Spielbericht Profis

Wenn dem Uli das Würstchen platzt?

20.11.2011, 20:37 Uhr von:  Redaktion

Borussia Dortmund gewinnt in München und feiertWieder einmal ging es für Borussia in das wunderschöne München. Eine Stadt, deren neuester Liebling gerade 500.000 Euro beim WWM-Promi-Special absahnte, weil er mit etwas Hilfe eine Tanne von einer Fichte unterscheiden konnte. Eine Stadt, die für ein paar Stunden wieder einen deutschen Meister beherbergen durfte. Eine Stadt, die mit Fug und Recht von sich behaupten kann, ihre Wertschätzung mit jedem Kilometer Entfernung ins beinahe Unermessliche steigern zu können.

Es hätte ein tolles Wochenende werden können, für diese Stadt und ihren schicken Vorzeige-Verein. Am Freitagabend glänzende Zahlen präsentiert, Uli Hoeneß eine Joghurt-Diät ans Herz gelegt und die im Vorjahr geschundene Bayern-Seele mit einer Reihe markiger Sprüche gestreichelt, sah sich Kalle Rummenigge „gar schon acht Punkte“ vor dem deutschen Meister in der Tabelle stehen.

Gästefans - zahlreich erschienen, aber leiser als sonstIn Dortmund hielt man sich hingegen an das biedere wie probierte Konzept der Demut, und so hatte Jürgen Klopp wohl einmal öfter das Motto ausgegeben: „Wenn ihr der Sonne begegnet, müsst ihr zum Schatten werden.“ Mehr Schatten als Arjen Robben, Thomas Müller und Mario Gomez lieb gewesen sein dürfte, sollten sie den ganzen Abend widerliche Plagegeister wie Mats Hummels, Felipe Santana, Marcel Schmelzer und Lukasz Piszczek an der Backe kleben haben.

Obwohl also alles angerichtet war, stand der Spieltag unter einer menschlichen Tragödie. Das abgesagte Spiel in Köln und insbesondere der Anlass der Absage hatten längst die Runde gemacht und die Spieler beider Mannschaften erreicht. Die Stimmung entsprach dem Wetter, neblig und unterkühlt, die Betroffenheit war Jürgen Klopp und Jupp Heynckes nach Spielende deutlich anzumerken. Da jedes weitere Wort an dieser Stelle eines zu viel wäre, soll darauf verzichtet werden – unsere besten Wünsche begleiten jedoch Babak Rafati, seine Familie und Freunde.

Das Vorgeplänkel des Spiels gestaltete sich indes wieder typisch. Ein packendes Gesangsduell zweier Borussen („Und schon wieder keine Stimmung, FCB!“) mit zwei Bajuwaren („Ihr seid so laut, ihr macht uns Angst!“) sorgte für Staunen bei den Umstehenden. Im Presseclub sorgten die Details für Freude, da zum erst zweiten Mal seit Menschengedenken auf den Trolli Meister-Mix verzichtet worden war – beim ersten Mal im Februar hatte es mit dem Auswärtssieg in München ja ganz gut geklappt, das Gummibären-Orakel stand somit klar auf Sieg!

Borussia startete in Bestbesetzung: Mats Hummels durfte bei seinem 100. Bundesligaspiel für Borussia gegen seinen alten Verein antreten, mit Felipe Santana stand hervorragender Ersatz für den verletzten Neven Subotic bereit. Die Hausherren schlossen ihre Mittelfeldlücke mit Toni Kroos und Luiz Gustavo, für Entlastung waren der derzeit glänzend aufgelegte Franck Ribery sowie der nach langer Verletzungspause überraschend in die Anfangsformation rotierte Arjen Robben vorgesehen.

Ebenfalls für Staunen sorgte zu Spielbeginn der Münchener Anhang. Nach einem gegnerischen Hausbesuch (mit Kaffeekränzchen? Oder handelte es sich nicht doch viel mehr um einen ganz und gar nicht harmlosen Raubüberfall?) ohne Tifo-Material im Stadion, legten sie nach eigenem Bekunden besonders viel Wert auf den lautstarken Support ihrer Mannschaft. Und tatsächlich war die Stimmung für Münchener Verhältnisse formidabel – die ersten 20 Minuten auf Augenhöhe mit dem Gästeanhang, der sich zunächst in auffallend schlechter Verfassung präsentierte.

Insgesamt schien der breite Anhang des FC Bayern den BV Borussia wieder als Gegner ins Herz geschlossen zu haben – gellend laute Pfiffe bei Betreten des Spielfelds und diversen Schiedsrichterentscheidungen ließen zeitweise fast das Gefühl aufkommen, im Münchener Stadion habe sich Leben entwickelt. Da ließ sich Nobby Dickel nicht lumpen und sang an vorderster Front mit: „Deutscher Meister ist nur der BVB!“ Und ab ging die Post.

Hatte schwer zu kämpfen, aber biss sich ins Spiel: KagawaBeide Mannschaften begannen engagiert. Bayern versuchte sich von Beginn an am gewohnten Ballbesitz, Borussia attackierte früh und erzwang eine schier unglaubliche Anzahl Münchener Fehlpässe. Leider haperte es am konzentrierten Aufbauspiel, das die Hausherren einfach nicht zulassen wollten – es entwickelte sich eine flotte und temporeiche Partie, die dank Kampf und Krampf so gut wie keine Höhepunkte kannte und dennoch keinen Zuschauer langweilen sollte.

Die erste gute Aktion im Offensivspiel gehörte dem BVB nach einer Standardsituation. Aus etwa 27 Metern Entfernung versuchte es Borussia halbhoch, ein Handspiel des FC Bayern brachte direkt den nächsten Freistoß. Aus etwa 20 Metern lief nun Mario Götze an, foppte die Mauer und versuchte es dreist ins untere linke Eck. Manuel Neuer hätte keine Chance gehabt und durfte sich bei seiner Mauer bedanken, die trotz der gelungenen Finte noch an den Ball gekommen war und ihn knapp links am Kasten vorbei gelenkt hatte.

Es blieb über weite Strecken der ersten Halbzeit der einzige sehenswerte Angriff. Sobald es mal nach vorne ging, hatten die jeweiligen Abwehrreihen ihre Gegenspieler gut im Griff oder standen sich die Offensivspieler gegenseitig im Weg (wie z.B. Shinji Kagawa Kevin Großkreutz in der 22. Minute). Der FC Bayern hatte nach 30 Minuten noch immer keinen Torschuss abgegeben, als Ribery und Müller zunehmend an ihren Gegenspielern verzweifelten und zeitweise die Seiten wechselten.

Kam für Subotic und machte ein tolles Spiel - Felipe SantanaDie nächste gute Chance gehörte somit erneut dem BVB. Der wunderbar aufgelegte Robert Lewandowski, der sich trotz heftigster Gegenwehr für keinen Antritt zu schade war, hatte sich in der 33. Minute ganz stark durchgesetzt. Von rechts lupfte er das Leder auf Höhe der Grundlinie über Manuel Neuer hinweg, und es war kaum mehr als Glück für die Bayern im Spiel, als dieser Ball kurz vor seinem Einschlag aus dem Gefahrenbereich geköpft werden konnte.

Bayern fiel auch weiterhin nichts ein. Der BVB attackierte stets zum richtigen Zeitpunkt, eine betont lässige Abwehraktion des letzten Manns Santana dokumentierte beeindruckend, wie sicher Gomez und Co. an diesem Abend aufgehoben waren. So wurde Roman Weidenfeller in der 40. Minute erstmals aktiv ins Spiel eingebunden – ein langer Ball aus der Münchener Defensive hatte das gesamte Mittelfeld überbrückt und landete bei einem Bayern auf Höhe des Dortmunder Strafraums, als unser Schlussmann den Ball souverän ins Seitenaus fausten konnte.

Die erste Halbzeit war nun bereits überstanden – eine gute Standardsituation und ein guter Angriff von Seite der Schwatzgelben, das goldene Nichts von Seite der Weißroten. Borussia war drauf und dran, eine taktische Meisterleistung zu vollbringen: nach 23 Toren in den vergangenen fünf Heimspielen, war der Rekordmeister zu einem Offensiv-Statisten degradiert worden. Zwar hakte es noch im Spiel nach vorne, doch war ein 0:0 in München kein schlechtes Resultat und die gegnerische Abwehr nicht mehr so ganz naiv und unbeleckt wie in der Vorsaison.

Fürs BVB-Netradio im Einsatz - Nobby DickelNobby Dickel, Feuer und Flamme für den BVB, stand zu Beginn der zweiten Runde im Blickpunkt. Ein extra abgestelltes Kamerateam fing ihn bei der Arbeit ein und überzeugte sich hautnah davon, wie leidenschaftlich man Spiele seines Vereins miterleben kann. Nobby, optimistisch bis zum geht-nicht-mehr und während des Spiels regelmäßig kurz vor dem Herzinfarkt, ließ sich davon kaum beeindrucken – erst als <bad-language> Rafinha sich mit einer lächerlichen Aktion im Spiel meldete, ging es so richtig rund. Würden Schiedsrichter tatsächlich einmal konsequent den gelben Karton ziehen, wenn sie von einem Spieler angefasst werden, dieser kleine <bad-language> wäre längst aus den Annalen der Bundesliga verschwunden.

Immerhin durfte nun wieder Borussia spielen und dem Führungstreffer näher kommen. Zunächst hatte Piszczek in der 51. Minute wieder einmal fantastisch den Turbo eingeschaltet und Lewandowksi in Szene gesetzt, danach war es nach feinem Pass von Hummels Lewandowski selbst, der mit seiner Hacke Shinji das 100-prozentige 0:1 aufgelegt hatte – leider bekam Neuer den Ball vors Gesicht (beim nächsten Mal zur Sicherheit vielleicht etwas fester schießen) und konnte der eher unglücklich wirkende Götze den Ball nur links am Kasten vorbeischieben.

Neuer Münchener LieblingDie Südkurve war längst wieder abgemeldet, der Gästeanhang allmählich im Aufwachen begriffen, endlich war Leben in der Bude! Das bekam nun Schiedsrichter Peter Gagelmann zu spüren: Als Holger Badstuber den einmal öfter großartigen Manni Bender umgeholzt hatte und dafür zu Recht die gelbe Karte sah, hagelte es Pfiffe aus dem ganzen Stadion. So laut hat man das in München wohl noch nie gehört, das Publikum war sich des Heimsiegs nun längst nicht mehr sicher.

Als in der 64. Minute die Südkurve wieder zu hören war und sich das an diesem Tag mindestens geschmacklose „Schiri, du Arschloch“ nicht verkneifen konnte, waren sie fällig: Kagawa auf Götze – Jerome Boateng wird schwindlig – Götze fummelt sich den Ball zurecht und zieht ab – Badstuber, Neuer und Rafinha schauen mit herrlichen Gesichtsausdrücken zu – der Ball schlägt ein – der Gästeblock explodiert!

Torjubel nach bester Aktion Mario GötzesEs hatte sich abgezeichnet, auch wenn es Philipp Lahm und Heynckes später nicht so wirklich wahr haben wollten. Nun bettelte der FC Bayern auch förmlich um den endgültigen Niederschlag – jede Ordnung ging in den Folgeminuten verloren, irrsinnig viele Fehlpässe im Mittelfeld eröffneten Platz für schwatzgelb Konter. Wenn es auf Dortmunder Seite überhaupt an diesem Spiel etwas auszusetzen gibt, dann war es sicherlich die fehlende Konsequenz in dieser Phase: Benders gute Chance in der 71. Minute hätte es sein können, auch das kurz später zurecht wegen Abseits verweigerte 2:0 durch Lewandowksi zeigte die Verwundbarkeit der Gastgeber.

Stattdessen kam, was kommen musste: In der 75. Minute leistete sich die Abwehr einen ersten dicken Fehler, als sich Santana schwungvoll überlaufen ließ. Nach einem Foul an Hummels endete die Szene, doch sie war zugleich der Auftakt für einen Sturmlauf des FC Bayern. Die beste Beschreibung für die Endphase des Spiels lieferten wohl die Kollegen des 11Freunde-Livetickers: „Bayern drückt jetzt wie ein Fettsack mit Verdauungsproblemen, Dortmund kontert wie Flitzekacke: Schnell und flüssig.“

Akustisch untermalt vom wunderschön kuttigen „Kniet nieder ihr Bauern, der Meister ist zu Gast!“ verzweifelten die Bajuwaren nun an Weidenfeller, Hummels, Bender, Gagelmann und ihrem eigenen Unvermögen. Unverschämt schlechte Schwalben wurden nicht mit dem fälligen Karton bestraft, Badstuber legte einen guten Freistoß ebenso aufs Tor wie Ribery einen Eckball aus 6 Metern Torentfernung.

Alleine die Chancen der letzten 10 Minuten hätten einen einfachen Punktgewinn verdient erschienen lassen, doch am Ende gewann mit Borussia die Mannschaft, die über 90 Minuten hinweg den besseren Eindruck gemacht hatte. Die höhere Laufbereitschaft, die größere Kreativität und die Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor waren die großen Stärken an diesem historischen Tag: Erstmals überhaupt konnte Borussia Dortmund dreimal in Folge gegen den FC Bayern gewinnen – eine Leistung, die bislang erst ganz wenige Mannschaften erreicht hatten.

Statistik

"Wir waren ganz klar besser als die" München: Neuer - Rafinha, Boateng, Badstuber, Lahm - Luiz Gustavo - Kroos - Robben, Müller, Ribery - Gomez.

Einwechslungen: Olic für Müller (72.), Alaba für Robben (72.), Petersen für Rafinha (79.)

Helden von München: Weidenfeller - Piszczek, Santana, Hummels, Schmelzer - Bender, Kehl - Götze, Kagawa, Großkreutz - Lewandowski

Einwechslungen: Leitner für Kehl (79.), Perisic für Kagawa (89.), Barrios für Lewandowski (90.)

Tor: Götze (65.)

Gelbe Karten: Gustavo (39.), Badstuber (59.) - Kehl (73.)

Stimmen zum Spiel

Philipp Lahm: „Wir hätten dieses Spiel gewinnen müssen, waren über die 90 Minuten hinweg das bessere Team. Wir hatten auch die besseren und eindeutigeren Chancen, insbesondere vor dem 1:0 [??? – Anm. d. Verf.]. Natürlich fehlte uns auch ein wenig die Kreativität im Spiel, aber das darf keine Entschuldigung sein.“

Jürgen Klopp und Jupp HeynckesJupp Heynckes: „Die Niederlage war überraschend, dieses Spiel sah für mich nach einem typischen 0:0 aus. Insgesamt waren wir heute aber zu langsam, haben zu wenig Laufbereitschaft gezeigt, es fehlte die Kreativität. Ich will es nicht als Ausrede anführen, aber alle unsere Spieler haben mit nur einer Ausnahme ein Länderspiel unter der Woche gehabt, das war beim BVB nicht der Fall. Und das hat man dann natürlich auch gemerkt.“

Jürgen Klopp: „Ich denke, dass wir heute verdient gewonnen haben. Es war eines unserer besten Spiele seit langem, das Spiel nach hinten war überragend und hat dem Gegner keinen Platz gelassen. Das freut mich natürlich besonders, weil es eben diese Grundsicherheit war, die uns in der letzten Saison so stark machte und die endlich wieder zurückgekommen ist. Diese Erkenntnis nehmen wir mit nach London und ich bin sicher, dass wir dort eine gute Rolle spielen werden.“

Noten

Weidenfeller: Kaum beschäftigt, dann aber sicherer Rückhalt – tolle Paraden gegen Ribery und Luiz Gustavo. Note 2.

Weidenfeller gegen RiberyPiszczek: Tolles Spiel! Hinten Ribery und Robben zur Weißglut getrieben, vorne wichtige Akzente gesetzt und seine Qualitäten gezeigt – Note 1.

Santana: Ließ seinen Gegenspielern keine Chance, leistete sich nur einen Bock gegen Ende der zweiten Halbzeit. Mit 70% gewonnenen Zweikämpfen stärkster Borusse. Note 1,5.

Hummels: Lewandowskis Hackentrick vor Kagawas Großchance toll vorbereitet, auch sonst ein guter Impulsgeber für die Offensive. Hinten bombensicher – Note 1.

Schmelzer: Reihte sich in die gnadenlos gute Defensive ein, gemeinsam mit Piszczek eine der besten Flügelzangen seit langem. Note 1.

Bender: Vorne eine gute Chance vergeben, im defensiven Mittelfeld wieder geackert wie ein Bekloppter. So muss das gegen Bayern aussehen, Note 1,5.

Kehl: Gab der Mannschaft Sicherheit, nahm eine Menge Druck aus dem Mittelfeld. Ein ordentliches Spiel abgeliefert und gute Form bewiesen – Note 2.

Götze: Eines seiner schlechtesten Saisonspiele, konnte sich gegen die weiß-rote Abwehr kaum durchsetzen. Zwischen Freistoß und dem Torerfolg so gut wie nicht im Offensivspiel zu sehen, auch später ungewohnt blass. Note 4.

Tolles Spiel - Robert Lewandowski Großkreutz: Eifrig bemüht, das Duell gegen seinen Lieblingsgegner Neuer zu gewinnen, biss er sich in die Partei und kam zu einigen guten Szenen. Mehr war für ihn leider nicht drin, der Sieg dürfte ihn jedoch mehr als entschädigt haben. Note 3,5.

Kagawa: Hatte es wie Götze schwer, wirkte dennoch agiler und erzwang sich seinen Raum. Tolle Vorbereitung des Tores, ein bisschen Pech beim eigenen Abschluss – insgesamt eine ordentliche Partie. Note 3.

Lewandowski: Ganz starkes Spiel! Hinten viel ausgeholfen, trotz massierter Bayern-Defensive nie aufgegeben und unwahrscheinlich viele Meter gemacht. Mit tollem Hackentrick für Kagawa aufgelegt, selbst leider knapp im Abseits gestanden und die eigene Leistung nicht mit dem 2:0 gekrönt. Note 1,5.

ssc, 20.11.2011

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