Stimmungsbericht

Ein Rückblick auf einen der schönsten Samstage Dortmund - Norderney - Dortmund

04.05.2011, 22:21 Uhr von:  Redaktion

"Was?" "Höre ich richtig?" "Wieso bist Du am Samstag auf Norderney?" „Wieso bist Du denn nicht im Stadion, wenn wir gegen Nürnberg spielen?"

Berechtigte Fragen, die ich in den vergangenen Wochen mehrfach beantworten durfte! Und ich musste immer die gleiche monotone Antwort herunterleiern: "Ja, ich bin leider am Samstag noch auf Norderney, aber ich hoffe, daß ich es bis zum Anpfiff ins Stadion schaffe!"

Ich versuche mal eine Erklärung für diese ungünstige Terminkollision zu geben und drehe die Uhr zurück: Zwei Freunde (Anhänger eines Vorortclubs, 30 km westlich von Dortmund – sonst aber charakterlich einwandfrei!) und ich hatten diesen verlängerten Wochenendtrip bereits Anfang Februar gebucht. Zu einer Zeit, als Borussia schon Tabellenführer war, aber ich hatte – wie wahrscheinlich viele von uns - immer diese unschönen Gedanken im Hinterkopf: „Wer weiß was bis dahin noch alles passiert? ... die Bayern werden noch aufholen ... Vizekusen ist auch noch im Geschäft" ... usw. usw.. Aber was ist geschehen? Drei Spieltage vor Schluss ist unsere Borussia immer noch Tabellenführer und kann – bei einem Sieg gegen Nürnberg und wenn es bei Köln gegen Leverkusen gut läuft - am Samstag Deutscher Meister werden! Damit wäre hiermit schon mal der eindeutige Nachteil einer zu frühen Reisebuchung erklärt, aber wer konnte das schon Anfang Februar ahnen?

Auf jeden Fall verbringt man seine Zeit auf der schönen Nordseeinsel bei Top-Wetter fast nur mit schwarzgelben Gedanken: "Gewinnen wir gegen Nürnberg?" Immerhin wollen die auch noch in die Europa League! "Was macht Köln zu Hause gegen Leverkusen?" Überhaupt Köln – irgendwie eine launische Truppe, die nicht gerade meine Lieblingsmannschaft ist. Man ist skeptisch bei Kommentaren der beiden Reisebegleiter wie „...ach, Ihr schafft das schon am Samstag...". Immerhin sind die beiden ja Fans dieses Vorortclubs, der seit 53 Jahren meisterlich vollkommen abstinent lebt. Also Vorsicht! Die wollen mich bestimmt nur einseifen! In der am Freitagnachmittag mehr oder weniger zufällig gefundenen Stammkneipe des BVB Fanclubs Norderney herrscht Optimismus pur! Trotz des Überraschungssieges unserer Eishockeyjungs gegen Russland vor wenigen Minuten gibt es am Tresen nur ein Thema: „Morgen wird das Ding klar gemacht! Morgen heißt der neue Deutsche Meister Borussia Dortmund!" Ich fühle mich wie in einer Kreuzviertelkneipe! Der Wirt erklärt mir, welche Spiele er in dieser Saison im Westfalenstadion gesehen hat und wie viele Mitglieder der Club mittlerweile schon hat. Der Anblick meiner aus dem Portemonnaie gezogenen Jahreskarte erzeugt umgehende Bewunderung bei sämtlichen Gästen. Und schon kommen sie wieder, diese wunderbaren Fragen: „Was machst Du dann hier auf Norderney?" „Bist Du denn morgen nicht im Stadion?" Aber natürlich will ich morgen ins Stadion und nach kurzer Überlegung empfiehlt der Wirt die Fähre um 10:15 zu nehmen. Noch ein letztes Bier und beim Rausgehen entdecke ich noch einen kleinen Korb mit Einwegfeuerzeugen, bedruckt mit "BVB Fan–Club Kö-pi Norderney", 1 € pro Stück. Ich lege einen 5 €-Schein auf den Tresen und bin ab sofort stolzer Besitzer von fünf BVB-Norderney-Feuerzeugen! Und das als Nichtraucher – aber wer weiß, wozu die noch mal gut sind!

Am restlichen Freitagabend dann nichts Besonderes mehr. Ein kleiner Lokalbummel, aber die Gedanken sind beim BVB. Und dann ist er endlich da, der Samstagmorgen! Nach Frühstück und Check out geht es zu Fuß an der Promenade entlang zur Fähre nach Norddeich! Und am Kai liegt sogar schon eine andere abfahrbereite Fähre! Der Gedanke ist klar: "Wenn wir die noch schaffen, sind wir mindestens eine Stunde eher zu Hause!" Und es sieht gut aus, aber dann der verhängnisvolle Satz des Kartenkontrolleurs: „Sie müssen noch die Kurtaxe am Schalter da nebenan bezahlen!" Sch...-Bürokratie! Nachdem wir die Kurtaxe nebenan beglichen haben, hat die Fähre zwischenzeitlich abgelegt! Ich überlege kurz, ob der Kartenkontrolleur eventuell Sch...e-Fan ist, verwerfe den Gedanken aber wieder. Also zurück in den Warteraum, dann nehmen wir eben die ursprünglich geplante 10:15-Fähre. Endlich in Norddeich angekommen, steigen wir in den Wagen und ab geht's auf die Autobahn. Alles was beim Autofahren nerven kann, kommt allerdings gerade heute zusammen: Beginnender Osterferien-Rückreiseverkehr, notorische Linksfahrer, sowie LKW's die sich auf beiden Autobahnspuren packende Kopf an Kopf-Rennen liefern. Es wird knapp mit der Zeit, die Aussichten pünktlich zum Anpfiff im Stadion zu sein, werden von Minute zu Minute kleiner. Nach kurzem Zwischenstopp in Münster, wo sich der erste verabschiedet, dann Weiterfahrt Richtung Bochum Innenstadt, um den nächsten Norderney-Touristen zu Hause abzusetzen. Mittlerweile ist es 15:00, ich finde mich damit ab, den Anpfiff zu versäumen. Dann das absolute Horrorszenario: Mitten auf der Castroper Straße in Bochum, Blaulicht und Hunderte von Leuten mit Transparenten! Muss denn ausgerechnet heute genau an dieser Stelle gegen oder für irgendwas demonstriert werden? Der blauweisse Kollege zeigt Verständnis, steigt aus und erledigt seinen restlichen Heimweg zu Fuss! Die B1 Richtung Dortmund erreiche ich dann endlich über Umwege durch verkehrsberuhigte Wohnviertel und Kreisverkehre, mein sekündlich anwachsender Zorn auf Ordnungsämter und Verkehrsplaner lässt sich nicht mehr leugnen! Es ist jetzt 15:30, Anstoß, Dortmund ist noch rd. 20 km entfernt, im Stadion spielt sich eine der wichtigsten Partien der Saison ab und ich muss als einer der einsamsten Borussen der Welt, Sabine Töpperwien im Radio zuhören! Es mag im Fußball Schlimmeres geben, aber spontan fällt mir kein Beispiel ein! Und was erzählt Sabine da?

„...die Nürnberger machen Druck – der BVB kommt nicht so richtig ins Spiel – und schon wieder die Nürnberger im Dortmunder Strafraum – Ecke für Nürnberg..." Klingt alles nicht sehr toll, immerhin steht es in Köln auch noch 0:0. Dann ist endlich der Fußballtempel vom Auto aus zu sehen! Er kommt näher, die gelbe Stahlkonstruktion glänzt in der Sonne, aber ich würde das jetzt alles viel lieber von innen sehen! Endlich die Abfahrt! Runter von der B1 und ab ins Kreuzviertel irgendwo einen Parkplatz suchen! Bestimmt haben zwischenzeitlich Anwohner, die sich überhaupt nicht für Borussia und Fußball interessieren, jede Menge Parkplätze freigemacht! Ich werde jedoch eines Schlechteren belehrt! Diese fußballdesinteressierte Spezies scheint im Kreuzviertel ausgestorben zu sein oder hat dort nie existiert! Alles zugeparkt! Große Heimstr., Neuer Graben, Sonnenstr.usw. – keine Chance, alles dicht, nicht die kleinste Parklücke zu bekommen! Mittlerweile ist es kurz vor vier. Ich stelle meinen Wagen gefühlte Lichtjahre entfernt vom Stadion entfernt ab, nehme die Jacke über den Arm und marschiere los. Nach rd. 1km Fußweg dann der Schock! Ich habe meinen BVB-Schal im Auto liegen gelassen! Eventuell ein böses Omen? Soll ich zurückgehen? Aber deswegen noch später kommen? Nein, es muss heute einmal ohne Schal funktionieren! Außerdem habe ich noch die 5 schwarz-gelben Norderney-Feuerzeuge in der Jackentasche! Dann müssen die eben heute als Glücksbringer her halten! Sabine Töpperwien kann ich jetzt natürlich nicht mehr hören, also wie steht es aktuell bei uns? Wie ist der Spielstand in Köln? Ecke Große Heimstr./Kreuzstr. dann ein merkwürdiges noch weit entferntes Geräusch! Tausende Leute im Stadion schreien irgendwas, aber eben was? Aus geöffneten Fenstern sowie aus einer Kneipe ist ganz deutlich so etwas wie "Tooooor!" zu hören! Aber "Tooooor" für wen? Ein kurzer Handyanruf bei den zu Hause gebliebenen schafft Gewissheit! „Barrios" sagt mir die Gattin, „Barrios hat das 1:0 gemacht!" „Sauber!" kann ich nur antworten und schaue fasziniert auf einige Borussenfans, die aus der Kneipe kommen und einen Freudentanz aufführen. Rd. 10 Minuten später wieder dieses merkwürdige Geschrei, aber lauter, denn ich bin jetzt nicht mehr weit vom Stadion entfernt. Ich will jetzt auch niemanden mehr anrufen oder fragen, ich bin gleich im Tempel und dann weiß ich es, dann bin ich endlich live dabei!

Als ich im Stadion eintreffe, ist Halbzeit. Borussia führt 2:0 und auf der Großleinwand kann ich mir noch einmal die Tore von Barrios und Lewandowski mit Kommentaren von Norbert Dickel ansehen. „Wie steht's in Leverkusen?" frage ich meine Nachbarn. „Noch 0:0, aber warum kommst Du jetzt erst?" Ich erzähle kurz über meinen Norderney-Trip und schon wird die zweite Halbzeit angepfiffen. Im Stadion verteilt, überall Leute mit „Knopf im Ohr", die neben dem Geschehen auf dem Rasen im Radio das Spiel von Vizekusen in Köln verfolgen. Sollte das 0:0 bestehen bleiben, wären wir durch! Ein schöner Gedanke! Dann mit einem Mal der Augenblick, der für die meisten von uns mit Sicherheit unvergesslich bleiben wird: Wie auf Kommando springen alle von ihren Sitzen auf, Fäuste werden geballt und ein langge-zogenes „Jaaaaaaaa!" schallt durch das Stadion! Norbert Dickel bestätigt sofort per Stadionlautsprecher: "1:0 für Köln!" Wir sind ganz dicht an der Meisterschale! Klasse Köln, eigentlich eine sympathische Mannschaft! Jetzt sitzt niemand mehr, das Spiel auf dem Rasen geht weiter und dann wiederholt es sich" „Jaaaaaaaa!" 2:0 für Köln, Torschütze erneut Novakovic! Das muss die Meisterschaft sein, nein das ist sie!!! Leute liegen sich in den Armen, Freudentränen sind zu sehen, das 10-jährige Mädchen hinter mir erlebt gemeinsam mit ihrem Vater ihre erste BVB-Meisterschaft! Klasse FC Köln, ich fand' Euch immer toll, Ihr seid nach dem BVB meine Lieblingsmannschaft! Hatte ich vor dem Spiel etwas anderes behauptet? Absoluter Quatsch! Wenn im Moment für eine überlebensgroße Novakovic-Statue am Borsigplatz gesammelt würde, wäre ich dabei! Viva Colonia! Dann endlich der Schlußpfiff! 2:0 für Dortmund, 2:0 für Köln! „Jaaaaaaaa wir sind Meister!".

Was sich jetzt auf dem Platz abspielt, sind Bilder die auch in Jahren noch wie ein Film ablaufen werden! Tanzende Spieler, die Jürgen Klopp in die Höhe werfen, Kevin Grosskreutz schnappt sich das Mikro und gibt eine eindrucksvolle Gesangseinlage, Trikot- oder Anzugträger auf dem Rasen werden mit Bier beschüttet, Kevin Grosskreutz bekommt von Felipe Santana seine neue „Frisur" verpasst und und und...! So gut wie keiner auf den Rängen hat zwischenzeitlich das Stadion verlassen und in Meisterlaune verteile ich einige meiner BVB-Norderney-Feuerzeuge an meine Nachbarn. Auf meinem Handy gehen etliche Glückwunsch-SMS ein, der eine oder andere versucht sogar mich anzurufen. Sprechen, geschweige denn den anderen am Telefon verstehen, geht im Moment gar nicht. Ich halte einfach mein Handy in die Höhe. Wer nicht im Stadion sein kann, soll wenigstens die Geräuschkulisse mitkriegen! Eine oder zwei (?) Stunden nach Abpfiff verlasse ich das Stadion, der nächste Gang ist erst mal der zu einem T-Shirt Stand. Das gekaufte „Deutscher Meister 2011"-Shirt wird sofort übergestreift, man kommt sich ja fast nackt vor, ohne diese herrlichen schwarzgelben Farben am Körper! Dann weiter zur Lindemannstr.! Im Barrock und im Bürgermeister ist der schwarzgelbe Teufel los! Mein erstes Bierglas wird in neuer Rekordzeit geleert! Freunde, Bekannte treffen ein, Umarmungen, Tänze, Gesänge – Einleitung für eine lange und spontane Meisterschaftsfeier.

Als ich gegen X Uhr zu Hause ankomme fühle ich in der Tasche mein letztes mir verbliebenes BVB-Norderney-Feuerzeug. Es wird einen Ehrenplatz in der Vitrine erhalten! Eine bleibende Erinnerung, ein Symbol für einen der schönsten Samstage seit dem ich Borusse bin!

Henry, 04.05.2011


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