Spielbericht Profis

Meister auf Abwegen

11.09.2011, 20:35 Uhr von:  Redaktion

„Dienstag ist wieder ein neues Spiel" – zugegeben diese Aussagen von Hans-Joachim Watzke nach der Pleite gegen die offenbar doch nicht so alte Dame aus Berlin ist eine der simpelsten Fußballphrasen. Doch trotz vermeintlich mangelnder Aussagekraft geben diese Plattitüden Aufschluss darüber, dass momentan nicht nur auf den Tribünen Ratlosigkeit herrscht: Warum hat unsere Borussia momentan Probleme, die man vor der Saison gar nicht erwartet hatte?

Vorspiel

Dabei hatte der Fußballnachmittag doch so verheißungsvoll begonnen. Denn das Vorspiel in beiden Fanlagern weckte Hoffnungen auf stimmungsvolle 90 Minuten im sonnendurchfluteten Westfalenstadion. Die betagte Lady aus der Hauptstadt der Bundesrepublik war mit gut 4000 supportfreudigen Jünglingen im Schlepptau in die Hauptstadt des Bieres gereist. So entwickelte sich schon vor Anpfiff ein akustischer Schlagabtausch, der sich wirklich sehen, in diesem Fall eher hören, lassen konnte. Während im Süden einige Spruchbänder pro faire Kartenverteilung (Best-Reisen) und fairen Wettbewerb (Dickes Minus in Hoffenheim, egalisiert durch den Sohn einer Hupe) zu lesen waren, feierten die Hertha-Fans mit blauem Rauch in ihrem Block. Ich kann die Aktion – die Berliner Harlekins sind ebenfalls engagiert in der Pyro-Kampagne – nachvollziehen. Denn verarschen lassen, wie offenbar in den letzten Monaten geschehen, muss man sich von den Verantwortlichen von DFB und DFL auch nicht. Auch wenn die Lautstärke ihres Supports mitunter etwas nachließ, war das mit Sicherheit einer der besseren Auswärtsauftritte der letzten Zeit in unserem Stadion.

Auffem Platz

Letzteres allerdings gilt nicht für die Schwatzgelben auf dem Platz. Erneut trafen wir auf einen Gegner, der, anders als noch der HSV zum Auftakt, gar nicht erst versuchte, das Spiel gegen den Deutschen Meister in die eigene Hand zu nehmen. Nach den Gelsenkirchener Blutsbrüdern standen auch die Hauptstädter mit zwei Ketten verdammt tief in der eigenen Hälften und gaben unseren Jungs damit kaum Raum, ein eigenes und vor allem präzises Kombinationsspiel aufzuziehen. Stets eng am Mann stehend und auf Konter lauernd. So weit, so gut. Doch einmal mehr wirkten die jungen Borussen streckenweise überfordert mit dieser wahrlich nicht neuen Situation. Nicht selten ähnelte das ganze einem ziemlich uninspirierten Handballspiel, dem es an Schnelligkeit, Präzision und zündenden Ideen fehlte. Eben den Dingen, die in der vergangenen Spielzeit noch zu den großen Tugenden der Young Guns zählten und uns alle stolz machten. Zu allem Überfluss gesellten sich am Samstag auch noch ungewohnte Konzentrations- beziehungsweise Abspielfehler dazu. Ein ungesunder Mix.

So ging auch die erste Torchance in der 17. Minute auf das Konto der konterstarken Herthaner. Nachdem unser BVB sich einmal mehr im Defensivgefüge der Gäste verfangen hatte, schalteten diese blitzschnell um. Ramos und Torun spielten sich mit erstaunlicher Sicherheit vor Weidenfellers Tor und scheiterten erst dort an mangelnder Präzision. Das war knapp! Doch trotz des oft statischen Spiels der Meister sprangen auch auf unserer Seite ein paar gute Möglichkeiten heraus: Erst haute Kagawa, der trotz einer Steigerung auch heute seine altbekannte Frische vermissen ließ, die Kugel aus 15 Metern knapp am Tor vorbei (18.), dann köpfte er knapp übers den Kasten (22.). Später scheiterten Gündogan per Freistoß (29.), Hummels mit einem Kopfball (30.) und Großkreutz aus sieben Metern (41.) am souveränen Thomas Kraft.

Was passierte, als der souveräne Schiri Marco Fritz zur Halbzeit pfeift, kotzt mich persönlich auch mit einem Tag Abstand noch mächtig an. Gerade einmal fünf Spieltage sind nach der größten Meisterschaft aller Zeiten gespielt und von den Rängen hört man aufgrund eines 0:0-Halbzeitstandes vereinzelte Pfiffe gegen die eigenen Spieler. Man kann nur hoffen, dass diese „Zuschauer, nicht Fans", wie Roman Weidenfeller es treffend formulierte, ihre Erwartungshaltung gründlich überdenken. Denn diese Saison, das hat man spätestens am Samstag gesehen, wird noch hart genug werden.

Im zweiten Durchgang lernten unsere Abwehrleute dann endgültig den Mann kennen, der an diesem Nachmittag für den feinen Unterschied, um es mal mit den Worten Philipp Lahms auszudrücken, sorgen sollte: Der flinke Raffael. Keine fünf Minuten waren im zweiten Durchgang gekickt, da rannte er der kompletten Innenverteidigung davon und schob den Ball nach einer zuerst glänzenden Reaktion Weidenfellers ins leere Tor – 0:1. Kurze Zeit später traf er, vollkommen frei stehend, die Latte im Schatten der Südtribüne. Viele Borussen auf den Rängen begriffen nun, dass die Mannschaft ihre Unterstützung mehr als nötig hatte. Zwar nicht durchgängig aber immerhin in einigen wichtigen Momenten wurden die Jungs deutlich hörbar nach vorne gepeitscht.

Doch die Wirkung blieb leider aus. Denn das Spiel war trotz der Hereinnahme von Toni da Silva (für Gündogan) und Ivan Perisic (für den erneut enttäuschenden Kuba) kopf- und ideenlos. Immerhin: Benders Gewalltschuss klatschte aus 25 Metern an die Latte (71.), doch auch Raffael traf erneut das Aluminium (79.) und der heute bärenstarke Weidenfeller musste erneut vor dem frei stehenden Ebert retten (80.), bevor er bei Niemeyers Tor zum 0:2 (82., Tor nach einer Ecke) machtlos war. Das 1:2 von Robert Lewandowski war dann – rückblickend betrachtet – leider nur noch Ergebniskorrektur, denn obwohl es kaum noch jemanden auf seiner Sitzschale hielt und das Westfalenstadion akustisch noch einmal alles raus haute, reichte die Zeit nicht für den ersehnten Ausgleichstreffer.

Fazit

Dieses Spiel lässt einige Fragen offen. Ganz offensichtlich befindet sich die Mannschaft momentan in einer kleinen Findungsphase. Denn spätestens zum Ende der Saison haben unsere Gegner bereits versucht, uns mit solchen Mitteln zu schlagen, wie Hertha es am Samstag tat. Neu ist allerdings, dass unsere Borussia dagegen in letzter Zeit erstaunlich wenig anrichten kann. Ilkay Gündogan ist noch nicht der erhoffte souveräne Spielmacher und lässt bisher Gedenkenschnelligkeit und Kreativität vermissen, um dem Spiel seinen Stempel aufzudrücken. Das gleiche Problem hatte auch Toni da Silva, der ihn in der Halbzeit ersetzte. Manch einer fragte sich, ob Moritz Leitner aufgrund seiner Spielanlagen nicht die bessere Alternative gewesen wäre.

Und damit wären wir wieder bei Aki Watzke. Denn tatsächlich erwartet uns am Dienstag ein ganz neues Spiel. Vor dem Anpfiff wird nicht nur die Champions-League-Melodie durch unser wunderschönes Stadion schalle – mit Arsenal kommt auch ein Gegner, der versuchen wird, das Spiel zu machen. Hoffen wir, dass uns ihre offensive Spielweise zu gute kommt. Holt euch die Spielfreude zurück, Jungs!

Hier gibt's die Fotostrecke zum Spiel.

Trockenes

BVB: Weidenfeller - Piszczek, Subotic, Hummels, Schmelzer – Bender (73. Zidan), Gündogan (46. da Silva) – Kuba (59. Perisic), Kagawa, Großkreutz - Lewandowski.
Hertha BSC: Kraft - Lell, Hubnik, Mijatovic, Kobiashvili - Ottl, Niemeyer – Ebert (83. Ben-Hatrira), Raffael (87. Lustenberger), Torun (58. Rukavytsya) - Ramos.
Tore: 0:1 Raffael (50.), 0:2 Niemeyer (81., Mijatovic), 1:2 Lewandowski (88., Freistoß da Silva).

Noten

Weidenfeller: Verhinderte bei Berliner Kontern mit seinen starken Reflexen oft schlimmeres und hatte vor dem 0:1 Pech, dass der eigentlich entschärfte Ball noch einmal zurück zu Raffael spran. Note 2.
Piszczek: Hinten ohne Fehler und ackerte viel nach vorne. Wie beim Rest der Mannschaft waren seine Flanken allerdings viel zu unpräzise. Note 3,5.
Hummels: Sein Kopfball in der ersten Halbzeit landete leider genau in den Armen von Thomas Kraft. Bis auf beide Gegentore war er hinten meist sicher, leistete sich im Spielaufbau viele Fehlpässe. Note 4.
Subotic: Eigentlich das gleiche wie bei seinem Nebenmann. Ebenfalls Note 4.
Schmelzer: Hatte einige gute Aktionen in Eins-gegen-Eins-Situationen und war in der Defensive ohne Mängel. Aber auch seine Flanken kamen meist zu ungenau. Note 3.
Bender: Ging das ein oder andere mal gut dazwischen, leistete sich kaum Fehler und hatte Pech, dass sein 25-Meter-Schuss nur an die Latte krachte. Note 2.
Gündogan: Steht eigentlich schon im Fazit. Kopf hoch, Junge! Wir haben in Nürnberg oft genug gesehen, dass du es kannst! Heute erstmal Note 4.
Kuba: Einmal mehr eine vertane Chance. Er kann so viel mehr und zeigt das so selten. Schade! Note 4.
Da Silva: Überraschenderweise kam er statt Leitner für Gündogan ins Spiel. Hatte allerdings auch zu wenig Platz und Ideen, um das Spiel nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Leistete immerhin die Vorbereitung zum 1:2. Note 3,5.
Kagawa: Zwar bei weitem noch nicht der Kagawa der Vorbereitung, immerhin aber mit leichtem Aufwärtstrend im Vergleich zu den letzten Wochen. Note 3,5.
Großkreutz: In der Anfangsphase mit einigen haarsträubenden Fehlern, dann kämpfte er sich in die Partie. Hatte eine gute Chance, blieb aber sonst die meiste Zeit wirkungslos. Note 4.
Lewandowski: Wat willste machen? Weil's hinter ihm nicht funktionierte, hing er weitgehend in der Luft. Erzielte das 1:2, danach kam noch mal Spannung auf. Note 3.
Perisic: Er könnte für das Arsenal-Spiel eine echte Alternative sein. Auch wenn's bei ihm nicht ganz so gut lief, wie nach seinen letzten Einwechslungen: Der Junge ist willig und bei Hereinnahmen stets gefährlich. Note 3.
Zidan: 17 ereignislose Minuten reichen nicht für 'ne Bewertung.

MalteS, 11.09.2011

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