Serie

Dembowski wartet ab

09.03.2011, 09:09 Uhr von:  Redaktion

Manchmal wünschte sich Dembowski aus seiner Haut. „Es ist einfach nicht einfach, ich zu sein“, murmelte er dann vor sich hin. Die letzten Wochen waren mal wieder nicht seine Wochen gewesen.

Da war dieser Abstecher in die verbotene Stadt. Am Ende eines langen Abends saß er an der Bar einer Eckkneipe, der Zeiger bewegte sich auf den Berufsverkehr vor und in der Bar war ihm niemand auch nur im entferntesten Sinne freundlich gegenübergetreten. Kater Karlo hatte sich geschmeidig hinter der Bar bewegt, seinen Kartoffelsiebdruck auf dem Hals konnte er nicht verbergen. Es waren nicht viele Menschen vor Ort und er war mit Ritchie ins Gespräch gekommen. Ritchie hatte einen bemalten Körper, war ganz in Leder gekleidet, seine Hände zierten Schlagringe und auf der linken Hand hatte er SIN eintätowiert.

Ritchie hielt Dembowski stundenlang Vorträge, die Zuhälter an der Dartscheibe gaben den Takt vor und läuteten nach Freibier. „Nur ein Fehler und ich bin erledigt“, hatte Dembowski gedacht, während Ritchie aus seinem Leben erzählte. „89 haben wir in Paderborn einen Laden zerlegt. Drei Hunde mussten dran glauben. Immer mit dem Baseballschläger drauf, die Skins haben es abbekommen. Wir sind dann weg. Ich habe sie verpfiffen, ich habe gesündigt“, Ritchie hatte immer wieder wieder auf seine Knasttätowierung gedeutet. Die dunklen Löcher waren immer größer geworden und das Bier floss in Strömen. „Willst Du denn ewig in Sünde leben?“ hatte Dembowski ihn gefragt und Ritchie war in Tränen ausgebrochen. Kurz danach hatte Dembowski den Laden verlassen, er hatte am nächsten Tag eine Verabredung in Leverkusen.

Auch in Leverkusen war es spät geworden. Kollege Reiser hatte ihn versetzt, die Sevilla-Geschichte musste ihm dann doch wohl übler zugesetzt haben, als Dembowski sich das ausgemalt hatte. So hatte er an diesem Tag vor dem Stadion gestanden und kam einfach nicht rein. Keine Möglichkeit. „Verdammter Reiser!“, schrie er die vorbeikommenden Fans an. Er war gereizt gewesen und hatte sich schnell in die Pille verzogen. Dort hatte er sein Handy gezückt, ein paar Mal noch versucht, Reiser zu erreichen. Danach ging es schnell. Während eines Handgemenges mit Leverkusener Stadionverbotlern, denen er die Vorzüge der Pille erläutern wollte, waren die Tore gefallen.

Auf der Rückfahrt hatte sich Reiser gemeldet. „Sorry, Dembowski! Es ging nicht anders. Ich habe ein Auftrag für Dich. Verhalte Dich ruhig. Und denk an Ritchie. Die Nummer hast Du noch? Der vermittelt Dir einen Kontakt. Bis dahin: Verhalte Dich ruhig!“. Dembowski wusste sich darauf keinen Reim zu machen. Die nächsten Wochen hatte er jedoch daheim verbracht. Während sich im Fernsehen die Korrespondenten aus Tunis, Kairo, Bengasi und Bayreuth die Klinge in die Hand gaben und die Welt Stück für Stück zerbrach, hatte er immer wieder auf sein Handy geschaut, aber Ritchie hatte sich nicht gemeldet. „I’m gonna need something to soften the blow. Could you find it somewhere in your heart? To comfort me while I’m falling apart. Don’t let go. I need something to soften the blow”. Immer wieder hatte Dembowski die neue Tony Joe White aufgelegt. Der alte Mann hatte es ihm mit seiner Weisheit angetan. Im Internet hatte er willkürlich auf die „Gefällt mir“-Buttons geklickt. Er war in kurzer Abfolge etlichen Gruppen beigetreten und hatte die besten Trainings- und Handballtore und die verrücktesten Dinge von Charlie Sheen, Miley Cyrus, Justin Bieber und aus dem Dschungelcamp gesehen und irgendwann hatte es geklingelt.

„Wenn Du die Wut hinter der Brille nicht mehr erkennen kannst, der Bart ab ist und sich erste Risse in der Stadt auftun, musst Du handeln“, hatte ihm Reiser erklärt und weiter erläutert: „Ruf dann Ritchie an, es wird eine Sache von Minuten sein“. Danach war es still geworden. Dembowski hatte sich wieder eingedeckt und war erneut dem Alltagstrott verfallen. Seine Welt bestand aus „Gefällt mir“-Buttons, irren Diktatoren und gescheiterten Aufholjagden. Koslowski und Schulze hatten seine wirren Anrufe ignoriert. „Ich bin da einer ganz heißen Geschichte auf der Spur. Wir bekommen sie noch“ hatte er immer wieder wiederholt, doch mittlerweile war er nicht mehr über die Vorzimmerdame hinausgelangt. In der Kneipe hatte er längst keinen Kredit mehr und sein Scharnhorster Freund war in den Schnee gefahren.

So saß Dembowski also seit Wochen fest. „Es ist nicht einfach, ich zu sein“, murmelte er autistisch vor sich hin. Er zappte durchs Programm, der alte Uhrmann war gerade abgestürzt und erklärte seinen Rücktritt. Dort blieb er hängen. Wer war dieser Mann mit der Brille? Und war er nicht wütend? Dembowski konnte es nicht erkennen. Ein paar Tage waren ins Land gezogen. Auf einmal ging es schnell. „Das hier kommt gerade vom #BVB Trainingsgelände rein: Kloppos Bart ist ab. Weitere Infos folgen... ;-)“, schwirrte als Eil-Meldung durchs Netz und bam! bam! zeitgleich schlug die nächste Bombe ein: „Der Riss ist eher unscheinbar. Aber sehr lang. Vom Platz neben dem AHAG-Haus in Buer zieht er sich über gut 100 Meter quer über die Kurt-Schumacher-Straße, läuft längs der Agentur für Arbeit, biegt auf den Parkplatz und endet irgendwo in der anschließenden Grünfläche.“ Dembowski wusste, was zu tun ist. Er suchte den Bierdeckel mit Ritchies Nummer und wählte sie. „Ritchie, Dembowski hier“. „Gut, dass Du Dich meldest. Ich will nicht mehr in Sünde leben. Folgendes: Meld Dich bei Meier und erzähle ihm folgendes:“ Die Ausführungen von Ritchie klangen logisch. Er erklärte, wie der Plan zu Ende geführt werden musste. „Wichtig ist jetzt nur, dass niemand Ruhe bewahrt. Er muss bis in den Mai bleiben. Und zum Schluß bekommst Du ein Teil der Abfindung“, beendete Ritchie seine Ausführungen. „Manchmal ist es einfach, ich zu sein“, dachte Dembowski und machte ein paar Anrufe.

dembowski, 09.03.2011

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