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The People's Game - einmal richtig auskotzen

21.11.2011, 11:55 Uhr von:  Redaktion

The People's Game„The people's game? Ein Buch gegen den modernen Fußball“ weiß auf den ersten Blick nicht wirklich zu überzeugen. Die Aufmachung lässt einen sofort an Bill Shankly denken, der mit manchem sozialistischen Ideen von sich reden machte. Das sozialistisch angehauchte Cover ist dann für meinen Geschmack etwas zu viel des Guten. Die Rückseite mit dem albernen Sprüchen, dass dies „ein Buch für Auswärtsfahrer, Ultras und Old-School“ und „kein Buch für Kutten, Trikotsammler und Mitläufer“ sei, hätte man sich dann auch getrost sparen können.

Glücklicherweise ist der Inhalt des Buches da schon deutlich besser. Auf 236 Seiten kotzt sich der Gunners Fan Matthew Bazell einmal so richtig über die letzten 20 Jahre englischer Premier League aus. Auf teilweise highbury stadiumrecht grobe Art und Weise schildert der Autor wie sich der Fußball in England nach den Tragödien von Heysel, Hillsborough und Bradford verändert hatte. Im Zuge des Taylor Reportes und der Gründung der Premier League veränderte sich der englische Fußball grundlegend und was einst mal als Mekka der Fankultur galt, verwandelte sich in die heutige fast schon sterile Show, die man täglich auf der Insel erleben kann. Einen kleinen Vorgeschmack haben wir beim Heimspiel gegen die Gunners schon bekommen.

Diese Jahre des Umbruches hat der Verfasser des Buches als Fan miterlebt. Auf glaubhafte Weise schildert Bazell wie sein Lebensmittelpunkt Arsenal London sich immer weiter von ihm entfernte und er schlussendlich sich nur noch als Fremdkörper bei den Spielen fühlte. Dabei besticht das Buch durch seine offene und ehrliche Art. Bazell bekennt beispielsweise freimütig, dass er einen Mäzen willkommen heißen würde und darin keinen Bruch mit den Werten des Vereins sieht. Dies kann natürlich damit zusammenhängen, dass die Vereinskultur in England nie die Formen wie in Deutschland hatte, aber für den deutschen Traditionalisten sind solche Bekenntnisse eher ungewohnt und unverständlich. Auch seine Freude über das neue Wembly Stadion mag einigen komisch vorkommen - ebenso wie die recht differenzierte Meinung zum Neubau von Arsenal.

Der etwas derbe Stil des Autors ist dabei gleichzeitig Stärke und Schwäche des Buches. Durch die recht persönliche Schreibe gehen etwas die fundierten Argumente verloren, die durchaus in dem Buch vorhanden sind. So werden immer wieder Vergleiche aufgestellt und mit Zahlen belegt, die den Ärger des Verfassers untermauern. Die größte Stärke in dem Buch sind die ausgewählten Zitate von Teilnehmern des Fußballs, die viel deutlicher als jede Zahl die Veränderung der Kultur im englischen Fußball klarmachen.

Sitzplatzfans in DortmundSchlussendlich bietet Matthew Bazell auch keine Lösungen an. Er drückt zwar seine Bewunderung für Projekte wie 1. FC United of Manchester und AFC Wimbledon aus, hat jedoch selber eine gewisse Lethargie, die ihn daran hindert, völlig neue Wege zu beschreiten. Somit steht er wohl für eine große Masse an Fans, die immer noch ihrem Klub die Treue halten aber sich gleichzeitig aus dem täglichen Stadionleben verabschiedet haben. Dem Leser wird deutlich, wie die englischen Fans es verpassten, für sich und ihre Interessen auf zu stehen und heute stehen sie nahezu ohnmächtig vor einem kommerziellen Monster Premier League, dass mit seinen Ursprüngen kaum noch etwas zu tun hat.

Am Ende des Buches hat der interessierte Leser nicht allzu viel neues Erfahren, sondern wurde eher daran erinnert, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Denn immer wieder vergleicht man selber mit dem Ist-Zustand in Deutschland und auch Bazell zieht häufiger Vergleiche zu Deutschland. Als Leser bekommt man aber eine recht klare Perspektive, wie es auch in Deutschland aussehen könnte, wenn man tatenlos dem Treiben von Champions LeagueDFL, DFB, Mäzen, Sponsoren und Vereinsfunktionären zuschaut. Es bleibt eine Mahnung, dass wir unseren Vorsprung durch Fanorganisationen wie Baff, Unsere Kurve, Kein Zwanni und Fanabteilungen/Supporter Clubs nutzen müssen, um immer wieder an die Interessen der Fans zu erinnern. Enden soll diese Rezension mit dem wohl prägnantesten Satz, den Bazell für sein Buch herausgesucht hatte:

„Unsere Einnahmen durch Eintrittskartenverkauf werden vermutlich die höchsten der Welt sein. Wir werden 60000 Fans haben und hochpreisigere Tickets – und mehr Business?Seats als jeder andere Verein der Welt.“
Keith Edelmann, Geschäftsführung Arsenal FC, 2006

mrg, 21.11.2011

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