Unsa Senf

Danke

07.03.2011, 11:09 Uhr von:  Sascha
Danke

Gegen Köln gab es mal wieder, wie so oft in dieser Saison, diese magischen Momente: Millimetergenaue Außenristpässe auf die Außenbahnen, Ballverlängerungen mit der Hacke, die konzentrierte Balleroberung und das blitzschnelle Umschalten auf die Offensive bei dem kein Gegner mitkommt. Wir werden verwöhnt. Fußball in seiner ganzen Schönheit, fast im Wochenrhythmus. Und doch, während einem der vielen wunderbar vorgetragenen Angriffe sah ich auf einmal ein ganz anderes Bild vor Augen. Ein Giovanni Federico, der mit hängenden Schultern vom Platz schleicht, weil er noch vor der Halbzeitpause ausgewechselt wird.

Die Szene gab es am 25.09.2007. Im Heimspiel gegen den HSV. Stellvertretend für die gesamte Mannschaft gab es ein schallende Ohrfeige für den Dortmunder Offensivspieler. Nicht weil er besonders schlecht war. Die komplette Mannschaft ging zu Hause nach einer völlig indiskutablen Leistung mit 0:3 gegen Hamburg unter. Federico war nur einer von elf Spielern, die eine bundesligaunwürdige Leistung ablieferten. Eines der wenigen Spiele, an die ich mich aus dieser Saison noch erinnern kann. Ansonsten vielleicht noch der 2:1 Sieg in Unterzahl gegen Bochum. Ein glücklicher Sieg, der an sich mit Fußball auch nur am Rande zu tun hatte. Was für eine Saison. Ständig wechselnde Abwehrformationen, Spieler auf Positionen, die nur dort standen, weil sie „das auch können" - auch wenn sie eigentlich für eine andere geholt worden sind. Eine Mannschaft, die sich als taktischer Verbund auf dem Platz wie der vielzitierte Hühnerhaufen bewegte. Fußball zum Weglaufen, zum Abgewöhnen.

Und für mich vielleicht die schlimmste Saison bisher. Natürlich, die Zeit davor war alles andere als leicht. Die Angst um die grundlegende Existenz des Vereins ist mit Sicherheit eine der schlimmsten Erfahrungen, die man als Fußballfan mitmachen kann. Aber Existenzangst ist eine, wenn auch äußerst negative, dafür aber echte, Emotion. Die Saison 2007/2008 war aber für mich persönlich eigentlich viel schlimmer, weil sie von großer Teilnahmslosigkeit gekennzeichnet war. Egal ob Sieg oder Niederlage, nach dem Spiel die gleichen grauen Gesichter auf den Rückwegen vom Stadion. Selbst nach Siegen kaum ein Lachen, dafür aber auch nach Niederlagen kaum wirklicher Frust. Es war einfach so. Egal wie das Endergebnis auch war, die 90 Minuten davor verliefen immer ähnlich übel. Auch an mir selbst habe ich das wahrgenommen. Vorbei die Zeiten des Hochgefühls nach einem Sieg und wo ich mich früher nach Niederlagen so maßlos geärgert hatte, dass man zwei oder drei Stunden keine Lust auf Gespräche hatte, wurde es schnell und geschäftsmäßig abgelegt. War eben so. Spieltag ging in Spieltag über und im Nachhinein verwischt diese komplette Bundesligasaison zu einem einzigen Wust an Belanglosigkeit, fußballerischer Armut und Passivität. Unterbrochen nur, und das darf man auch nicht unter den Tisch fallen lassen, von bunten Farbtupfern im DFB-Pokal. Die Frage aus Molsiris-Zeiten „was machst du nur am Samstag, wenn der BVB nicht mehr spielt?" verlor zu einem Teil ihren Schrecken und machte einem Freitag-Nachmittags-Gefühl „Morgen musste wieder hin" Platz. Man ging zum Fußball, weil man eben eine Dauerkarte hatte. Und warum hatte man eine Dauerkarte? Weil man vor der Saison doch erhofft hatte, dass es irgendwie wieder aufwärts geht. Aber schon nachdem uns die Blauen am zweiten Spieltag im Derby locker abgefrühstückt haben und man einen grotesk jubelnden Nelson Valdez ob eines völlig belanglosen Treffers zum 1:3 bestaunen konnte, war ziemlich klar wohin die Reise gehen sollte. Im Pokal nach Berlin und in der Liga in den nackten Kampf um den Klassenerhalt. Kann natürlich auch seinen Reiz haben. Der verliert sich aber ziemlich schnell, wenn man feststellt, dass die Truppe auf dem Platz nicht nur bar jeder spielerischen Qualität ist, sondern auch den kämpferischen Aspekt auf einem sehr überschaubaren Level hält.

Und jetzt, in der Saison 2010/2011, scheinen diese drei Jahre in Wirklichkeit Lichtjahre entfernt zu liegen. Eng verwoben mit der Einstellung von Jürgen Klopp als Trainer änderte sich das Bild, das Borussia Dortmund abgab, auf radikale Art und Weise. Aufbauend auf eine kampf-, laufstarke und leidenschaftliche Spielweise, die diese quälende Lethargie in allen Köpfen vertrieb, entwickelte sich eine wunderbar anzusehende Spielkultur. Und eine Mannschaft, die gleich reihenweise mit altbekannten Stammtischweisheiten aufräumt. Zum Beispiel mit der, dass eine Mannschaft auch altgediente Leitwölfe braucht, an denen sich die jungen Spieler aufrichten können. Seit zwanzig Jahren haben wahre Heerscharen von Leitwölfen in schwarz und gelb versucht, in München zu gewinnen. Geschafft hat es letztendlich die jüngste Mannschaft, die der BVB jemals ins Bundesligarennen geschickt hat. Und mit der Einstellung, dass eine sattelfeste Defensive fast zwangsläufig ein eher unattraktives Offensivspiel nach sich zieht – und dass im umgekehrten Fall toller Offensivfußball zu Lasten der Abwehrarbeit geht. Und natürlich auch der, dass man unbedingt die bekannte Dreckssau im Team braucht, die intern draufhaut und auf dem Platz auch mal gesundheitsgefährdend hinlangt. Und dass eine überlegene Spielweise anhand von Ballbesitzstatistiken ablesbar ist. Und, und, und. Wochenende für Wochenende zeigen unsere Borussen ihre eigene Definition von Fußball und hauen sie der Konkurrenz gnadenlos ins Gesicht. Vorbei die Zeiten, in denen man bei eigenem Ballbesitz hilflos von der Tribüne aus mit ansehen musste, wie in einem völlig statischen Konstrukt der ballführende Spieler die ärmste Sau auf dem Platz war und man Fans von Zweitligavereinen fast beneidete, weil sie zumindest ab und an so etwas Banales wie einen gelungenen Doppelpass bewundern durften.

Es waren fantastische drei Jahre bis hierher. Danke dafür, dass wir eine tolle Entwicklung miterleben durften, hin zu einer Mannschaft, die die Liga dominiert und eine Spielkultur pflegt, die in Deutschland derzeit unerreicht ist. Wir erleben gerade eine legendäre Saison, von der wir noch in vielen Jahren sprechen werden. Die Saison ist einzigartig und vermutlich werden wir nicht noch einmal miterleben, wie eine BVB-Elf mit einer Dominanz, die man ansonsten nur dem FC Bayern in Hochzeiten zutrauen würde, über die Liga hinweg fegt. Diese Mannschaft hat sich schon jetzt, 9 Spieltage vor Saisonende, ihren ganz großen Platz in der Geschichte von Boussia Dortmund gesichert. Die Meisterschale ist da weniger das Ziel aller Wünsche, als eher die verdiente Krönung für eine ganz und gar außergewöhnliche Leistung.

Für mich persönlich jedoch gilt der größte Dank dafür, dass die Leidenschaft für den Fußball und für Borussia wieder hell lodert. Dass man sich wieder am Spiel erfreuen und begeistert mitgehen kann. Ja, sogar dafür, dass man sich auch immer noch ein Stück weit ärgert, weil man im Derby und gegen Stuttgart trotz drückender Überlegenheit noch Punkte liegen lässt. Ärgern auf hohen Niveau zwar, aber dennoch um Klassen besser, intensiver und schöner als die Scheißegal-Stimmung von damals. Dafür, dass man nicht mehr das Ende der Saison und eine Unterbrechung der Leidenszeit herbei sehnt, sondern fast schon etwas wehmütig auf den letzten Spieltag blickt, weil er eine Zäsur einer rundherum geilen Zeit bedeutet. Danke an alle Beteiligten, dass sie uns etwas verdammt Kostbares wieder zurück gegeben haben. Danke.

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