Spielbericht Profis

Hey, hey, Derbysieger, Derbysieger!

27.11.2011, 09:09 Uhr von:  Redaktion

Robert Lewandowski war mal wieder MatchwinnerFlorian Meyer hatte die Partie gerade abgepfiffen, als der eingewechselte Kevin Großkreutz sowie Kapitän Sebastian Kehl ihre geballten Fäuste gen Südtribüne streckten. Coach Jürgen Klopp machte es seinen beiden Spielern kurz darauf nach und gestikulierte wild Richtung Osttribüne. Die unbändige Freude dieser drei Akteure, symbolisiert durch diese eine Geste, machte allen unmissverständlich klar: Der BVB war gerade Derbysieger geworden!

Dass dieser Nachmittag so enden würde, daran hatte es schon vor dem Spiel nur wenige Zweifel gegeben. Mit voranschreitender Spieldauer wich die kleine Restnervosität und machte einer großen Portion Gewissheit Platz. So resümierte auch Jürgen Klopp nach der Partie: "Das, was wir uns heute vorgenommen haben, hat hundertprozentig geklappt." Dabei hatte der BVB nicht nur auf Neven Subotic (Mittelgesichtsbruch) verzichten müssen, der durch den besten dritten Innenverteidiger der Liga Felipe Santana ersetzt wurde. Kurzfristig beklagten die Borussen auch den Ausfall von Sven Bender, der sich bei der Partie unter der Woche gegen Arsenal einen doppelten Kieferbruch sowie eine Knieblessur zugezogen hatte und für den Rest des Jahres ausfällt - mindestens. Mario Götze wiederum, der beim deprimierenden CL-Abend in London wegen eines Blutergusses im Oberschenkel wie Bender bereits in der ersten Hälfte ausgewechselt werden musste, konnte wieder mitwirken. Davon abgesehen änderte BVB-Coach Jürgen Klopp seine Stammformation der letzten Wochen auf zwei weiteren Positionen. Kagawa und Großkreutz nahmen auf der Bank Platz, dafür rückten Barrios und zur Überraschung vieler niemand anderes als Jakub "Kuba" Blaszczykowski in die erste Elf.

Sven Bender stand auch aufem PlatzDer Rivale trat in der gleichen Besetzung wie im vergangenen Bundesligaspiel an, so dass die beiden rekonvaleszenten Leistungsträger Benedikt Höwedes und Jefferson Farfan positionsgetreu von Uchida und Baumjohann ersetzt wurden. Huntelaar, der beste Torschütze des Teams, lief nach Nasenbeinbruch wieder mit Maske auf.

Dortmund startet stark

Von dem Rückschlag in der Champions League und den verletzungsbedingten Ausfällen ließen sich die Dortmunder jedoch nicht beeindrucken und begannen zweikampfstark und selbstbewusst. Nur die Präzision im Angriffsspiel fehlte in der ein oder anderen Situation, nichtsdestotrotz dominierte der BVB. Ein bedienter Gäste-Coach Huub Stevens, bis zum 26.11.2011 in zwölf Partien gegen die Borussia ungeschlagen, sah in Hälfte eins sogar ein ungleiches Duell von Schülermannschaft gegen Erwachsenenteam. Mit seiner Einschätzung hatte der Niederländer Recht. Denn trotz des (Glas-)Flaschenverbots, das rund um das Stadion galt, hatte man als (zugegebenermaßen nicht ganz neutraler) Beobachter zeitweise das Gefühl, der blaue Nachbar hätte diese Regel gebrochen und elf Flaschen auf das Spielfeld gestellt. Selbst die Platzwahl, die Raul eigentlich gewonnen hatte, wurde zur Niederlage, da der Spanier dem BVB entgegen der üblichen Spielchen und Marotten zunächst auf die Nordtribüne spielen ließ. Doch ganz so hart wollte Stevens mit den Seinen dann doch nicht ins Gericht gehen: "Ich habe auch drei bis vier Spieler bei uns gesehen, die heute Normalform erreicht haben."

Barrios stand wieder in der StartelfDoch das reichte keineswegs aus gegen Borussen, die nach Chancen von Schmelzer (2. Minute) und Kuba (7.) schon in der 16. Spielminute in Führung gingen. Linksverteidiger Schmelzer hatte nach Foul von Fuchs am agilen Kuba einen Freistoß perfekt auf den Kopf von Robert Lewandowski geschlagen. Unnerstall, der schon in den ersten Minuten von Florian Meyer wegen Zeitspiels verwarnt wurde, hatte den Ball zwar noch berühren, aber nicht mehr entscheidend abfälschen können. Das 1:0 für den BVB, das jetzt schon hochverdient war. Dortmunds Nummer neun wiederum hatte mit seinem Treffer zudem bereits zum neunten Mal in dieser Spielzeit getroffen: Eine schöne Statistik pünktlich zum Derby.

Nach der Führung lauert die Borussia auf Konter

Der BVB zog sich nach der Führung etwas zurück und lauerte auf Kontersituationen nach Ballgewinnen. Erzfeind Schalke wiederum fand kaum Ruhe und kam zu keinem geeigneten Spielaufbau gegen die gut gestaffelten und immer wieder vorschiebenden Reihen des BVB. "Wir haben Schalke nicht richtig hinten herausspielen lassen, so dass Unnerstall – der ein Riesenspiel gemacht hat – viele Bälle weit herausschlagen musste", befand auch Jürgen Klopp.

Lewandowski machte das 1-0Gute Einschusschancen auf der Gegenseite waren aber selten, weil letzte Pässe oder Abschlüsse leider immer noch zu ungenau ausgeführt wurden. Neben Halbchancen von Barrios per Kopf (26.) und Schmelzer, der mit rechts über das Tor schoss (44.), hatte Mario Götze die größte Möglichkeit auf das 2:0. Nach Flanke von Kuba schoss der 19-Jährige nach kurzer Verwirrung in der Schalke-Abwehr aber zu unplatziert. Unnerstall wehrte ab, Matip klärte vor dem einschussbereiten Barrios (29.).

So ging es mit einer mehr als verdienten Ein-Tore-Führung in die Pause. Dortmund hatte Schalke schon in der eigenen Hälfte unter Druck gesetzt und zu Ballverlusten gezwungen. Nur die Präzision im Spiel nach vorne war ausbaufähig, eine deutlichere Führung zur Pause wäre für die Nerven des ein oder anderen Anhängers deutlich beruhigender gewesen. Gerade die Startelfüberraschung Kuba nahm aber eine gute Rolle im schwarzgelben Spiel ein, indem er die Vorstöße von Linksverteidiger Fuchs ein ums andere unterband und den Freistoß vor der Führung erzwungen hatte. Eine gute Leistung, mit der der Pole sich zurückgemeldet hatte.

Stimmung in Halbzeit eins: Vorläufiger Höhepunkt nach dem 1:0

Ultimative Eskalation im Block DrölfDeutlich mehr als die 27.359 Fans, die eine Stehplatz-Karte erworben hatten, sollten sich während der Partie immer wieder von ihren Plätzen erheben, um ihr Team anzufeuern. Die Stimmung kochte bereits vor Anpfiff über, atmosphärisch war alles für ein großes Spiel bereitet. Die Südtribüne bot vor allem in dem Moment akustisch eine ganze Menge, als sich der verletzte Sven Bender präsentierte. In einer alles in allem aufgeheizten, aber relativ friedlichen Atmosphäre, begannen jedoch beide Fanlager stimmgewaltig und lautstark. Die Ultras aus Gelsenkirchen, die erst während "You'll never walk alone" kurz vor dem Anpfiff in den Gästeblock geleitet worden waren, antworteten auf ein von Nobby Dickel initiiertes "Deutscher Meister ist nur der BVB" mit "In Europa kennt euch keine Sau". Nachdem "Ein Leben lang keine Schale in der Hand" aber nur mit einem langweiligen "BVB H...söhne" beantwortet wurde, war klar, das den Gelsenkirchenern die Argumente ausgegangen waren. Nach dem Führungstreffer wurden die Gästeanhänger, die in ihrer ganzen Weisheit schon vor dem Anpfiff Bengalos gezündet hatten, dann auch das erste Mal etwas ruhiger.

Die BVB-Stimmung erreichte nach der Führung naturgemäß ihren vorläufigen Höhepunkt, wodurch mal wieder klar wurde, zu was die Süd zu leisten imstande ist. Gegen Ende von Hälfte eins, als das Spiel ein bisschen vor sich hinzuplätschern begann, ließ die Stimmung aber auch auf BVB-Seite etwas nach.

Schalke-Druckphase zu Beginn der zweiten 45 Minuten

Nette Pyroeinlage von Hugos & Co.Die zweite Hälfte begann zumindest im Schalke-Block ähnlich, wie die erste Halbzeit begonnen hatte. Diesmal zündeten die Fans allerdings noch mehr Bengalos, was die Süd mit Pfiffen quittierte. Auch später sollten die Gästefans noch einmal mit dem Abbrenen von Pyro glänzen, was vor allem dem BVB wieder einmal schaden könnte - siehe das Pokalspiel gegen Dresden und die darauffolgende Geldstrafe. Auf dem Platz hatten sich die Kräfteverhältnisse zwischen den zwei unveränderten Teams aber verschoben – zumindest vorerst. Die ungeliebten Nachbarn übten in den ersten zehn Minuten das erste Mal Druck auf einen desorientiert wirkenden Deutschen Meister aus. In dieser Phase bis zur 55. Minute hätte das Spiel durchaus kippen können: Kehl humpelte nach Zweikampf gegen Jones für mehrere Minuten hilflos durch die eigene Hälfte, während sein Partner auf der Sechs, Moritz Leitner, den Ball mit einem leichtfertigen Dribbling in der eigenen Hälfte wieder hergab: Holtby traf glücklicherweise nur das Außennetz (53.).

Danach stabilisierte sich das Team von Klopp wieder. Kehl und Kuba verfehlten das Tor nach schönen Kombinationen (55., 59.) nur knapp, ehe Santana endlich das erlösende 2:0 erzielte (61.). Kuba hatte einen nach Ecke abgewehrten Ball mit einer Energieleistung zu Hummels geköpft, der auf den freien Barrios ablegte. Der Paraguayer aber schloss zu lasch ab, so dass Santana schließlich im Nachschuss vollendete.

DerbysiegerAb da spielten nur noch die Borussen, die die Schalker nach Belieben dominierten. Einziges Manko: Die Chancenverwertung. Lewandowski (66., 90.+1) und Barrios (74.) vergaben jeweils in aussichtsreicher Position. Auf Schalker Seite kam einzig Papadopoulos noch zu einem Schuss auf das gegnerische Tor. Weidenfeller hatte aber keine Mühe, mit seinen Fäusten zu klären (88.). Noch mehr Fäuste bekamen die Zuschauer dann wie erwähnt nach Spielende zu sehen.

Am Schluss die große Party

Und das sollte nicht alles sein: Die Mannschaft feierte noch mit der Süd, kletterte sogar auf den Zaun und stimmte ein Lied nach dem anderen an. "Wir wollten den Fans den Sieg versüßen und ein bisschen mit ihnen feiern", erklärte ein strahlender Mats Hummels hinterher und schob nach: "Ich denke, die Fans sind mit uns zufrieden." Es war jedenfalls ein wunderschönes Bild, das Mannschaft und Anhänger in trauter Zweisamkeit da abgaben - auch die Schalker im Gästeblock, die von der Polizei noch nicht abgeholt worden waren, durften sich das Spektakel ansehen. Für sie vermutlich ein zweifelhaftes Vergnügen. Für jeden Borussen aber die reinste Wonne.

Santana machte das 2-0Alles in allem siegte der BVB verdient, vielleicht sogar zu niedrig gegen kaum stattfindende, ängstliche und schwache Schalker, die einzig kurz nach der Pause etwas Druck vor dem Kasten von Weidenfeller aufbauen konnten. Nach dem legendären Spiel im Mai 2007 gewann Borussia Dortmund damit endlich mal wieder im eigenen Stadion gegen die Blauen und darf sich damit Derbysieger nennen!!

Die Fotos zum Derbysieg gibt es in Kürze auf unserer BVB Fotoseite foto.schwatzgelb.de.

Stimmungsvideos

Noten

Weidenfeller: Kaum gefordert, deswegen die neutrale Note 3.

Piszczek: Ein ärgerlicher Ballverlust am Anfang, danach sicher und mit dem ein oder anderen guten Vorstoß nach vorne. Note 2,5.

Santana: Stark in der Luft, sicher am Boden, auch im Aufbauspiel etwas besser geworden. Gewinnt mit der Spielpraxis zunehmend Sicherheit. Zudem ein Treffer. Note 2.

Hummels: Hielt mit Santana hinten dicht, allerdings kam ja auch nicht viel vom Gegner. Zweikampstärkster Spieler auf dem Feld (67 % gewonnene Zweikämpfe), auch ansonsten ohne Fehl und Tadel. Note 2,5.

Schmelzer: Mit den meisten Ballkontakten (72) im Team der Dortmunder. Hielt Draxler, Baumjohann und später auch Pukki in Schach und bereitete das 1:0 per Freistoß vor. Note 2.

Leitner gegen HoltbyLeitner: Spielte gute Bälle nach vorne und gewann auch einige Zweikämpfe. Der Ballverlust in der eigenen Hälfte war allerdings gefährlich. In dem Alter aber eine klasse Leistung. Note 3.

Kehl: Rieb sich auf, lag mehrmals getroffen am Boden, kassierte auf Seiten des BVB die einzige gelbe Karte. In einer guten Verfassung, manchmal im Spiel nach vorne zu ungenau. Note 2,5.

Götze: Gutes Spiel von der Nummer 11, bei der zwei- bis dreimal das riesige Talent aufblitzte. Setzte sich jeweils in Hälfte eins und zwei mit einem Traumdribbling von mehreren Gegenspielern ab und ließ diese wie Statisten aussehen. Auch sonst agil. Note 2.

Barrios: Behauptete die Bälle. Gutes, ordentliches Zusammenspiel mit Lewandowski. Ihm müssen allerdings seine lässigen Abschlüsse angekreidet werden. Hätte mit etwas mehr Entschlossenheit zwei Treffer machen können. Note 3.

Kuba: Die Überraschung in der Startformation. Vielleicht hat sich Klopp ja an das Spiel gegen Bochum erinnert, als Kuba Fuchs ein ums andere Mal alt aussehen ließ. Auch heute gerade in der Defensive gut, war an beiden Toren beteiligt. In der Form eine Verstärkung. Note 2.

Lewandowski gegen JonesLewandowski: Anfangs hinter Barrios mit zu vielen Ballverlusten, aber auch mit einem schönen Tor. Ganz vorne noch besser als auf der 10. Note 2,5.

Statistik

Derbysieger: Weidenfeller – Piszczek, Santana, Subotic, Schmelzer – Leitner, Kehl – Kuba (89. Owomoyela), Lewandowski, Götze (89. Großkreutz) – Barrios (78. Kagawa)

Gelsenkirchen: Unnerstall – Uchida, Papadopolus, Matip, Fuchs – Jones, Holtby (82. Jurado) – Baumjohann (79. Marica), Raul, Draxler (54. Pukki) - Huntelaar

Tore: 1:0 Lewandowski (Kopfball, Schmelzer), 2:0 Santana (Rechtsschuss, Barrios)

Gelbe Karten: Kehl – Jones, Papadopoulos, Matip, Uchida

Torschüsse: 17-3

Ecken: 3-2

Flanken: 7-9

Kevin gibt den Ton im Block Drölf anBallkontakte: 49 % - 51 %

Zweikämpfe: 46 % - 54 %

Fouls: 25-22

Abseits: 3-3

Die meisten Torschüsse: Lewandowski, Kuba, Barrios (je 3)

Die meisten Torschussvorlagen: Piszczek, Götze, Barrios (je 3)

Schiedsrichter: Florian Meyer (Burgdorf) – mit einigen Unsicherheiten in der Bewertung von Zweikampfsituationen. Ihm machte vor allem die Vorteilsregel zu schaffen. Einmal fälschlicherweise auf Abseits entschieden, als Götze durch war (23.)

Zuschauer: 80.720 (ausverkauft)

Daniel R., 27.11.2011

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