Unsa Senf

Pro & Contra: Videobeweis

01.07.2010, 09:05 Uhr von:  Redaktion

Young-Pyo Lee sieht die Rote Karte gegen CottbusTor oder Nichttor? Die Diskussion rund um den Videobeweis und andere technische Hilfsmittel ist wieder einmal entbrannt. Selbst Sepp Blatter will sich mit dem Thema nun befassen, doch die Meinungen gehen bei dieser Thematik weit auseinander. Stellvertretend für die Diskussion haben sich Scherben und Arne ihre eigenen Gedanken gemacht.

PRO

Endlich ist es soweit: Die krassen Fehlentscheidungen der letzten Wochen haben die schon seit langem schwelende Diskussion über technische Entscheidungshilfen für Schiedsrichter so entfacht, dass sich auch die FIFA ihr nicht mehr entziehen kann. Eine erfreuliche Entwicklung, die den Fußball in naher Zukunft eine Spur fairer und gerechter machen wird.

Um das vielleicht schlagendste Argument für technische Unterstützung der Schiedsrichter zu finden, versetzen wir uns einmal in die Rolle der Spieler. Worum geht es beim Fußball? Wie in jedem Wettbewerb messen sich Sportler miteinander und wollen ausloten, welcher der Bessere ist. Beim Fußball heißt das ganz simpel: Wer die meisten Tore geschossen hat, der gewinnt das Spiel. Das ist das wesentliche Kriterium, egal ob auf dem Bolzplatz oder bei der Fußball-Weltmeisterschaft. Fehlentscheidungen sind dabei so wenig vorgesehen wie eine zusätzliche Partie Halma, weswegen sie eben auch ganz grundsätzlich ein Ärgernis sind. Im Sinne des Spiels ist es daher, dass man alles daran setzt, Fehlentscheidungen so unwahrscheinlich wie möglich zu machen. Der erste sinnvolle Schritt dahingehend ist, dass ab einer gewissen Ernsthaftigkeit ein Außenstehender mit der Leitung der Partie betraut wird, um so halbwegs objektiv entscheiden zu lassen, ob die Regeln des Sports eingehalten werden oder nicht. Und selbstverständlich ist dann der zweite sinnvolle Schritt, dass man verfügbare technische Hilfsmittel einsetzt, um auch die Entscheidungen des Unparteiischen zu überprüfen und so die Anzahl der Fehler weiter zu reduzieren.

Soweit die puristische Sicht. Nun ist es andererseits natürlich so, dass jeder Sport einen gewissen Charakter besitzt, der beim Fußball unzweifelhaft durch seine Einfachheit ausgemacht wird: Um gepflegt eine Runde zu pöhlen, braucht man nicht mehr als zwei Mannschaften und einen Ball, selbst die Tore finden sich meistens schon von ganz allein. Regeln gibt es auf der Straße kaum, und auch wenn das unter dem Dach der FIFA zwangsläufig etwas anders aussieht, so hat sich der Fußball doch einen Rest dieses Charmes bewahrt: Wenn der Ball mal im Aus ist oder der Schiedsrichter auf einen Freistoß entschieden hat, dann geht es in der Regel ohne großes Lamento weiter. Für viele Spieler, aber auch erst recht für uns Fans, ist das einer der Gründe, warum wir diesen Sport so lieben. Entsprechend wird auch jede Einführung technischer Hilfsmittel diesen Charakter des Sports bewahren müssen, würde etwa eine Überprüfung sämtlicher Entscheidungen des Schiedsrichters den Fußball bis zur Unkenntlichkeit entstellen.

Wie könnte also eine sinnvolle Anpassung der Spiele an die technischen Möglichkeiten aussehen? Am unproblematischsten dürfte sicher der Chip im Ball sein: Wenn die Technik so ausgereift ist, dass die Wahrscheinlichkeit für falsche Entscheidungen im Vergleich zur schlechten Sicht eines Schieds- oder Linienrichters minimal ist, dann muss sie ohne Wenn und Aber eingeführt werden. Je weniger Fehler passieren, desto besser, und am Charakter des Spiels ändert sich logischerweise gar nichts. Entscheidungen mit Hilfe von Zeitlupen sind da schon problematischer, aber auch hier gibt es sicher Möglichkeiten, die Dinge behutsam anzugehen. Ein Beispiel findet sich, wenn man den Blick etwa zum American Football richtet: Dort haben die Trainer die Möglichkeit, eine feste Anzahl von Entscheidungen des Schiedsrichters im Nachhinein überprüfen zu lassen. Dabei können aber nicht alle Pfiffe nachkontrolliert werden, sondern letztlich nur solche, die sich objektiv überprüfen lassen. Übertragen auf den Fußball hieße das: Ob ein Ball die Torlinie überquert oder ob ein Spieler im Abseits stand oder nicht, das lässt sich am Fernsehen zweifelsfrei feststellen. Ob ein Spieler bewusst die Hand eingesetzt oder ob ein Foul wirklich rotwürdig war oder nicht, das ist praktisch immer diskutabel, auch nach Ansicht der Fernsehbilder. Würde man in Analogie dazu den Trainer die Möglichkeit geben, einmal pro Spiel eine solche Prüfung zu fordern, könnten extreme Fehlentscheidungen vermieden werden, ohne groß ins Spiel einzugreifen.

Und was spricht aus Sicht der Fans dafür? Zum einen geht es uns doch ganz ähnlich wie den Spielern: Wir wollen unsere Mannschaft auf dem Platz siegen sehen. Und das heißt vor allem, dass wir wollen, dass sie ihre Überlegenheit ausspielt und uns mit Toren begeistert. Wäre es anders, könnten wir uns auch mit 80.000 Zuschauern zum Münzwurf-Derby treffen. Passiert aber nicht. Zum anderen wird die Bedeutung von Fehlentscheidungen für die Nachbetrachtung am Stammtisch dann halt doch um einiges überschätzt. Welches legendäre Spiel ist uns denn ausschließlich oder vorwiegend wegen einer Fehlentscheidung in Erinnerung geblieben? Wembley vielleicht, wobei über ein WM-Finale zwischen ehemaligen Kriegsgegnern (und noch dazu in Verlängerung) wohl auch ohne dieses vermeintliche Tor wohl noch lange gesprochen worden wäre. Und sonst so? Die bedeutenden Spiele des BVB, die großen Finals in Meisterschaft, DFB- und Europapokal, kamen fast allesamt ohne absurde Schiedsrichterentscheidungen aus und haben uns, unsere Eltern und Großeltern auch so emotional bewegt. Und wirklich viel Diskussionspotential bieten Fehler der Referees sowieso nicht, man kann sie letztlich nur hinnehmen. Leidenschaftlich diskutieren kann man aber über Auswechslungen, Spielzüge und Taktik, und wenn für diese Gespräche nach dem Spiel mehr Zeit bleibt, haben wir doch alle was davon.

Scherben

CONTRA

Im Zuge der WM kommen sie wieder alle aus ihren Löchern, die Apologeten der vermeintlichen Gerechtigkeit und die Verfechter von Videobeweis und Co. Und tatsächlich: Die Torentscheidung im Achtelfinalspiel Deutschland-England ist so ärgerlich wie jede weitere der zahlreichen Fehlentscheidungen, die im Zuge des Turniers bereits getroffen wurden. Daraus jedoch ein Existenzrecht für den Videobeweis an sich abzuleiten, würde ordentlich daneben greifen.

Nehmen wir einfach mal an, der Videobeweis würde eingeführt. Problem Nummer eins, das es dabei zu klären gilt, wäre der Geltungsbereich: Unstrittig ist unter den direkten Verfechtern wohl, dass die Technik bei der Unterscheidung „Tor oder Nichttor?“ Anwendung finden soll. Was aber ist mit Abseits- oder Elfmeterentscheidungen, was mit der Frage „Notbremse oder nicht“? Oder überhaupt mit dem Platzverweis an sich? Alles knifflige Situationen, die einen sehr großen Einfluss auf Spielgeschehen und Ergebnis haben können. Wer A sagt, muss irgendwann zwangsläufig auch B sagen und eben genau in diesen Situationen auch der Entscheidung per Video zustimmen. Mit der Konsequenz, dass diese Option nicht mehr eine seltene Ausnahme, sondern ziemlich schnell den Regelfall darstellen würde. Welchen Einfluss das auf Spielfluss und Spieldauer haben würde, mag ich mir gar nicht vorstellen.

Jürgen Klopp beschwert sich beim SchiedsrichterFragestellung Nummer Zwei wäre die nach der konkreten Durchführung. Nehmen wir einen Lattentreffer, aus dem direkt ein Konter und eine Torchance auf der Gegenseite entsteht. Im Fall des Videobeweises müsste der Schiedsrichter diesen Konter entweder sofort unterbinden, um sich das Video anzuschauen. Oder er ließe weiterspielen, um sich die strittige Szene erst bei der nächsten Unterbrechung anzusehen – was kaum vorstellbar ist, weil im schlimmsten Fall der Konter selbst zu einem Tor führen könnte und der Schiedsrichter per Video darüber zu entscheiden hätte, welchem der beiden er seine Anerkennung verleiht – und welchem nicht. Das wäre ja ein toller Spaß!

Problem Drei: Wer entscheidet überhaupt, ob der Videobeweis zum Tragen käme? Der Schiedsrichter selbst, der dann zugunsten der vermeintlichen (eigenen) Sicherheit wahrscheinlich lieber einmal häufiger unterbricht als einmal zu wenig? Oder bekommen die Trainer Kontingente von ein, zwei oder drei Überprüfungen pro Spiel, die sie frei verteilen dürfen? Man könnte quasi die Uhr danach stellen, wann aus diesem Mittel ein taktisches Element würde, um – in Führung liegend – in der Schlussphase jeden Spielfluss zu hemmen und auf Zeit zu spielen. Herrliche Aussichten!

Überhaupt ist es fraglich, dass Schiedsrichter durch einen Videobeweis tatsächlich geschützt werden, wie es auch gern mal behauptet wird. Mal ganz davon ab, dass für eine hyperkorrekte Auswertung der Videos eine hochtechnisierte Anlage samt penibler Vermessung von Entfernungen und Abmaßen vonnöten wäre: Das Problem ist doch, dass selbst unter Zuhilfenahme der Fernsehbilder unter Zuschauern, Kommentatoren, Trainern und Spieler häufig ganz unterschiedliche Bewertungen ein und derselben Szene vorkommen. Der Schiedsrichter müsste sich zukünftig also weiterhin deutlich auf die Seite der einen schlagen. Er kann sich aber im Zweifelsfall eben nicht mehr darauf berufen, die Szene im Eifer des Gefechts übersehen oder falsch eingeschätzt zu haben. Im Gegenteil: Ihm standen dieselben Mittel zur Entscheidungsfindung zur Verfügung wie dem Zuschauer vorm TV. Ob man ihm damit einen echten Gefallen tut?

Bei allen berechtigten Wünschen nach einer größtmöglichen Fairness und nach Spielen, die unbeeinflusst sind durch den Unparteiischen: Der Videobeweis würde einen deutlich zu einschneidenden Eingriff in das Geschehen und den Spielfluss auf dem Rasen bedeuten. Die negativen Aspekte wiegen deutlich stärker als der geringe positive Effekt. Was aber nicht bedeuten soll, dass Neuerungen kategorisch auszuschließen sind: Der auf europäischer Ebene getestete Torrichter beispielsweise würde dem Spiel sicher generell gut tun. Eine Aufstockung der Schiedsrichteranzahl würde ohnehin dem schneller und hektischer gewordenen Spiel Rechnung tragen. Ähnliches gilt auch für den Chip im Ball, sofern die Technologie ausreichend weit entwickelt ist. Beiden Ansätzen ist gemein, dass die direkten Eingriffe ins Spiel zu vernachlässigen sind. Chip und Torrichter können unmittelbar signalisieren, ob das (Kunst)leder die Linie überschritten hat – oder eben nicht. Spielunterbrechung und langwieriges Video-Studium würden entfallen.

So und nur so sollte die Entscheidung getroffen werden: Jede Option, die lediglich der korrekten Entscheidung dient und dabei den Spielfluss erhält, sollte man prüfen. Jede Maßnahme aber, die massive Regeländerungen bereit hält und zur (mehrfachen) zusätzlichen Unterbrechung eines Fußballspiels führt, sollte schleunigst zurück in den Giftschrank.

In ihrem eigenen Slogan macht sich die FIFA stark für das Spiel an sich. „For the Game“ heißt das beim Weltverband. Nimmt man das ernst, kann es für den Videobeweis eigentlich nur eine Antwort geben: Auf gar keinen Fall!

Arne

Redaktion, 01.07.2010

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