in der ganzen Republik bekannt, dass unsere Schwarzgelben eine der besseren Mannschaften bilden und dementsprechen agieren unsere Gegner. In beiden Spielen der vergangenen Saison haben die Hoffenheimer mit einer Portion aus Glück und Cleverness unsere Mannschaft nahezu in die Verzweiflung getrieben. Konnte im Heimspiel Da Silva noch in letzter Minute eine Niederlage abwenden, ging das Rückspiel auf den Kraichgauer Feldern dann uninspiriert verloren. Das sollte sich nach Möglichkeit nicht wiederholen.

Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Im Gegensatz zu Borussia sind die Hoffenheimer mit einer eher enttäuschenden Leistung in die Saison gestartet und stellten sich dazu noch in Hannover reichlich dämlich an. Ob Stanislawski auch in der badischen Provinz funktioniert, ist dabei noch nicht ausgemacht. Generell kam schon letzte Saison nach dem Derbysieg seiner Kiezkicker nicht mehr viel und welchen Anteil er nun an dem Abstieg hatte, ist sicherlich etwas untergegangen. Übrig bleibt, dass er den FC St. Pauli aus der dritten in die erste Liga geführt hat, ob er diesen Erfolg nachhaltig hätte konservieren können, bleibt nun reine Spekulation.

Fest steht hingegen, dass Vedad Ibisevic ausfallen wird. Der Bosiner wird den Kraichgauern rund acht Wochen fehlen, eventuell muss Dietmar Hopp nun doch wieder die Schatulle öffnen, um ein weiteres regionales Talent aus Afrika zu verpflichten. Bis Samstag wird es aber auf jeden Fall nicht reichen. Sicher ausfallen werden zusätzlich Tobias Weis und Boris Vukcevic. Der Einsatz von Matthias Jaissle, Andreas Ibertsberger und Gylfi Sigurdsson ist fraglich. Dennoch ist die Dorfmannschaft immer noch sehr gut besetzt.

Im Tor wurde das junge Talent Timo Hildebrand von dem noch jüngeren Talent Tom Starke ersetzt. Davor besteht die obligatorische Viererkette aus Andreas Beck, Isaac Vorsah, Marvin Compper und Edson Braafheid. Wenn man sich die Vita der genannten Spieler durchliest, sollte jedem klar sein, dass das Projekt wohl gescheitert ist. Die Spieler wurden in ihren letzten Jugendjahren abgeworben, aus Holland über Bayern München nach Hoffenheim geholt oder sind eben doch garnicht mehr so jung.

Scheiß HoppDavor bilden Sebastian Rudy und Sejad Salihovic die Doppel-sechs. Sebastian Rudy ist ein weiterer Spieler, der in einem seiner letzten Jugendjahre vom VfB Stuttgart ins Kraichgau gewechselt ist. Davor spielen Chinedu Obasi, Ryan Babel und Fabian Johnson. Alleine Obasi und Babel kosteten zusammen rund 13 Millionen Euro, dagegen war der von Wolfsburg verpflichtet Johnson noch ein Schnäppchen. Die einzige echte Spitze ist dann Peniel Mlapa, für Schlappe 1,3 Millionen Euro von 1860 München gekauft. Insgesamt ist die Hoffenheimer Mannschaft immer noch sehr stark besetzt für einen Dorfverein. Obwohl der Mäzen und faktische Alleinherrscher sich selbst Zurückhaltung auferlegt hat, hat die Mannschaft durchaus überdurchschnittliches Potential. Trotzdem war man zuletzt eher minder erfolgreich. Vielleicht liegt es daran, dass zu einer Mannschaft eben mehr gehört als eine Ansammlung überdurchschnittlich talentierter Spieler.

Die Dortmunder Erfolgself konnte mittlerweile nahezu jeder im Schlaf aufzählen. Doch nun hat sich aber die Verletzungsseuche breit gemacht. Im Tor spielt weiterhin Roman Weidenfeller. Die Abwehrreihe muss zur Zeit aber einige Veränderungen verkraften. Durch den Ausfall von Subotic kann Santana weiterhin beweisen, dass er zum Team gehört und nah an der ersten Mannschaft dran ist. Neben ihm verteidigt wie gewohnt Hummels. Auf rechts ist Piszczek gesetzt, da Owomoyela und Julian Koch weiterhin verletzt sind. Auf links wird es ein Rennen gegen die Zeit, sollte Marcel Schmelzer nicht rechtzeitig fit werden, kann sich die Neuerwerbung Chris Löwe weiter beweisen. Der junge Chemnitzer macht seine Sache seit der Verletzung von Schmelzer mehr als ordentlich. Insofern sollte da niemanden Bange sein.

Beim Dreikampf um zwei Planstellen im defensiven Mittelfeld haben zur Zeit Sven Bender und Ilkay Gündogan die Nase vorne. Gerade Gündogan hat sich nach Startschwierigkeiten gemausert und lässt noch einiges erwarten. Mit Sebastian Kehl hat Klopp noch eine weitere nicht ganz unbekannte Option auf der Bank. Im Mittelfeld führt nach ihren Gala-Auftritten im Moment kein Weg an Kevin Großkreutz und Mario Götze vorbei. Allen Kritikern, die nach der Verpflichtung von Ivan Perisic Großkreutz Ende eingeleutet sehen haben wollten, hat der Dortmunder Jung zwei Dinger eingeschenkt. Dazu kommt mit Kagawa ein weiterer Edeltechniker, der mit Götze wunderbar harmoniert.

Im Sturm ersetzt Robert Lewandowski den verletzten Lucas Barrios. Dieser hat gegen Hamburg zwar kein Tor erzielt, aber trotzdem eine ganz starke Leistung gezeigt. Wenn Lucas Barrios wieder genesen ist, wird er es schwer haben, sich zurück in die Startelf zu schieben, wenn der Pole so weitermacht.

Sonstiges

Hoffenheim hat für die Gästefans das St. Pauli Konzept eingeführt, d.h. es ist grundsätzlich erst einmal alles erlaubt. Ausnahmen sind natürlich beleidigende und diskriminierende Sachen, genauso ist Pyrotechnik nicht erlaubt und alles was der Stadionordnung widerspricht. Zusätzlich ist das Mitführen jeglicher Getränke und Speisen untersagt. In Anbetracht der Öde rund um das Stadion, garantiert dies natürlich Absatz innerhalb des Stadions.

Zusätzlich soll hier nocheinmal erwähnt werden, dass die Desperados dazu aufrufen, sich an dem Pyrotechnikverzicht für die ersten drei Spieltage zu beteiligen. Wer es also ernst meint mit diesem Anliegen, sollte diesem Aufruf folgen.

Stadion: Hat mittlerweile auch einen (wirklich!) unaussprechlichen Sponsorennamen. Ansonsten hat es knapp über 30000 Plätze. Davon stehen rund 2500 Plätze für Fans zu Verfügung, der Rest ist für das Eventvolk gedacht.

Regionales: Auto & Technik Museum ist in direkter Umgebung - ansonsten viel Land, wenig Menschen und noch weniger Unterhaltung. Aber Heidelberg ist auch ganz nett.

Parken: In Hoffenheim stehen ausreichend Parkplätze zur Verfügung, nur das runterkommen nach dem Spiel kann sich ziehen. Dafür hat man gute Chancen eine blauweiße Bundespolizei-Elefanten-Parade zwischendurch geboten zu bekommen. Bei Feierabend geht es halt mit Blaulicht durch den Stau.

Wetter: Fragt Kachelmann oder Alice Schwarzer.

mrg, 12.08.2011

Einen weiteren Vorbericht findet ihr hier.

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