Serie

Aus der Redaktion - schwatzgelb, Nuri und der Boulevard

14.04.2011, 13:52 Uhr von:  Redaktion

Die schwatzgelb-Redaktion ist kein mysteriöser Ort unter der Südtribüne, sie ist auch kein mysteriöser Ort irgendwo in einem Dortmunder Hinterhof, nicht Untermieter in einem Dortmunder Medienhaus oder der Gründungsgaststätte des BVB. Sie existiert nur in unseren Computern. Wir kommunizieren, wie man sich das bei einem Internet-Fanzine mit Sicherheit gut vorstellen kann, tatsächlich zum Großteil in geschriebenen Worten. Ab und an treffen wir uns. Dann reden wir. Wie aber sieht der Redaktions-Alltag aus?

"Wir empfinden ein Bild-freies Forum, auch wenn es "nur" um Fußball und nicht um Politik geht, angenehm und die Bildfreiheit per se als der "Diskussionskultur" (was immer man sich darunter vorstellen mag) zuträglich."

Am 28. Januar 2009 stürzt ein 20jähriger Borussia-Fan beim DFB-Pokalspiel gegen Werder Bremen von der Südtribüne. Er verstirbt wenig später an den Folgen des Sturzes. Die Erstversorger an der Unfallstelle sind machtlos, jemand zückt seine Kamera. Nur wenige Minuten nach dem Sturz tauchen beim Boulevardblatt die ersten Bilder auf. Das Fass läuft über. Schon länger war die Bild-Zeitung als Quelle im schwatzgelb-Forum nur noch geduldet, fortan gehen wir dazu über, Verweise auf die Bild-Zeitung zu löschen. An manchen Tagen eine zeitraubende Angelegenheit, doch mit der Zeit gewöhnen sich auch die User dran. Das Blatt verschwindet zumindest bei schwatzgelb in der Versenkung. Hin und wieder branden Diskussionen mit den immer gleichen Argumenten auf. Verweise auf die Bild-Zeitung werden weiterhin konsequent gelöscht. Auch redaktionsintern diskutieren wir hin und wieder über das Verbot. Es sind kurze Diskussionen. Die redaktionsinterne Streitkultur arbeitet sich lieber an anderen Themen ab.

Eine Handvoll Redakteure kümmert sich um die Administration des Forums. Sie haben zu jeder Zeit sämtliche Diskussionsstränge geöffnet. Zwischen zwei Arbeitsschritten surfen sie privat ins Forum. Meist ist da nichts zu löschen, irgendwer hat vielleicht seinen Flamertag erwischt und muss beobachtet werden, manchmal schleicht sich ein Troll aus Gelsenkirchen ein, den erkennt man unschwer nach einigen Beiträgen. Hin und wieder darf er noch ein paar Wochen amüsieren, hin und wieder nicht. Das liegt in der Natur der Administration. An Spieltagen wird es manchmal ein wenig hektischer, nach Niederlagen steigt der Aufwand naturgemäß. Ein Hobby für uns Redakteure, wir klagen nicht. Wenn jemand den Babak Rafati gibt, wird das redaktionsintern diskutiert. Am Ende des Tages finden wir vor unseren Computern zusammen.

Lange Jahre fristete die BVB-Redaktion des Boulevardblatts ein Schattendasein. Ihre Themen waren im besten Falle von regionaler Bedeutung. Um das Großkaliber der 90er-Jahre und den Chaosclub der angehenden 00er-Jahre war es in den vergangenen Jahren still geworden. Die Anbiederungsversuche scheiterten meist kläglich. Die Boulevardredaktion war nur noch eine Redaktion unter vielen. Sie konnte keine Transfer-Hammer mehr raushauen, da es sie schlichtweg nicht gab. Sie konnte keine Unruhe in den Verein schreiben, da es niemanden – auch nicht die Spieler und die Verantwortlichen – interessierte, was man sich da aus den Fingern sog. Im Windschatten des sportlichen Aufschwungs konnte die Redaktion in den letzten Monaten jedoch wieder an Bedeutung gewinnen. Sie konnten auf einmal Themen setzen. Sie setzten auf den altbekannten Mix aus Folklore („Gewerbeverein grüßt schon jetzt den Deutschen Meister"), Trainingsplatzschlägereien und anderen maßlosen Übertreibungen. Was heute weiß ist, muss morgen schwarz werden.

Die Mega-Krise des Tabellenführers spielte ihnen in die Karten. Hatte der Gewerbeverein nicht bereits den Meister gegrüßt? Und vergeigten die überschätzten Jungstars, wie sonst konnte man ihre desolaten Auftritte in der Nationalmannschaft erklären, jetzt vielleicht doch noch die Meisterschaft? Was für eine Story. Erste zaghafte Versuche, Unruhe zu schüren, perlten an der Mannschaft ab. Hummels ging nicht zu den Bayern, die Klose-Gerüchte verstummten, Schmelzer wollte ebenfalls nicht mitspielen. Im schwatzgelb-Forum ging es dementsprechend gesittet zu. Einige Male mussten wir für einige Stunden ein schärferes Auge auf das Forum haben, aber ein Großteil scherte sich nicht um die Gerüchte. Der Rest wurde gelöscht. Natürlich kamen einige erboste Kommentare auf, die Argumente hatten sich jedoch nicht geändert. Es blieb überschaubar.

Am 13. April sollte sich das ändern, wir waren machtlos. Konnten wir die ersten Postings mit Bildverweis noch löschen, folgte danach das Gefühl der Machtlosigkeit. Nuri Sahin, Säule der erstaunlichsten BVB-Mannschaft der jüngeren Vergangenheit, war endlich im Fokus angekommen. Der geschmolzene Vorsprung, das Aussetzen aller Gespräche bis zum 15. Mai, die ominöse Ausstiegsklausel, der Özil-Berater – all das: Stoff feuchter Boulevardträume. Kurz überlegten wir, wie wir mit der Geschichte umgehen sollten. Erstaunlicherweise fand sich keine Hundertschaft, die den Tag der „bildfreien Diskussionskultur" beaufsichtigen wollte und konnte. Gegen dieses Gerücht waren wir machtlos, es würde von anderen Medien aufgegriffen werden, im Minutentakt würden neue Threads eröffnet werden, wir würden den ganzen lieben langen Tag löschen müssen - oder einen Thread laufen lassen. Das taten wir dann - und in diesem Thread, wie anders kaum zu erwarten war, sich Abgründe auf. Vom Held zum Verräter bedarf es nicht einmal einer Äußerung. Der Volkszorn ergoss sich über Nuri. Der Mob tobte. Widerwärtige Kommentare gaben sich die Klinke in die Hand.

Wir waren machtlos. Im Forum soll diskutiert werden. Immer und zu jeder Zeit. Wir wollen nur keine Verlinkung von Bild-Themen. Die Boulevardzeitung trat gestern mal wieder den Beweis an, dass sie einer gesunden Diskussionskultur im Wege steht. Wir werden am Bild-Verbot festhalten. Gestern waren wir trotzdem machtlos.

Redaktion, 14.04.2011

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